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8.4 Twentynine Palms: die postmoderne Frontier, die Wüste und das verzögerte Ausgreifen des Stadtlandhybriden

Die erste schriftliche Erwähnung fand die Gegend des späteren Twentynine Palms 1855 durch Colonel Henry Washington in Form der Oase von Mara, die ihren Namen durch die Indianer des in der Gegend lebenden Chemeheuvi-Stammes erhielt (Mar-rah bedeutet Land der wenigen Wasser). Den Namen Twentynine Palms erhielt der im San Bernardino-County gelegene Ort mutmaßlich aufgrund der die Oase umstehenden 29 Palmen. Den amerikanischen Ureinwohnern folgten in den 1870er Jahren Goldsucher, sie nutzten die Oase von Mara, um ihre Wasservorräte vor dem Weg durch die unbekannte Wüste aufzufüllen. Nach Goldfunden in den 1870er Jahren südlich und östlich der Oase begann der bergmännische Abbau von Gold. Die Goldvorkommen waren jedoch rasch erschöpft, so dass bereits zur Zeit des Ersten Weltkrieges der Erzabbau eingestellt wurde. Nach dem Krieg kehrten viele Veteranen mit Tuberkulose und dauerhaften Verwundungen durch Senfgaseinsatz in Kampfhandlungen zurück in die Vereinigten Staaten. Der zahlreiche dieser Männer behandelnde Arzt Dr. James B. Luckie aus Pasadena, Kalifornien, begann in den 1920er Jahren damit, ein Gebiet mit positiven Klimaeigenschaften für Menschen mit Atemwegs-und Herzerkrankungen in der kalifornischen Wüste zu suchen. Seine Wahl fiel nach der Inaugenscheinnahme zahlreicher Orte aufgrund der moderaten Seehöhe, der weitgehend unbelasteten, trockenen Luft, den Wasservorkommen sowie der relativ guten Erreichbarkeit von den großen Siedlungen der Agglomeration von Los Angeles auf Twentynine Palms. Den Veteranen und ihren Familien wurden seitens der Bundesregierung 160 Acres (64,75 ha) große Parzellen zur Verfügung gestellt[1]. Diese Art der flächenextensiven Besiedlung dominiert bis heute die Siedlungsstruktur von Twentynine Palms. Im Jahr 1927 wurde mit dem Bau erster Straßen begonnen. Im selben Jahrerhielt die sich entwickelnde Gemeinde eine eigene Schule (Waite/Gartner/Smith 2007, City of Twentynine Palms 2011b). Während der Zeit der Großen Depression (19291941) wuchs die Bevölkerungszahl in Twentynine Palms insbesondere infolge der günstigen Kosten von Lehmziegelgebäuden auf billigem Bauland (Ton, Sand und Wasser waren lokal vorhanden und die Ziegel konnten infolge des ariden Klimas problemlos an der Luft getrocknet werden; Rimmington 2009). Der Bau dieser traditionellen Adobe-Häuser in Twentynine Palms fand 1940 ein jähes Ende, nachdem der San Bernardino-County eine Regelung erlassen hatte, die beim Bau von Lehmgebäuden eine Zementverstärkung von Stürzen und Gebäudeecken vorsah. Die Verbilligung der Transportkosten in der Zeit des Zweiten Weltkrieges (durch den Ausbau von Straßen sowie den technischen Fortschritt bei Fahrzeugen) bei zunehmendem Wohlstand bedeutete eine weitere Abkehr von der traditionellen Lehmhausarchitektur (trotz der Isolierung aufgrund der dicken Wände und besserer Klimaanpassung) und eine stärkere Verbreitung industriell vorgefertigter Gebäude auf Holz- und (später) Kunststoffgrundlage (Rimmington 2009).

Einen besonderen Impuls erhielt die Entwicklung der Siedlung durch die Ausweisung des 825 430 Acres (3340,16 Quadratkilometer) umfassenden Joshua Tree National Monuments im Jahre 1936 im südlich an Twentynine Palms anschließenden Teil der Mojave-Wüste (1994 wurde das National Monument zum Nationalpark erklärt), wodurch die Siedlung auch infolge der Ansiedlung der Verwaltung und des Besucherzentrums des Monumentes in dem Wüstenort überregional bekannt wurde und mit der touristischen Erschließung auch die Einnahmen aus den relevanten Geschäftsfeldern stiegen[2]: Cafés, Restaurants, Motels und Tankstellen wurden insbesondere am Highway errichtet. Ein weiterer Schritt in der Entwicklung der Siedlung war die Gründung des Marine Corps Air Ground Combat Centers Twentynine Palms im Jahre 1949. Im Jahr 2000 lebten von den 18 860 Militärangehörigen und deren Familienmitgliedern 8 413 Personen auf der Militärbasis (City of Twentynine Palms 2006 und Waite/Gartner/ Smith 2007). Demnach ist das Marine Corps Air Ground Combat Center der größte Arbeitgeber in der Stadt.

