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9.3.3 Die Inszenierung des Devianten: Videos über Kriminalität, ihre Ursachen, Folgen und Deutungen

Eine völlig andere stereotypisierende Deutung von Los Angeles als in den Reiseführer- und Reiseberichtsvideos wird in den Videos über Kriminalität, ihre Ursachen, Folgen und Deutungen verfolgt. Wird dort Los Angeles als Metropole des Glamours, der weißen Strände und der Freiheit versprechenden Freeways konzipiert (die lediglich durch Kommentare zu den Videos mit alternativen Deutungen versehen wird), ist die Deutung hier eine andere: Los Angeles als Hauptstadt der Gewalt, des Verbrechens, der Hoffnungslosigkeit und der Banden. Die hier besprochenen Videos sind gewaltzentriert und modernistisch um Authentizität bemüht, postmoderne Stilelemente sind ihnen weitestgehend fremd. Bemerkenswert ist der hohe Professionalitätsgrad der Videos (15 der 19 Dokumentationen zur Kriminalität lassen sich als professionell oder an die Professionalität angenähert charakterisieren). Es handelt sich bei den Videos zumeist um Dokumentationen von Fernsehsendern und/oder Dokumentarfilmern. Videoproduktionen von Bewohnern der marginalisierten Quartiere über ihre Lebenssituation finden sich unter den 19 Videos nicht. Möglicherweise erscheint die eigene Lebenswelt als nicht darstellungswürdig, es fehlen die Voraussetzungen an symbolischem Kapital zur Produktion von Videos, die Darstellungen der Offizialkultur werden als hinreichend angemessen empfunden und/oder es wird das Internetvideo nicht als Weg der Kommunikation eigener Deutungsangebote verstanden.

Die für diese Kategorie der Untersuchung konstitutive Darstellung von Kriminalität wird in den untersuchten Videos mit sehr unterschiedlichen Deutungen versehen.

Die Bandbreite des Deutungsangebotes reicht von einem Verzicht auf Kommentare wie bei dem Video mit der laufenden Nummer 19, das ungeschnitten einen Bankraub dokumentiert bis hin zu der neunteiligen Serie Crips and Bloods, in der durchaus mit physischen und verbalen Gewaltszenen versehen die Geschichte der Bandenkriege im Süden von Los Angeles dargestellt und gedeutet wird. Der dominanten Deutung der dargestellten Gangmitglieder der Meisterung des harten Lebens des Ausschlusses durch Eigeninitiative (= Selbstverteidigung) und selektive Vergemeinschaftung (= Gang) wird hier neben der Deutung der prinzipiellen Sinnlosigkeit von Gewalt ein Begründungsmuster geliefert, das im Wesentlichen sozialen Ausschluss, den Verlust von Arbeitsplätzen infolge des Strukturwandels (Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Regulationsregime) und mangelnde alternative Handlungsmuster (insbesondere zu Kriminalität) und Bedürfnis nach Identität thematisiert.

