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9.4 Die mediale Inszenierung des Stadtlandhybriden Los Angeles ein vorläufigen Fazit

Die filmische Inszenierung und Konstruktion von Welt ist Teil der Beschleunigung des Alltags, die auch in der Nutzung des Automobils angelegt ist, nicht umsonst nennt Paul Virilio (1978: 19) das Automobil einen Projektor, dessen Geschwindigkeit wir mit der Schaltung regeln. Die für die individuelle Konstruktion von Landschaft heranziehbaren physischen Objekte werden infolge der Geschwindigkeit weniger detailliert und nach individueller aktualisierter, gesellschaftlich definierter Relevanz herangezogen. Die sich in einem rekursiven Normalisierungsverhältnis vollziehende Zunahme der Geschwindigkeit in Film und individueller Fortbewegung mindert die Verbreitung eines kontemplativen Zugangs zu Welt. Sicherlich steigert die weitgehende Verweigerung der Beschleunigung im Film Twentynine Palms von Bruno Dumont dessen Potenzial existenzialistisch-verstörend zu wirken.

Sowohl die Filme als auch die YouTube-Videos dokumentieren in überwiegender Mehrzahl außeralltägliche Inhalte. Sie lassen sich als Dokumentationen des Außergewöhnlichen (und damit als Differenzbeobachtung zum eigenen Alltag) verstehen: Das Finden der großen Liebe, Vergewaltigung, Zukunftsvisionen, Einfinden in eine neue Lebenswelt, Scheitern einer Liebe, eine Reise nach LA, Kriminalität (dargestellt als Devianz von der gesellschaftlichen Norm), Konzerte und Sportereignisse werden von Filmproduzenten und YouTube-Videoeinstellern als interessant erachtet. Dokumentationen über die eigene Lebenswelt sind (bei YouTube-Einstellern) nur dann zu finden, wenn Komponenten als normwidrig erachtet werden (wie der Zustand gridlocked im Stau zu sein).

Insgesamt ist eine stark selektive Stereotypisierung von Los Angeles in den untersuchten Medieninhalten festzustellen:

t Los Angeles wird als vertikal orientierte Metropole über riesige Freeways erschlossen, mit unendlich scheinenden Stränden und dem glamourösen Filmzentrum Hollywood inszeniert.

t Los Angeles wird als metropolitane Wüste, alternativ als metropolitaner Dschungel dargestellt.

t Los Angeles fungiert als Kapitale der Gewalt, des Verbrechens, der Hoffnungslosigkeit und der Gangs.

t Los Angeles gilt als Differenzmodell für das ländlich (als eher beschaulich) stereotypisierte postsuburbane Leben, es wird als Metropole konzipiert, die von ihrem suburbanen Umland geschieden wird.

t Los Angeles wird häufig gemäß dem Ostküstenstereotyp [beschrieben], nach dem Los Angeles die historische Tiefe in eine pure Gegenwart verflacht (Schöpp 1994: 142).

t Los Angeles wird als Stadt sportlicher Erfolge inszeniert.

t Der Stadtlandhybrid wird als Patchwork identifizierbarer Einheiten (und nicht etwa als Konglomerat von Edgeless Cities) beschrieben.

t Eine Darstellung der problembelasteten Interaktion Mensch-Umwelt erfolgt nur in Bezug auf seismische Aktivitäten, die Wasser- und Luftbelastungsproblematik findet keine Behandlung.