Inkorporiert wurde Twentynine Palms am 23. November 1987. Mit einer Fläche von 53,75 Quadrat-Meilen (was 139,21 Quadratkilometern entspricht) ist Twentynine Palms worauf auf der offiziellen Homepage der Stadtverwaltung hingewiesen wird größer als die Stadt San Francisco. Seit der Inkorporierung ist die Einwohnerzahl von 11 000 aufgrund 30 000 gewachsen. Dabei sind die demographischen Charakteristika der Stadt durch das Militär geprägt: Das Medianalter betrug im Jahre 2000 24 Jahre und 64,4 Pro-

Abbildung 73 Anteile der bebauten Grundstücke an den parzellierten Grundstücken

[3]

zent der Bevölkerung ist männlichen Geschlechts (City of Twentynine Palms 2006)[4]. Die Stadt, die von einem fünfköpfigen Stadtrat regiert wird, hatte zum Zeitpunkt ihrer Inkorporierung sieben Vollzeitbeschäftigte in der Stadtverwaltung, heute beschäft diese über 35 Vollzeit-und 40 Teilzeitbeschäftigte (Waite/Gartner/Smith 2007, Rimmington 2009, City of Twentynine Palms 2011a und 2011b). Trotz des deutlichen Bevölkerungswachstums wird die Siedlungsfläche von Niemandsland dominiert, einem

Leerraum zwischen dem Stadtkörper und seinem zu groß geschneiderten Planungsanzug (Burckhardt 1980: 140): Siedlungsfläche wird von bebaubaren, parzellierten, aber dennoch unbebauten Grundstücken selbst im Kernbereich der Stadt dominiert (siehe Abbildung 73 und Abbildung 74). Dies deutet (wie auch der Erhalt des im Vergleich großzügig dimensionierten, während des Zweiten Weltkriegs durch das Militär angelegten Twentynine Palms Airports mit zwei Start-/Landebahnen und den dazugehörigen Rollbahnen ohne nennenswerten Flugbetrieb) auf unerfüllte auch infolge der Wirtschaftskrise Wachstumserwartungen der Wüstenkommune hin (ähnliche Phänomene finden sich in anderen Wüstenkommunen wie Salton City). Eine Folge von großer

Abbildung 74 Repräsentanten von Twentynine Palms: o. l., ein Joshua Tree, ein Symbol für die Naturnähe; o. r., der südwärtige Blick auf den Central Business District, selbst hier finden sich zahlreiche unbebaute Grundstücke; m. o., ein dichter bebauter Bereich südlich des Twentynine Palms Highways; m. u., der dünner besiedelte Bereich nordwestlich des Twentynine Palms Airports, er zeigt die fl tensive Besiedlung; u. l. Willkommensschilder aus westlicher Richtung, von denen das rechte die hohe Bedeutung des Militär indiziert; u. m., ein verlassenes Haus mit Wasserspeicher als Dokument der durchaus nicht linear wachsenden Besiedlungsgeschichte; u. r. das Symbol des Twentynine Palms-Frontier-Mythos: das NEXTSERVICE-Schild an dem Highway in östlicher Richtung vor dem Twentynine Palms-Airport (Aufnahmen: August 2010 und April 2011).

Verfügbarkeit von Bauland und der weitgehenden Verwendung industriell vorgefertigter (und damit billiger) Gebäude sind die geringen Gebäudewerte in Twentynine Palms: 79,7 Prozent der von den Eigentümern bewohnten 2 271 bewohnten Gebäuden wiesen im Jahre 2000 einen Wert von 50 000 bis unter 100 000 Dollar auf, 10,3 Prozent von

unter 50 000 Dollar und 10,0 Prozent einen Wert von 100 000 bis unter 300 000 Dollar (City of Twentynine Palms 2006). Infolge der großen Verfügbarkeit von Bauland bei im Verhältnis zu Neubauten hohen Sanierungskosten finden sich zahlreiche (durch das Wüstenklima besonders konservierte) Ruinen von Wohngebäuden.

