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10.3 Das Pastiche Los Angeles der Stadtlandhybrid als Eintopf

Ein Siedlungsgefüge als Eintopf zu beschreiben, mag bei erster Betrachtung als ungewöhnlich erscheinen, doch weist die Metapher des Eintopfes in vielerlei Hinsicht auf Charakteristika des Stadtlandhybriden Los Angeles hin: Im Eintopf finden sich Zutaten unterschiedlicher Konsistenz, von einer zähflüssigen Grundmasse über undeutlich konturierte Einheiten bis hin zu klar begrenzten Stücken, alles in unterschiedlicher räumlicher Ausdehnung. Der Eintopf stellt eine Metapher dar, der die für Los Angeles typische Verhinderung räumlicher Kristallisierung von Geschichte und Gedächtnis (Assmann 2009: 16) verdeutlicht. Die zähflüssige Grundsubstanz verweist dabei auch auf den hohen Grad an Unsicherheit (hinsichtlich der Bedrohung von sozialen Abstiegen), aber auch physisch auf die bei Erdbeben zu Resonanzeffekten neigenden Sedimente im Becken von Los Angeles. Wird der Metapher des Eintopfes für den Stadtlandhybriden gefolgt, lassen sich zahlreiche Kompartimente (in Anlehnung unter anderem an Graham/Marvin 1996, Hall 2000, Kunzmann 2001, Keil 1993 und 1998, Davis 2003) fassen, deren geschmackliche Abstimmung einen besonderen, toleranten Zugang benötigt:

1. Die Beschreibung auf der Speisekarte repräsentiert den ersten hyperrealen Schleier: Den Tourismus, der die Orte gesellschaftslandschaftlicher Stereotypen konstruiert. Besondere Bedeutung hat dabei Hollywood, das sich vor der Konfrontation der eigenen Bedeutungslosigkeit jenseits der Simulacra ängstigt (Page 1995).

2. Der Duft: Dieser versinnbildlicht eine zweite Hyperrealität, nämlich die sozialen Stereotype, Zuschreibungen und Erwartungen zum Stadtlandhybriden (landschaftlich gefasst als Teil der gesellschaftlichen Landschaft). Sie werden zumeist in medialen Repräsentationen erzeugt und stellen eine Erwartungs- und Bezugsgröße des Umgangs mit der Synthese physischer Objekte zu angeeigneter physischer Landschaft des Stadtlandhybriden dar.

3. Die Texte der Restaurantkritik: Sie repräsentieren den dritten hyperrealen Schleier, den der räumlichen Metaphorik (Zukin 1991) der wissenschaftlichen Behandlung. Er ist auch als Angst zu verstehen, den Mainstream des wissenschaftlichen Geschmacks scheinbar nicht zu verlassen, sich aber doch leicht distinktiv von ihm abzuheben. Zugleich ist die wissenschaftliche Semantik anschlussfähig für Politik, Ökonomie und Kultur, wodurch sie in der Lage ist, Wahrnehmung zu steuern.

4. Die Bockwurst: Die Welt-Stadt-Zitatelle Downtown L. A. (Keil 1993) dominiert symbolisch den Stadtlandhybriden und wird ständig von Angst vor Ausweichung durch die Grundmasse von Edgless Cities bedroht und wird durch Sojasauceninjektionen (japanischer Investoren) geschmacksintensiviert.

5. Die Blutwurststücke: Edge Cities leben in ständiger Angst vor der neuen Edge City

und der Grundmasse der Edgless Cities.

6. Die Shrimps: Sie repräsentieren die Refugien der Hochkultur, die in ständiger Angst vor der Entwertung durch den mittleren Geschmack leben.

7. Die Bröckchen aus der Molekularküche: Sie stellen eine Metapher für die ScienceInseln im Stadtlandhybriden. Sie umfassen Hochschulen wie die sie umlagernden Standorte kommerzieller angewandter Forschung, die in einem globalen Wettbewerb und einer unsicheren ökonomischen Umwelt strategische Vorteile sichern sollen und in ständigem Konkurrenzdruck um die neueste Technologie stehen (Malecki 1991, Knox/Agnew 1994).

