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5.3 Inhaltsangabe und Besprechung der bisher gesehenen Sequenzen des Films

Die Lehrerin fordert zur Zusammenfassung der zuvor gezeigten resp. gesehenen Filmsequenzen auf: „So. (.) Ähm (..) vielleicht können wir kurz zusammenfassen, (.), was ist denn (..) ä-h-h-h-m, (.) (Tom/Ingo), (.) ab bis jetzt im Film passiert?“ (Z 178-179). Als die Schüler nur die Personen benennen, die im Film vorkamen, präzisiert die Lehrerin ihre Anforderung: „Gut. Machst von Anfang an einen kleinen (.) eine kleine Inhaltsangabe?“ (Z 185). Die Schüler erinnern den Ort („neben einer Brück“ (Z 187)), die Personen (Thomas, Peter), die Lehrerin ergänzt den Namen einer dritten Person (Arvid). Nachdem diese Personen aufgezählt wurden, fragt sie, wer das sei (Z 194 „Und wer is des?“) und noch einmal: „Die drei?“ (Z 197). Die Schüler beantworten die Frage mit der Aussagen „Swing Kids“ (Z 199), „Swing Boys“ (Z 201, 203) und die Lehrerin bestätigt beide Schülerantworten (Z 203), ohne genauer zu klären, was der Begriff bedeutet.

Nach einer Unterbrechung des Unterrichts durch andere Schüler (möglicherweise Mitgliedern der Schülervertretung), die vermutlich im Auftrag der Schulleitung Informationen über die Zufriedenheit mit einem Schulfotografen einzuholen versuchen, möchte die Lehrerin das Geschehen der in der vorausgegangenen Schulstunde gesehenen Szenen zusammenfassen lassen und wendet sich an die Schüler, die ihr vorher die Zusammenfassung lieferten (Z 255). Sie appelliert, mit dem Hinweis auf den Verlust von Zeit (Z 257), an die Schüler mitzumachen. In der Art, wie die Lehrerin Fragen stellt, liegen die von ihr vermutlich erwarteten Antworten verborgen. Wenn sie ausführt: „Also wir wissen jetzt, die Drei, die Namen der drei (.) Swing Kids. Ah (.) was is besonders an diesen Swing Kids?“ (Z 260-261). Auf der Basis der Nachfragen von Tom (Z 263) macht sie den Gegensatz von ‚besonders' und ‚normal' auf: „Na ja, ist das normal, dass diese Swing Kids (..), sind alle Buben Swing Kids?“ (Z 265). Sie hofft, dass die Schüler wissen, dass ein großer Teil der Jugendlichen in der Hitlerjugend war, und so schlussfolgern können, dass die Swing Kids eine besondere Gruppe Jugendlicher waren. Der Gegensatz von Hitlerjugend und Swing Kids, die Verfolgung einer bestimmten Art von Musik (Jazz, Swing als ‚jüdisch-rassische' Musik), die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten sollen erkannt werden. Die durch ihre Frage nahe gelegte Antwort wird von den Schülern nicht gegeben. Im Gegenteil: Tom bestätigt zweimal, dass es normal war, ein Swing Kid zu sein (Z 266, 268). Die Erkenntnis, die die Lehrerin den Schülern vermitteln will, werden durch das Zurückweisen dieser Antworten eingefordert: „Ja?! (.) Sagst du des wirklich?“ (Z 269), und weiter: „Dass alle deutschen Buben zu dieser Zeit Swing Kids waren?“ (Z 271). Damit artikuliert die Lehrerin ihre Erwartung, dass die Schüler historische Kenntnisse in die Deutung der Szene einbringen. Sie wendet sich mit ihrer Frage an Emil, der zunächst die Aussage von Tom ergänzt „Also, ähm, si-e (.) hab'n vor allem Swing äh gehört und getanzt, des is a Musikstil aus Amerika“ (Z 275-276) und dann weiterführt „und ähm sie haben sich äh gegen die Nazis gewendet und vor allem gegen di-e (.) Hitlerjugend“ (Z 278-279). Hier findet eine interessante Bedeutungsverschiebung statt. Es sind im Film die Nationalsozialisten, die Juden verfolgen und die Musikund Tanzveranstaltung der Swing Kids durch Razzien stören. Es sind nicht die Swing Boys, die sich bewusst und gezielt gegen die Nazis wenden. Emil versucht in seinen Aussagen, sowohl den gesehenen Szenen im Film wie der erwarteten Denkund Redeweise der Lehrerin gerecht zu werden.