Die Eigenwerbung von Twentynine Palms, hier insbesondere durch die Handelskammer und die Stadtverwaltung, rekurriert einerseits auf die naturräumliche Ausstattung und deren Bewertung, andererseits auf die Versorgung der Bevölkerung mit öffentlichen Gütern und Arbeitsplätzen (Twentynine Palms Chamber of Commerce 2006, City of Twentynine Palms 2011a und 2011b). Hinsichtlich der naturräumlichen Ausstattung wird die trockene und saubere Luft angeführt, die angenehmer als in Palm Springs und dem Coachella Valley (City of Twentynine Palms 2011a) sei, womit die beiden wesentlichen Konkurrenzregionen in der ostwärtigen Expansion der Agglomeration Südkaliforniens benannt und komparativ (negativ) qualifiziert werden. Mit den Verweisen auf die ausreichenden Wasservorräte für die Stadtentwicklung und die Nutzbarkeit von Thermalwässern und die für die Photovoltaik nutzbare hohe Sonnenscheindauer soll die (ökologische) Zukunftsfähigkeit der Wüstensiedlung unterstrichen werden. Eine zentrale Bedeutung in der Eigenwerbung für Touristen, Investoren und Einwohner erhält die angeeignete physische Landschaft: Durch die außergewöhnliche Vielfalt an spektakulären Landschaften gewinnt Twentynine Palms auch an Bedeutung als Ort für Fotoshootings und Dreharbeiten der Filmindustrie (City of Twentynine Palms 2011a). Die Grundlage für mediale Inszenierungen wird dabei für ein durch simulacrische Weltkonstruktion sozialisiertes Publikum zum Qualitätsmerkmal möglicherweise sogar Authentizitätsmerkmal erhoben (auch wenn die medialen Repräsentanzen von Twentynine Palms bisweilen in eklatantem Widerspruch zu der offiziell favorisierten Lesart der Siedlung stehen; 9.2.5 Die vermeintliche Fluchtaus dem Stadtlandhybriden: Twentynine Palms). Die pulsierende und wachsende Stadt Twentynine Palms (City of Twentynine Palms 2011a) biete Investoren, Militärangehörigen und Einwohnern beste Voraussetzungen, denn sie sei entspannt und freundlich, wirklich ein Tor zum Outback Kaliforniens und eine schöne Oase in der Wüste für Körper, Geist und Seele! (City of Twentynine Palms 2011a). Gerade der Bezug auf das Outback Kaliforniens liefert eine Verbindung zur Selbstmythologisierung der Siedlung als Gemeinde, die getragen von Gemeinschaftsgeist nie ihren Pioniergeist verloren (City of Twentynine Palms 2011a) habe. Das Schild am östlichen Ortsausgang NEXT SEVICES 100 MILES stellt dabei ein Symbol des bis heute perpetuierten spezifischen Twentynine Palms-Frontiermythos dar (Waite/Gartner/Smith 2007).

  • [1] Die Größe von 160 Acres geht zurück auf das Heimstättengesetz (Homestead Act) von 1862. Mit dem Ziel die relativ unfruchtbaren Gebiete westlich des 100. Längengrades nutzbar zu machen wurde jedem Amerikaner die Möglichkeit geboten, gegen eine Minimalgebühr und mindestens fünf Jahre Arbeits einsatz aus der public domain [dem Land ohne private Eigentumstitel; Anm. O. K.] 160 Acres Land erwerben und eine Existenzgrundlage aufbauen zu können (Schneider-Sliwa 2005: 78).
  • [2] Heute werden im Park etwa 1,4 Millionen Besucher jährlich gezählt (Waite/Gartner/Smith 2007).
  • [3] Die Grundlage der Karte lieferte die straßenblockweise Auswertung der parzellierten Grundstücke, sofern diese mindestens 20 Parzellen aufwiesen. Enthielt ein Block weniger als 20 Parzellen, wurde dieser mit einem benachbarten Block gemeinsam berechnet. Der benachbarte Block wurde nach Kriterien des Siedlungszusammenhangs (also ähnliche topographische Lage, vergleichbare Gebäudedichte) ausgewählt.
  • [4] Die aktuellsten für Twentynine Palms verfügbaren Daten beziehen sich auf den Zensus aus dem Jahr 2000.
 
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