8. Die ungaren und öligen Spaghetti: Sie repräsentieren die linearisierten Nicht-Orte des Transportes (Augé 2011, zuerst 1992), das Öl als rutschige Zutat stellt eine Metapher für die Angst vor dem Anderen dar. Häufig sind sie von undefinierbaren Kräutern als den spam-scapes umgeben.

9. Die verbliebenen Knochen: Sie repräsentieren die altindustriellen Reste und symbolisieren eine vergangene moderne Festigkeit sozialer und ökonomischer Strukturen.

10. Die Kürbisstücke: Sie finden sich in unterschiedlicher Konsistenz frisch und gut vom Umfeld abzugrenzen, repräsentieren sie die Gated Communities als die Gärten der verschlossenen Sehnsucht; in unterschiedlich ausgekochter Form symbolisieren sie die übrigen Wohnsiedlungen. Alle sind geprägt von der Sehnsucht nach Komplexitätsminderung und die Angst vor dem sozialen Abstieg, dem Verlust von stadtlandschaftlicher Schönheit im Umfeld, allem, was im Umfeld Komplexität steigert (metaphorisch: Angst vor dem weiteren Auskochen).

11. Die Glückskekse: Sie repräsentieren die Konsumparadise, die Shopping Malls, Urban Entertainment Center und Sportstätten, die Orte des allgemeinen Glücksversprechens, auch durch Selbstbestätigung (in der Fähigkeit, zu konsumieren und zu erleben), mit dem allgemeinen Versprechen künftiger Befriedigung sozial definierter und stereotyper Wünsche. Dabei handelt es sich um eine Glückserwartung, die selten eingelöst wird (ähnlich der Prognosen der Zettel in den Glückskeksen), aber dann von nächsten Glückserwartungen abgelöst wird.

12. Die Petersiliendekoration: Sie repräsentiert das von Kunzmann (2001) so genannte

Arcadia, lieblich-kultürlich bis erhaben-natürlich konzipierte Fluchtpunkte aus der Alltagswelt. Sie stellen Fluchtpunkte der Sehnsucht dar und sind physische Restflächen einer angeeigneten physischen Landschaft, in denen alte gesellschaftlich-landschaftliche Stereotype von Südkalifornien (Garten Eden für jedermann in vielfältiger, zumeist arkadischer landschaftlicher Umgebung) oder die angeeignetphysischen landschaftlichen Kulissen für neue (Selbst)Stereotypisierungen (insbesondere in Bezug auf sportliche Aktivitäten) zentriert sind. Sie lassen sich als Orte (einer zumeist unvollkommenen) Entschleunigung (vgl. Rosa 2005) bzw. der (innerhalb sozialer Normen vollzogenen erweiterten) Eigenbestimmtheit (Beispiele sind Parks oder Strände) beschreiben. Die gesellschaftlich-stereotypen Erwartungen an die angeeigneten physischen Landschaften werden nur selten und unvollständig erfüllt (insbesondere aufgrund der zu großen oder mangelnden Co-Präsenz anderer Menschen).

13. Die nicht zermahlenen Pfefferkörner: Sie repräsentieren die Nischen der für den Produktions- und Konsumprozess Überflüssigen, in ständiger Angst vor der Repression. Die Nischen der Überflüssigen symbolisieren in ihrer Einfachkodierung die pure Angst, sie sind nicht inszeniert und repräsentieren in einer postmodernen Welt des Hyperrealen somit in ihrer puren Existenz die Anästhetik der Angst. Diese Anästhetik der Angst resultiert in der Konfrontation mit dem Ordnungsstreben des mittleren Geschmacks einerseits, aus der offenkundigen Abweichung, andererseits gesteigert durch die Immobilien- und Wirtschaftskrise der Fragilität und Fremdbestimmtheit des eigenen symbolischen Kapitalbestandes (vgl. auch Allen 1999, Davis 2007).

14. Die Mélange unterschiedlicher, zerstäubt aufgetragener Essigsorten: Sie repräsentiert die vielen Bühnen des alltäglichen Theaters, die auch von der Angst geprägt sind, sich nicht in Nuancen von anderen abheben zu können.