Die Lehrerin fragt weiter: „Äh (.) war-u-m (.) war das notwendig, überhaupt sich (.) als Swing Boys wehren zu müssen? (..) (Franz)?“ (Z 280-281). Damit fordert sie zu einer Einordnung des Geschehens auf, das auf der Grundlage der bisher im Film gezeigten Szenen nur bedingt (durch Vorwissen) gelingen kann, denn die vorher gezeigten Szenen sind Tanzszenen. Franz antwortet, indem er auf ihre Erwartung reagiert und zugleich durch eine relativierende Formulierung der Aussage (oder was auch immer) eine innere Distanz gegenüber seiner eigenen Antwort markiert.

„Weil sie eigentlich ja net so wie di-e (.) Hitlerjugend waren, dass sie g´sagt haben, ja alle Ausländer san blöd oder alle (.) oder alle Juden oder was auch immer, sondern sie waren da eher neutraler eingestellt und haben halt ihre (.) Interessen verfolgt“ (Z 282-285). So gelingt es ihm, eine Antwort zu geben, die die Lehrerin erwartet und sich zugleich gegenüber der Zumutung, ihre Sicht zu übernehmen, zu distanzieren. Mit seiner Aussage markiert Franz, dass nach seiner Meinung eine neutrale Position möglich war. Die Lehrerin bestätigt seine Sicht, die indirekt ihre Position zurückweist und ihre Frage neu rahmt (Z 286). Sie fragt: „Richtig. Und, äh, die Musik betreffend?“ (Z 286).

Die Lehrerin versucht, den von Emil genannten Gegensatz stark zu machen, indem sie nach der Musik fragt. Sie spricht einen Schüler mit „Arne“ an, woraufhin sich ein anderer Schüler als Arne zu erkennen gibt. Er bezeichnet die Musik als „fröhlich“ (Z 291), nach der alle tanzten (Z 293). Die Lehrerin fragt nach: „Und warum müssen sie das, wenn das eine sehr fröhliche Musik is, warum müssen sie das dann im Geheimen machen, versteckt?“ (Z 296).

Arne antwortet: „die Nazis, die sind äh net sehr erfreut über (..) des“ (Z 298). Er bietet eine Formulierung an, die nicht auf die Verfolgung durch die Nationalsozialisten abhebt; er wählt eine eher ‚weiche' Formulierung und damit beschönigende Perspektive. Falk ergänzt, dass es um „ausländische Musik“ geht (Z 299). Die Präzision, dass es um Musik aus Amerika geht, reicht der Lehrerin nicht. Sie fragt noch einmal, was für Musik die Swing Musik war (Z 208) und wendet sich mit ihrer Frage erneut an Franz, dessen Antwort sie bestätigt und weiterführt: „Von

den (.) Schwarzen, net. Und das war schon wieder eine bestimmte Rasse. Nicht nur, aber hauptsächlich von den Schwarzen. Ok.“ (Z 310-311).

Die Lehrerin setzt voraus, dass – auf der Basis von Weltwissen – die Schüler über den Kulturkampf im Nationalsozialismus mit Blick auf Literatur, Musik und Film Bescheid wissen. Sie verhilft nicht dazu, den Gegensatz zwischen Jazz/Swing und deutscher Tanzmusik, wie sie durch die Nationalsozialisten propagiert wurde, zu verdeutlichen. Die damit verbundenen Konflikte um Fragen der Freiheit und Individualisierung versus Anpassung, Unterordnung und Formierung werden nicht herausgearbeitet, sondern nur vor einem nationalen Hintergrund angesprochen (Herkunft der Musik aus Amerika; Musik der Schwarzen), ohne sich genauer mit dem der Musik und dem Tanz innewohnenden Potential auseinanderzusetzen. Sie verdeutlicht auch nicht, dass Jazz-Musiker auch Juden, Sinti oder Schwarze waren, dass es – auch in den USA – etwas Besonders war, dass Schwarze und Weiße zusammen Musik machten; Musik war Ausdruck eines kulturellen Emanzipationsprozesses der Schwarzen. Die Lehrerin führt den Rassebegriff – über den Verweis auf die Schwarzen – ein, ohne ihn zu problematisieren (vgl. Z 310-311).

 
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