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8 Kompartimente des postmodernen Stadtlandhybriden

In diesem Kapitel sollen Kompartimente des Stadtlandhybriden jenseits von Downtown Los Angeles dargestellt werden. Sie sollen dazu dienen, individuelle Entwicklungspfade von einzelnen Kompartimenten in dem komplexen Bündel der Entwicklungspfade des Stadtlandhybriden Los Angeles aufzuzeigen. Dabei wird zunächst mit Chinatown ein so genanntes ethnisches Viertel hinsichtlich seiner spezifischen Eigenlogik untersucht werden, daran schließen sich Untersuchungen in Orange County an. Hier werden die beiden Siedlungen Irvine (als nach landschaft ästhetischen Kriterien geplante) und Anaheim (als eine in den 1850er Jahren als Agrarsiedlung gegründete) mit sehr verschiedenen Entwicklungspfaden ebenso untersucht, wie die fokussierte Welt von Disneyland (in Anaheim). An der östlichen Peripherie des Stadtlandhybriden liegt die Wüstensiedlung Twentynine Palms, an deren Beispiel sich übergreifende Logiken des Wachstums des Stadtlandhybriden Los Angeles verdeutlichen lassen. Abschließend wird ein lineares Kompartiment mit großer Bedeutung in der südkalifornischen Selbstbeschreibung behandelt: die Strände.

8.1 Chinatown

Chinatown ist neben Koreatown und Little Tokyo ein weiteres ethnisch-asiatisches Viertel in Los Angeles[1]. Old Chinatown lag nördlich der Union Station entlang der Alameda Street und wurde mit der Erweiterung von der Union Station zum größten Teil niedergerissen. Die aktuelle Chinatown schließt sich an die erweiterte Union Station nördlich an. Es lässt sich an physischen Einschreibungen kultureller Praktiken (siehe Smith 2008), wie z. B. der Verwendung chinesischer Schriftzeichen und Ornamentik, die den Besucher durchaus an Disney World erinnern können, wie Tsui (2010: 15) am Bei-

Abbildung 67 Chinatown lässt sich als das Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktion einer Landschaft der Andersartigkeit in Rekursion mit physischen Manifestationen kultureller Selbstdefi interpretieren (Aufnahmen: März 2006).

spiel der Chinatown von San Francisco bemerkt, abheben (Hardwick 2010). Die ersten Chinesen waren mit dem Eisenbahnbau für die Southern Pacific nach Südkalifornien gekommen und gerieten schon bald in Konflikt mit den gewerkschaftlich organisierten weißen Arbeitern, die sich durch die Bereitschaft chinesischer Arbeitskräfte zu geringeren Löhnen zu arbeiten, hinsichtlich ihrer ökonomischen Kapitalausstattung bedroht sahen. Ein Konflikt, der 1871 zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen weißen und chinesischen Arbeitern führte (Brett/Nee 1973, Olessak 1981, Schäfer 1998; siehe auch Fußnote 279). In der weißen Kultur wurden Chinatowns als Welten von Außenseitern, als schmutzig, Orte, geprägt von Glücksspiel, Prostitution, Gangstertum und organisierter Kriminalität stereotypisiert, so dass historische Chinatowns stigmatisiert und mit allen denkbaren negativen Konnotationen belegt wurden (Li 2005: 31; Abbildung 67).

Im Vergleich zu anderen ethnischen Quartieren nehmen heute die Viertel asiatisch stämmiger Bevölkerung im Archipel der ethnischen Viertel (Hardwick 2010: 234) infolge ihres wirtschaftlichen Erfolges, ihres hohen Bildungsniveaus und ihres neither Black nor White-Status (Schneider-Sliwa 2005: 144; Laux/Thieme 1995) sowie ihrer Assimilationsbereitschaft an die Werte und der Sprache der WASP-Kultur bei gleichzeitiger Konservierung eigener kultureller Identitätsanteile eine Sonderstellung ein (Lopez 1996; siehe auch Waldinger/Bozorgmehr 1996, Straughan/Hondagneu-Sotelo 2002, Moïsi 2009). Eine besondere Bedeutung weist dabei die spezielle kleinökonomische Erschließungsstrategie auf: Asiatische Kleinhändler spezialisieren sich auf begrenzte Areale, in denen sie die einzigen Geschäfte zur Versorgung halten (Schneider-Sliwa 2005: 144), bieten in ihren Hotels, Restaurants, Geschäften und Tankstellen häufig 24-Stunden-Öffnungszeiten an, binden insbesondere ihre Familienmitglieder in ihre Unternehmen ein, die sich häufig an den Bedürfnissen von Landsleuten ausrichten, und machen sich damit zum Teil von der marktmäßigen Versorgung von Arbeitskräften und durch Lieferanten unabhängig, darüber hinaus nutzen sie eigene rotierende Kreditsysteme und moderne Methoden der Geldbeschaffung durch eigene Banken (Schneider-Sliwa 2005: 144; siehe auch Brett/Nee 1973, Zhou/Kim 2003), wodurch sie sich auch weitgehend von den Spezifi des Kapitalmarktes abkoppeln. Hilfestellungen für Neuankömmlinge bei Arbeits- und Wohnungssuche sowie bei Behördengängen bilden einen Einstieg in die Gemeindeintegration, die sich als (teilweise) Erhaltung des Bestandes an sozialem Kapital deuten lässt (siehe Smith 2008). Tsui (2010: 47) beschreibt diese Funktion als