15. Das gelöste Salz: Dabei handelt es sich um eine Metapher für die Kriminalität; sie bietet die Grundlage für einen allgemein sozial verfügbaren und ständig medial aktualisierten moralistischen Code. Kriminalität definiert über ihren Devianz-Status ständig die Grenzen (und bisweilen Ränder) sozialer Normen.

16. Die Salzkörner: Dabei handelt es sich um Vollzugskomplexe (insbesondere Gefängnisse). Sie lassen sich als Kondensationspunkte der Angst vor der Devianz beschreiben.

17. Die Löffel: Sie verweisen auf die Aerovilles (Kunzmann 2001), die Orte des möglichen Absprungs, sie sind gekennzeichnet von der ständigen Angst, zu spät zu kommen. Sie sind die Brennpunkte der Widersprüchlichkeit der Angstkommunikation: Es handelt sich einerseits um die internationalsten (Nicht-)Orte der Stadtlandschaft, andererseits stellen sie Schwerpunkteder Angst um den Erhalt der Physis dar.

18. Die sich unterschiedlich lang auf dem Eintopf niederlassenden Insekten: Diese stellen metaphorisch die Kolonien auf dem Absprung in unterschiedlicher Ausprägung dar: Kurzfristig vermietete Luxusappartements und -hotels auf der einen Seite, mittlerweile billige Hotels und Motels zur wochen- und monatsweisen Vermietung und Wohnwagensiedlungen. Sie alle haben die Angst gemein, das Leben könnte woanders mehr bieten, was dazu führt, das es unter einem Kurzfristigskeits regime mit einer ständig präsenten Exit-Option zu anderen Orten (und sozialen Gefügen) geführt wird.

Um die Stadtlandhybridität noch stärker zu verdeutlichen, lässt sich der Eintopf auch nicht begrenzt gefasst in einem Topf oder Teller vorstellen, sondern auf dem Boden ausgebreitet.

Der dargestellte Eintopf ist durch Vielfalt und unterschiedliche innere Konturiertheit, durch olfaktorische Expansion, gekennzeichnet, entzieht sich aber dem modernistischen Geschmack der Abgestimmtheit. Anders ausgedrückt ist der postmoderne Stadtlandhybrid Los Angeles eine Simulation, ein physischer Raum, eine angeeignete physische Landschaft, eine gesellschaftliche Landschaft u. a., in der die modernistische Maschine der Kontingenzvernichtung teilweise nicht mehr greift (z. B. Altindustrialisierung), teilweise bewusst außer Funktion gesetzt wird (beispielsweise eklektizistische Architektur), teilweise jedoch unter größtem Einsatz symbolischen Kapitals (teilweise) in Betrieb gehalten wird (z. B. in der Abgrenzung der Gated Communities). Gemeinsam ist den Elementen des Eintopfs die Angst, dass sie nach der Pfeife einer einzigen, der ohnehin schon überall herrschenden Sprache des exaltierten Konsums [tanzen] (Welsch 2006: 74), ob nun unmittelbar als Folge, wie die Konsumparadiese, oder als Nebenfolge in den Nischen des Überflüssigen. Konsum er kann letztlich als der Koch des Eintopfs gedeutet warden[1] ermöglicht die Darstellung sozialer Distinktionen und verbindet damit soziale mit kulturellen und ökonomischen Aspekten. Er wird zu einem zentralen (räumlich organisierenden) Indikator postmoderner Patchworkidentitäten.

Der Eintopf des postmodernen Pastiches von Los Angeles lässt sich auch als Eintopf der Heterotopien (Foucault 2005) lesen: Infolge der Fragmentierung der regionalen Gesellschaft des Stadtlandhybriden gibt es aufgrund der Zurückdrängung des öffentlichen Raumes keine (oder vielleicht nur wenige) Teilräume, die für alle Bevölkerungsteile als nicht heterotop zu bezeichnen sind. Selbst die omnipräsenten Straßen sind für die Ausgeschlossenen, die nicht automobil sind, Räume, deren Heterotopie sich auch in Lebensgefährlichkeit manifestiert. Heterotopie wird milieuspezifisch.

  • [1] Für diesen symbolischen Bezug danke ich Antje Schönwald.
 
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