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2.4 Unterricht konstituiert sich in der Differenz zum Stoff

In den Interviews werden Handlungen im Unterricht regelmäßig mit Positionalitäten zwischen Vermittlung und Aneignung [1] verknüpft: Der Lehrer lehrt, „unterrichtet“, korrigiert, u.s.w. – die Schüler „lernen“, werden belehrt, „unterrichtet“ oder „bewertet“. Spärlicher wird das Vokabular, wenn es darum geht, einen Ausdruck für eine charakteristische, gemeinsame Tätigkeit von Schülern und Lehrern (für ein „wir“ als Subjekt der Tätigkeit) im Unterricht zu finden. Für eine solche Tätigkeit taucht in den Interviews wiederholt die Rede vom „Durchmachen“ auf [2]. So heißt es im Interview mit Arne:Ja, also wir machen jetzt halt grad d| die Na| die Nazizeit durch. (Interview Arne, Z 86) Und im Interview mit Ingo findet sich die Wendung:Wir machen jetzt grad also (.) die Zeit vom (.) Hitler durch. (Interview Ingo, Z 46) Mit der „Nazizeit“ oder der „Zeit vom Hitler“ wird hier – auf den ersten Blick und sinnfälliger Weise – weniger die eigentliche Zeit, als ein Unterrichtsstoff bezeichnet. An anderer Stelle des Interviews mit Ingo ist dementsprechend davon die Rede, dass „wir irgendein Stoff machen“ (ebd., Z. 11). Auch die „Nazizeit“ erscheint als „irgendein Stoff“, der – neben anderen – im Unterricht bewältigt werden muss. Diese Bewältigung wird wiederholt als Anstrengung markiert. Im Gegensatz zu ‚Durcharbeiten' transportiert sich im ‚Durchmachen' eine Konnotation des Erleidens, die sich wiederum auf Bearbeitungsformen des Stoffes beziehen lässt. Am prägnantesten kommt das im Interview mit Claus zum Ausdruck, der (darin ähnlich wie Bert) die Praktik des Schreibens als leidvolle Anstrengung markiert. Als die Schüler aufgefordert werden, zu sagen, was man am Unterricht verbessern könne, antwortet Claus mit der Aussage:

Also ganz sicher amal weniger schreiben. […] Weil des anstrengend is und weil ich dann immer Schmerzen krieg in den Händen. Also nicht Schmerzen, aber (…) scho ziemliche Hornhaut vom Schreiben. (Interview Claus, Z. 180ff.)

Hier ist es nicht nur der Stoff der durchgemacht wird, sondern auch eine Zeit – eine erlittene Zeit für die die Wucherung der Hornhaut symptomatisch ist. In der Logik dieser Ausführungen äußert sich Claus wohlwollend zur gerade erlebten Unterrichtsstunde, da man dort nicht viel hat schreiben müssen. Gleichzeitig erscheint hier die Frage zulässig, ob das „Film schau'n“ im Unterricht letztlich auch deshalb weniger anstrengend erscheint, weil es gar nicht mit dem Durchmachen von (neuem) Stoff assoziiert wird. Selbiges legt eine Aussage aus dem Interview mit Ingo nahe:

Mhm, wir hab'n heut net so viel g'macht. Also Stoff haben wir gar keinen g'macht heute, kein' neuen. (Interview Ingo, Z. 33f.)

Zweifel daran, dass der Stoff im Zentrum des Unterrichtsgeschehens steht, legen auch Ausführungen aus dem Interview mit Bert nahe. Darin kommuniziert sich eine starke Aufmerksamkeit dafür, dass sich die Funktion von Schule für Schüler möglicherweise nicht darin erschöpft, einen bestimmten, im Lehrplan festgelegten Stoff vermittelt zu bekommen, sondern, dass man sich in Anerkennungsverhältnissen bewegt, auf die eine Art ‚geheimer Lehrplan' zielt:

Bert: Und die Schule bereitet einen ja doch irgendwie auf's Leben vor, weil man da ja sagt, der Lehrer gibt was vor, der is dann sozusagen de-r (.) Oberste, und das muss man befolgen. Wenn man sich dagegen sträubt, dann (..) gibt's da irgendwo Konsequenzen. Und man wird, man muss auch lernen, dass de-r (.) Lehrer immer auf 'm höheren Ast sitzt und auch 'n längeren, als ma (.) > {lächelnd:} als Schüler drunter,

< und dass einem der Lehrer oder dann eben im späteren Leben der Chef immer das Leben schwer machen kann. (Interview Bert, Z. 713ff.)

In dieser Schülerinterpretation dient Schule (als Vorbereitung auf das Leben) dazu, die Schüler in hierarchische Ordnungen einzugewöhnen. Wie im späteren Leben der Chef, so ist in der Schule der Lehrer der „Oberste“, der einem „das Leben schwer machen kann“. Diese Position gilt es zu respektieren – und dieser Respekt wird in der Schule erlernt. Berts Deutung lässt eine komplette Marginalisierung des Unterrichtsstoffes zu. Was der Lehrplan vorschreibt, ist weniger bedeutsam als das strukturelle Arrangement in welchem das, was dieser Lehrplan vorschreibt, vermittelt wird.

Die Bedeutung des Unterrichtsstoffes wird unterschiedlich eingeschätzt. Verständigungen darüber, was Unterricht (nicht) ist, gewinnen im Spiegel von Fragen nach dem Verhältnis zum Schulstoff Kontur.

  • [1] Vgl. Pollmanns 2010
  • [2] Vereinzelt finden weitere gemeinsame Tätigkeiten Erwähnung. Es ist davon die Rede, das Lehrer und Schüler ein „bissl diskutieren“ (Interview Ingo, Z. 243), „wiederholen“ (Interview Falk, Z. 186) und gemeinsam hat man sich einen „Film ang'schaut“ (ebd., Z. 17; Interview Arne, Z. 11; Interview Claus, Z. 8, 13). Während zahlreiche Kontexte vorstellbar sind, in denen man Filme schaut, wiederholt oder diskutiert, scheint das ‚Durchmachen von Stoff' jedoch exklusiver mit dem Unterrichtssetting verknüpft
 
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