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7.3 Schülervorstellungen zum Nationalsozialismus

Falk führt aus, dass man im Geschichtsunterricht zum Thema hat, „was wirklich passiert is“ (Interview mit Falk, Z 248-249). Mit Blick auf den Gegenstand des Nationalsozialismus führt er aus: „und des is auch tragisch“ (ebd., Z 249), „es war wirklich was, was (.) schlimm war und (.) ja“ (ebd., Z 252). Auf die Nachfrage der Interviewerin „Und was war so schlimm dran?“ sagt er: „Also, ja, speziell mit die Juden, wie die ähm, also sie sind wie Tiere behandelt worden“ (ebd., Z 254-255), „und da (.) ja denk i mir, und ist eigentlich die Jugend (.) verhaut worden (…) {lachend:} Die da früher g´lebt hab´n (.) im Krieg“ (ebd., Z 254-256).

Ingo bringt den Geschichtsunterricht mit Kriegen in Verbindung: „[…] mi interessieren die Kriege eigentlich schon (..) und (.) ja“ (Interview mit Ingo, Z 115116). Dagegen wendet er sich gegen das Reden über Gefühle: „Das is ja, wenn's nur so reden und na ja, Gefühle und na ja >{lachend:} Des interessiert mi net so viel“ {lacht} (ebd., Z 184-186).

Als eigene Interessen am Thema führt Arne an, dass er gern etwas über die Vorgeschichte und den Krieg sowie über Hitlers Biographie wüsste und harte Fakten, auch zu den Taten Hitlers, kennen würde. Er findet Hitler einen interessanten Mann (Interview mit Arne, Z 210), „Der die Leute um sich (..) ähm überreden hat können“ (ebd., Z 212), „Auch mit Sachen, die eigentlich ähm (…) net so gut waren“ (ebd., Z 214). „Hat der trotzdem auf seine Seite 'bracht. Und des (.) find i (..) faszinierend“ […] wie sie das 'macht hab'n, mit die Juden, dass sie (.) sie einfach so g´ fangen 'nommen hab'n wie Tiere und dann vergast hab'n“ (ebd., Z 216-220). Hier zeigt Arne, dass ihn Macht, Manipulation, Erfolg und Gewalt interessieren und vielleicht sogar faszinieren. Gleichwohl fragt er indirekt, wie so etwas passiert, dass es Leute gibt, „die einfach zuschau'n“ (ebd., Z 224). Dabei distanziert er sich indirekt von den Tätern: „und die Leute, die's machen, des versteht ma aa net so“ (ebd., Z 227).

Auf Nachfrage der Interviewerin nach dem Sinn, sich im GSK-Unterricht mit diesem Thema zu beschäftigen (ebd., Z 238-240), gibt Arne an: „Ja, also man sollt' sicher auch was draus lernen“ (ebd., Z 241). Dabei geht er nicht davon aus, „dass das jetzt no' mal passiert“ (ebd., Z 243), und postuliert „dass die Menschheit a bissl g'scheiter worden“ sei (ebd., Z 248). „Und (..) ja, es, also ma sollt sowieso über'n Zweiten Weltkrieg, sollt ma viel wissen, weil 's eben in Deutschland und Österreich (.) passiert worden is“ (ebd., Z 252), „das sollte ma als Österreicher scho wissen“ […] „warum und wie. Und so“ (ebd., Z 255-257).

Auf die Frage der Interviewerin, ob er heute was Neues gelernt hat, verneint Bert. „Ne-i-n, eigentlich nicht. Weil ma ja eigentlich auch schon so weiß […] ma hört immer wieder, und wenn man dann eben hört: Nationalsozialismus, dann weiß man eigentlich schon, um was es geht. (.) Dass es eben [um den Hitler geht und dass der net ganz (.) äh richtig war“ (Interview mit Bert, Z 210; 212-214). Berts Ausführung wird durch fünf bestätigende ‚Ja' der Interviewerin (ebd., Z 216, 219, 221, 223) mit hervorgebracht. Er führt dann weiter aus: „Also ich weiß zum Beispiel auch, dass er die ganzen Juden eigentlich vergast hat, […] einfach so, nur weil sie einer anderen Religion bei-(.) […] -getreten und und (.) er die einfach nicht mögen hat. […] Aus welchem Grund auch immer. […] Weil sie ihm ja eigentlich nix 'tan haben“ (ebd., Z 217-226). Auf Nachfrage der Interviewerin, ob Bert sagt, „also der Nationalsozialismus ist schon irgendwie eine wichtige (.) Zeit gewesen, oder eine wichtige Ära.“ (Interviewerin in ebd., Z 257-259), führt Bert, nach dem Sinn befragt, aus: „Na ja, also eben damit man lernt, (.) eben was, also wie, weil man ja eigentlich über die ganze Geschichte lernt. […] Und da g´hört das einfach dazu, dass man sagt, na ja, da hat's auch einmal die Zeit 'geben und (.) auf die man eigentlich nicht so sonderlich stolz is, und eigentlich is es ja auch so, dass die Juden manchmal noch immer jetzt sagen, obwohl das schon mehr als hundert Jahre vorbei is, dass sie eigentlich unter'm Hitler ordentlich g'litten haben. […] Was zwar richtig is, aber sie können uns nicht hundert Jahre danach noch (.) sagen und daran (.) eigentlich verklagen, nur weil ein Mann also verrückt gewesen is“ (ebd., Z 263-273). Auf den Hinweis der Interviewerin, „also (.) hundert Jahre is es ja noch nich her“ (Interviewerin in ebd., Z 280), gibt er an, dass „aber die meisten, die jetzt da dabei waren, die sind jetzt eigentlich schon längst tot“ (ebd., Z 282-283). Aus Berts Ausführung wird deutlich, dass er sich den Tätern zugerechnet weiß: „und es gibt aber trotzdem noch immer welche, die uns dafür eigentlich (.) beschuldigen, dass wir das gemacht haben und (.) das geht eigentlich nicht mehr, weil wir (.) gar nicht, {lacht} {lachend:} ich war noch lange nicht geboren, […] meine Eltern waren auch noch geboren“ (ebd., Z 286290). Bert spricht von „Zorn“ und „Schmerz“ (ebd., Z 293-294), die sicher immer noch da sind.