Die Kommentare zu den dargestellten Videos sind zahlreich und repräsentieren zahlreiche teilweise in den Videos nicht dargestellte Deutungsalternativen. Zu dem Video South Central Los Angeles LAPD (laufende Nummer 30), das die in South Central Los Angeles lokalisierte Kriminalität in ihrer Rückkopplung mit Polizeieinsätzen behandelt wurden (bis zum 6. 5. 2011) 1 275 Kommentare abgegeben. Ähnlich der Kommentierung zu der im vorangegangenen Abschnitt untersuchten Diskussion dominieren kurze, prägnante, eindeutig formulierte Stellungnahmen mit geringem Grad an ausgeklügelter Formulierung (viele Tippfehler, vernachlässigte Interpunktion, geringe Berücksichtigung von politischer Korrektheit). Neben allgemeinen Hassparolen gegen Polizei, Regierung, Schwarze, Weiße oder Hispanics finden sich Diskussionsbeiträge zu Ursachen der Bandenkriminalität und möglichen Handlungsoptionen, diese einzudämmen. Joshonthestreet1 verweist in seinem Kommentar auf die zunehmende Arbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren, noizyme weist Gangs eine starke nahezu religiöse Bindungsfähigkeit zu, ramzevans wiederum verbindet die herrschende Armut als Ursache der Kriminalität mit geringer Bildung und mangelnden Aufstiegschancen. JesusManson323 stellt Kriminalität in den Zusammenhang Jahrhunderte andauernder Unterdrückung und Auslösung seiner eigenen (schwarzen) Kultur. Supermancolombian verdeutlich die unterschiedlichen räumlich fixierten Handlungserwartungen, die infolge unterschiedlicher lokaler Ausstattungen und alltagsweltlicher Kontexte einhaltbar seien: So erwarteten ihrer/seiner Auffassung nach weiße Polizisten auch in schwarzen Quartieren ein Verhalten, das sie aus weißen Quartieren gewohnt seien. Im Gegensatz zu schwarzen Quartieren hätten diese allerdings Arbeitsplätze, Naherholungsgebiete und ein großes Angebot personenbezogener Dienstleistungen, woraus sie/er schließt, insbesondere durch Schaffung geeigneter Einrichtungen könne ein schlechtes in ein gutes Viertel verwandelt werden. Diese Überlegungen unterschiedlicher Diskussionsteilnehmer werden immer wieder durch rassistische Parolen gegen Schwarze (und andere nicht-weiße Bevölkerungsteile) durchsetzt. Diese gipfeln in der Forderung von Lavard14, die/der in ihren/seinen Kommentaren unverhohlen für die nationalistisch-rassistische American Third Position Party wirbt und fordert, afro-amerikanische Bandenmitglieder in das subsaharische Afrika auszuweisen, um so Geld (für Polizeieinsätze) zu sparen. Ein Kommentar, der von Schlenzi mit dem Hinweis (versehen mit einigen anti-rassistischen Schimpfwörtern) gekontert wird. Afro-Amerikaner seien genauso in den USA geboren und aufgewachsen (implizit: und damit mit denselben Rechten ausgestattet) wie Lavard14. Hinsichtlich der Handlungsoptionen zur Verringerung der Kriminalität werden von zahlreichen Diskussionsteilnehmern (wie z. B. koreanboi797) verbesserte Zugänge zu Arbeitsplätzen für Schwarze gefordert. SkankinDevil89 hingegen schlägt mit Hinweis auf das Ende der Prohibition (und dem damit in Verbindung stehenden Rückgang der Kriminalitätsrate) eine Legalisierung von Drogen vor. In Betrachtung der Diskussion um Ursachen und Handlungsoptionen in Bezug auf die Kriminalität in der Agglomeration charakterisiert Glyzin Los Angeles mit der (stereotypen) Metapher des Dschungels.

Wenn die Bemühungen, Los Angeles als einen Ort mit hochkultureller Konnotation zu etablieren, durch die mangelnde Einbindung der lokalen und regionalen Künstlerszene behindert wird, gelang es Künstlern am anderen Ende (jenem mit geringer Ausstattung symbolischen Kapitals), aus den Ghettos von Watts und Compton einen spezifischen regional verortbaren Kunst-, in diesem Falle Musikstil hervorzubringen: den Gangsta-Rap als Reaktion auf die hegemoniale WASP-Kultur (Lipsitz 1986, Starr 2006).

Rap (deutsch pochen oder klopfen) stellt eine Musikform dar, die vom Ausdruck des Erlebens von passiver Segregation, Diskriminierung und Gewalt in US-amerikanischen Städten (ursprünglich der South Bronx in New York) zu einem kommerziell erfolgreichen global konsumierten Kulturgut wurde. Afro-amerikanische Sänger verarbeiteten (und verarbeiten) dieses Erleben in den Texten eines rhythmischen Sprechgesangs, der in Los Angeles in den frühen 1990er Jahren zum so genannten Gangsta Rap emergierte, der durch die Sakralisierung von Brutalität, Frauenfeindlichkeit und stereotyper Männlichkeit geprägt ist. Geleitet von kommerziellen Interessen wurde Rap international vermarktet, wobei sich der Gangsta Rap der Westküste besser verkaufen ließ als anspruchsvollere, feinsinnigere Rap-Texte insbesondere von Künstler von der Ostküste. Rap wurde zur Möglichkeit für Musiker, den Ghettos zu entkommen (Berman 1995, Starr 2006), wodurch die gegenhegemoniale Attitüde des Gangsta-Raps teilweise untergraben wurde, indem Rap kommerzialisiert und damit seiner kontingenzbildenden Grundhaltung beraubt wurde (Davis 2004), indem er aus dem Kontext der subkulturellen Avantgarde in das akzeptierte Feld des jugendlichen mittleren Geschmacks häufig repräsentiert durch weiße Teenager (Starr 2006) überging.

