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Wann ist die Nutzwertanalyse sinnvoll?

Soll bei dem eingeführten Produkt, noch dazu der „Cash Cow“ des Unternehmens, ein wichtiges Feature verändert werden? Eine solche Frage ist viel schwerer zu beantworten, als es zunächst scheint. Es sind sehr viele Aspekte zu berücksichtigen, z. B. die Risiken des Marktes, wenn ein Produkt variiert wird, die Risiken, es nicht zu variieren, die Kosten der Umstellung der Produktion, die Fragen der Preisfindung, Werbung, Reklamationen, die Frage, was mit den Altproduktbeständen geschehen soll und so fort. Sicherlich lassen sich einige Antworten leicht finden, weil die Aspekte berechenbar sind, aber andere nicht: Wie reagieren die Kunden? Wie reagiert der Wettbewerb? Führt die Produktvariation in die richtige Richtung?

In diese Entscheidung fließen offensichtlich sehr viele und zu dem sehr unterschiedliche Aspekte mit ein. Sie werden von Vertretern der unterschiedlichsten Organisationseinheiten vertreten. Diese wiederum verfügen über unterschiedliche Vorerfahrungen und vor allem verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Es ist klar, dass solche Entscheidungen nicht „frei Schnauze“ getroffen werden können, weil die Gemengelage zu kompliziert ist.

Das Fazit ist, dass die Nutzwertanalyse immer dann sinnvoll ist, wenn mindestens einer der folgenden Umstände gegeben ist:

• Die Anzahl der Bewertungskriterien ist hoch.

• Die Bewertungskriterien sind unterschiedlich (quantitativ, qualitativ).

• Es ist nicht möglich, eine eindeutige Rangfolge der Bewertungskriterien festzulegen.

• Es sind mehrere Personen mit ihren jeweiligen Meinungen und Vorerfahrungen am Entscheidungsprozess beteiligt.

• Eine Entscheidung auf Basis von Erfahrungen (Routineentscheidungen) oder unternehmerischen Instinkten ist nicht möglich bzw. nicht sinnvoll.

• Die Entscheidungsfindung soll für Aufsichtsgremien bzw. Gesellschafter dokumentiert werden.

Welche Grundregeln leiten sich daraus ab?

Um diese Anforderungen zu erfüllen, sind Spielregeln erforderlich. Diese Spielregeln bilden den Handlungsrahmen für jeden, der eine Nutzwertanalyse moderiert:

Strukturierung: Eine Nutzwertanalyse ist so durchzuführen, dass jeder einzelne Schritt nachgeprüft und belegt werden kann. Auslassen, Vermengen oder Verändern der Schritte ist nicht erlaubt.

Moderation: Der Moderator hat dafür zu sorgen, dass durch das Einhalten der Schritte Meinungsführerschaft oder „Lufthoheit am Besprechungstisch“ einer Führungskraft oder eines (vermeintlichen) Experten ausgeschlossen werden.

Selektion methodenkonformer Kriterien: Es werden nur solche Bewertungskriterien zugelassen, die zu der Methode passen. Manipulative Argumentationsketten, die z. B. subtile Ängste ansprechen, werden ignoriert bzw. nur insoweit berücksichtigt, als sie in bewertbare Entscheidungskriterien übersetzt werden können.

Dokumentation: Jeder einzelne Schritt auf dem Weg zur Entscheidungsfindung wird dokumentiert und kann später nachvollzogen werden. Dieser Aufwand nutzt zweifach:

– Der Entscheidungsprozess kann mit anderen Teilnehmern, an anderen Standorten oder zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wiederholt werden. Eventuelle Unterschiede im Ergebnis können hinsichtlich ihres Zustandekommens analysiert werden.

– Die Dokumentation entemotionalisiert und entlarvt persönliche Ressentiments oder Zielsetzungen, die nichts mit dem Problem an sich zu tun haben.

Diese Spielregeln erinnern an die eines Gerichtsverfahrens. Und das ist gewollt: Je nach Tragweite der Entscheidung kann es gewünscht sein, den Entscheidungsprozess bzw. seine Ernsthaftigkeit auch nicht Beteiligten beweisen zu können. Eine Gefahr scheint dabei zu sein, dass die Entemotionalisierung dazu führt, dass rationale Denker im Vorteil, emotionale hingegen im Nachteil seien. Aber wir werden sehen, dass die Methodik im Gegenteil dazu führt, allen beteiligten Interessengruppen gleichermaßen Raum für Input zu geben.

Eine Variante: Zuweilen wird die Nutzwertanalyse von einer einzigen Person als methodische Hilfe bei der Problemlösung eingesetzt, quasi als Erweiterung einer MindMap. Typische Anwendungsfälle sind Länderoder Standortvergleiche. Die Arbeitsschritte sind dann grundsätzlich die gleichen.

 
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