In die Schülervorstellungen zum Nationalsozialismus geht ein, dass sie sich grundsätzlich für informiert halten und meinen zu wissen, worum es geht. Der Nationalsozialismus wird mit der Vernichtung der Juden in Beziehung gesetzt. Sie wissen auch, dass es sich um ein tragisches, schlimmes Geschehen handelt. Sie akzeptieren, dass der Nationalsozialismus zum Thema im Unterricht wird, auch um daraus zu lernen. Die Ambivalenz gegenüber dem Thema schwingt dabei deutlich mit, vor allem, wenn sie eigene Interessen nennen, nämlich Hitler als Manipulator (ebd., Z 201-216; 224) oder den Krieg (Interview mit Ingo, Z 115-116). Insbesondere aus dem Interview mit Bert geht hervor, dass er einen Gegensatz zwischen „den Juden“ und „uns“ (Interview mit Bert, Z 263-273) macht. Er verlegt den Nationalsozialismus und die Verfolgung und Vernichtung der Juden – quer zu den Fakten – sehr weit zurück, auch um deutlich zu machen, dass er für seine Generation keine Zuschreibung von Verantwortung oder Schuld akzeptiert.

Fragt man sich nun, was das Präsentieren des Film Swing Kids bewirkt, so offenbart sich, dass nur einige Schüler den Film als Spielfilm erkennen; einige Schüler gehen davon aus, dass der Film zeigt, wie es gewesen sei. Nur ein Schüler spricht die filmischen Mittel an, die verwendet wurden, um ein bestimmtes Erleben zu evozieren. Die Schüler verstehen die Szenen aus dem Film Swing Kids als Unterrichtsinhalt. Sie können den Arbeitsauftrag und das Vorgehen in der Stunde rekonstruieren und – auf Nachfrage – Vermutungen zu leitenden Gesichtspunkten bei der Auswahl des Films angeben: „da soll'n wir halt a bissl verstehen, wie dort die Zeit war“ (Interview mit Arne, Z 88). Sie können auch Vermutungen darüber anstellen, was sie anhand des Films lernen sollen „wie das damals gelaufen is“ (Interview mit Claus, Z 62). Sie führen aus, dass sie über die Swing Kids zuvor nichts wussten und insofern etwas Neues gelernt haben. Unter Rückbezug auf den Film können sie das Klima der Angst aufgrund von Einschüchterung und Verfolgung benennen. Aufgrund von Rückfragen der Interviewerinnen ergänzen sie den Film auf der Grundlage des vorangegangenen Geschichtsunterrichts oder auf der Grundlage ihres Weltwissens. Sie nehmen eine moralische Positionierung vor, die jedoch nur bedingt aus der Auseinandersetzung mit den Filmszenen resultiert. Sie geben auf Rückfrage an, dass sie den Film nicht freiwillig außerhalb des Unterrichts anschauen würden. Wenn sie über ihre eigenen Interessen mit Blick auf den Nationalsozialismus sprechen, geben sie an, dass sie sich für Hitler, seine Biographie und seine Fähigkeit zur Manipulation der Massen oder für den Krieg interessieren. Werden gerade diese Themen im Unterricht nicht aufgenommen, um keine Auseinandersetzung mit grundlegenden Einstellungen der Schüler führen zu müssen? Aus den Interviews geht hervor, dass durch den Unterricht nicht die Ziele erreicht werden, die meines Erachtens (und basierend auf den vorgestellten Überlegungen) anzustreben wären. Damit wird die aufklärerische Möglichkeit, die durch das Zeigen des Films und seine Besprechung gegeben wäre, im Rahmen dieses Unterrichts nur bedingt realisiert.

 
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