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2.2 Unterricht konstituiert sich in Differenz zum Notenverzicht

Die Feststellung, einer konstitutiven Funktion von Schulnoten für den Unterricht zieht sich leitmotivisch durch alle erhobenen Interviews. Die Bedeutung von Schulnoten wird nicht nur nirgends bestritten, sondern ausdrücklich betont. Das wird besonders deutlich, wenn, wie im Interview mit Arne, nach den Konsequenzen eines Notenverzichts gefragt wird:

Int.: […] Und wie würde sich so dein Lernen verändern, wenn es keine Noten gäbe im Unterricht?

Arne: Hmm, nja, also wenn's keine Noten geben würde, i glaub, dann (..) wär > {amüsiert:}

Chaos, also (..) < Int.: > {amüsiert:} Ähä. <

Arne: dann würd keiner mehr aufpassen, weil (..) also nicht, also (.) nicht viele, weil, (…) i glaub, wegen der Schule sin ma da, {lacht} > {lachend:} dass ma (..) < ja, also ma passt auf, damit ma gute Noten hat und (..) ja, wenn's keine Noten geben würde, würde man sicher nicht so aufpassen auf den Unter| im Unterricht. (Interview Arne, Z. 525ff.)

Hier wird mit einer finalen Logik argumentiert: Schüler passen im Unterricht auf, damit sie gute Noten bekommen. Folglich entfällt ohne Noten die Notwendigkeit zur Aufmerksamkeit. Doch die Passage verrät noch mehr: Noten schirmen den Unterricht vom Chaos ab, das ohne sie über ihn hereinzubrechen drohte. In anderen Interviews werden die Konsequenzen eines Notenverzichts weniger drastisch imaginiert. Im Interview mit Falk steht mit einem Notenverzicht immerhin das Niveau des Geschichtsunterrichts auf dem Spiel:

Falk: Ja, na dann verliert ma seinen Drang, also dass ma überhaupt, da denkt man sich: Ja, es gibt eh keine Noten, da brauch i eh nix machen. Des wär dann wie Religionsunterricht, (.) is eh egal, (.) schaut eh keiner drauf. Des, dann tät des Niveau von Geschichte, glaub ich, sinken und (.) dann tät's keiner mehr was, irgendwas dafür tun, für Geschichte und (.) ja, dann tät's keiner mehr für Tests lernen, is eh egal, bewertet eh keiner, weiß eh keiner, was ich hab. (Interview Falk, Z. 231ff.)

Der mögliche Niveauabfall im Geschichtsunterricht wird damit erklärt, dass der Schüler durch die Abwesenheit von Schulnoten „seinen Drang“ verliert. Und im Interview mit Claus (Z. 211) werden Noten (ebenso wie im Interview mit Arne (Z. 581)) als „Ansporn“ bezeichnet. Den Effekt ihres Fehlens umreißt man damit, dass dann „alle fauler san“ (ebd., Z. 207). Ein verhaltenspsychologisches Vokabular konsultierend, ließen sich die Effekte eines Notenverzichts, die in den Interviews mit Arne, Falk und Claus beschrieben werden, als Minderung von extrinsischer Motivation beschreiben. Die Leistungsbereitschaft der Schüler erscheint durch äußere Anreize gesteuert. Die Akzeptanz dieser Anreizstruktur ist jedoch nicht auf die Meidung negativer Konsequenzen abonniert. Im Interview mit Ingo schreibt man ihr Effekte subjektiven Lustgewinns zu:

Ingo: Ja, dann wär' er, ähm, dann würd' man eh nix machen also, (.) weil wenn man, wenn's keine Noten geben würde, wü| ähm bringt's si's eh nix, wenn man irgendein Te| wenn man ein Test schreibt oder (.) irgendwas wiederholt von der letzten Stunde. (.) Also i mein, es wär (.) i weiß net, am Anfang wär's sicher lustiger, wenn man nix machen (.) braucht, aber (.) i maan, dann später im zweiten Semester, so Ende zweites Semester (..) müssen sie ja schon ähm richtig fad, weil man nix machen kann.

(..)

Int.: Wie meinst'e: nix machen kann?

Ingo: Ja. Man kann, also man kann scho Stoff machen, aber (..) es is einfach (..) net lustig, wenn's zum Beispiel jetzt über'n an Anser freuen kannst auf ein Test. (.) I maan, i bin (.) jetzt > {lachend:} i bin net der beste Schüler < und i maan, i freu mi net, wenn i an Test hab, aber trotzdem. Wenn man mal gute Noten hat auf 'nen Test, kann man sich darüber scho freuen. (Interview Ingo, Z. 271ff.)

Ohne Noten ist es zwar „am Anfang“ lustiger, aber auf die Dauer weniger „lustig“. Man möchte sich über gute Noten freuen dürfen, was ohne Noten logischerweise unmöglich ist.

In keinem der vorliegenden Interviews wird ein Notenverzicht begrüßt. Ohne Noten erodiert das „Niveau“ des Unterrichts (Interview Falk, Z. 234), Schüler verlieren ihren „Drang“ (ebd., Z. 231) oder ihren „Ansporn“ (Interview Claus, Z. 211; Interview Arne, Z. 581) – im schlimmsten Fall herrscht „Chaos“ (ebd., Z. 528). Die Frage, inwiefern auch jenseits einer Notengebung Anreize für Lernbereitschaft denkbar sind, gerät im Kontext der zitierten Sequenzen komplett aus dem Fokus.

D. h. hier wird in ganz anderer Art ein Differenzverhältnis installiert. Indem Unterricht in den Aussagen der Schüler eng mit der Praxis der Notengebung verkoppelt wird, verliert er in den Spekulationen über die Konsequenzen eines Notenverzichts seine Kontur.

 
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