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9.3 Inszenierung und Selbstinszenierung von Los Angeles im weltweiten Netz: YouTube-Videos

Die netzwerkartige Öffnung der filmischen Repräsentation und Konstruktion von Weltdurch das Internet lässt sich als ein wesentlicher Beitrag der postmodernen Aufhebung des Konzeptes von hoher und populärer Kultur verstehen. Damit eröffnet sich der Nicht-Elite die Möglichkeit der globalen Verbreitung der eigenen Weltsicht. Auf diese Weiselassen sich über Internet-Plattformen wie YouTube verbreitete Filme als eine neue Dimension postmoderner medialer Kommunikation verstehen: Sie ergänzen das klassisch-massenmediale Angebot von Film, Fernsehen und gedruckten Medien, auf deren dargelegte Deutungsmuster und Darstellungsmuster sie jedoch immer wieder zurückgreifen (vgl. Burgess/Green 2010). Die Funktionsweisen des World Wide Webs unterminieren dabei die alten Unterscheidungen in Individualkommunikation und Massenkommunikation oder in Kommunikator und Rezipient (Faulstich 2002: 41): Kommunikation wird entlinearisiert und einer speziellen Interaktivität (Pullmedium mit einem User gegenüber dem elektronischen Pushmedium mit einem Rezipienten), und einer zumindest potentiell globalen Nutzungsoption und faktischen Unbegrenztheit der angebotenen Informationsmengen (Faulstich 2002: 41; ähnl. Burgess/Green 2010) zugeführt. YouTube lässt sich als Teil der globalen Wirtschaft beschreiben, wie es auch Teil des globalen Systems der Sinnkonstituierungen (Burgess/Green 2010: 143) ist. Damit wird es auch Teil der postmodernen De-Differenzierung von Ästhetik und Ökonomie und der Hybridisierung von Lokalität (wo Videos gedreht werden) und Globalität (wo Videos verteilt und konsumiert werden)[1]. Dabei sind Internet-Videos ein weiterer Einflussfaktor zur Generierung und rekursiven Verfestigung gesellschaftslandschaftlicher Inhalte, hier am Beispiel von Los Angeles (siehe Abbildung 77).

Aufgrund der hohen Marktpräsenz von YouTube (im Mai 2010 verzeichnete YouTube mehr als 2 Milliarden Aufrufe täglich) basiert die im Folgenden präsentierte Untersuchung auf der Auswertung von YouTube-Videomaterial. Insgesamt wurden 216 YouTube-Videos mit Bezug zu Los Angeles (siehe Anhang), Kalifornien ausgewertet[2]. Diese 216 Videos wurden zunächst einer standardisierten quantitativen Inhaltsanalyse unterzogen. Dabei handelt es sich um eine systematische und intersubjektiv nachvollziehbare Methode zur Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Medieninhalten (Früh 2001)[3]. Die Inhaltsanalyse ist gemäß Bonfadelli (2002) dabei nicht reaktiv (beeinflusst also ihren Gegenstand nicht), benötigt kein vorstrukturiertes Material (Dokumente können also im Nachhinein untersucht werden), ist effizient (und ist damit für große Datenmengen geeignet), und kann als gegenstandgerecht und flexibel konzipiert werden (d. h. das Instrument kann auf spezifische Fragestellungen angepasst werden). Die quantitative Inhaltsanalyse wird in Form einer Themenfrequenzanalyse vorgenommen. Dabei werden neben formalen Einordnungen der in den Videos verwendeten Sprachen und thematisierten Feldern und der räumlichen Verortung sowie der (erkennbaren) Professionalität der Produktionen insbesondere landschafts-, stereotypen- und angstbezogene Fragestellungen untersucht. Zentral sind hierbei die Fragen, welche Objekte von Los Angeles als signifikant zugeschriebene Symbole in den ausge-

Abbildung 77 Objekte mit symbolischer Bedeutung für Los Angeles gemäß der Videountersuchung: Downtown, Freeways, Staples Center, Hollywood, LAX und Strände (vgl. auch Abbildung 81; Aufnahmen: August/September 2010 und März/April 2011).

werteten Videos thematisiert werden, aber auch, ob und welche Bedeutung stadtlandschaftliche Elemente in den unterschiedlichen Videos aufweisen, in welcher Intensität Angst kommuniziert wird, wie stark Stereotype (sowohl raumbezogene als auch sozialbezogene) rekursiv unterstützt bzw. in Frage gestellt werden und ob und inwiefern postmoderne Kommunikationsmuster Verwendung finden [4].

