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9 ‚Was ist Unterricht?' – Zur Konstitution einer pädagogischen Form

9.1 Zur Unterscheidung von ‚Schulstunden' und ‚Unterricht'

Wie schon ausgeführt, schlage ich vor, nicht alles, was in Schulstunden passiert, als

‚Unterricht' zu bezeichnen. Auch wenn Lehrkräfte und Schüler etwas als ‚Unterricht' empfinden, weil es im Rahmen von Schule veranstaltet und ‚Zeit' strukturiert und verbraucht wird, halte ich es für sinnvoll, den Blick nicht nur auf die ‚Ablaufmuster', sondern auf die Ermöglichung von Lernhandlungen und auf die Lernergebnisse zu richten. Ich schlage daher vor, ‚Schulstunden', wie sie im Rahmen der Institution Schule angeboten werden (vgl. Kiper 2013b), von ‚Unterricht' zu unterscheiden. Nicht alles, was in Schulstunden passiert, ist Unterricht. Aus den Abläufen allein kann nicht auf ‚Unterricht' im Sinne eines Lehr-Lernprozesses als Ko-Konstruktionsprozess geschlossen werden, denn die Regelhaftigkeit von Abläufen in Schulstunden kann der Ausgestaltung der Schulstunde als sozialer Tatsache geschuldet sein. Erst durch Prüfung, ob hier eine Routine – ohne Lernwirkungen – abgewickelt wird oder ob ein Ablauf bewusst und reflektiert mit dem Ziel der Ermöglichung von Lernresultaten gestaltet wird, verhilft zur Einschätzung, was hier passiert. Ich schlage daher vor, immer dann von ‚Unterricht' zu sprechen, wenn ein Lernen der Schüler ermöglicht wird. Dazu können Stunden, die durch Lehrerhandeln instruktiv angelegt sind, ebenso zählen wie Praxen entdeckenden Lernens. Zeiten, die von Schülern für individuelle Stillarbeit genutzt werden (z. B. zum individuellen Wiederholen oder Üben im Rahmen einer Schulstunde, im Ganztagsbetrieb oder zuhause) oder zum Aneignen von Inhalten anhand von Lernmaterialien, die von der Lehrkraft bereitgestellt wurden, ergänzen den Unterricht.

Auf der Grundlage von Beobachtungen oder Audiound Videoaufzeichnungen des Lehrerund Schülerhandelns in einer Schulstunde sowie ihrer Transkription kann nicht auf die Absichten der Beteiligten rückgeschlossen werden. Es kann nicht erfasst werden, welche (mentale) Handlungsplanung vorlag. Jedoch können vorsichtig Rückschlüsse auf die Qualität der Planung von Unterricht vorgenommen werden. In diesem Fall vermute ich, dass eine für das erfolgreiche Lehrerhandeln notwendige Reflexion auf das spezifische Thema und die bei dessen Bearbeitung notwendigen Lernhandlungen der Schüler, um Verstehen und Bildung in Bezug auf dieses Thema zu ermöglichen, nicht so umfassend vorgenommen wurde, wie es nötig gewesen wäre.

Die Qualität der Ereignisse im Unterricht ist meines Erachtens ebenso vom Durchdenken der fachlichen Struktur des Sachverhalts und vom Bedenken der Lernhandlungen abhängig, die erforderlich sind, um Wissen erwerben zu lassen und Bildungsprozesse zu ermöglichen, (also vom ‚mentalen' Handeln) wie von der der Fähigkeit der Lehrkräfte und der Schüler/innen, einzelne Unterrichtselemente durch Handeln im realen Unterricht gekonnt auszugestalten (also von Handeln in der ‚realen' Welt). Die Ereignisse im Unterricht sind dabei von der Qualität des Zusammenwirkens von Lehrerund Schülerhandeln abhängig. Lehrpersonen wirken durch ihr Vorbild (durch Modelllernen oder durch Identifikationsprozesse der Schüler mit der Lehrkraft), durch das Arrangieren von Lernmöglichkeiten, die sinnvoll antizipierte Lernhandlungen ermöglichen; und sie wirken durch die Qualität der Erklärung von Sachverhalten, des Argumentierens oder Begründens. Wenn untersucht werden soll, wie Wirkungen im Unterricht erzielt werden, kann das nicht unter Ausblenden der Qualität des Lehrerhandelns und seiner fachlichen und didaktischen Vorbereitung erfolgen.

Da Unterricht im Medium der Interaktion und Kommunikation über einen fachlichen Gegenstand oder über das soziale Miteinander in der Schule geschieht, schließen die Schüler/innen oft solche Inhalte an, die zu ihrem Entwicklungsund Lernstand, ihren Vorkenntnissen sowie ihren Interessen passen. Daher sind Fragen der Passung und der Sensibilität der Lehrkräfte dafür, wie Schüler die Inhaltsangebote an ihr Vorwissen und ihr historisches Denken anschließen, von herausragender Bedeutung.

 
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