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8.2 Hollywood

Hollywood ist wird Giesenfeld (2007: 6) gefolgt ein Wort, das eine Welt-Angelegenheit bezeichnet, auch das Hollywood-Zeichen, ursprünglich 1923 als Werbung für Grundstücke errichtet[1], scheint unter den amerikanischen Icons einzigartig zu sein (Braudy 2011: 1), es steigere nicht so Braudy (2011: 4) wie andere amerikanische Wahrzeichen (wie die Freiheitsstatue oder der Mount Rushmore) die patriotische Gesinnung oder das Verständnis für historische Zusammenhänge, das Hollywood-Zeichen fokussiert unsere Träume und unser inneres Leben, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Die Transformation vom physischen Objekt zum Simulacrum wird beim Hollywoodzeichen durch seine Absperrung gegen die Öffentlichkeit intensiviert: Mit Infrarotkameras, Bewegungsmeldern und Mikrofonen wird das Verbot der Besichtigung des Zeichen aus der Nähe gegen die Öffentlichkeit durchgesetzt (Hollywoodsign 2011)[2].

Hollywood repräsentiert eine polyvalente angeeignete physische Landschaft zweiter Ordnung und versinnbildlicht die vielfach damit verbundenen Konsequenzen: Die physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Stadtlandschaft Hollywood treten gegenüber der gesellschaftlich-symbolischen Dimension zurück: Hollywood steht für die dominante Erscheinungsform des Mediums Film überhaupt (Giesenfeld 2007: 6), die Ausformung des Films als Massenkunst, die Organisation von Filmproduktion des Studiosystems, Vertriebsstrategien, insbesondere auch der Definition und rekursiven Herstellung ästhetischer Standards durch das Erzeugen sozialer Erwartungen; Hollywood steht für die im Kapitalismus effektivste Art, industrielle und kommerzielle Filme zu machen (Giesenfeld 2007: 6; siehe auch Ostermann 2007). Diese in Hollywood lokalisierte Filmindustrie propagiert die amerikanische Kultur und ihre mythischen Konstruktionen weltweit und ist verantwortlich für das Bild der fiktionalen Stadt, welches die Rezipienten auf der ganzen Welt von Los Angeles haben (Lüke 2008: 94).

Gerade in Hollywood bestimmen die medial (vor-)geprägten Blickweisen die Wahrnehmung der angeeignet-physischen Landschaft, das subjektive Erleben von Landschaft vor Ort findet innerhalb vorgefertigter Erwartungsmuster statt (Vöckler 1998: 279, vgl. auch MacCannel 1976, Anders 1980, Jakle 1987). Wie Touristenorte darauf ausgerichtet sind, möglichst exakt so auszusehen wie die Hochglanzbilder, die uns die Medien von ihnen geben (Eco 2006: 27; vgl. auch Welsch 2006, Lippuner/Redepenning/Schneider 2010), bestehen in Hollywood als Inbegriff einer glamourösen Hyperidentität Bestrebungen, sich dem globalen alltagsweltlichen Stereotyp (als Teil der gesellschaftlichen Landschaft) im Bereich der angeeigneten physischen Landschaft anzupassen: Der physische Zustand des Hollywood Boulevards zeigte infolge der Verlagerung der Filmproduktionsunternehmen erhebliche Entglamourösisierungserscheinungen und ruft bei Besuchern deren gesellschaftlich-landschaftliches Stereotyp ein anderes war eher Enttäuschung hervor, das Hollywood in der gesellschaftlichen Stadtlandschaft des globalen Kinopublikums war nur notdürftig mit dem Ort gleichen Namens verknüpft (Davis 2004: 446). In Anlehnung an Foucaults (1990) Heterotopie-Konzept lässt sich das Hollywood der stereotypen gesellschaftlichen Stadtlandschaft als Heterotop beschreiben, das eine spezifische heterotopische Gebrauchsdynamik (Bieger 2007: 44) des Glamours erwarten lässt, aber dessen physische Grundlagen wenig Bezug zu einer heterotopen angeeigneten physischen Stadtlandschaft aufweisen.

Die Folge der Divergenz zwischen gesellschaftlicher Landschaft auf Grundlage von wiederholten Stereotypen und der angeeigneten physischen Stadtlandschaft von Hollywood auf Grundlage physischer Objekte in ästhetisierter Zusammenschau war eine Sanierung mit dem Ziel, die physischen Objekte gemäß dem Simulacrum Hollywood zu gestalten. Die angeeignete physische Agglomerationslandschaft von Hollywood wird somit in Entsprechung des Verhältnisses von Modell und reproduzierter Ware nach den medialen Bildern geformt, die man sich von ihnen gemacht hat (Hartmann 2000: 219). Die Veränderung der physischen Repräsentanzen von Hollywood sollte vergleichbar anderer Siedlungen, aber auch Außenbereiche dazu beitragen, die Dissonanz zwischen Raumerfahrung und Raumerwartung zu harmonisieren (Löw 2010: 185). Das Bemühen um die Hollywoodisierung von Hollywood (Davis 2004: 448) bedeutete einen weiteren Schritt in Richtung Fragmentierung des posturbanen Patchworks von Los Angeles: Physische Manifestationen der stereotypen gesellschaftlichen Stadtlandschaft von Hollywood wie die Bowl, Graumanns Chinese und Egyptian Theaters oder Musso and Franks werden flankiert von der unerreichbaren Pracht der Hügel und den gescheiterten Hoffnungen im flachen Teil des Stadtbezirks (Davis 2004: 446) und kontrastiert mit dem Universal CityWalk, einer von MCA betriebenen und 1992 eröffneten posturbanen und idealisierten Gegenwelt, architektonisch gestaltet aus Mission Revival, Art déco, stromlinienförmiger Moderne und nostalgischer Volkstümlichkeit (Davis 2004: 448; Abbildung 68). Starr (2006: 452) beschreibt den CityWalk als physische Manifestation der Bedürfnisse der Bewohner des Stadtlandhybriden Los Angeles: Eine gemanagte und sichere Stadt der Engel, die von den Bewohnern der Agglomeration als virtuelle urbane Szenerie, die gegenüber den gewachsenen Innenstädten bevorzugenswert erschien (Gladstone/Fainstein 2003; vgl. auch Ellin 1999, Campbell 2000). Die enge Verflechtung mit den Universal Studios, zwischen dessen Eingang und Parkplätzen es angesiedelt ist (Hahn 2001), impliziert eine weitere Steigerung der Bedeutungszuschreibung als postmoderne Variante des besonderen Ortes. Einer objektivierten Ästhetik des mittleren Geschmacks also, die stereotype und gesicherte Objektanordnungen in mittelkomplexer Mischung darbietet und damit genügend (optische) Reize bietet, um keine Langeweile mangels Unterkomplexität, aber auch keine Überforderung infolge einer überkomplexen Umgebung aufkommen zu lassen. Damit stellt der CityWalk eine graduelle Steige-

