Desktop-Version

Start arrow Psychologie arrow Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt

< Zurück   INHALT   Weiter >

5 Fazit und aktuelle Entwicklungen

Der Erhalt der psychischen Gesundheit von Mitarbeitern ist angesichts der dargelegten ökonomischen und sozialen Relevanz des Themas sowie der Aufmerksamkeit der Medien kein Thema, das im Rahmen des Dialogs mit den Anspruchsgruppen von von Unternehmen und Organisationen vernachlässigt werden kann. Meinungsführermedien berichten seit 2010 verstärkt über arbeitsbedingte psychische Erkrankungen, der Tenor im Hinblick auf Arbeitgeber ist überwiegend negativ. Diese Medien beeinflussen die öffentliche Debatte, indem sie Themen setzen (Agenda Setting) und bewerten (Framing) maßgeblich. Gesetzgeber und einflussreiche Anspruchsgruppen wie die IG Metall melden sich mit Forderungen gesetzlicher Regulierung von Arbeitsbedingungen und -organisation zu Wort und erhöhen den Druck durch die Verschärfung gesetzlicher Bestimmungen.

In ihrer Anti-Stress-Verordnung aus dem Jahr 2012 fordert die IG Metall nicht nur, bestehende Schutzlücken im Hinblick auf Gefährdungen bei psychischen Belastungen zu schließen, sondern auch, einen konkreten Handlungsrahmen für Arbeitgeber zu definieren und letztendlich Verstöße gegen Schutzbestimmungen entsprechend zu sanktionieren. Die Anti-Stress-Verordnung wurde in dieser Form seitens der Arbeitgeber abgelehnt. Die SPD-Fraktion brachte im März 2013 im Bundestag eine Gesetzesinitiative ein, die den Erhalt der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten sowie die Verringerung psychischer Belastungen in der Arbeitswelt im Rahmen eines umfangreichen Maßnahmenpakets avisiert (vgl. Deutscher Bundestag 2013). In diesem Zusammenhang wurde u. a. der Erlass einer Anti-Stress(Rechts)Verordnung dem Vorstoß der IG Metall entsprechend vorgeschlagen, auf deren Basis Fehlverhalten im Hinblick auf psychische Belastungen Beschäftigter im Rahmen des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) sanktioniert werden kann. Das Arbeitsschutzgesetz sieht eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bei vorsätzlicher Gefährdung von Gesundheit oder Leben von Beschäftigten vor (ArbSchG § 26) und ahndet Verstöße gegen Rechtsverordnungen in diesem Zusammenhang als Ordnungswidrigkeiten.

Das Arbeitsschutzgesetz wurde im Juni 2013 dahingehend novelliert, dass psychische Belastungen nun explizit im Rahmen der Gesundheitsgefährdung von Beschäftigten und deren Beurteilung genannt sind. Diese waren zuvor implizit eingeschlossen, der Gesetzgeber hat dies nun klargestellt und nennt nun ausdrücklich „physische und psychische“ Belastungen bei der Arbeit (§ 4 Nr. 1 ArbSchG) die im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen sind (§ 5 Abs. 3 ArbSchG). Trotz gesetzlicher Vorgaben wird die Gefährdungsbeurteilung als Kernelement des Arbeitsschutzes verschiedenen Erhebungen zufolge in der Praxis nicht ausreichend oder gar völlig unzureichend umgesetzt: Einer Studie des Dachverbands der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) zufolge führen nur knapp mehr als die Hälfe (51 %) aller Betriebe in Deutschland gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilungen durch, hierbei wurden Unternehmen ebenso wie Beschäftigte befragt. (vgl. GDA 2012, 5). Die GDA zielt als gemeinsame Initiative von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern darauf ab, das bestehende komplexe Regelwerk sowie Arbeitsschutzmaßnahmen von Staat und Unfallversicherungsträgern einheitlich und transparent zu regeln, die Anzahl und Schwere von Arbeitsunfällen und berufsbedingten Erkrankungen zu verringern und die Präventionskultur in deutschen Unternehmen zu stärken (vgl. GDA 2013). Der DGB Index Gute Arbeit 2012 hingegen kommt zu dem Ergebnis, dass nur neun Prozent aller Beschäftigen im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung gefragt wurden, welchen psychischen Stressfaktoren sie sich im Zusammehang mit ihren Arbeitsbedingungen, -abläufen und -aufgaben ausgesetzt sehen (vgl. Kulemann 2013, 11). Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und haben im September 2013 nach der Novellierung des Arbeitsschutzgesetzes eine gemeinsame Erklärung zum Thema psychische Gesundheit in der Arbeitswelt veröffentlicht. Der Vorstoß einer solchen gemeinsamen Erklärung scheiterte nach Angaben des DGB zuletzt im Januar 2013 an der Blockade der Arbeitgeberseite (vgl. DGB 2013). Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Dr. Dieter Hundt, begründete die in seiner Rede vom 29. Januar 2013 die ablehnende Haltung der Arbeitgeberseite u. a. damit, dass psychische Erkrankungen „vorschnell auf angebliche immer stärkere Arbeitsbelastungen, auf mehr Stress, Druck und Hetze zurückgeführt werden“ (BDA 2013).

Trotz etlicher inhaltlicher Differenzen besteht nun offenbar Konsens dahingehend, dass psychische Belastungen und ihre Folgen beim Arbeitsschutz ebenso beachtet werden müssen, mittels der Gefährdungsbeurteilung zukünftig frühzeitig erkannt und mit geeigneten Maßnahmen bestmöglich verringert werden sollen. Als Zeitrahmen hierfür nennen die Unterzeichner fünf Jahre, als geeigneten Rahmen die Programme und Maßnahmen der GDA, die ebenfalls bis Ende des Jahres 2018 umgesetzt sein sollen (vgl. BMAS 2013b).

In welchem Maße und wie rasch sich die gegenwärtigen Entwicklungen im Arbeitsalltag auf die Gesunderhaltung der Beschäftigten auswirken, werden u. a. die Gesundheitsberichte der Krankenkassen der nächsten Jahre zeigen. Ob und wie Unternehmen selbst das Thema Gesundheit ganzheitlich im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung aufgreifen, zeigt u. a. eine Benchmark-Analyse der DAX 30, die Teil des Gesamtwerks „Psychische Gesundheit als Tabuthema in der Arbeitswelt ist, auf welchem dieser Beitrag beruht.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >