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7.2 Die Sicht der Schüler auf die Schulstunde

Nach der Geschichtsunterrichtsstunde werden mit einigen Schülern Interviews durch zwei Interviewerinnen geführt. Ich verstehe das jeweilige Gespräch zwischen der Interviewerin und dem einzelnen Schüler als Ko-Konstruktionsprozess. Die Sichtweisen der Schüler werden durch die Art der Fragestellung oder die (ausbleibende oder gegebene) Kommentierung durch die Interviewerin mit hervorgebracht. Die Interviews beziehen sich nicht nur auf die aufgezeichnete und transkribierte Stunde. Sie werden über ihre Notizen hinaus zu einer Vielzahl von Themen (zum Unterrichtsinhalt, zum Verlauf der Stunde, zum eigenen Lernen, zu eigenen Interessen am Thema, zu Möglichkeiten eigenständigen Erarbeitens der Thematik und zu Noten) befragt. Die Interviews sind mit Blick auf die Gesprächsführung und die Länge unterschiedlich, vermutlich auch abhängig von der Person der Interviewerin. Ebenso wenig wie im Unterricht wird in den Interviews ein gemeinsamer Austausch der Schüler über die Stunde und ihren Inhalt intendiert; die Interviews werden mit einzelnen Schülern geführt. Ich gehe davon aus, dass durch die Fragen der Interviewerin jeweils Prozesse des Sprechens und Denkens mit initiiert werden. Ich gehe an dieser Stelle nur auf ausgewählte Aussagen der Schüler ein und konzentriere mich auf die Verarbeitung des Filminhalts, die Einschätzung und Bewertung der Geschichtsstunde und auf ihre Einschätzungen des Nationalsozialismus, ihres Wissens und ihrer Interessen. Dabei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, ob und wie die Schüler den Unterrichtsverlauf sehen und welche Erkennt-

nisse sie artikulieren (3).

7.2.1 Das Skript der Schulstunde aus der Sicht der Schüler und ihre Vorschläge zur Optimierung

Die Äußerungen der Schüler zur Unterrichtsstunde zeigen, dass sie deren Verlauf als Beobachter und Beteiligte erleben und wiedergeben können.

Falk äußert sich zur Geschichtslehrerin, die er als „neue Geschichtslehrerin“ (Interview mit Falk, Z 6) benennt. Sie ist besser „als die anderen Geschi“ (ebd., Z 7). Während bei den Geschichtslehrern zuvor entweder nur Filme gesehen und/oder „fast nur g'schrieben“ wurde (ebd., Z 13), beteilige man sich jetzt auch am Unterricht. Er ist „nicht so (.) langweilig“ (ebd., Z 15). Er nennt – auf Nachfrage – den Aufbau der Stunde und gibt an, dass zunächst eine Wiederholung vorgenommen und dann von den Schülern die schriftliche Zusammenfassung der Szenen erwartet wurde. Er schlägt vor, den Film insgesamt zu zeigen und erst dann eine Inhaltsangabe zu schreiben (ebd., Z 185-187). Auf die Frage, warum die Lehrerin den Film zeigt, führt er aus, dass hier die Situation der Jugend zum Thema würde. Die Swing Boys mussten etwas heimlich machen und sich wehren (ebd., Z 63-68).

In Ingos Rekonstruktion der Geschichtsstunde steht das Anschauen des Films im Mittelpunkt, was er positiv bewertet (Interview mit Ingo, Z 10). Die Lehrerin hatte Geburtstag, der Film musste zusammengefasst werden. Nach seiner Einschätzung wurde kein neuer Stoff besprochen (ebd., Z 33-34). Ingo führt aus, dass er das Diktieren von Stoff oder das Schreiben und Abschreiben blöd findet. Er wünscht sich ein Quiz im Unterricht.

Claus bewertet die vorangegangene Geschichtsunterrichtsstunde als „nicht so anstrengend, weil wir haben heut an Film ang'schaut“ (Interview mit Claus, Z 8) und als „angenehm“ (ebd., Z 9). Er benennt das Vorgehen im Unterricht, nämlich das mehrmalige Stoppen des Films, das Klären, worum es jeweils ging, das Zurückspulen und wiederholte Ansehen einzelner Szenen und das Aufschreiben. Claus geht – auf Nachfrage der Interviewerin – darauf ein, warum die Lehrerin den Film zeigt. Die Lehrerin will den Schülern klarmachen, „wie, also wie das damals gelaufen ist. Wie eigentlich grausam das war“ (ebd., Z 62-63).

Arne gibt an, wie in dieser Stunde vorgegangen wurde. Das Anschauen wurde unterbrochen, indem der Film gestoppt und die Ereignisse aufgeschrieben wurden. Dabei wurden einige Szenen wiederholt und die Namen der beteiligten Personen genannt. Unter der Perspektive, ob ihn der Inhalt interessiere, führt er – mit Blick auf die Dramaturgie des Unterrichts – aus, dass „Filme Anschau'n is (.) an sich

{lächelnd:} in der Schule ganz lustig“ (Interview mit Arne, Z 174) und dass der Film von Jugendlichen handelt, „des is auch, (besser), des passt eh für uns“ (ebd., Z 179-180). Im Gespräch über den Unterricht führt Arne an, dass er das Betrachten von Filmen, das Anfertigen von Referaten und Plakaten durchaus akzeptiert. Referate durch Gleichaltrige hält er für sinnvoll, weil dann besser zugehört würde. Sie sind nützlich: „Ja, also wenn er (..) im (..) vom Thema wirklich was weiß“ (ebd., Z 291) „und's gut erklären kann, (..) dann >{lächelnd:} (.) kann i sicher was lernen“ (ebd., Z 293). Damit markiert er die sachlichen Voraussetzungen dafür, dass aus Schülerpräsentationen gelernt werden kann.

Mit Blick auf das Unterrichtsskript gibt Bert an, dass der Film gezeigt, gestoppt und von den Schülern in Stichworten Notizen dazu gemacht wurden. Bert geht indirekt auf die ästhetischen Mittel des Films ein. „Und, also, wenn ma je also (..) der Hintergrund wär' zu der Geschichte eigentlich, dass es alles, also relativ dunkel is, und düster, und eigentlich eher mehr (.) furchterregend is und (.) also nicht so wirklich vertrauenserregend (.) wäre“ (Interview mit Bert, Z 149-152). In Berts Sprache „vertrauenserregend“ statt „vertrauenserweckend“ spiegeln sich Momente des Erlebens und wie sie durch filmische Mittel erzeugt wurden. Bert nimmt das Stichwort der Interviewerin „Stimmung im Film“ auf (ebd., Z 154) und führt aus,

„Dass man da schon, dass da irgendwas (.) Schlimmes passieren wird“ (ebd., Z 156). Er verweist auf die Bilder: „Eigentlich die, (.) also Bilder, die (.) da sind“ (ebd., Z 158). Bert bewertet positiv, dass im Geschichtsunterricht der Film gezeigt wird und dass die Lehrerin „nicht alles erklärt, sondern dass sie uns das durch einen Film zeigt, wie das damals war“ (ebd., Z 45-46). Er ordnet das Geschehen moralisch ein: „Und dass es eigentlich relativ erschreckend is, was die da also früher wirklich alles g'macht haben mit den Leuten“ (ebd., Z 48-49).

Bert ist der Meinung, dass es besser wäre, den Film insgesamt zu sehen und

„danach eigentlich so wie eine Art Nacherzählung“ (ebd., Z 378-379) zu schreiben.

„ma hackt es immer wieder so, (.) man reißt es dann nämlich irgendwie aus dem Zusammenhang. […] Und muss dann aber immer wieder so (.) dann einen Zusammenhang bilden, wenn man die Sätze schreibt, weil man ja nicht (..) immer nur für'n jeden Augenblick einen Satz schreiben kann“ (ebd., Z 386-391). Bert gibt ein Beispiel aus dem Religionsunterricht, wo ein Film insgesamt angeschaut wurde und anschließend ein Fragebogen bearbeitet werden musste. In Auseinandersetzung mit Berts Notizen, die von der Interviewerin fragend bewertet werden (ebd., Z 436-437), setzt sich Bert mit dem Arbeitsauftrag auseinander: „Vor allem am Ende hätt ich's eben alles z'sammenge' fasst und nicht so (.) in Freundschaft und Nationalsozialismus auf´teilt {lächelnd:} was sowieso irgendwie a bissl hirnrissig is“ (ebd., Z 441-444). Als die Interviewerin am Ende des Interviews fragt, ob im Unterricht wohl darüber gesprochen werden wird, „Was man da heute noch mit zu tun hat“ (Interviewerin in ebd., Z 308-309), verneint Bert und vermutet: „Na, das dürften wer (wahrscheinlich) erst nach'm Film machen. […] Wenn überhaupt“ (ebd., Z 313-315).

Die Schüler können Vermutungen darüber äußern, warum der Film „Swing Kids“ ausgewählt wurde, thematisiert er doch (nach Falk oder Arne) die Situation der Jugend und zeigt, „wie das damals gelaufen ist“ (Interview mit Claus, Z 62) oder

„wie das damals war“ (Interview mit Bert, Z 46). Bert hebt ab auf das Stimulieren einer bestimmten Art des Erlebens durch die gewählten filmischen Mittel (ebd., Z 149-152). Bert moniert das gewählte Vorgehen, sowohl die Aufforderung, die Notizen in zwei Spalten anzuordnen wie die Aufforderung, einen Zusammenhang herzustellen, der durch das häufige Stoppen selbst zerrissen würde. Ein Schüler meint, dass die gezeigten Szenen keinen neuen Stoff angeboten hätten. Die Schüler sind bereit, die ihnen bekannten oder von ihnen selbst vertretenen moralischen Bewertungen des Nationalsozialismus zu artikulieren. Hier zeigen die Schüler ihre didaktische Kompetenz, wenn sie sich zu den vermuteten Zielen des Unterrichts, zum Unterrichtsskript und seiner Eignung äußern.

7.2.2 Was gelernt werden konnte und was nicht

Falk gibt an, dass er vorher nichts darüber wusste, „dass die Musik und so alles nicht erlaubt war. (.) Also (.) dass man nur bestimmte Musik hören hat müssen. (..) Hat dürfen“ (Interview mit Falk, Z 79-81). Mit Blick auf den Film verdeutlicht er, dass die Swing Kids und die Gegner der Nationalsozialisten „immer aufpassen“ (ebd., Z 261), „sehr vorsichtig sein“ (ebd., Z 262) mussten, „weil […] man is dann sofort ins Arbeitslager gekommen, wenn man nicht wen gekannt hat“ (ebd., Z 261-264) und man „in Angst gelebt“ hat (ebd., Z 273). Falk markiert auch Aussagen aus dem Film, die undeutlich blieben. Auf die Nachfrage der Interviewerin zum Thema „Helfen“ führt er aus: „Ja. (.) ja, also man hat am Anfang gesehen, dass die Mutter geschlagen worden is. (.) Un-d (.) dann hat er zu ihr gesagt, ja (.) ähm dass jetzt da, jetzt muss man absolut treu sein, und (.) er kö| er könnte ihr helfen, (.) also, dass ihr nichts passiert, (.) aber …“ (ebd., Z 95-98). Auf die zweifache Nachfrage der Interviewerin

„Und warum muss man absolut treu sein?“ (ebd., Z 99, 102) führt Falk aus: „Äh, das is nit g´sagt worden. Also (.) das is von den Nationalsozialisten“ (ebd., Z 103). Falk geht davon aus, dass sie das Thema behandeln, „dass so eine Situation nicht mehr passiert“ (ebd., Z 112-113).

Ingo erklärt der Interviewerin auf Nachfrage zum Filmeinsatz: „Und was hat das mit'n Unterricht zu tun?“ (Interview mit Ingo, Z 44-45), dass „die Zeit vom (.) Hitler“ das Thema sei und „a passender Film dazu“ (Z 46-47) gezeigt wird. Der Film zeigt „Widerst“, wie sie „g´lebt hab'n zum Zeit vom Zweiten Weltkrieg“ (Z 49-50). Die genaue historische Einbettung (Hamburg 1939) erfolgt nicht. Auf die Frage der Interviewerin: „Und was ist dann mit den Juden? (.) Was habt's da (..) besprochen? Oder… „ (ebd., Z 57), gibt Ingo an, dass im Unterricht „net so viel dazu g´macht“ wurde (ebd., Z 58). Jedoch führt er aus, „wie (sicher) jeder waaß also (.) san die Juden, einfach sehr stark verfolgt word'n von die Nazis und von (.) Hitler ja“ (ebd., Z 58-60). Auf Nachfrage nach dem Sinn gibt Claus an, dass sie etwas erkennen sollen:

„keine […] Späße machen soll, weil es einfach nicht witzig is“ (Interview mit Claus, Z 67-68), dass man „mit der Sache ernst umgehen“ soll (ebd., Z 71), dass vermieden (!) werden soll, „dass das nie wieder vorkommt“ (ebd., Z 74). Er führt aus: „da is a (.) Weltkrieg raus´kommen. (.) Und (.) des is net so a tolle Sache“ (ebd., Z 76-77), jedoch sieht er keine Bezüge zum eigenen Leben (ebd., Z 81). Mit Blick auf die Frage, was er Neues gelernt habe, sagt er: „des mit den Swing Kids, das hab i (.) noch nicht g'wusst […] Und (…) sonst hab ich eigentlich eh schon alles g'wusst“ (ebd., Z 86-88).