Insbesondere bei den ausgewerteten YouTube-Videos wird auf eine Kombinierung und Ironisierung dieser stereotypen Los Angeles-Deutungen verzichtet, während eher professionell erzeugte Spielfilme (insbesondere Pulp Fiction) mit diesen Raumstereotypen ironisierend spielen oder sie hinterfragen (Pretty Woman). Auch wenn der Stadtlandhybrid ein differiertes physisches Muster produziert, wird die Idee von Downtown Los Angeles als distinkte räumliche Formation und Vorstellung (Amin/Thrift 2002b: 2) nicht untergraben. Insgesamt fi sich postmoderne ästhetische Strukturen deutlich stärker bei professionellen Medienangeboten als bei laienhaften: Hier ist ein gewisses Streben nach Authentizität zu verzeichnen, die sich auch in einer eher laienhaften Umsetzung (wackelnde Kameraführung, Kameras im Bild) dokumentiert[1]. Das große Übergangsspektrum von laienhafter (z. B. dokumentiert durch Filme ohne Schnitte von einer Handkamera) zu professioneller Videogestaltung (z. B. in Filmtrailern) ist ein Beispiel für die postmoderne Differenzierung der Grenzen zwischen Experten- und Laientum. Interessant ist dabei allerdings das modernistische Streben nach Authentizität insbesondere in Produktionen, die eher im laienhaften Bereich der Polarität von professionell und laienhaft zu finden sind. Die Produktion und Diskussion von YouTubeVideos im Internet unterscheidet sich von Hollywoodproduktionen insbesondere in der Frage postmoderner Deutungen. Während sich in den vergangenen Jahrzehnten ein ironischer, bisweilen polyvalenter Bezug zu Welt und damit auch anderen Filmen durchgesetzt hat, sind die YouTube-Videos zumeist modernistisch unironisch und monovalent. Diese unterschiedlichen Bezüge zu Moderne und Postmoderne deuten einerseits auf eine Experten-Laien-Differenz hin, der expertenhafte Diskurs (von Regisseuren, Schauspielern, Kritikern unterschiedlicher Professionalität) steht monovalenten konstruierten Bezügen, Handlungen und Charakteren kritisch gegenüber, während sich Laien nach genau diesen sehnen und sie im Zuge der Popularisierung von Videoerzeugung auch selbst produzieren. Andererseits lässt sich diese Differenz auch mit Medwed (1992) als Diskursabkopplung der Hollywood-Produktion vom Publikum deuten. Während die meisten Amerikaner gottgläubig seien, patriotische Werte verträten, an die Ehe glaubten, Kriminalität ablehnten, kurz, die Werte einer christlich-jüdischen Tradition verträten, seien die meisten Hollywoodfilme durch eine Glorifizierung des Kriminellen jeder Art, skurrile sexuelle Praktiken, Ironisierung von Ehe, Patriotismus und Religion geprägt (vgl. auch Starr 2006). Zwischen filmisch inszenierter und alltäglicher Kriminalität besteht ein rekursives Verhältnis: Filme thematisieren als kriminell klassifizierte deviante Handlungen, während im Streben nach Anerkennung in der für sie relevanten Gruppe (hier der devianten Gruppe der Gang) von Hollywood inszenierte Techniken von deviantem Handeln (wie der Schusswaffengebrauch, während sich der Schütze aus dem Auto lehnt) übernommen werden (Starr 2006).

Die Diskussionen zu den YouTube-Videos gestalten sich hinsichtlich der Darstellung von Los Angeles häufig deutlich differenzierter als die Inhalte der Videos selbst. Dabei weisen dieKommentare zu Videos auf YouTube zu deren Themen häufig nur einen losen Bezug auf. Die Videos werden immer wieder zum Anlass genommen, soziale und politische Fragen (bisweilen mit ökonomischem Bezug) zu diskutieren. Nahezu unabhängig von dem Thema des Videos ergeben sich (vielfach stereotypisierte) Diskussionen mit ethnischem Inhalt. Die Möglichkeit der Anonymität zur Abgabe von Kommentaren zu YouTube-Videos erleichtert dem Wissenschaftler die Rekonstruktion der Residuen der Angst in Bezug auf die Agglomeration von Los Angeles, doch dokumentieren rassistische Beschimpfungen, extremistische politische Propaganda, Gewaltandrohungen und sozialdarwinistische Deutungen mit inhumanen Handlungsempfehlungen einerseits die Zersplitterung der lokalen Gesellschaft (vgl. auch Cannon 1999), andererseits auch die Bereitschaft, eigene Derivationen unreflektiert zu äußern. Außerdem werden bisweilen sachlich die Ursachen und Folgen sozialer Zustände, die als ungerecht bewertet werden, diskutiert. Insgesamt indizieren die Inhalte der Diskussionen zu den

L. A.-bezogenen YouTube-Videos soziale Unsicherheiten und Ängste, deren Folgen und Nebenfolgen sich in den in den vorangegangenen Kapiteln dargestellten physischen Manifestationen dokumentieren.

  • [1] Diese Repräsentanzen von Authentizität werden bisweilen auch durch professionelle Produzenten übernommen, wie bei dem Musikvideo WC This is Los Angeles.
 
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