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9.1.2 Der Stadtlandhybrid Los Angeles im Film

Die filmische Konstruktion von Welt erhält in der Postmoderne eine besondere Bedeutung in der Konstruktion von Landschaft (vgl. Dear 2000, Hunt 2005). Dear (2000: 167) geht dabei von einer rekursiven Bezugnahme von Film als Repräsentation einerseits und den physischen Grundlagen städtischer Landschaft andererseits aus: Wie aus Städten Repräsentationen werden, werden Repräsentationen zu Städten. Städte werden damit zu Repräsentationen von Städten. Die gesellschaftliche Konstruktion von Landschaft im Film lässt sich dabei als eine konstitutive Dimension für die Wahrnehmung von physischen Objekten als angeeignete physische städtische Landschaft und deren Bewertung verstehen (vgl. Fröhlich 2007, Werlen 2008). Dieses Phänomen ist in Bezug auf Los Angeles besonders deutlich, schließlich basiert die individuelle aktualisierte gesellschaftliche Landschaft (wie große Teile der Los Angeles-spezifischen gesellschaftlichen Landschaft) zu überwiegenden Teilen auf der Summe von medialen Sekundär-, Tertiär- und Quartärinformationen (im Sinne eines Simulacrums): Allen voran der filmische Diskurs, aber auch TV-Berichterstattungen, Fernsehserien, Literatur und Zeitungsartikel formen das mentale Stadtbild (Lüke 2008: 17). Dieses mentale Stadtbild wird zum Teil einer kategorisierenden Definition von stereotypen Deutungen und Zuschreibungen, oft genug um den Preis, dass die tatsächlichen Bewohner der Stadt zu Betrachtern (Dimendberg 2008: 42) der Inszenierung ihres Lebens werden, die mit ihrem eigentlichen Leben nichts zu tun hat, aber dennoch als gesellschaftliche Norm stilisiert wird. Städtisches Leben und Inszenierung werden hybrid: Starkult und der Wunschtraum,

entdeckt zu werden, stehen seit den 1920er und 1930er Jahren als allgegenwärtige Mythen den Anforderungen und Bedingungen einer Stadt gegenüber, die tief gezeichnet ist von den Einteilungen in Rasse, Klasse und Geschlecht (Dimendberg 2008: 42).

