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9.2.4 Das postmoderne Endzeitdrama: Blade Runner

Ähnlich wie Pulp Fiction gehört auch der Film Blade Runner (USA 1982, Regie Ridley Scott), frei übersetzt Läufer auf Messers Schneide, zum festen Bestand postmoderner Filmanalyse (und als Bezugspunkt der Untersuchung von Los Angeles). Der Film basiert auf dem Science-Fiction-Roman Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick und war bei seinem Erscheinen im Jahr 1982 ein Misserfolg, sowohl kommerziell wie hinsichtlich der Filmkritik. Erst mit der 1992er Version des Directors Cut erreichte der Film eine breite Aufmerksamkeit. Wie auch Pulp Fiction überschreitet er Genregrenzen: Er vereinigt Science Fiction mit der Tradition des Film Noir der 1940er Jahre (Lüke 2008). Der Film bezieht sich dabei auf wesentliche Schlüsselelemente postmoderner Stadtlandschaftsentwicklung (Lightman/Patterson 1982, Bruno 1990, Keil 1998,

Neuman 1998, Will 2003, Davis 2004, Brooker 2005, Dimendberg 2008, Lüke 2008,

Knox/Pinch 2010):

t Der Film dekonstruiert das althergebrachte Konstrukt der Stadt, indem die Belastung der Umwelt thematisiert wird: Los Angeles wird nicht als sonnendurchflutete Stadt der vielen Möglichkeiten, sondern als verschmutzt, wolkenverhangen, dunkel und als dauerverregnet dargestellt wird.

t Durch Gentechnik wird eine neue Klasse, androidische Replikanten, geschaffen, die visuell von Menschen ununterscheidbar sind. Hier erfolgt ein Verweis auf das postmoderne Konzept der Hybridisierung, eine Art der Final Frontier, als die finale Phase, bevor Mensch und Maschine ununterscheidbar sein werden (Lüke 2008: 72).

t Los Angeles wird als sozial fragmentierte und polarisierte Stadt dargestellt, in der eine große städtische multi-ethnische Unterschicht das Leben in der Stadt dominiert, wobei diese von Asiaten dominiert wird (Afro-Amerikaner hingegen werden nicht präsentiert) möglicherweise eine Anspielung auf die Hysterie gegenüber dem wachsenden Einfluss der japanischen Wirtschaft auf Los Angeles zu Beginn der 1980er Jahre.

t Die Bevölkerung wird durch große und gesichtslose Unternehmen beherrscht, die durch Subcontracting ihre Aktivitäten an kleinere Subunternehmen delegieren. Dabei ist die Bevölkerung andauernder Werbung ausgesetzt.

t Die dominanten Diskurse des Films sind charakteristisch für die postmoderne Kultur von kommerziellen Interessen durchzogen, wodurch der städtischen Unterschicht jede kollektive Vision fehlt. Das vorherrschende Ethos ist von Eigennutz geprägt, das Hauptziel liegt in dem persönlichen Überleben in einer feindlichen Welt. Die Kultur der dargestellten Version von Los Angeles ist postmodern hybrid: Die Sprache, das Essen, die Ikonographie wie die Kleidung vereinigt amerikanische, europäische und asiatische Einflüsse.

t Die Architektur zeigt postmoderne Züge: Zahlreiche Funktionen wie Ventilatoren und Klimaanlagen befinden sich sichtbar an der Außenseite der Gebäude, neben Loftwohnungen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt die äußere Architektur auch Anleihen an Jugendstil und Art Déco sowie Funktionalismus. Dabei bilden die Architekturen ein wenig strukturiertes und ikonographisch beliebiges Pastiche. Futuristische Wolkenkratzer, von der herrschenden Klasse bewohnt, durchstoßen dabei die Smogschicht, während sich in den Straßenschluchten ein riesiger Slum befi wodurch eine klassische Metapher der sozialen Hierarchisierung räumlich repräsentiert wird.

t Der Film zeigt zahlreiche mystische, philosophische und religiöse Verweise: Neben dem Motiv des Auges finden sich ebenso jenes des verlorenen Sohnes, wie das der gefallenen Engel (Replikanten). Auch wird das Cartesianische Cogito ergo sum ironischerweise von einer Replikantin zitiert.

Der Film repräsentiert fortlaufend die postmoderne Verwischung der Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Fiktion und Realität, zwischen Fiktion und Reproduktion der Fiktion (Bruno 1990; vgl. auch Ostermann 2007). Blade Runner stellt damit in vielfacher Hinsicht ein Dokument der Ästhetik der Angst dar: Es wird die Angst vor der Zukunft thematisiert, die Angst vor einer beherrschenden Technik, vor global agierenden Unternehmen, vor ethnischen Minderheiten (wobei er auf Residuen der Soziabilität rekurriert), der Verwischung und Aufhebung bekannter (modernistisch-derivativer) Ordnungsmuster. Dabei werden bekannte Motive der Filmgeschichte zitiert, wie die gesichtslosen Menschenmassen, wie sie bereits im Film Metropolis (D 1927, Regie Fritz Lang) dargestellt wurden (Lüke 2008). Der Film rekurriert auch auf die Angst vor ökologischer Verwundbarkeit der Agglomeration infolge der mystifizierten Abhängigkeit der Entwicklung der Agglomeration von technisch-ingenieursmäßigen Voraussetzungen der Moderne, wodurch er zum Dokument der Ästhetik der Angst wird. Dabei fungiert das repräsentierte stadtlandhybride Los Angeles als Vermittler für Authentizität und Glaubwürdigkeit der Handlung, einer dystopischen Zukunft (bei linearer Projektion der als dominant wahrgenommenen Entwicklungen der frühen 1980er Jahre). Zugleich greift der Film auf das Deutungsmuster desstädtischen Dschungels zurück, das durch skurrile Praktiken seiner Bewohner mythologisiert wird.

Möglicherweise liegt in der noch nicht ausgeprägten sozialen Verfügbarkeit der Codes postmoderner Ästhetik zum Zeitpunkt des ersten Erscheinen des Films eine Komponente seines anfänglichen Misserfolgs: zu verstörend war die Vision einer Zukunft von Los Angeles, auch hier als Metapher für globale Entwicklungen zu verstehen.

 
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