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9.2.2 Der Film des postmodernen Gangstertums Pulp fiction

Der Film Pulp Fiction (USA 1994, Regie Quentin Tarantino) verknüpft drei Episoden miteinander. Dabei wird die Geschichte mehreren Kriminellen erzählt, deren Wege sich in Los Angeles im Verlauf eines Tages scheinbar zufällig kreuzen. Neben dem Boxer Butch Coolidge (Bruce Willis) und seiner französische Freundin Fabienne (Maria de Medeiros), handelt es sich um das skurrile, häufig philosophierende Auftragskiller-Duo Vincent Vega (John Travolta) und Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) und das sich seinen Unterhalt durch Raubüberfälle verdienende Liebespaar Honey Bunny (Amanda Plummer) und Pumkin (Tim Roth) sowie um den Gangsterboss Marsellus Wallace (Ving Rhames) mit seiner als attraktiv beschriebenen, drogenabhängigen Frau Mia (Uma Thurman).

Der Film Pulp Fiction gilt als wesentliches Beispiel für den postmodernen Film (Thomas 2002, Behrens 2007). Hier verschwinden die modernen narrativen Strukturen, die alten Helden, die narrative Handlung (Behrens 2007: 62). In Pulp Fiction durchbricht Tarantino auch andere konventionelle Filmstrukturen: So wird der Film nicht als chronologische Geschichte erzählt, vielmehr werden unterschiedliche Geschichtsstränge verwoben und Teil für Teil präsentiert (Keil 1998, Polan 2000, Cramerer 2010): Zugunsten in sich mehr oder minder geschlossener Episoden auch zu verstehen als kleine Erzählungen wird auf einen übergreifenden Handlungsstrang interpretierbar als großer Erzählung verzichtet. Postmoderne Ironie signalisiert der Film schon durch seine Benennung pulp, als eine Anspielung auf die klischeereichen Gangsterstories auf billigem Papier (pulp) gedruckter amerikanischer Groschenromane der 30er/40er Jahre, damals auch Vorlagen für Filme der Schwarzen Serie[1] (Thomas 2002). Darüber hinaus verdeutlicht bereits der Titel den fiktionalen Charakter, ein Spiel an Ideen und Bildern (Cramerer 2010: 23). Dabei durchbricht der Film filmische Konventionen und lässt sich keinem Genre eindeutig (tendenziell dem Gangsterfilm am ehesten) zuordnen. Dennoch wird aus Gangsterfilmen, Westernfilmen, Komödien so zitiert, dass die Klischees dieser Filmgattungen dekonstruiert werden (wie Texas Chainsaw Massacre in einer Szene sinnloser Gewalt in einem Keller oder Waynes World in den Gesprächen zwischen Vincent und Jules), indem das gebrauchskünstlerische Zeichen- und Formenrepertoire der unterschiedlichen Genres neu konfiguriert wird. Die in Pulp Fiction dargestellten Charaktere verweisen auf die Gangstergeschichten der 1930er und 1940er Jahre: Es sind genrebekannte Halbweltgestalten wie melancholisch-brutale Berufskiller, ein korrupter Boxer oder eine drogensüchtige Gangsterbraut, alle getrieben vom Traum eines Neuanfangs oder der echten Liebe (Cramerer 2010: 23), als ein Verweis auf die zum Simulacrum gewordene Mythologie der Frontier lesbar. Ein Beispiel für reflexive Intertextualität ist die Tanzszene von John Travolta und Mia, die zwar Bezüge zu Travoltas Auftritt in Saturday Night Fever von 1977 herstellt, aber nun deutlich weniger rasend das Altern und Beleibter-Werden des Stars darstellt (Prokop 2003, Behrens 2007). Ein weiteres Beispiel für (distinktiv wirkende Intertextualität) steht in Verbindung mit dem Koffer aus dem Besitz des Bosses Wallace, dessen Zahlencode zur Öffnung des Schlosses 666 lautet, das biblische Symbol des Teufels (Thomas 2002).

Pulp Fiction ist ein Film, dessen Handlung als stark gewaltzentriert beschrieben werden kann. Das Mittel des Films wird dabei genutzt Kracauer (1960) zieht hier den Vergleich mit Athenes blankem Spiegel, mit dessen Hilfe Perseus die Medusa tötet , das Grauen dieser Welt (hier den zynischen Bezug zu menschlichem Leben in der Unterwelt des Gangstermilieus) ertragen zu können bzw. ihm offensiv zu begegnen. Dennoch ist Pulp Fiction kein gewöhnlicher Gewaltfilm (Cramerer 2010: 28). Gewalt ist zwar alltäglich, aber nicht willkürlich, sie wirkt in ihrer stilisierten Beiläufigkeit symbolisch für die differenzierte postmoderne Gesellschaft, in der Mord eine (scheinbar selbstverständliche) Art des Erwerbslebens (in der prototypischen Stadt der Postmoderne) geworden ist. Dabei durchbricht die Gewaltdarstellung in Pulp Fiction die üblichen Regeln des Lesens von Gewalt: Statt Betroffenheit auszulösen wird der Zuschauer angeregt, über Gewalt zu lachen (vgl. Fischer/Körte/Seeßlen 1998).

Die im Film dargestellte urbane Landschaft schwankt in ihrer Funktion zwischen der Repräsentation eines (zumeist stereotypen für die dargestellte Handlung anschlussfähigen) Handlungsrahmens (die Stadt und eigens Los Angeles als Ort der Kapitalverbrechen) und der Mythologisierung des Städtischen als menschgemachter und menschbestimmter Dschungel, in dem auch skurrile illegale Biotope gedeihen. Die unterschiedlichen Schauplätze des Films repräsentieren die physischen Manifestation unterschiedlicher Milieus im Raumpastiche des Stadtlandhybriden Los Angeles: das Diner in Hawthorne, das Domizil Marsellus Wallaces in Beverly Hills, das Haus der Drogendealer Lance, Trudie und Jody in Echo Park. Die Orte der Handlung repräsentieren dabei die patchworkhafte Struktur der postmodernen Siedlung als Symbol für die fragmentierte Gesellschaft der Postmoderne.

  • [1] Schwarze Serie ist die deutsche Übersetzung von Film Noir.
 
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