Arne betont, dass der Film zur nationalsozialistischen Zeit spielt (Interview mit Arne, Z 27-28) und dass Hitler regierte (ebd., Z 30). Er erklärt, dass Peters Mutter

„halt von so' an Nazi ähm nk| also geschlagen und hab´n halt a Auseinandersetzung.“ (ebd., Z 52-53). Auf die Frage der Interviewerin: „Wieso?“ (ebd., Z. 54) antwortet Arne: „Ähm, ja, das hab'ns net g'zeigt, aber […] es war halt a Auseinandersetzung und dann is der Sohn von (.) ihr 'kommen und der hat (.) si halt an g´holfen und is halt auf den Nazi losg'angen“ (ebd., Z 55-58). Auf die Frage der Interviewerin: „Und was habt ihr dann in der Stunde in der, in der Stunde d-amit gemacht, mit dem Film?“ (ebd., Z 84-85) versucht er eine vorsichtige Einordnung des Films auf dem Hintergrund seines eigenen Verständnisses. Der Film spielt in der „Nazizeit“ (ebd., Z 86). Die Schüler sollen „halt a bissl verstehen, wie dort die Zeit war“ (Interview mit Arne, Z 88). Als die Interviewerin fragt: „Was haste denn durch den Film (.) darüber verstanden? Kannste das sagen?“, antwortet Arne, dass es „also falsch ist

{lacht} ähm die Rassenfeindschaft“ (ebd., Z 92-93), dass „einer von den Swing Boys […] zur anderen Seite g'wechselt hat“ (ebd., Z 94-95) und „dass ma (.) halt net si so überreden lassen soll, dass ma zu der falschen Seite wechselt“ (ebd., Z 98-99). Er erklärt auf Nachfrage durch die Interviewerin: „die falsche Seite sind die Nazis, weil die (.) mit Vorurteile reagieren und gegen alle (andren/Andren) (.) Ausländer oder also rassenfeindlich sind“ (ebd., Z 102-104). Auf die Frage der Interviewerin, ob Arne was Neues gelernt habe (ebd., Z 158), führt er aus, dass er nun weiß, wie das „Leben (.) in der Zeit ausg'schaut hat“ (ebd., Z 161) und wie verdeckt die Swing Boys „leben hab'n müssen, dass sie die Musik hören“ (ebd., Z 163-164).

Auf die Frage, ob man durch den Film lernen kann, stellt Bert dar, dass es verschiedene Sichtweisen gibt: „Weil manche ja sagen: Ja, super, der Hitler war toll, es war a (.) guter Mensch, (.) der hat eigentlich richtig gut g'handelt. Und die anderen sagen aber wiederrum: Na, der war (.) einfach nur (.) doof in der Birne.“ (Interview mit Bert, Z 103-105). „Und so lernt man aber eigentlich des, was wirklich da war“ (ebd., Z 108). Bert spricht nicht von „Geschichte“, sondern von Geschichten, die sich im Verlauf von Erzählungen verändern: „und dann (.) gibt's immer wieder die verschiedensten Meinungen dazu. […] Und dann geht das immer weiter auseinander. […] Und (.) zum Schluss, wenn man dann der Hundertste is, der das hört, […] dann (.) weiß man schon nicht einmal mehr, wo, wie das an' fangen hat überhaupt“ (ebd., Z 116-124). Bert hebt darauf ab, dass es hier viele Konstruktionen gibt, die über erzählte Geschichte vorgenommen werden und mit Meinungen vermischt sind, und dass auch in der Schulklasse unterschiedliche Meinungen vorhanden sind (Z 129-130). Daher setzt er darauf, dass der Spielfilm nun eine Darstellung bringt, der er vertrauen kann.

Die Schüler nennen die Informationen des Films, die für sie neu waren. Dabei heben sie vor allem darauf ab, dass es Verbote gab, eine bestimmte Musik zu hören

(Interview mit Falk, Z 79-81), dass man daher „immer aufpassen“ und „sehr vorsichtig“ sein musste und dass man in Angst lebte, weil man ins Arbeitslager kommen konnte (ebd., Z 261-264). Die Schüler geben Aussagen wieder, deren Duktus sie nicht automatisch als ‚nationalsozialistisch' erkennen und die sie auch nicht per se kritisieren können. In ihren Ausführungen verweisen sie darauf, dass sie die Swing Kids mit Hitler und Hitler mit der Judenverfolgung in Verbindung bringen. Sie argumentieren auf einer allgemeinen Ebene, lehnen „Rassenfeindschaft“ ab. Sie führen aus, dass das Thema ernst sei, man keine Späße darüber machen dürfe und dass sich die Ereignisse nicht wiederholen dürften. Auch wenn sie einige Phänomene aus der österreichischen Gesellschaft (Ausländerfeindlichkeit) auf Nachfrage der Interviewerin in Beziehung setzen (Interview mit Bert, Z 340-351), sehen sie im wesentlichen wenig Bezüge zum eigenen Leben (Interview mit Claus, Z 81).

 
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