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8.3.1 Irvine der mittlere Geschmack und seine Edge City

Bei Irvine, rund 60 Kilometer südöstlich von Downtown Los Angeles, handelt es sich um die größte, privat entwickelte New Town der Vereinigten Staaten[1]. Während europäische New Towns dem Prinzip Le Corbusiers towers in the parks folgten, wurden ihre amerikanischen Pendants infolge der oben beschriebenen Sehnsüchte der WASPKultur weniger dicht im Stile von Vorstädten errichtet. Dabei wurden die New Towns beiderseits des Atlantiks auf den motorisierten Individualverkehr bei gleichzeitiger Funktionstrennung der Siedlungsteile ausgerichtet (Kling/Olin/Poster 1995, Ruggeri 2009). Während in den meisten europäischen New Towns die Architektur der Gebäude prägendes Merkmal war, nutzen die Planer vorn Irvine Landschaftsarchitektur und Städtebau als Marketinginstrument, das die Stadt als Alternative zu den ausufernden Vorstädten von Los Angeles positionieren sollte (Ruggeri 2009: 247). Die Gliederung von Irvine wurde konsequent nach den gesellschaftlich-landschaftlichen Sehnsüchten nach Ländlichkeit und (domestizierter) Natur als von Laien unterscheidbare und als Dörfer (villages) bezeichnete Quartiere konzipiert. Die Architektur der Landschaft wurde um größtmögliche Bildhaftigkeit (imageability) zu erreichen sorgsam nach dem Modell Englischer Landschaftsgärten geplant und umgesetzt (Schiesl 1995, Ruggeri 2009; allgemein für den Stadtlandhybriden siehe Fogelson 1993, zuerst 1967; Abbildung 70).

Den Ausgangspunkt der Geschichte der Stadt Irvine liegt in der Irvine Ranch, die sich Ende des 19. Jahrhunderts etwa 37 Kilometer vom Pazifischen Ozean bis zum Santa Ana River erstreckte und eine Fläche von rund 445 km2 einnahm. Im Jahr 1894 wurde die Ranch in die Irvine Company überführt und der Betriebsschwerpunkt wurde sukzessive von extensiver Viehhaltung auf lukrativeren Ackerbau, sowie Oliven- und Zitrusfrüchteanbau umgestellt. Während des Zweiten Weltkrieges wurden auf dem Gelände zwei Marineeinrichtungen errichtet, wozu die Irvine Company, der Schiesl (1995: 55) attestiert, dass nur wenige Organisationen in der ökonomischen und sozialen Entwicklung der Nachkriegszeit in Orange County eine derart bedeutende Rolle gespielt hätten, das entsprechende Land an den Staat veräußerte. Mit der Eröffnung von Disneyland in Anaheim 1955 und des Santa Ana Freeways intensivierte sich der Einfluss der ökonomischen und demographischen Gravitationsfelder von Los Angeles und Anaheim auf Irvine: Die durch Entwickler getragene Bautätigkeit nahm zu (Schiesl 1995). Ein weiterer wesentlicher Schritt in der Entwicklung der Irvine Ranch zu einer New Town war die Errichtung des Satelliten-Campus der University of California ab dem Jahr 1959. Der Architekt William Pereira bekam den Auftrag, auf einer Fläche von rund 6,1 km2 den Campus einschließlich einer Siedlung für 50 000 Einwohner zu planen. Neben dem Campus sah der Plan in der Nachbarschaft des Campus ein Stadtzentrum, dazu Wohnviertel, Industriegebiete und insbesondere weit ausgedehnte Naherholungsgebiete vor. Insbesondere der Süd-Sektor-Plan von Irvine bemühte sich um eine Synthese von Architektur und (zugeschriebenen) sozialen Bedürfnissen: Die Gartenstadtidee die wiederum auf der Idealisierung und Stereotypisierung ländlicher angeeigneter physischer Landschaft basierte (Thomas 1984) aufgreifend, wurde mit dem Ziel der Schaffung einer sozialen Heterogenität ein System überschaubarer Siedlungseinheiten geplant, ökonomisch und funktional eigenständige Einheiten zu schaffen. Diese Siedlungseinheiten wurden als Mischung unterschiedlicher Haustypen Gartenappartments, Einfamilienhäuser und Mehrparteienhäuser geplant, die durch Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen ergänzt wurden. Um die Unterscheidbarkeit der Siedlungen zu gewährleisten, sollten diese durch Grünanlagen voneinander getrennt werden (Schiesl 1995, Pincetl 1999, Starr 2006, Lowenthal 2009).

Abbildung 70 Irvine. Die Planungen der New Town richten sich stark an stereotypen stadtlandschaftlichen Vorstellungen potenzieller Bewohner mit gehobener Ausstattung an symbolischem Kapital aus. Dabei dominieren Ästhetiken, die dem Vorbild des Englischen Landschaftsgartens entlehnt sind in einer Region mit erheblichem Niederschlagsdefi (Aufnahme: August 2010).

Im Jahre 1970 wurde der Irvine Industrial Complex West (heute bekannt als The Irvine Business Complex) eröffnet und die Villages Turtle Rock, University Park, Culverdale, the Ranch und Walnut fertig gestellt. Im Jahre 1971 wurde aus Angst, die Steuern der wohlhabenden Siedlungen könnten andernorts eingesetzt werden Irvine als eigenständige Gemeinde inkorporiert. Zugleich wurde der ursprüngliche Plan von Pereira überarbeitet und eine erweiterte polyzentrische Struktur von Irvine geplant (The City of Irvine 2010a). Dabei wurden den unterschiedlichen Villages unterschiedliche architektonische Themen zugeordnet, so wurde Turtle Ridge in toskanischem Stil, Northpark Square in spanischem Missionarsstil, Woodbridge im Ostküstenstil angelegt, heute wird mit nachhaltigen Bauformen und dem New Urbanism experimentiert, und auf Grundlage der Kevin Lynchschen (1960) Theorie der Knoten, Kanten, Landmarken, Wege und Bezirke angeordnet und gegliedert, so dass der nach einheitlichen Prinzipien angelegte Entwurf in der angeeigneten physischen Stadtlandschaft bis heute lesbar bleibt. Die Einwohnerzahl in Irvine nahm rasch zu. Lebten im Jahre 1971 hier noch 10 081 Personen, erhöhte sich die Zahl auf 143 072 im Jahre 2000, aktuell (2009) wohnen 212 793 Personen in Irvine, deren ethnische Zugehörigkeit sich folgendermaßen zusammensetzt: weiß 47 Prozent, asiatisch 36 Prozent, hispanisch 9 Prozent, schwarz 2 Prozent und andere 6 Prozent (City of Irvine 2010b). Diese Entwicklung deutet Ruggeri (2009: 250) folgendermaßen:Ein hervorragendes Schulsystem, die Verfügbarkeit ganz unterschiedlicher Wohnformen, eine Fülle von Arbeitsangeboten und die Schönheit der Landschaft waren nur einige Ursachen, die in den ersten 30 Jahren zu dem enorm raschen Wachstum von Irvine beitrugen. Neben diesen Annehmlichkeiten einer eigenständigen Kommune mit einem hohen Status an symbolischem Kapital wird in Irvine ein besonderes Augenmerk auf Ordnung, Sauberkeit und Erhaltung der arkadisch scheinenden Landschaft gerichtet, bei deren Einhaltung die Irvine Company mit Hauseigentümervereinen kooperiert (Schiesl 1995, Gayk 1995, Ruggeri 2009).

Das Prinzip der Bildhaftigkeit wird in Irvine durch eine auf (positiv stereotypisierte) Naturelemente bezogene Namensgebung unterstützt. Dabei sollen Ortsnamen

in denen Begriffe wie Klippe (bluffs) und Hügelkette (ridges) [] ein unmittelbares Identitätsgefühl [auslösen] (Ruggeri 2009: 254) verwendet werden, um so das Gefühl der intakten Gemeinschaft (und damit die Immobilienwerte) zu erhalten. Ähnliche semantische Umdeutungen werden durch die Irvine Company in Bezug auf die Bezeichnungen der Siedlungen genannt. Um sich von dem Suburban Sprawl Südkaliforniens abzugrenzen werden die einzelnen Siedlungsteile nicht wie ansonsten üblich als Nachbarschaft (neighborhood) sondern als Dorf (village) bezeichnet. Um die Siedlung an die sich wandelnden Bedürfnisse der Bewohner anzupassen, sammeln die Marketingbüros der Irvine Company in einer fortlaufenden Rückkopplungsschleife Informationen über die Zufriedenheit und Wahrnehmung der Nutzer (Ruggeri 2009: 262). Auch in der ökonomischen Dimension unterscheidet sich Irvine von klassischen Suburbiumssiedlungen: Bereits in den 1960er Jahren hatten die Stadtverantwortlichen von Irvine die Kritik des Suburban Sprawl mit seinen von einem Zentrum abhängigen Wohnsiedlungen aufgegriffen und die Ansiedlung von Arbeitsplätzen für Qualifizierte und Hochqualifizierte (wie etwa die Aeronutronics Division der Ford Motor Company südwestlich des Campus) in der Kommune vorangetrieben (Schiesl 1995), so dass Irvine eine zentrale Bedeutung der Emanzipation Orange Counties von Los Angeles einnahm. Hierzu trägt auch die Errichtung des von der Irvine Company betriebenen Irvine Spectrum Centers, eines Urban Entertainment Centers mit einer Verkaufsfläche von knapp 44 000 Quadratmetern, bei, das in zwei Bauphasen 1995 und 1998 nahe der Kreuzung der Interstates 5 und 405 (Santa Ana Freeway und San Diego Freeway) in Simulation marokkanischem Baustils errichtet wurde und im Entertainmentbereich insbesondere Freizeitmöglichkeiten für Erwachsene anbietet (Kinos und Restaurants; Hahn 2001 und 2006). Diese Entwicklungen von Irvine wirken auch beispielgebend für andere Siedlungen: Im Zuge der Expansion der Siedlungstägigkeit übernahmen ab den 1970er Jahren die Kommunen von Laguna Niguel und Mission Viejo Entwicklungs-, Gestaltungs- und Vermarktungsstrategien zur Anwerbung von Personen mit einer höheren Ausstattung an symbolischem Kapital (Schiesl 1995, Starr 2006).

Irvine stellt einerseits architektonisch und städtebaulich eine Ausnahmeerscheinung in der Entwicklung der Agglomeration Südkaliforniens und darüber hinaus dar, schließlich folgt die Siedlung auf Grundlage einer einzigartigen Eigentümerstruktur einem einheitlichem Entwurf und hebt sich damit von der Kleinkammerigkeit anderer suburbaner Räume ab (Forsyth 2005, vgl. auch Rabinovitz/Siembieda 1977), doch zeigt die Zusammensetzung der ethnischen Zugehörigkeit wie auch die Ausstattung an ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital deutliche Tendenzen zur aktiven sozialen Segregation. Anders ausgedrückt: Durch die Konzentration auf Bevölkerungsteile mit einer hohen Ausstattung an symbolischem Kapital wurde die ästhetisch distinktiv abqualifizierte Einförmigkeit des Suburban Sprawls durch distinktiv intendierte Reminiszenzen an klassische architektonische und städtebauliche Motive ersetzt. Die Integration von Bevölkerungsteilen mit einer (im Vergleich zum County) unterdurchschnittlichen Ausstattung an symbolischem Kapital wurde (entgegen der Proklamation in den einschlägigen Plänen) nie ernsthaft in Erwägung gezogen zu sehr hätten diese den Eindruck der postsuburbanen Heilen Welt durch spezifische architektonische Zwänge preiswerten Bauens und alternative Praktiken des Sozialverhaltens konterkariert (vgl. auch Schiesl 1995). Die modernistischen Tendenzen eines großen Entwurfs als große Erzählung von Architektur und Städtebau werden dabei mit den postmodernistischen Prinzipien der Kleinkammerigkeit, des Aufgreifens historisierender Baustile sowie der Hinwendung zur romantischen Gestaltung der angeeigneten physischen Landschaft ergänzt (Kühne/ Franke 2010). Damit wird den (medial und durch ständige Surveys rekursiv verfestigten) stereotypen Bedürfnissen nach ländlich scheinenden Bau- und Landschaftsformen Rechnung getragen und durch offensives Marketing in Bezug auf die Gestaltung der Siedlung zur Gewinnerzielung (hier für die Irvine Company) genutzt. Den architektonisch-städtebaulichen postmodernen Manifestationen stehen wiederum modernistisch-exklusivistische Manifestationen des Strebens nach Ordnung, Sauberkeit und der Erhaltung eines (scheinbar) neuen Zustandes gegenüber. Wodurch sich Irvine als modernistisch-postmodernistischer Hybrid kennzeichnen lässt. Dabei lässt sich mit Claus Leggewie (1998) nachvollziehen, dass in Irvine wie in Siedlungen des New Urbanism (am Beispiel von Celebration bei Orlando) nach der Lebbarkeit von Disneywelt gestrebt wird.

  • [1] New Towns wurden infolge der massiven Verstädterungsprozesse ab den 1960er Jahren sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten angelegt.
 
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