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5.4 Das Besprechen einer weiteren Filmsequenz

Im Transkript ist an dieser Stelle verzeichnet, dass der Schüler Bela abwechselnd die geschlossene rechte Hand gegen die linke Handinnenfläche und umgekehrt schlägt. An diesen Schüler wendet sich die Lehrerin: „Bela, was is bis jetzt passiert […] mit diesen drei Freunden?“ (Z 314).

Bela rekonstruiert, dass ein Mann zunächst auf der Straße, dann auf der Eisenbahnbrücke rannte und am Ende der Brücke ins Wasser sprang (Z 328).

Die Lehrerin fragt nach: „Warum? (.) Net aus Spaß, sondern …“ (Z 329). Bela sagt: Aus Angst vor den (..) ähm …“ (Z 330).

Und die Lehrerin ergänzt „Verfolgern (…) sagen wir jetzt amal neutral, Verfolgern, ja. Und?“ (Z 331-333).

Solange es um die Rekonstruktion geht, können die Schüler die Fragen der Lehrerin beantworten. Bela nimmt die von der Lehrerin angebotene Kategorie auf: „Und die Verfolger ham dann in's Wasser g´schossen“ (Z 334) und kann auf die warum-Frage der Lehrerin angeben: „Um (.) den zu töten. (..) Halt“ (Z 336). Aber die Frage, wer wen warum verfolgt hat, bleibt undeutlich. Die Lehrerin legt eine Antwort nahe: „Ja, aber warum haben sie ihn verfolgt?“ (Z 337) Weil er „wahrscheinlich was war?“ (Z 340)

Der Schüler Leon sagt dem befragten Bela eine falsche Antwort (Nazi) vor, die Bela wiedergibt, was mit Lachen durch die Schüler quittiert wird. Die Lehrerin führt aus: „Ich glaub nicht, dass die Nationalsozialisten einen Nazi verfolgen“ (Z 345). Hier macht die Lehrerin aus den vorher neutral benannten „Verfolgern“ Nationalsozialisten und legt mit der durch den Arbeitsauftrag eingeführten Aufmerksamkeitsrichtung eine Antwort nahe, die Bert gibt: „Ah, ein Jude“ (Z 348). Sie bestätigt die Aussage, ermahnt die Schüler und fragt Edi, wie es weiterging. In den gewählten Formulierungen spielt Edi die Szene herunter: „Ähm (.) ja, und dann haben's 'n wahrscheinlich halt erschossen“ (Z 350). Die Lehrerin problematisiert und präzisiert: „Ja, gut, nicht wahrscheinlich, sie haben ihn erschossen.“ (Z 351), und Edi relativiert die Aussage der Lehrerin erneut, indem er ein ‚halt' einfügt: „Ja, sie haben ihn halt erschossen“ (Z 352).

Die Lehrerin fragt nach der Reaktion der Jungen im Film (Z 355) und erhält die Antwort, dass sie „ängstlich“ waren. Sie ergänzt: „sie waren entsetzt“ (Z 358). Die Schüler bieten weitere Gefühle an: „traurig“ (Z 359), „glücklich“ (Z 362), woraufhin gelacht wird (Z 363). Die Frage wird nicht geklärt. Eine weitere Szene des Films wird rekonstruiert, nämlich die Information der Gruppe durch Peters Bruder Willi über einen Vorfall des Verprügelns eines Swing Kids durch Mitglieder der Hitlerjugend. Die Szene ist insofern relevant, als sich hier die drei Protagonisten (Peter, Thomas und Otto) in der Annahme, es handele sich um einen Swing Boy, einen Kampf mit den Nationalsozialisten liefern. Sie fordern zunächst Fairness im Kampf ein, sind im Zweikampf (Thomas gegen einen Nationalsozialisten) überlegen und erkennen erst im Nachhinein, dass sie sich für einen Juden eingesetzt haben. „Und dann haben´s g´sehn, dass es kaan Swing Boy war, es war halt a Jude“ (Z 374). In dieser Filmsequenz wird eine Distanz der Swing Boys gegenüber den Juden gezeigt. Die Lehrerin fragt, wie der junge Mann auf die Hilfe reagierte (Z 375). Die Lehrerin fordert dazu auf, die Sprache zu beachten, ohne näher zu klären, was sie damit meint: „Ihr müsst auch ein bissl auf die Sprache achten, gell (..)?“ (Z 378). Die Bedeutung der Szene als Ausgangspunkt für weitere persönliche Verfolgung der drei Protagonisten, die in der Film-Szene als „Verräter“ tituliert werden, wird von der Lehrerin nicht aufgegriffen und besprochen. Ihre Zuwendung zum Videorekorder signalisiert, dass sie mit der wiederholenden Zusammenfassung des Filminhalts aus der letzten Schulstunde zufrieden ist. Sie wendet ihre Aufmerksamkeit den nächsten Szenen zu: „Ok. Gut. Dann schau'n wir mal was wir da z'sammenbringen“ (Z 379-380). Jetzt wendet sich der Schüler Veit explizit an die Lehrerin: „Frau Professor, eine Frage. Sind die Swing Boys Juden oder Nazis?“ (Z 381). Otto antwortet: „Goar nix!“ (Z 382) und wird von Bert bestätigt: „Die sind goar nix von beidem“ (Z 383).

Hier wird deutlich, dass die von der Lehrerin aufgemachte Gegenüberstellung von Nationalsozialisten (Verfolgern) und Juden mit Blick auf die Swing Boys von Veit nicht nachvollzogen werden kann. Die Frage-Antwort-Sequenz, die die Lehrerin initiierte, um die politischen Gegensätze herauszuarbeiten, kann mit den bis dahin gesehenen Szenen des Films nur partiell in Verbindung gesetzt werden.

 
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