Desktop-Version

Start arrow Pädagogik arrow Was ist Unterricht?

< Zurück   INHALT   Weiter >

2 Analyse

2.1 Unterricht konstituiert sich in der Differenz zum Film Schauen

Über alle Interviews hinweg wird das ‚Film-Schauen' als besonderes Charakteristikum der erlebten Unterrichtsstunde hervorgehoben. Und verschiedentlich wird deutlich gemacht, dass ‚Film-Schauen' nicht gleichbedeutend mit der üblichen Unterrichtspraxis ist: Die Frage ob Film „besserer Unterricht als normaler Unterricht“ sei (Interview Bert, Z. 96), wird von Bert bejaht. Und auch Arne stimmt der Aussage zu, dass Film „schon mal besser als normaler Unterricht“ sei (Interview Arne, Z. 189f.). So wird eine Differenz installiert, zwischen einem ‚normalen' Unterricht, und einem solchen, der ‚unnormal'‚ ‚speziell', ‚besonders' oder einfach

‚anders' ausfällt. Man kann fragen, was vor dem Hintergrund dieser Abgrenzung als „normaler Unterricht“ hervorgebracht wird. Gerade durch die Feststellung, dass man keinen normalen Unterricht erlebt habe, sind die Interviewten dazu herausgefordert, andere Formen des Unterrichts (der nicht stattgefunden hat) zu normalisieren. Ein Beispiel dafür findet sich im Interview mit Ingo:

Int.: Und ähm (.) kannst du sagen, was da, was du an der Art des Unterrichts heute gut oder schlecht g'funden hast?

Ingo: > {leicht lachend:} Nja also wenn a Film is, < kann man net da-dazu net so viel sagen. I mein, (.) wenn man äh (.) ganz normalen Stoff macht eben, (.) ähm, ja dann is, i mein, kommt ganz drauf an, was man jetzt macht, ob's jetzt richtig so (.) ähm (.) Diktieren und Abschreiben is, das macht, des ist dann (..) blöd, also des g'fallt mir net. Aber wenn man irgendwas einbaut, zum Beispiel in so a Quiz oder so was, (..) ja das wär dann schon (.) lustig. I mein, beim Film kann man jetzt net so viel (.) sagen (also i mein) (..) zuschau'n, nachher abschreib'n, aber … (Interview Ingo, Z. 162ff.)

Die Herausforderung, die erlebte Schulstunde als „Art des Unterrichts“ zu begutachten, erzeugt Verlegenheit. Als „Art des Unterrichts“ erscheint der Film weniger ‚gut' oder ‚schlecht', sondern erzeugt Sprachlosigkeit: Man kann dazu – wie in der Sequenz gleich doppelt betont wird – „net so viel sagen“. Gleichzeitig werden verschiedene Aussagen dazu getroffen, was einen normalen Unterricht, der sich bewerten lässt (der gut oder schlecht sein kann) auszeichnet: Man „macht“ einen „ganz normalen Stoff“. Ferner werden „Diktieren und Abschreiben“ als unterrichtliche Praktiken normalisiert, für die man allerdings kaum Sympathien mobilisiert. Aufgeschlossenheit wird hinsichtlich der Möglichkeit signalisiert, das Unterrichtsgeschehen durch gezielte ‚Einbauten' attraktiver zu gestalten. Doch im Gegensatz zu einem ‚Quiz', welches im Interview mit Ingo als Teil des Unterrichts in Frage kommt, erscheinen Filme weit weniger akzeptabel.

Das sieht im Interview mit Claus anders aus. Hier kommt das ‚Film Schauen' durchaus als „Art von Unterricht“ in Betracht und es wird herausgestellt, dass man „selbst“ durch einen Film „viel lernen“ könne (Interview Claus, Z. 125). Eine solche Argumentation liegt auf einer Linie mit derjenigen von Bert, der die veranschaulichende Qualität von Filmen lobt: Die Lehrerin erkläre nicht nur, sondern

„zeigt“ durch den Film, „wie das damals war“ (Interview Bert, Z. 46). Diese positiv begutachteten Aspekte des Filmschauens werden sowohl im Interview mit Bert, wie im Interview mit Claus durch Kontrastierungen zu einer anderen Unterrichtspraxis akzentuiert, in der Lehrerkräfte (zu) viel reden. Im Interview mit Claus (Z. 235f.) wird festgestellt: „wenn a Lehrer redet und dann redet er viel, dann (.) hört ma ja immer weniger zu.“ Und im Interview mit Bert wird eine ganz ähnliche wenn-dann-Relation aufgerufen:

Wenn jetzt der Lehrer nur vorne steht […] und […] nur die ganze Stunde spricht, dann hör'n (.) ihm die Schüler nicht zu, weil es einfach langweilig is. (Interview Bert, Z. 86ff.)

Durch das ‚Film-Schauen' war es „halt irgendwie interessanter“ (ebd., Z. 92), man hat „viel lernen“ können (Interview Claus, Z. 125), konnte sich viel „merken“ (ebd., Z. 140) und zudem war es auch noch „ruhiger als sonst“ (ebd., Z. 120): Film-Schauen gerät im Kontext solcher Ausführungen letztlich sogar als eine Art ‚besserer Unterricht' in Betracht.

Über alle Interviews hinweg betrachtet erscheint es umstritten, welche Rolle ‚Film-Schauen' im Unterricht spielen kann, darf oder sollte. Die Herausforderung Film-Schauen als Art des Unterrichts zu perspektivieren führt in ganz unterschiedlicher Weise dazu, Differenzverhältnisse zu entwerfen. In Abhängigkeit von diesen Differenzen strukturiert sich das, was in den Schülerinterviews jeweils als Normalität von Unterricht in den Blick gerät.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics