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Schritt 5: Gewichtung der Entscheidungskriterien

Sind für die Bewertung der Alternativen alle relevant erscheinenden Kriterien gefunden, muss festgelegt werden, welche Bedeutung jedes einzelne Kriterium für die Entscheidung bzw. Rangfolgenbildung hat. Die Bedeutung wird mittels einer Verhältniszahl ausgedrückt, dem „Gewicht“, das die relative Bedeutung jedes einzelnen Kriteriums für die Problemstellung bemisst. Hierzu wird angenommen, dass die Summe aller Gewichte der Kriterien genau 100 % ist. Allerdings ist es bei einer Anzahl von zehn oder mehr Kriterien nicht mehr möglich, Prozentzahlen auf die Kriterien zu „verteilen“. Es ist schlichtweg zu unübersichtlich und auch bei Einsatz einer Tabellenkalkulation wäre die Folge, dass, um in der Summe auf 100 % zu kommen, ständig die Gewichte der einzelnen Kriterien verändert und angepasst werden würden. Ein weiterer Nachteil ist, dass in der Arbeitsgruppe an dieser Stelle vermutlich die erste hitzige Diskussion darüber losgeht, welches Kriterium welche Bedeutung hat.

Somit ist ein Verfahren vorzuziehen, dass eine objektivere Gewichtung ermöglicht. Und auch hier ist die Handlungsmaxime die Fragmentierung des Problems mit dem Ziel, durch den gedanklichen Fokus auf Details objektiver zu bewerten. Das Verfahren sieht ein Vorgehen in zwei Schritten vor. Idee ist, dass die Teilnehmer der Nutzwertanalyse nicht mehr alle Kriterien gleichzeitig betrachten und versuchen, diese mit einander in Beziehung zu setzen, sondern nacheinander Kriterium für Kriterium diskutieren. Natürlich wird es nicht möglich sein, die Bewertung von Kriterium A zu vergessen, wenn Kriterium B diskutiert wird, und es ist auch akzeptabel, wenn auf jeweils andere Bewertungen referenziert wird, sei es in der Diskussion oder nur unbewusst. So sind Argumente wie „Wenn Kriterium C eine 3 bekommt, muss Kriterium E aber mindestens eine 2 erhalten“ typisch und durchaus nützlich, schärfen sie doch die Sicht auf die Problemstellung.

Im ersten Schritt werden nun den Kriterien einfach zu erfassende Wertnoten zugeteilt, etwa Schulnoten von 1 („sehr wichtig“) bis 6 („unwichtig“). Auch eine Skala von 1 bis 10 oder 1 bis 100 wäre denkbar. Aber Achtung: Die Skala hat einen signifikanten Einfluss auf das Ergebnis! Wenn die Kriterien ähnlich wichtig sind,

Tab. 2.3 Gewichtung von Kriterien mit Schulnoten

kann eine geringere Skalenspreizung (z. B. Schulnoten) akzeptiert werden. Es kann dann keine herausragend wichtigen Kriterien geben, wie das Beispiel in Tab. 2.3 verdeutlicht.

Werden – wie hier gezeigt – die jedermann bekannten Schulnoten verwendet, ist ein kleiner Zwischenschritt nötig: Da eine niedrige Note mathematisch auch einer niedrigen Punktzahl entspricht, aber eine hohe Bedeutung wiedergibt, werden die Noten zunächst in Punktwerte gewandelt. Der Schulnote 1 entspricht dann der Punktwert 6, der Note 2 der Punktwert 5 usw. Abschließend werden auf Basis der vergebenen Noten respektive der zugehörigen Punktwerte die relativen Bedeutungsanteile mit einfachem Dreisatz errechnet.

Der Bedeutungsunterschied zwischen dem wichtigsten und dem unwichtigsten Kriterium beträgt hier 13 %-Punkte. Wären es statt der hier dargestellten 10 Kriterien derer 20, so würde sich auch der maximale Unterschied halbieren. Je mehr Kriterien in die Untersuchung einbezogen werden, desto mehr zeigt sich in der Praxis eine Nivellierung ihrer jeweiligen Bedeutung.

Soll dieser Effekt vermieden werden und ein größerer Bedeutungsunterschied ermöglicht werden, so ist eine Skala zu wählen, die dies erlaubt. Tabelle 2.4 zeigt dies für das gleiche Beispiel unter der Annahme, dass eine Punkteskala, die von 1 bis 100 reicht, gewählt wurde. Allerdings wurde die Bewertung der Kriterien zur Verdeutlichung des Effekts verändert. Eine Werteumkehr muss hier nicht mehr erfolgen, weil hier eine hohe Punktzahl direkt eine hohe Bedeutung wiedergibt. Statt der obigen 13 %-Punkte ist nun eine maximale Spreizung der Kriteriengewichte von immerhin 16 %-Punkten festzustellen.

Soll, aus welchem Grund auch immer, ein Kriterium eine Gewichtung erfahren, die sich mit dem hier vorgestellten Verfahren nicht darstellen lässt, so kann dieses

Tab. 2.4 Gewichtung der Kriterien aus Tab. 2.3 mit einer Skala von 1 bis 100

mit einem Gewicht versehen werden (z. B. 40 %) und nur noch die restlichen Prozentpunkte (hier: 60) werden auf die übrigen Kriterien verteilt.

In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass selbst nach längerer Diskussion kein Konsens bezüglich der Bewertung der Kriterien zustande kommt. Hier kann der Moderator zwei Hilfsverfahren anwenden: Erstens kann er jeden Teilnehmer bitten, auf einem Blatt Papier seine ganz persönliche Bewertung vorzunehmen. Der Moderator sammelt die Blätter ein und errechnet je Kriterium einen Durchschnittswert, aus dem sich per Dreisatz das durchschnittliche Bedeutungsgewicht des Kriteriums für das Entscheidungsproblem errechnet. Zweitens kann der Moderator das Paarvergleichsverfahren anwenden lassen, dass in Schritt 5b erläutert ist.

 
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