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2.3 Unterricht konstituiert sich in Differenz zur didaktischen Instruktion

Keinem Schüler fällt es schwer, die Aufgabenstellung der Schulstunde zu rekapitulieren: Die Lehrerin hat einen Film vorgeführt. Dieser Film wurde wiederkehrend gestoppt und die Aufgabe der Schüler bestand darin, während der so entstehenden Pausen das Filmgeschehen schriftlich zusammenzufassen. So klar die Aufgabenstellung von den interviewten Schülern wiederholt werden kann, so unterschiedlich verhalten sich diese, wenn es darum geht, sich zu den didaktischen Instruktionen der Lehrerin wertend in ein Verhältnis zu setzen.

Im Interview mit Arne werden diese Instruktionen wohlwollend begutachtet: Die Lehrerin habe den Film angehalten, damit man mitschreiben könne und „a paar Szenen noch mal ‚zeigt, dass mer's besser verstehen“ (Interview Arne, Z. 18f.):

Int.: […] Und ähm (…) also (…) was hat das für'n (.) Sinn sozusagen für dich, dass ä-hm (.) du dich damit beschäftigst mit diesem Film und auch das dann so notierst in dein Heft?

Arne: Ja also, dass ich's notier, dass i's ma länger (..) merk, also Int.: [ Ja.

Arne: [ wenn ich's durchles', dann sollt i dann scho wissen, was alles im Film passiert is. Int.: Ja.

Arne: Soll i dann auch so schreiben. Und (..) ja vielleicht kommt dann amal a Test oder so über,

Int.: Hmhm.

Arne: über den Film und da kann ma sich des durchlesen, Int.: Hmhm.

Arne: damit i des lern.

Int.: Hmhm. > {sehr leise:} Ok. < Und ähm (…) mhh, würdest du sagen, wenn du heute auf die Stunde guckst, du hast| hast du was Neues gelernt? Was (.) also was du vorher vielleicht nicht so wusstest?

Arne: Mmh, j-a, also, (..) es hat mir, der Film hat mir scho g'zeigt, ähm, wie, wie das Leben (.) in der Zeit ausg'schaut hat. (Interview Arne, Z. 143ff.)

In Arnes Ausführungen erscheinen die didaktischen Vorgaben der Lehrerin sinnvoll: Der Film wurde angehalten, damit Gelegenheit zum Mitschreiben entstand und die entstandenen Mitschriften erfüllen eine doppelte Funktion, indem sie zum ersten – in Bezug auf den Film – die Merkfähigkeit erhöhen und zum zweiten die spätere Rekapitulation des Filmgeschehens – z. B. in Vorbereitung auf einen Test – erleichtern. So einleuchtend wie bei Arne erscheint das Vorgehen für andere interviewte Schüler indessen keineswegs. Kritik scheint zum Beispiel im Interview mit Falk auf, der die Unterbrechungen des Films moniert:

Falk: […] wenn sie immer stoppt, und dann könn mer immer schreiben, das stört a bissi, weil wenn's dann gerade spannend wird, dann stoppt sie ab und dann könn mer (.) dann (.) kommt die ganze Kont| Konzentration vom Film weg, könn wer wieder schreiben (.) und dann, dann muss man dann oft warten, bis die anderen fertig sind. (..) Ja. (Interview Falk, Z. 187ff.)

Das Anhalten des Filmes, das in den Ausführungen Arnes einem besseren Verstehen und der Merkfähigkeit zuträglich schien, riskiert in den Ausführungen Falks die Konzentration auf das Filmgeschehen. Auch Bert äußert, dass er es begrüßen würde, wenn man „zuerst den ganzen Film an[schaut]“, um danach „eine Art Nacherzählung“ zu schreiben (Interview Bert, Z. 379f.). Das Abstoppen des Filmes sei „einfach nur schlecht“ (ebd., Z. 385). Die didaktischen Instruktionen werden als „a bissl hirnrissig“ kritisiert (ebd., Z. 443).

In der Zusammenschau der Interviews zeigt sich ferner, dass die Relevanz der Mitschriften mitunter sehr unterschiedlich eingeschätzt wird. Zumeist dienen sie als Schutz vor dem Vergessen, so wie es auch im Interview mit Bert beschrieben wird:

Bert: Also die Notizen helfen (jetzt das einfach) nur, dass ich den Inhalt vom Film im (.) Kopf behalt, aber ansonsten is, sind die eigentlich (.) nicht so wichtig. (Interview Bert. Z. 534f.)

Ferner sei es möglich, dass diese Mitschriften bei der Vorbereitung „für'n (.) Test“ oder eine „Lernzielwiederholung“ (ebd., Z. 537) bedeutsam werden. Ob es je dazu kommen wird, ist zum Zeitpunkt des Aufschreibens jedoch nicht klar. Im Interview mit Claus wird herausgestellt, dass man primär für sich selbst schreibe, da der Sinn des Geschriebenen nur für das Selbst entzifferbar bleibe. Die Mitschrift dient als private Erinnerungshilfe:

Claus: Wenn jemand des lesen würd, dann würd der keine Ahnung haben, mit was er's zu tun hat, aber ich könnt, kann die ganze Geschichte fast (.) mir merken. (Interview Claus, Z. 138ff.)

Im Interview mit Arne wird indessen spekuliert, dass die Lehrerin die Hefte kontrollieren könnte. Es könne dazu kommen, dass die Lehrerin „vielleicht das anschaut, was mir mitg'schrieben hab'n. […] Und wenn da nachher nichts drinsteht, dann is

> {amüsiert:} des a bissl blöd. <“ (Interview Arne, Z. 379ff.)

Insgesamt wird also nicht nur das Verhältnis zur didaktischen Instruktion sehr unterschiedlich beschrieben, sondern auch die Funktion und Relevanz des Aufgeschriebenen als ‚Produkt' des Unterrichts erscheint verhandelbar. Das was Unterricht heißt, konstituiert sich im Kontext der Spielräume, in denen didaktische Instruktionen von Seiten der Schüler perspektiviert werden.

 
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