Insbesondere die Inszenierung von Brutalität im Subtypus des Los Angeles-Raps impliziert Facetten der Ästhetik der Angst: Sie ist Ausdruck der alltäglichen Angst der Ghetto-Bewohner u. a. vor Kriminalität und Polizeiübergriffen, dabei greift sie auf die Ästhetik der Erhabenheit zurück, indem Gewalt vielfach als quasi-natürliches Phänomen suggeriert wird. Darüber hinaus stellt der Gangsta Rap eine Basis der Festigung stereotyper Konstruktion gesellschaftlicher Landschaft durch WASPs dar: Bestehende Vorurteile über das Ghetto werden rekursiv durch Filme, Fernseh- und Zeitungsberichte und eben Rap verfestigt. Dadurch wird Rap zum Teil einer rekursiven verräumlichten und auf Abgrenzung beruhenden Identitätsbildung marginalisierter Jugendlicher (Cohen 2002, Vigil 2002)[1].

Neben vergitterten Fenstern, eingezäunten Grundstücken undverlassenen Gebäuden werden in den Videos zu Kriminalität in Los Angeles insbesondere mit Graffiti versehene Wände als physisch manifeste Repräsentanzen einer geringen Ausstattung symbolischen Kapitals herangezogen. Graffitis stellen einen bewussten Kontrapunkt zur (modernen) Ästhetik der Ordentlichkeit dar und lassen sich als Ausdruck alternativer kultureller Muster in städtischen Landschaften interpretieren. Dabei stehen sie im schroffen Gegensatz zum Geschmack der großen Mehrheit der Bevölkerung und werden von dieser überwiegend als ästhetische Nötigung empfunden (Paris 2005: 138):

Während Kunst dem Publikum freistellt, sich ihr zu nähern oder nicht, okkupiert Graffiti das Wahrnehmungsfeld und lässt den Passanten keine Wahl. Graffiti symbolisiert die Anwesenheit von Unterschicht: Wir sind da, und wir sind überall. Mehr noch: Ihr anderen seid nichts wir schreiben über euch hinweg (Sennett 1991: 263). Graffitis übertreten die Normen der üblichen Gestaltung des öffentlichen Raumes und symbolisieren den schleichenden Verlust der Autorität allgemeiner Normen in der Postmoderne (Sennett 1991, Popitz 1992). Auf der Ebene der Sprayer stellen sie eine individuelle oder kollektive Selbstvergewisserung durch demonstrative Objektivierung dar[2]. Durch ihre soziale Indikation als Ausdruck von Kriminalität, Devianz, geringer sozialer Kontrolle und Abstraktion als Unsicherheit erregen Graffitis Angst (Kaplan/Kaplan/Ryan 1998) und werden damit zum Symbol in Angstkommunikation.

  • [1] Baudrillard (2004: 33) bringt gegenüber der Gymnastik des Rap wenig Sympathie entgegen, indem er sie als akrobatische Selbstgefälligkeit beschreibt, der man erst am Ende ansehe, dass sie ein Tanz sein soll, wenn sie in einer lässigen und gleichgültigen Position erstarrt []. Fast könnte man sagen, dass sie sich mit den Drehungen um die eigene Achse und über dem Boden ihr eigenes Loch im Innern des Körpers graben, auf dessen sie zur ironischen und gelangweilten Pose des Todes fi .
  • [2] Jean Baudrillard (2004) stellt Graffiti in den Zusammenhang anderer für die US-amerikanische Kultur charakteristischer Beweisstrategien der eigenen Existenz, wie das Zeugen von Kindern, die Teilnahme an Marathonläufen, sexuelle Eroberungen, Selbstmordversuche etc. So drückten Graffitis zunächst einmal aus (Baudrillard 2004: 3536): Ich heiße Soundso und es gibt mich! Sie [Graffitis; Anm. O. K.] machen Werbung für die eigene Existenz.
 
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