Filme stellen so Fröhlich (2007: 342) eine künstlerische Ausdrucksform dar, in deren kollektiven Produktionsprozessen vielfältige städtische Facetten aufgenommen und reflektiert werden. Los Angeles ist dabei neben New York der in den Vereinigten Staaten am häufigsten inszenierte Stadtlandhybrid, wobei New York häufiger explizit thematisiert wird, Los Angeles hingegen als Symbol für (austauschbares) Städtisches Verwendung findet (Fröhlich 2007, Andersen 2008, Dimendberg 2008), oder gar so inszeniert wird, als wäre es New York (Giovacchini 2003: 425). Bereits in den 1920er und 1930er Jahren inszenierte der Film Los Angeles selektiv: Die filmische Darstellung von Los Angeles blendete systematisch die industrielle Verhaftung der Region aus. Industrielle Zentren waren durch den Nordosten der Vereinigten Staaten repräsentiert. Los Angeles wurde als Hollywood inszeniert, als ein bizarres Babylon am Meer oder als die einzigartige und unnachahmliche Stadt der Träume (Soja/Scott 2006: 290) und schuf damit ein Stereotyp, das Millionen Zuwanderer erreichen wollten (Burd 1977, Andersen 2008). Wie die anderen Siedlungen des Sunbelts wurde (und wird) der Stadtlandhybride Los Angeles als Ort des Sonnenscheins (wobei sonniges Wetter zumeist eine ästhetische Qualität als schön, vielfach aber auch eine moralische Qualität als gut zugeschrieben bekommt) mit nahezu unbegrenzten Aufenthaltsqualitäten im Freien und Sportmöglichkeiten im Film, aber auch Fernsehen und anderen Medien, inszeniert (Burd 1977, Lüke 2008, Knox/Pinch 2010). Bereits in der 1930er und 1940er Jahren wurde mit der filmisch adaptierten Noir-Literatur ein negatives, finsteres Gegenbild zum mysthischen, ewig sonnigen Kalifornien (Lüke 2008: 22) entworfen, wie es insbesondere in der Touristenwerbung inszeniert wurde (so trug eine Karte von Los Angeles und Umgebung mit touristischen Inhalten von der Traveller Map Company aus dem Jahre 1932 den Titel The Land of Sunshine, Fruits and Flowers; Creason 2010). Die gegenwärtige Darstellung des Stadtlandhybriden ist deutlich ambivalent: Zwar finden sich noch idyllische, sportorientierte und arkadische Versatzstücke (insbesondere in der Inszenierung des Strandes oder Beverly Hills), doch dominiert allgemein eine Art fragmentarischer Großstadterfahrung (Lüke 2008: 13; vgl. auch Hunt 2002), die sich vielfach in ein mythisches Konstrukt Los Angeles als Endpunkt der Frontier (Lüke 2008: 10) räumlich spezifiziert steigert. Die diskursive rekursive Herstellung des Frontier-Mythos in Südkalifornien bezieht sich demnach auf die immerwährende Suche des Menschen nach Glück und Zufriedenheit und um den Willen, diesen Traum nicht aufzugeben (Lüke 2008: 2930). Noir lässt sich als das Ergebnis einer schmerzliche[n] Irrealisierung (Seel 1996: 113) der infolge der Idealisierung als semiurbanes Arkadien stereotypisierten angeeigneten physischen Landschaft oder sogar als Folge eine[r] beklemmende[n] Steigerung (Seel 1996: 114) angesichts einer vielfach erlebten verzweifelten Lage in schönster landschaftlicher Umgebung (Seel 1996: 114) beschreiben:

Was schön war, weil es das Dasein des Guten schien, ist hässlich geworden, weil es sich als Gestalt des Schlechten erwies (Seel 1996: 114; vgl. auch Fine 2000, Silver/Ursini 2005). Doch auch Noir rekurriert auf die amerikanischen Mythen: So lässt sich der unkorrumpierbare, alleine für das Gute kämpfende Detektiv wie er in den Romanen Chandlers zu finden ist als eine urban-moderne Lesart des Lone Riders und damit eine Aktualisierung des Frontier-Mythos verstehen (Fine 2000, Schneider-Sliwa 2005).

Die mediale Inszenierung und Stereotypisierung von Südkaliforniern kongruiert mit einer anderen medialen Inszenierung (Chaney 1997): Jener der stereotypen Feier des suburbanen Lebens, die sich in einer rekursiven Bestätigungs- und Normierungsschleife mit suburbanen Lebenswelten äußert, Fernsehserien inszenieren die Normalität (incl. der kleinen Katastrophen) der Suburbien und wirken wieder für die Suburbaniten bestätigend für den eigenen Lebensstil und aktualisieren spezifische Handlungs- und Deutungsmuster. Insbesondere für Jugendliche zugeschnittene Serien wie O. C. California tragen zur Perpetuierung des suburbanen Lebensstils und der Ästhetik der Angst vor Kontingenz bei. Verstärkend hinsichtlich dieses Konstituierungsprozesses suburbaner Lebensstile wirkt auch seine weitreichende phänomenologische Präsenz: Infolge des frühen Einsetzens der Suburbanisierung in den Vereinigten Staaten (eigens in Südkalifornien) fehlt es vielfach an kontingenten Deutungs- und Handlungsmustern, schließlich war nicht nur die Generation der Eltern, sondern vielfach bereits die Generationen der Groß- und Urgroßeltern der heutigen im suburbanen Kontext landschaftssozialisierten Jugendlichen Suburbanit mit automobilaffiner Raumbewältigungsstrategie.

 
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