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8.3.3 Welt zwischen Fokussierung, Idealisierung und Kitsch: Disneyland

Disneyland lässt sich als die physische Manifestation amerikanischer mythologischer Selbstdefinition beschreiben, so drückt es perfekt die bis heute erhaltende Mythologie des Kleinstadtlebens und Identität durch die schematisierte Intensität eines Themenparks aus, die eine metaphorische Landschaft für die Entwicklung neuer im Westen entwickelter Städte darstellt (Starr 2007: 240; vgl. auch Soja 1998, 2002, zuerst 1986, Löfgren 2002, Culver 2010). Zentral für Disneyland ist somit die Inszenierung und Verdinglichung amerikanischer Geschichte, verbunden mit den Zielen der rekursiven sozialen Verfestigung von Kernbeständen amerikanischen historischen Selbstbewusstseins in einer parkähnlichen angeeignet-physischen landschaftlichen Gestaltung, mit dem Ziel sowohl Erwachsene wie auch Kinder anzusprechen. Dabei wird Geschichte in ein Simulacrum verwandelt indem gemäß ökonomischer Interessen Geschichte in ein Mimikry verwandelt wird (Fine 2000: 18), allerdings in eines, das sehr stark idealisie-

Abbildung 72 Konzentrierte Simulationen der (durch den Disney-Konzern für relevant deklarierten) Welt mit den Schwerpunkten physischer Repräsentanzen amerikanischer Geschichte und Disney-Werken (u. l. und

m. r.; Aufnahmen August 2010).

rend ausgelegt ist (Abbildung 72)[1]. Dabei stellt Disneyland eine jederzeit (sofern hinreichendes ökonomisches Kapital zum Besuch zur Verfügung steht) verfügbare, nahezu karnevaleske Heterotopie dar (vgl. Bachtin 2005, zuerst 1929): Es ermöglicht eine zeitlich begrenzte Aufhebung sozial erwarteter Handlungsmuster und die Rückverortung in der romantisierten Welt der Kindheit.

Von einer alles zentrierenden kleinstädtisch-nostalgischen (Culver 2010 : 1) Hauptstraße, der Main Street, U.S.A., wird der alles konsumierende Besucher zu separaten Welten der Fantasie, der Zukunft, der Frontier, der glücklichsten Plätze der Erde (Soja 2000: 136; vgl. auch Eco 2002, zuerst 1975, Banham 2009, zuerst 1971) geführt. Dieses Paradies übertriebener Vergnüglichkeit (Hasse 2000: 87) lässt sich im Sinne von Foucault (1990) als Heterotop bezeichnen. Die Funktion von Disneyland liegt darin,

die Absehung von Zuständen oder gar Strukturen unerfüllten Lebens zu institutionalisieren (Hasse 2000: 87). Dabei verdrängt bei Besuchern hedonistische emotionale Gestimmtheit rationale Distanziertheit. Eine Distanziertheit, die den Betreibern von Disneyland durchaus geläufig erscheint. Dabei werden der Zynismus und die innere (und von ihr selbst tolerierte) Widersprüchlichkeit der Postmoderne am Beispiel Disneyland besonders deutlich: Der Zynismus entsteht dadurch, dass eine über Jahrhunderte voranschreitende Fortschrittsentwicklung den modernen Individuen einen Kater beschert hat, dessen Linderung sich die Kulturindustrie profitabel einzuverleiben versteht (Hasse 2000: 92).

Disney bedient sich bei der Organisation der angeeigneten physischen Landschaft analog zu Filmtricks: Die einzelnen Themenfelder werden in jener Komplexität und Größe dargestellt, dass ein durchschnittlich sozialisierter Fußgänger sie problemlos erfassen kann, ohne Überforderung oder Langeweile zu empfinden; negativ konnotierbare Elemente werden in den Gestaltungen planmäßig externalisiert, positiv konnotierte

Elemente integriert (Vollmar 1998: 126), Gebäude und Verkehrsmittel sind derart verkleinert, so dass sie keine Furcht erzeugen (Virilio 1986): Die Dampflokomotive im Betrieb, in Originalgröße aus der Nähe durchaus als erhaben wahrnehmbar, wird verkleinert, mit bonbonesken Farben versehen, mit spärlicher accessoireistischen Dampfproduktion versehen (getrieben wird der Zug freilich nicht mehr mit Dampf), aus modernistischer Sicht wird er damit zu Kitsch. Wie bei phyischen Simulationen stark anthropogener Vorbilder wird auch bei der symbolischen Materialisierung stark natürlich konnotierter Vorbilder eine Deutung im ästhetischen Muster der Erhabenheit nur als Simulacrum nahegelegt: Vorbilder stärkerer Naturnähe mit potenziell existenziell bedrohlichen Konnotationen (wie der Mississippi, der Wilde Westen, der Dschungel oder das Matterhorn) werden in einer Form verniedlicht, dass eine Konnotation mit den täglichen Bedrohungen des Stadtlandhybriden Los Angeles durch naturbürtige Interaktion (wie Erdbeben oder Feuer; vgl. z. B. Keil 1998, Miller/Hyslop 2000) nicht hergestellt wird. Auch Multiethnizität wird in Small World durch Aktualisierung tradierter ethnischer Stereotype bei einlullender Beschallung auf eine Ebene der niedlichen Eingängigkeit reduziert.

