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9. 3 Theoretische Empirie

„Wissenschaftstheoretische Metadiskurse (…) operieren normativ, indem sie verbindlich die Prinzipien zu klären und zu kanonisieren versuchen, die eine Theorie zu einer wissenschaftlichen Theorie machen“ (Kalthoff 2008, S. 12). Kalthoff unterscheidet (1) Theorien als beobachtungsleitende Annahmen, (2) Theorien als aus empirischem Material entwickelte Kategorien und (3) Theorien als beobachtbare soziale Phänomene (Kalthoff 2008, S. 12). Übertrage ich diese Überlegungen aus dem Feld soziologischer Überlegungen auf erziehungswissenschaftliche Theorien, kann die Auseinandersetzung mit Transkripten von Schulstunden unter diesen drei Prämissen erfolgen:

1. Aus der Kenntnis didaktischer und unterrichtstheoretischer Überlegungen können Annahmen zu Beobachtung und Analyse von Transkripten generiert werden.

2. Anhand von Unterrichtstranskripten können Kategorien gewonnen werden, die zu neuem, überraschendem Wissen führen können.

3. Theorien über Unterricht können selbst als soziales Phänomen betrachtet werden.

Die von mir vorgestellte Vorgehensweise bei der Transkriptanalyse geht davon aus, dass umfangreiches Wissen über Unterricht in der Erziehungswissenschaft vorhanden ist. Dieses kann für die Analyse von Transkripten und die Entscheidungen über Sequenzierungen fruchtbar gemacht werden. Mit Blick auf die Definition von Unterricht (vgl. Steindorf 1981) wurde bei dieser Transkriptanalyse eine spezifische Schwerpunktsetzung auf das fachliche Lernen und seine Einbindung in Interaktionsprozesse vorgenommen. Auf dem Hintergrund der theoretischen Annahmen (Kiper und Mischke 2004, 2006, 2009) und ihrer Nutzung für die Analyse von Transkripten einer Schulstunde konnte gezeigt werden, dass diese Theorie auch dazu herangezogen werden kann, den Prozess der Unterrichtsanalyse anzuleiten (vgl. Kiper 2013a, 2014). Der Ansatz ermöglicht, eine Schulstunde mit Blick auf fachliche und überfachliche Lehrund Lernprozesse, auf die Gestaltung von Interaktion und Kommunikation sowie auf ihren dramaturgischen Aufbau zu betrachten. Aus dem Transkript und den Interviews mit den Schülern geht hervor, dass die Schüler Annahmen über die bildungsbezogenen Absichten der Lehrerin und über ihre didaktischen Orientierungen artikulieren, dass sie die mangelnde Klarheit resp. fehlende Passung des Arbeitsauftrags erkennen und benennen, dass sie markieren können, welche Informationen sie aus dem Film entnehmen konnten und was ihnen unklar oder undeutlich blieb. Unabhängig vom Unterricht kennen sie gesellschaftliche Erwartungen, welche Einschätzungen des Nationalsozialismus und seiner Geschichte erwünscht sind und gebilligt werden. Gleichwohl bleibt eine Spur der Faszination des Nationalsozialismus, die gerade durch den Film „Swing Kids“ auch mit hervorgebracht oder verstärkt wird.

Eine pädagogisch angelegte Analyse einer Schulstunde anhand eines Transkripts kann von einem eher psychologisch angelegten Vorgehen abgegrenzt werden, das darauf zielt, über theoretisch begründete Festlegungen und durch Verfahren der Codierung zu Erkenntnissen zu kommen (vgl. Tabelle 2).

Tab. 2 Pädagogische und psychologische Vorgehensweisen bei der Erforschung des Unterrichts (vgl. Kiper 2013a)

Die Analyse einer Schulstunde anhand eines Transkripts kann einen Beitrag dazu leisten, das Verständnis vom Unterricht als Prozess zu fördern. Sie ergänzt Ergebnisse der empirischen Forschung über Unterricht, weil auf der Ebene des Handelns von Lehrkräften und Schülern der Prozess der wechselseitigen Auseinandersetzung mit der Sache oder auch ihres Verfehlens sichtbar gemacht werden kann.

 
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