Abbildung 68 Hollywood (oben) und Universal CityWalk (unten). Während sich in die Bemühungen von Hollywood, dem eigenen glamourösen Image hinsichtlich der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft gerecht zu werden, immer wieder von Erscheinungen im physischen Raum konterkariert wird, die dem stereotypen Image nicht entsprechen (wie Obdachlose auf dem Walk of Fame oben

2. Bild von rechts, oder beliebig erscheinende einstöckige Funktionsgebäude, o. l.), stellt der Universal CityWalk eine in sich geschlossene ästhetisierte Totalität dar (Aufnahmen: September 2010 und März 2011).

rung der Komplexität (in beherrschbarer, also nicht Unsicherheit produzierender Form) dar und kontrastiert die entkomplexisierte Struktur der Suburbien.

Das Streben nach Anpassung des physischen Raumes Hollywood an die stereotype glamouröse gesellschaftliche Stadtlandschaft Hollywood manifestiert sich auch in der von Frank Gehry entworfenen Goldwyn Library, die die einer Brandstiftung zum Opfer gefallene Hollywood Regional Branch Library ersetzte. Das Ziel, einen vandalensicheren Bau zu erstellen, veranlasste Gehry, die Sicherheitsfunktionen als Motive des Entwurfs weitestgehend in den Vordergrund (Davis 2004: 233; Starr 2006; siehe Abbildung 54) zu stellen. Dabei bezieht sich die Goldwyn Library unerbittlich auf einen teuflischen Anderen (Brandstifter, Sprüher, Eindringling), den sie auf die Straßen und auf die Menschen auf den Straßen in der Umgebung zurückspiegelt. Sie tränkt ihre unmittelbare Umwelt, die schäbig, aber nicht besonders feindselig ist, mit ihrer arroganten Paranoia. Sie repräsentiert den Willen zur Gentrifizierung des Stadtteils verbunden mit steigenden Bodenpreisen und dokumentiert den exklusivistischen Drang, sich aus dem öffentlichen Raum abzusondern und Form und Funktion zu trennen. In dieser Absonderung repräsentiert die Goldwyn Library das Selbstverständnis vieler aktueller Architekten, die sich wie Modeschöpfer verhalten und ganz damit beschäftigt sind, Gebäude zu entwerfen, denen man ihre persönliche Handschrift ansieht (Sennett 1991: 118), anstatt den physischen und symbolischen Kontext des angeeigneten physischen Stadtlandhybriden zu berücksichtigen.

In den 1920er Jahren begann mit Hollywood die Verschmelzung zwischen einem Business und einem Ort (oder zumindest mit dem Namen eines Ortes) um so eine Marke zu kreieren (Braudy 2011: 55). Davis (2004; vgl. auch Giovacchini 2003) differenziert diese Marke und spricht von insgesamt sechs miteinander verflochtener Hollywoods unterschiedlicher Stimulationsstufe: HOLLYWOOD1 als soziale Realität (Slum), HOLLYWOOD2 als vom Film erzeugtes Spektakel, HOLLYWOOD3a als Disney MGM (in Florida), HOLLYWOOD3b in Form von Universal (in Florida), in denen Teile von der Agglomeration von Los Angeles nachgestaltet sind, HOLLYWOOD4 als CityWalk (in Los Angeles) sowie (Hollywood)5 als Sanierungsprojekt. Diese Polyvalenz in den unterschiedlichen stadtlandschaftlichen Dimensionen entzieht Hollywood einer eindeutigen Fassbarkeit, Hollywood ist flüchtig und dehnbar zugleich (Davis 2004: 445). Diese Uneindeutigkeit von Hollywood ist selbst in der behördlichen Repräsentation virulent: Jede Behörde der Stadt Los Angeles und des Los Angeles County hat einen anderen Zuständigkeitsbereich, der sich Hollywood nennt, doch nicht zwei davon sind deckungsgleich, und nur einer ist identisch mit dem Stadtgebiet der kurzlebigen City of Hollywood (19031910) (Davis 2004: 443).

  • [1] Bei seiner Errichtung bestand das Hollywood-Zeichen noch aus den Buchstaben HOLLYWOODLAND (Braudy 2011).
  • [2] Hierin liegt eine gewisse Ironie, dass mit Kameras die physisch-phänomenologische Auseinandersetzung des mit Hilfe von Kameras simulacrisierten Objektes durchgesetzt wird.
 
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