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Start arrow Ökonomik arrow Mittelstandsanleihen – ein Erfolgsmodell für alle Parteien

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1.3 Die Reaktion(en) der Börsen

Auf die Nachfrage von Seiten der Unternehmen reagierten die Börsen schnell und gerade die kleineren deutschen Börsenplätze bewiesen einmal mehr, dass sie sich flexibel auf die Bedürfnisse ihrer Zielgruppen einstellen können. So entwickelten die Börsen innerhalb des Freiverkehrs eigene Segmente für Mittelstandsanleihen.

Der Freiverkehr wird von den Börsen selbst organisiert und reguliert, nicht von staatlichen Stellen.

Bereits im Mai 2010 meldete so die Börse Stuttgart per Presseerklärung die Gründung eines neuen Segments für Mittelstandsanleihen, genannt bondm. Eine erste Anleihe kündigte der Automobilzulieferer Dürr AG in bondm an. Dürr begab dann im September 2010 eine aufsehenerregende Anleihe mit einem Volumen von 225 Mio. € und einem Kupon von 7,25 %. Als Besonderheit schließt bondm der Börse Stuttgart Immobilien- und Finanzwerte aus und legt den Fokus auf „industrienahe“ Unternehmen. Von Anfang an konnte die Stuttgarter Börse über ihr Tochterunternehmen Euwax eine „Zeichnungsbox“ anbieten mit allen Informationen zur Anleihe im Web.

Im Dezember 2010 zog die Börse in Frankfurt nach mit der Möglichkeit, Mittelstandsanleihen im Freiverkehr (Entry Standard) zu emittieren. Die Börse Frankfurt verlangt für eine Notiz im Entry Standard zwingend ein Emittentenrating, gibt aber kein Mindestrating vor. Darüber hinaus werden Angaben zu Unternehmenskennzahlen zur Kapitaldeckung, Verschuldung und Kapitalstruktur verlangt und Nachrang-Anleihen ausgeschlossen. Verpflichtend sind außerdem beispielsweise Folgeratings über die gesamte Laufzeit sowie jeweils aktuelle Unternehmenskennzahlen.

Im Oktober 2012 lancierte die Börse Frankfurt noch den Prime Standard für Mittelstandsanleihen ab 100 Mio. € Emissionsvolumen. Dieses Segment richtet sich vor allem an größere börsen- und nicht börsennotierte Unternehmen. Der Anlegerkreis setzt sich daher ganz überwiegend, aber nicht ausschließlich aus institutionellen Investoren zusammen. Im Prinzip verbindet dieser Sektor professionelle Emittenten im Primärmarkt mit Privatanlegern im Sekundärmarkt. Die jüngste Anleihe von August 2013 brachte es auf ein Emissionsvolumen von 1 Mrd. €, ausgegeben vom Energiekonzern RWE.

Etwa gleichzeitig mit m:access der Börse München im Spätherbst 2010 entstand in Düsseldorf der mittelstandsmarkt. Die Börse Düsseldorf gewährt den Einstieg in das Segment bereits bei einem Anleihevolumen von 10 Mio. €. Einen Liquiditätsprovider, wie an anderen Börsenplätzen, sieht Düsseldorf nicht vor.

Als einzige Börse wies München bereits seit 2005 ein eigenes Qualitätssegment für mittelständische Unternehmen aus, das zunächst aber rein auf Eigenkapital ausgerichtet war. Erst etwa ein halbes Jahr später zog hier die Börse Frankfurt mit Einführung des Entry Standard nach. 2011 erweiterte die Börse München dieses Segment um die Möglichkeit, Anleihen herauszugeben, inzwischen auch mit einer eigenen Zeichnungsfunktionalität für die Privatanleger, die somit vor dem Beginn des Handels die Möglichkeit erhielten, über ihre Bank direkt Anleihen zum Nominalbetrag zu erwerben. Genauso wie Unternehmen nach dem IPO müssen Emittenten nach dem IBO bei m:access bonds sich einmal im Jahr auf einer Analystenkonferenz präsentieren. Auch bei der Börse München können Anleihen ab einem Volumen von 10 Mio. € starten, ein Emittentenoder Anleihenrating ist verpflichtend, außerdem muss das Unternehmen älter als drei Jahre bestehen.

Die Börsen Hamburg/Hannover zogen mit ihrer Mittelstandsbörse schließlich nach, die sich in Sachen Vorgaben und Regulierungen in Zurückhaltung übt und beispielsweise keine Vorgaben bei der Stückelung – alle anderen Börsenplätze sehen eine Mindeststückelung von maximal 1.000 € vor –, oder beim Emissionsvolumen gibt. Auch das Rating ist optional.

Alle Börsen (mit Ausnahme des Prime Standard Bereichs der Deutschen Börse) handeln die Mittelstandsanleihen im Freiverkehr. Die Zulassungsvoraussetzungen der Börsen sind unterschiedlich ausgestaltet. Den Zwiespalt zwischen einer maximalen Aufklärung für potenzielle Anleger und einem praxisorientierten und kostengünstigen Aufwand für die Emittenten lösen die einzelnen Börsenplätze dabei unterschiedlich, wobei die Unterschiede im Laufe der Zeit eher geringer als größer wurden. So wurde beispielsweise die Anforderung von bestimmten Mindestratings, die einige Börsenplätze zu Beginn noch aufstellten, inzwischen gestrichen.

Die Börsen können trotz aller regulatorischer Voraussetzungen und Folgepflichten jedoch nicht verhindern, dass einzelne Unternehmen auch in wirtschaftliche Schieflage oder gar Insolvenz geraten können. Dieses unternehmerische Risiko besteht im Wirtschaftsleben allgemein und auch an der Börse. Eine genaue Analyse des Unternehmens muss daher jeder Investitionsentscheidung vorausgehen.

 
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