Desktop-Version

Start arrow Psychologie arrow Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.2 Prävalenz psychischer Erkrankungen in der Arbeitswelt: Zahlen und Fakten

Die Zunahme psychischer Erkrankungen im Zusammenhang mit der Arbeitswelt ist ein Trend, der sich seit den 1980er Jahren kontinuierlich fortschreibt und seit Mitte der 90er Jahre nochmals in deutlich verstärktem Maß auftritt (vgl. BPtK 2010).

Die jährlichen Gesundheitsberichte der Krankenkassen wie z. B. AOK, Techniker Krankenkasse (TK), BKK, DAK und Barmer dokumentieren seit über zehn Jahren übereinstimmend die Zunahme des Anteils psychischer Erkrankungen an den Krankschreibungen Erwerbstätiger. Die Problematik ist für die Fachöffentlichkeit folglich seit langem virulent und wie in Kap. 2 dargelegt und mittlerweile u. a. durch die Burnout-Debatte in den Medien in Wahrnehmung der Öffentlichkeit angekommen.

Trotz unterschiedlicher Mitgliederstrukturen der Kassen ist das Thema Arbeitsunfähigkeit (AU) im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen durch die gleichen Diagnosegruppen geprägt. Am häufigsten werden depressive Erkrankungen sowie Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen diagnostiziert (vgl. BPtK 2010, 6). Folglich tangiert das Thema psychische Gesundheit alle Bevölkerungsgruppen und nicht ausschließlich einzelne Berufsgruppen, wobei sich bei letzteren ein Schwerpunkt in den Bereichen Dienstleistungen und Wissensarbeit abzeichnet (vgl. BPtK 2010, 9).

3.2.1 Deutlicher Anstieg der Fehlzeiten

Inwieweit die Zunahme der AU-Tage auf eine tatsächliche Steigerung der Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Erwerbstätigen zurückgeht, lässt sich nach dem derzeitigen Stand der Forschung nicht eindeutig beantworten, da eine Veränderung des ärztlichen Diagnoseverhaltens als Hintergrund des Anstiegs der Krankheitsfälle ebenso in Betracht gezogen werden muss wie ein Wechsel der diagnostischen Zuordnung bei Patientenbeschwerden (vgl. BPtK 2010, 13). So äußern sich einerseits psychische Beanspruchungen häufig auch durch vielfältige körperliche Symptome wie z. B. Rückenschmerzen, die dann nicht zwingend im Zusammenhang mit psychischen Fehlbelastungen diagnostiziert werden (vgl. TK 2009). Andererseits hat z. B. nach Einschätzung der DAK eine andere Einstellung von Ärzten ebenso wie Patienten zu einem veränderten Verhalten im Hinblick auf Diagnosen und Krankmeldungen geführt (vgl. DAK Gesundheit 2013a).

Trotz der Schwierigkeiten einer eindeutigen, quantitativen Erfassung psychischer Erkrankungen bei Erwerbstätigen belegen zahlreiche Gesundheitsreporte und Analysen, dass die Zahl der Betroffenen hoch ist und stetig ansteigt: In Deutschland fühlen sich einer Erhebung der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2011 zufolge mittlerweile rund 40 % der Beschäftigten von Zeit- und Leistungsdruck beeinträchtigt, dies veranschaulicht Abb. 3.5.

Die DAK berichtet in ihrem aktuellen Gesundheitsreport 2013 über einen Anstieg der Ausfallzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um 165 % bei Erwerbs-

Abb. 3.5 Wenn der Job krank macht – Gesundheitsgefährdung durch eigene Arbeit. (Quelle: Hans-Böckler-Stiftung (2011))

Abb. 3.6 Entwicklung der Fehlzeiten bei Berufstätigen wegen psychischer Erkrankungen. (Quelle: DAK Gesundheit (2013))

tätigen im Zeitraum 1997 bis 2012. Die Anzahl der Fehltage hat sich seit dem Jahr 2006 nochmals deutlich erhöht, so Abb. 3.6 (DAK Gesundheit 2013b).