Chinatown Gate. Diese freiwillige ethnische Segregation bildet vielfach den ersten Integrationsschritt zur Akkumulation symbolischen Kapitals, die vielfach in dem Verlassen des innerstädtischen ethnischen Viertels und einer Beteiligung an Suburbanisierungsprozessen mündet, ohne dass das dort im Wesentlichen verortete soziale Kapital aufgegeben wird (Brett/Nee 1973, Zhou/Kim 2003, Li 2005, Schneider-Sliwa 2005, Smith 2008, Tsui 2010; siehe auch Starr 2006). Somit bleibt die Chinatown von Los Angeles, wie die anderen Chinatowns auch, ein kultureller Prüfstein, eine unstrittige Notwendigkeit für Generationen von chinesischen Amerikanern, in denen Zuwanderer dazu angehalten werden, ihre kulturelle Identität zu erforschen (Tsui 2010: 9).

Chinatown stellt ein Beispiel eines ethnischen Viertels von Los Angeles unter vielen dar. Es ist eine Repräsentantin der alltäglichen, räumlich verankerten Fremdheit in Bezug auf die weiße Hegemonialkultur und lässt sich im Sinne Foucaults (1990) als Heterotopie verstehen. Sie verkörpert auf Ebene der angeeigneten physischen Stadtlandschaft eine räumlich situierte Andersartigkeit, die mit dem Kontinuum der gewöhnlichen, prosaischen, alltäglichen Situationen nicht im Einklang steht (Sloterdijk 2008: 24; vgl. auch Anderson 1987, Kleinmichel 2008, Steinbrink/Pott 2010). Damit unterscheidet sich die Heterotopie von der Utopie: Die Utopie ist als nicht physisch manifester Ort allein Teil der gesellschaftlichen Landschaft, diese ist bezogen auf die Raum- und Landschaftsvorstellungen der Hegemonialkultur (in ihrem Allgemeingültigkeitsanspruch zu verstehen als Große Erzählung) zumeist durch Homogenität, nicht von Heterogenität geprägt (vgl. Bieger 2007)[2].

  • [1] Moïsi (2009: 61) verweist darauf, dass der Begriff Asien ein westliches Konzept darstellt: Die Asiaten würden sich selbst nie so bezeichnen, und sie verstehen sich auch nicht als Asiaten, zumindest nicht annähernd in dem Maße, wie die Europäer sich als Europäer verstehen. Als wesentliche Gründe für diesen Unterschied benennt Moïsi (2009) die einigende Wirkung einer christlich-jüdischen Tradition gegenüber einer Vielzahl religiöser Bekenntnisse in Asien, das Konstrukt einer gemeinsamen kulturellen Wurzel in der griechisch-römischen Antike, das es in vergleichbarer Weise in Asien nicht gäbe, sowie eine gemeinsame religiös-kulturelle Konstruktion von Bedrohung, wie ihn der Islam einst für die christlichen Nationen Europas darstellte (Moïsi 2009: 61), wie sie für Asien nie erzeugt wurde.
  • [2] Für die Einwohner des Quartiers ist es hingegen sehr wenig heterotop, es repräsentiert den alltäglichen Raum, während die Wohnquartiere der Träger der weißen Hegemonialkultur und anderer ethnischer Minderheiten heterotopisch erscheinen. Gäbe es einen Index der Heterotopie, würde für die Mehrheit der Einwohner von Chinatown ein Wohnquartier der weißen Mittelschicht sicherlich weniger heterotop erscheinen als beispielsweise eines von Afroamerikanern, zu stark sind die Lebensweisen und -stile der weißen Hegemonialkultur durch Kino- und Fernsehfi , durch Fernsehserien und die alltägliche Kommunikation darüber verbreitet.
 
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