Die Aussagen der quantitativen Inhaltsanalyse werden durch Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung ausgewählter Videos vertieft und ergänzt. Im Zentrum der qualitativen Betrachtung stehen die Inhalte von fi chen Reisedokumentationen bzw. Reiseführern und die Untersuchung der filmischen Repräsentationen von deviantem Verhalten (hier insbesondere in Form von Bandenkriminalität, als weit verbreitetes und durch mediale Präsenz rekursiv beeinflusstes Stereotyp der Kriminalität in Los Angeles; Maxson/Klein 2002, Katz 2003). Aus den insgesamt 216 Videos wurden 14 zu den genauer behandelten Themenfeldern Reiseführer/Stadtpräsentation und Kriminalität selektiert und einer qualitativen Untersuchung unterzogen. Die qualitative Auswertung der Videos folgte einer interpretativen Auswertungsstrategie, in der weniger die Sequenzialität von Aussagen, sondern vielmehr die thematische Einheit von Aussagen im Zentrum des Interesses stehen (Meuser/Nagel 1991).

  • [1] YouTube ist eine im Februar 2005 gegründete mittlerweile an Google verkaufte Internetplattform mit Sitz in San Bruna, Kalifornien, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Millionen von Nutzern, Originalvideos zu entdecken, anzusehen und weiterzugeben (YouTube 2010). Wesentliche Intention von YouTube liegt in der Schaffung eines Forums, in dem die Nutzer miteinander in Kontakt treten, sich informieren und andere auf der ganzen Welt inspirieren können. Ersteller von Originalinhalten und Inserenten aller Größenordnungen können über diese Plattform ihre Videos präsentieren (YouTube 2010; Burgess/ Green 2010). YouTube ist der bedeutendste Anbieter von Videodownloads in den USA. Im März 2008 konnte YouTube 73,2 Prozent der Zugriffe auf Videohomepages auf sich vereinen (Heise Online 2008).
  • [2] Die Auswertung erfolgte zunächst durch YouTube selbst: Die Sucheingabe Los Angeles wurde mit dem Suchkriterium Relevanz versehen. Die Suche erfolgte am 7. 3. 11. Das Suchkriterium Relevanz wurde ausgewählt, da dieses der Voreinstellung entspricht und mutmaßlich von den meisten Nutzern genutzt wird. Darüber hinaus erscheint auch die Auswahl nach YouTube-Kriterien sinnvoll, da hier Aufschlüsse über die Priorisierung der Nutzer zu erwarten sind. Aus den rund 1,6 Millionen Treffern wurden in einer ersten Phase die ersten 250 Treffer ausgewählt und hinsichtlich ihres Bezuges zu Los Angeles, Kalifornien, selektiert. Dabei wurden 34 Videos nicht in die zweite Phase Auswertung aufgenommen, da entweder andere Siedlungen mit gleichem Namen oder andere Themen ohne Los Angeles-Bezug behandelt wurden. Da sich diese Fälle ab etwa dem 190. von YouTube vorgeschlagenen Video häuften, wurde die Auswahl des Ursprungsmaterials bei Video 250 eingestellt.
  • [3] Eine Liste der untersuchten Videos findet sich im Anhang.
  • [4] Auf eine quantitative Bewertung- und Argumentenanalyse (Bonfadelli 2002) wurde verzichtet, da diese Untersuchungsgegenstände bereits einen deutlichen Einfluss qualitativ-interpretativer Forschung aufweisen. Infolge eines eigenen qualitativen Untersuchungsteiles konnte somit der quantitative Studienteil auf klassische quantitative Verfahren beschränkt bleiben.
 
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