Dem Gesundheitsreport der DAK zufolge hat der Anteil psychischer Erkrankungen am gesamten Krankheitsspektrum im Zeitraum 2000 bis 2012 um 93,5 % zugenommen, Abb. 3.7 zeigt das Spektrum der Krankheiten und deren Entwicklung auf (DAK Gesundheit 2013c, 109). Psychische Erkrankungen stellten gemeinsam mit Erkrankungen des Atmungssystems mit 14,5 % bereits die zweitgrößte Diagnosegruppe dar, siehe Abb. 3.8 (DAK Gesundheit 2013c, 17). Die Anzahl der Erkrankungen in den bislang größten Diagnosegruppen Muskel-Skelettsystem und Atmungserkrankungen ist hierbei rückläufig, während die psychischen Erkrankungen stark zulegen (vgl. Abb. 3.7).

Auf die Diagnose Burnout nach dem ICD Schlüssel Z 73 entfielen im Jahr 2012 zehn Fehltage, im Jahr 2004 waren dies noch 0,6 Fehltage (vgl. DAK Gesundheit 2013d, 17). Der BKK Bundesverband meldet einen Anstieg der Fehltage aufgrund

Abb. 3.7 Absoluter Zuwachs/Rückgang der Diagnosegruppen nach Krankheitstagen. (Quelle: DAK Gesundheitsreport (2013))

Abb. 3.8 Absoluter Zuwachs/Rückgang der Diagnosegruppen nach AU-Tagen. (Quelle: DAK Gesundheitsreport (2013))

Abb.3.9 Anstieg der Fehltage durch das Burnout-Syndrom. (Quelle: BKK Bundesverband (2012))

der Diagnose Burnout im Zeitraum 2004 bis 2011 um das Neunzehnfache – dies veranschaulicht Abb. 3.9.

3.2.2 Durchschnittliche Ausfallzeiten und stationäre Behandlungen

Psychische Erkrankungen spielen bei Fehlzeiten eine wichtige Rolle, da Krankschreibungen mit im Durchschnitt sehr lange dauern – die Techniker Krankenkasse nennt in ihrem Gesundheitsreport 2013 hierfür im Schnitt eine Arbeitsunfähigkeitsdauer von 45 Tagen bei Frauen und 42 Tagen bei Männern (vgl. TK 2013, 86). Die DAK führt in ihrem Gesundheitsreport 2013 Ausfallzeiten von durchschnittlich 33 Tagen auf – 32,8 Tage bei Frauen und 33, 9 Tage bei Männern (vgl. DAK Gesundheit 2013c, 28). Die Unterschiede sind u. a. auf die Zusammensetzung der Gruppe der Versicherten im Hinblick auf berufliche Tätigkeit, Alter und weitere Kriterien der beiden Kassen zu erklären. Statistisch gesehen war im Jahr 2010 jeder sozialversicherungspflichtige Beschäftige zwei Tage wegen psychischer Leiden krankgeschrieben. In Deutschlands Unternehmen fehlen nach Angaben des Gesundheitsreports 2011 der Techniker Krankenkasse pro Tag über 4.000 Mitarbeiter aufgrund dieser Diagnosegruppen (vgl. TK 2011b, 7).

Die tatsächliche Zahl der Betroffenen fällt wesentlich höher aus, wenn man diejenigen Mitarbeiter hinzurechnet, die sich nicht krankschreiben lassen, sondern trotz Beschwerden zur Arbeit gehen und damit nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen. Kapitel 4.1 geht auf dieses als Präsentismus bezeichnete Phänomen detaillierter ein.

Stationäre Behandlungen wegen psychischer Erkrankungen weisen ebenfalls einen deutlich steigenden Trend auf, diese verursachen aktuell die meisten Krankenhaustage im Vergleich zu allen übrigen Erkrankungen (vgl. Barmer 2013, 25). Für den Zeitraum 1990 bis 2012 ist hier eine Zunahme von 67 % zu verzeichnen (vgl. Barmer 2013, 4). Der Barmer Gesundheitsreport verweist auf eine durchschnittliche Verweildauer bei Behandlung psychischer Erkrankungen von knapp 20 Tagen bei Männern und mehr als 25 Tagen bei Frauen (vgl. Barmer 2013, 27). Nach Angabe des Statistischen Bundesamtes waren psychische Erkrankungen in den Altersgruppen unter 45 Jahren bereits im Jahr 2008 mit 38 % die häufigste Diagnose, die zu einem Aufenthalt in einer Vorsorgeoder Rehabilitationseinrichtung führten (vgl. Statistisches Bundesamt o. J.).

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics