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8.3.2 Das Ringen um Identität im postmodernen Raumpastiche: Anaheim, Orange County

Die Gründung von Annaheim (zunächst noch in der Schreibweise mit nn, die später durch Streichung eines n an die Schreibweise des Santa Ana-Flusses angepasst wurde)[1] erfolgte als Weinbaukolonie auf genossenschaftlicher Grundlage durch 50 Siedler zumeist deutscher Herkunft im Jahre 1857. Der Landvermesser und Ingenieur Georg Hansen entwarf die Landaufteilung und das Bewässerungssystem. Dabei verfuhr er nach heimatlichem Vorbild, indem er einen zentralen Wohnort plante, von dem aus die Farmer die umliegenden Gärten und Felder zur Arbeit aufsuchen sollten (Vollmar 1998: 25; Vollmar 1996). Allerdings konnte sich Hansen mit dieser räumlichen Konfiguration nicht durchsetzen: Die Genossenschaftsmitglieder bevorzugten es, die Häuser auf dem jeweils eigenen, großen Feldgrundstück zu errichten, um die landwirtschaftlichen Arbeiten und Kulturen besser beaufsichtigen zu können und in freier Umgebung zu leben (Vollmar 1998: 25). Damit wurde auch in Anaheim die Tradition einer dispersen Siedlungsstruktur gelegt. Die ersten Jahre der Siedlung waren durch Krisen, wie Dürren mit damit verbunden geringen Ernteerträgen, in die Weingärten eindringendes Vieh wie auch Transportproblemen (insbesondere dem Fehlen eines Hafens für Hochseeschiffe für den Transport der schweren Weinfässer), geprägt. Ab Mitte der 1860er Jahre setzte ein bescheidener Bevölkerungszuwachs wie auch der Aufbau einer gewissen Zentralität für das Umland ein (was dadurch begünstigt wurde, das die späteren Konkurrenten wie Santa Ana, Fullerton oder Placentia noch nicht gegründet waren). Mit dem Argument der langen Reisedauer zum Hauptort des Counties, Los Angeles, strebte Anaheim seit 1870 die Gründung eines eigenen Counties an, allerdings ohne Erfolg: Erst 1889 wurde das County Orange gegründet, und zwar mit dem Verwaltungssitz in der konkurrierenden Stadt Santa Ana, dem früheren Anschluss an das Streckennetz der Southern Pacific im Jahre 1874 (Santa Ana wurde erst zwei Jahre später angeschlossen) zum Trotz. Durch das Wachstum von Siedlungen und der Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung waren die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts durch eine Intensivierung der Konflikte um Wasser zwischen den aufstrebenden Kommunen (insbesondere mit Santa Ana) geprägt (Vollmar 1996 und 1998, Kling/Olin/Poster 1995, Griffiths 2001, Faessel 2006). Die landwirtschaftliche Basis des Wohlstandes von Anaheim stellte um die Wende zum 20. Jahrhundert die robuste und saftreiche Valencia-Orange dar. So wurden im Jahr 1923 in Orange County auf 37 528 Acres Orangen angebaut, was eine Ernte von etwa 4,3 Mio. Kartons in einem Wert von 10,9 Mio. Dollar einbrachte (Vollmar 1998). Die strukturellen lokalen und regionalen Konflikte um Wasser und zentralörtliche Bedeutung wurden in den Jahren des Ersten Weltkrieges mit einer längeren Nachwirkungsphase für deutschstämmige Einwanderer durch US-weite Diskriminierungen überschattet: Tausenden wurden ihre Arbeitsplätze gekündigt, weil sie in Deutschland geboren waren. Bücher von deutschen Autoren wurden aus den Beständen öffentlicher Bibliotheken verbannt (Griffiths 2001: 66). Zwar blieben die Deutschstämmigen in Anaheim von solchen direkten Auswirkungen von Deutschenfeindlichkeit weitgehend verschont, doch fühlten sich die Stadtväter von Anaheim gegen ihre zuvor geäußerte Einstellung auf Druck des Counties veranlasst, patriotische (anti-deutsche) Kundgebungen zur Unterstützung der Vereinigten Staaten abzuhalten (Griffiths 2001).

