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10 Ästhetische Zugänge zum Stadtlandhybriden Los Angeles

Zum Abschluss der vorliegenden Arbeit wird noch einmal das Thema Ästhetik aktualisiert. Zunächst wird die Dokumentation einer kontemplativen Betrachtung im Stadtlandhybriden präsentiert. Es handelt sich dabei um einen kognitiv niederschwelligen Zugang an einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, in dem weitmöglichst uninterpretiert Ereignisse dokumentiert werden. Daran anschließend werden mit einer Deutung wesentlicher symbolhaft besetzter Objekte in der Diskussion um Los Angeles (gemäß dem Modell der Kritik) implizite und explizite landschaftliche Zuschreibungen untersucht. Abschließend soll der Stadtlandhybrid Los Angeles mit einer zu bisherigen Deutungen alternativen Metapher beschrieben werden: dem Eintopf.

10.1 Versuch einer Kontemplation

10.1.1 Vorbemerkungen zur Kontemplation: theoretischer Kontext und Überlegungen zu ihrem Ort und ihrer Zeit

Die Kontemplation spricht alle Dinge nur mit ihrem einfachsten Namen an und überlässt ihnen die Antwort ihrer unaussprechlichen Erscheinung (Seel 1996: 51). Damit stellt die sprachlich gefasste Kontemplation eine Möglichkeit dar, mit geringem Abstraktionsgrad Wahrnehmung intersubjektiv zugänglich zu machen. Allerdings widerspricht die Wiedergabe der Kontemplation mit Worten (eigentlich) ihrem Prinzip, schließlich ist sie sprachlich wenig artikuliert (Seel 1996: 41), denn es ist ihre Aufgabe, mit dem phänomenalem Geschehen ihrer Gegenstände in Kontakt (Seel 1996: 41) zu bleiben[1]. Die sprachliche Fassung von Kontemplation bedeutet eine Erhaltung individualisierter Gegenständlichkeit: Sie behält das Resultat dieser Individualisierung bei, löst es aber aus allen funktionalen Bestimmungen heraus. Sie bildet damit einen doppelten Kontrapunkt zum vorangegangenen Kapitel: Einerseits wird der synthetisierend-abstrakten Befassung mit simulacrischen L. A.-Beschreibungs- und Konstitutionsprodukten eine Beschreibung mit niedrigem Abstraktionsgrad entgegengesetzt, andererseits befasst sie sich mit einem öffentlichen Alltagsleben, das in keinem der betrachteten Produkte Erwähnung findet.

Die Auswahl einer Straßenkreuzung für eine kontemplative Betrachtung erscheint ungewöhnlich, stehen üblicherweise als natürlich beschriebene Orte im Zentrum kontemplativer Betrachtung. Diese Einschränkung entspringt jedoch Konventionen und Stereotypen, schließlich ist schlechthin alles [] kontemplativ erfahrbar, sofern nur die Wahrnehmenden zu diesen Objekten und in diesen Umgebungen die entsprechende Distanz aufbringen können und wollen (Seel 1996: 63). Mit der kontemplativen Einstellung kann alles und jedes [] so wahrgenommen werden, als ob es Kunst wäre (Seel 1996: 161). Gerade wenn alltägliches Leben einer geringabstrahierten Schilderung unterzogen werden soll, sollte der Ort ein Repräsentant des (zugänglichen) Alltaglebens sein, schließlich besteht durch die Kontemplation die Möglichkeit, Zugang zu einer Welt zu erhalten, in der auf einmal das beachtenswert wird, was sonst nicht beachtenswert ist (Seel 1996: 63). Die Wahl des konkreten Ortes ergibt sich aus dessen Allgemeinheit bei einer gleichzeitig signifikanten Abweichung: Es handelt sich um eine Kreuzung zweier für den örtlichen und (aufgrund der weitgehenden Erschließung der Agglomeration durch Freeways eingeschränkt auch) für den überörtlichen Verkehr, wie sie in ähnlicher Konstellation von Gebäuden und Funktionen häufig in Südkalifornien (und darüber hinaus) anzutreffen ist. Der wesentliche Unterschied zu anderen Kreuzungen ist die Haltestelle einer der sieben Metrolinien (hier der Blue Line von Downtown L. A. nach Long Beach). Durch die Besonderheit der Metrostation erhielt das Geschehen auf der Kreuzung einerseits eine (zur in der Richtung wechselnden Automobilverkehr) zusätzliche Rhythmik, andererseits deutet sie (in vorkontemplativer Reflexion gemäß dem ästhetischen Modell der Kritik) eine mobilitätsbezogene Kontingenzzunahme in Form eines alternativen Verkehrsträgers an. Der frühe Freitagabend stellt eine anomale Kategorie (Fiske 2003: 51) dar. Er lässt sich als Hybrid der ausklingenden (Arbeits-)Woche und des beginnenden Wochenendes verstehen. Auch wenn die zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Nicht-Arbeit die Grenze von Arbeitswoche und Wochenende unterminiert, ist doch durch den für unterschiedliche Personen zeitlich differenzierten Übergang von Tätigkeiten im Kontext von Arbeit und Nicht-Arbeit mit Handlungen zu rechnen[2].

  • [1] Sprache klassifiziert, ordnet und verweist, womit sie ein voraussetzendes Medium des Begreifens wird. Genau dies ist dem Wesen der Kontemplation fremd, sie ist in ein Gerade-so-sein (Seel 1996: 42) vertieft Dieses Gerade-so-sein nimmt sie auf: Nichts weiteres, nichts Allgemeines (Seel 1996: 42). Sprache stellt ein Mittel der Verallgemeinerung und Klassifizierung dar.
  • [2] Im Sinne einer ausführlicheren Kontemplation wäre es sicherlich lohnenswert, die Kontemplation an unterschiedlichen Wochentagen und zu unterschiedlichen Uhrzeiten zu widerholen. Eine solche ausführliche kontemplative Betrachtung würde allerdings der hier verfolgten Funktion einer Kontrastierung des Simulacrischen nicht gerecht werden. Um den Charakter größtmöglicher Unmittelbarkeit nicht zu unterwandern, wird auf eine Interpretation der Kontemplation verzichtet.
 
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