Für den Ästhetiker der Moderne stellt Disneyland sicherlich einen Inbegriff des Kitsches dar. Schon die Anlage als Modellierung der Sehenswürdigkeiten der Welt an einem Ort erscheint eklektizistisch. Die Heterotopie Disneylands ist geprägt von intuitiver Zugänglichkeit: Die Anordnung der dargestellten Objekte folgt den Prinzipien des Effektes, sie sind allgemeinverständlich, also einer profanen überholten und veralteten Formensprache verpflichtet (Schweppenhäuser 2007: 55; vgl. auch Ellin 1999), die in der Bestätigung von klischeetierten Wahrnehmungsgewohnheiten verbleibt, ohne Erwartungs-Bestätigungsroutinen zu brechen. Dabei ist der Besucher nicht Konsument einer reinen Simulation, er hybridisiert zwischen Simulation und als real erlebter Erfahrung,

denn es gehört zum Selbstverständnis der Disney-Manager, den Besuchern das Gefühl zu vermitteln, selber die Akteure eines monumentalen Films zu sein (Hasse 1993: 49), in dem der affirmative Betrachter zu einem Teil der kultischen Zeremonie, wie Bieger (2007: 214) in Bezug auf die Heterotopien von Las Vegas feststellt, zu werden scheint, bei dem auf dem somatischen Erfahrungslevel (Bieger 2007: 214) angesetzt wird. Die Besucher sind Teil einer sekundären angeeigneten physischen Landschaft, die nach dem Bild phantastischer Märchenwelten gemacht ist und nur eine Oberfläche der flüchtigen Imagination aufweist (Hasse 1993: 49), die Dichotomie zwischen Bildschirm und Konsument scheint aufgehoben, das Spiel scheint real und diese Realität erscheint traumhaft (Hasse 1993).

Das Disneyland lässt sich vergleichbar mit Las Vegas als eine Rückübersetzung virtueller Weltproduktion (durch Filme und Fernsehserien, zunehmend auch durch das Internet) in den physischen Raum interpretieren. Dabei werden die dargestellten Objekte einer räumlichen wie zeitlichen Verdichtung unterzogen, so dass Disneyland als Ort einer nahtlosen Verbesserung von Wirklichkeit (Bieger 2007: 227) erscheint, in der heterotopologische Raum-Zeit-Dichotomien aufgehoben werden. Verkörperte Orte sind gleichermaßen nah und fern, vergangen und noch kommend, real und fiktiv, erlaubt und verboten (Bieger 2007: 230). Dabei wird bei der Gestaltung der angeeigneten physischen Landschaft Disneylands weniger auf das Konzept des Landschaftsgartens (im Sinne Frederick L. Olmstedts) zurückgegriffen, vielmehr sind natürliche Elemente einer rigorosen Reduktionsprozedur und durchgreifenden Kontrolle ausgesetzt (Vollmar 1998: 131). Diese natürlichen Elemente sind nach Vorbild der HollywoodFilmlandschaften manieriert und technisch animiert (Vollmar 1998: 131), wodurch sich rekursiv erzeugte, simulacrische gesellschaftliche Landschaftsstereotypen verfestigt werden. In einem solchen Sinne produziert Disneyland nicht nur Illusion, vielmehr wird das Verlangen danach gestärkt: Ein wirkliches Krokodil befindet sich im Zoo, und seine Natur liegt darin, zu dösen oder sich zu verstecken, aber Disneyland vermittelt uns, dass die gefälschte Natur vielmehr unseren Bedürfnissen in Tagträumereien entspricht (Eco 2002: 586, zuerst 1975; ähnl. Donnelly 2002). Die physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft in Disneyland sind so gestaltet, dass sieden sozial (insbesondere durch Filme, heute auch durch Videospiele u. a.) präformierten Stimulationserwartungen in optimierter Taktung entsprechen.

Die sozialen und ökonomischen Auswirkungen des 11. Septembers lassen sich besonders anhand der Disney-Freizeitparks verdeutlichen: Die Walt Disney Company hatte im vierten Quartal des Jahres 2001 einen Rückgang des Nettogewinns von 114 Mio. USDollar zu verzeichnen, die durch die Besucherrückgänge in den Freizeitparks des Unternehmens begründet lagen. Hierfür lassen sich fünf Begründungsfaktoren bestimmen (Kagelmann/Rösch 2007):

1. Infolge der weit verbreiteten Angst vor der Nutzung von Flugzeugen brach der Anteil der internationalen Besucher ein.

2. Das Stammpublikum der Disneyparks blieb zu großen Teilen aus Angst vor neuen Anschlägen fort.

3. Das Freizeitverhalten änderte sich in den Vereinigten Staaten zugunsten des häuslichen Bereichs.

4. Die Disneyparks galten infolge der hohen Symbolkraft für den American Way of Life als mögliche Anschlagsziele.

5. Infolge der Konzernstrategie, Sicherheitsaspekte in den Parks als Interna zu begreifen, herrschte bei einem großen Teil potenzieller Nutzer eine große Unsicherheit hinsichtlich der Sicherheitsstandards vor.

  • [1] Dabei wirkt Disneyland insbesondere durch die hohen Eintrittspreise sozial selektiv: Untere Sozialschichten werden als potenzielle Unruhestifter (wie auf Rummelplätzen) ferngehalten (Vollmar 1998).
 
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