Das Wachstum Anaheims blieb jedoch im Vergleich zu anderen Orten in Südkalifornien Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (in Absolutzahlen) verhalten: Zählte es 1890 1 273 Einwohner, bewohnten es 1940 11 031, dabei erwiesen sich insbesondere die 1930er Jahren als krisenhaft: Verfall der Orangenpreise, Arbeitslosigkeit und Streiks prägten dieses Jahrzehnt. Wahrscheinlich aufgrund seiner geringen Größe wurde Anaheim nicht wie andere Siedlungen im Orange County wie Newport Beach, Santa Ana oder Riverside an das Straßenbahnsystem der Pacific Electric Co. angeschlossen worden, weshalb es sozusagen die elektrische Transportphase übersprang und sich direkt in das aufkommende Zeitalter des Kraftfahrzeugs stürzen konnte (Vollmar 1998: 85). Eine wesentliche ökonomische Basis für die Massenmobilisierung bot, wie an der kalifornischen Küste allgemein, auch in Anaheim der kriegsbedingte Aufbau der Rüstungsindustrie, durch eine exzessive Baulandgewinnung wuchs Anaheim zwischen 1950 und 1960 von 14 556 auf 104 184 Einwohner, darunter zahlreiche Armeeangehörige, Soldaten, Techniker und Verwaltungspersonal, die in den sechs Militärstützpunkten in Orange County stationiert waren und sich dann im County niederließen (Vollmar 1998).

Wies die Entwicklung von Anaheim bis zum Beginn der 1950er Jahre im Vergleich zu anderen Siedlungen Kaliforniens keine nennenswerten Besonderheiten auf, änderte sich dies mit der Ansiedlung des 1955 eröffneten Disneylands (vgl. nächster Abschnitt): Anaheim wurde zunächst zum Nukleus, später zu einem zentralen Standort eines sich später globalisiert entwickelnden Netzes an Vergnügungsparks, was wesentliche Auswirkungen auf die Entwicklung des lokalen und regionalen Beherbergungsgewerbes, von Gaststätten und der Entwicklung öffentlicher (Straßen) und privater Infrastruktur (z. B. Parkplätze) hatte. Die Ansiedlung von Disneyland bereitet den Weg für zwei weitere Großprojekte: Das 1967 fertig gestellte Stadion, in dem fortan die zu California Angels umbenannten Baseballer der Los Angeles Angels (heute Los Angeles Angels of Anaheim) und das Footballteam der Los Angeles Rams spielten, und das ein Jahr nach dem Stadion eröffnete Kongresszentrum, gegenüber Disneyland an der Katella Avenue. Im Jahre 1993 wurde eine weitere Austragungsstätte für sportliche Großveranstaltungen mit der Anaheim Arena, einer Halle mit 19 000 Plätzen, errichtet. Die Errichtung von Großprojekten weitab des ursprünglichen Stadtkerns von Anaheim war mit einem Bedeutungsverlust des Stadtzentrums um Broadway und Lincoln Avenue verbunden. Mehrere Revialtisierungsversuche seit Mitte der 1960er Jahre zeigten bei gleichzeitiger unvermindert anhaltender Ausweisung randstädtischer Neubaugebiete einen verhaltenen Erfolg (Vollmar 1998; vgl. Abbildung 71). Im Jahr 2006 wies Anaheim etwa 334 Tausend Einwohner auf. Infolge des starken Wachstums der Siedlung sind kaum noch Reserveflächen im Stadtgebiet verblieben, wodurch (insbesondere in bevorzugter Lage) Flächennutzungskonkurrenzen auftreten (wie in Bezug auf die Planungen der Nutzung eines Teiles der Flächen um Disneyland Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert, und die Frage, ob Flächen für Wohnbebauung oder für die touristische und anderen geschäftliche Nutzungenbereitgestellt werden sollten).

Im Stadtlandhybriden von Südkalifornien stellt Anaheim einen spezialisierten Standort der Konsum- und Kulturwelten dar. Dabei ist auch im Vergleich zu den übrigen Kommunen Südkaliforniens das symbiotische Verhältnis von Wirtschaftsunternehmen (Disney) und kommunaler Politik und Verwaltung bemerkenswert. Gerade diese zum Pol der Wirtschaft neigende Ökonomie-Politik-Hybridität macht Anaheim zu einem herausstechenden Element im postmodernen Raumpastiche Südkaliforniens.

Abbildung 71 Anheim. Wie in vielen Teilen des Stadtlandhybriden unterliegt die Downtown (o. l.) zwar Restrukturierungsbemühungen, verhindern Shopping Malls und Edgeless Cities dort aber eine größere Konglomeration höherzentraler Funktionen. O. r.: Ein Beispiel für eine Wohnsiedlung in Anaheim. Das Angels Stadium (u. l.) stellt einen wesentlichen Identifikationskern im Stadtlandhybriden dar. Es ist ausgerichtet auf den üblichen Modal Split in der Region umgeben von großen Parkplatzfl Die touristische Erschließung von Anaheim (insbesondere durch Disneyland) hat auch Gastronomiegewerbe gefördert: Im Anaheim Garden Walk wird konzentriert Urbanität simuliert (u. r.; Aufnahmen: April 2006, August 2010 und April 2011).

  • [1] Diese Änderung der Schreibweise brachte so Vollmar (1996: 295) den Kolonisten einen ihnen sehr vertraut klingenden und gleichzeitig assimilierten Siedlungsnamen ein.
 
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