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7.8 Die Immobilienkrise und ihre Folgen

Die Wirtschaftskrise der End-2000er Jahre weist Ausmaße auf, die für einige mit der Großen Depression der 1930er Jahre, d. h. einer Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit und gleichzeitig einer Bankenkrise mit großen Liquiditätsengpässen, vergleichbar ist (Anacker/Carr 2009: 283; siehe auch Crump et al. 2008). Dabei folgte der bereits länger andauernden Hypothekenkrise ab dem Sommer des Jahres 2006 die Immobilienkrise, die gegen Ende 2007 in einer Wirtschaftskrise mündete. Drei Faktoren lassen Anacker/Carr (2009) zufolge die Fundamentalität der Immobilienkrise für die US-amerikanische Gesellschaft deutlich werden:

1. Der Kontext des für viele Bevölkerungsteile langfristig stagnierenden bzw. sinkenden Einkommens,

2. der Hintergrund der Börsencrashs in den Jahren 1929, 1987, 2000 und 2008,

3. der Zusammenhang zwischen Wohneigentum und unzureichendem Sozialsystem.

In den Jahren vor der Immobilienkrise waren Immobilien, inklusive selbst genutztem Wohneigentum, ein erstklassiges Investmentvehikel, welches von den meisten Amerikanern aus langfristiger Sicht als ein Vermögensobjekt und aus kurz- und mittelfristiger Sicht als ein jederzeit beleihungsfähiges Anlageobjekt angesehen wurde (Anacker/Carr 2009: 284). Neben der Möglichkeit die Wohnimmobilie infolge der Wertsteigerung zu einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Preis zu veräußern, dient diese insbesondere als Sicherheit für Kredite zu Sicherung von Bildungs- und Aufstiegschancen, der Deckung unerwarteten Bedarfs (z. B. Arzt- und Krankenhausrechnungen), aber auch von Konsumausgaben (Auto, Urlaub, Elektronik u. a.). Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus zu Beginn der 2000er Jahre war es auch Bevölkerungsteilen mit niedriger Bonität möglich, Wohneigentum mit variabel verzinsten Darlehen zu erwerben, wodurch die Bautätigkeit angefacht durch Bankkredite, die von den Kreditinstituten in Erwartung von Immobilienpreisanstiegen vergeben wurden anstieg (Crump et al. 2008, Emunds 2009). Infolge der wirtschaftlichen Abschwächung in den USA ab dem Jahr 2005, einer Verringerung der Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität in den USA (und anderen Ländern), sowie der Anstieg des US-Leitzinses 2006 waren einkommensschwache Schuldner nicht mehr in der Lage, die gestiegenen Raten für ihre variabel verzinslichen Kredite zu zahlen, und sahen sich gezwungen ihr Wohneigentum zu veräußern (Crump et al. 2008, OECD 2009). Die ausgiebige Medienberichterstattung über die Immobilienkrise verstärkte diese zudem rekursiv, da Immobilienkaufentscheidungen aufgeschoben wurden (vgl. Anacker/Carr 2009, Emunds 2009). Infolge der zunehmenden Zahl an Immobilienverkäufen reduzierten sich die Immobilienpreisedrastisch, wodurch Kreditforderungen von Banken und Investoren zunehmend ungesichert waren (OECD 2009). Die Immobilien- und Hypothekenkrise zeitigt in unterschiedlichen Dimensionen erhebliche Auswirkungen (Crump et al. 2008, Harlander 2009, Anacker/Carr 2009; Ab-

bildung 64):

t Regional traf die Immobilien- und Hypothekenkrise in besonderer Weise die Staaten des Sunbelts[1], deren Siedlungen seit den 1970er, nochmals verstärkt in den 1990er

Abbildung 64 Repräsentanten der Immobilien- und Wirtschaftskrise in Südkalifornien: nahezu omnipräsente Schilder, die für den Verkauf oder die Vermietung von Immobilien werben (Aufnahmen: August/September 2010 und März/April 2011).

Jahren, ein überproportionales Wachstum erlebten (Knox/Bartels/Holcomb/Bohland/Johnston 1988, Glaeser/Shapiro 2001), und damit auch Kalifornien (Harlander 2009: 177): Der enorme Preisverfall nach dem Platzen der Immobilienblase treibt mehr und mehr Hausbesitzer in die Zwangsvollstreckung und manchmal in die Obdachlosigkeit.

t Die Gefahr der Obdachlosigkeit wird besonders durch die Reflektierung in der Punktezahl des FICO Score virulent, die über die Kreditwürdigkeit einer Person Auskunft gibt und von Immobilienverkäufern und sogar Vermietern abgefragt wird. Dadurch werden Zwangsvollstreckte vielfach dazu gezwungen, bei Freunden oder Verwandten unterzukommen oder im Auto zu leben.

t In Siedlungen mit zahlreichen unbewohnten Häusern sinken die Immobilienwerte, Einbrüche in leer stehende Gebäude häufen sich, was Nachbarschaften und Polizei vielfach überfordert. Personen, deren ökonomische Handlungsfähigkeit es erlaubt, verlassen die Siedlung.

t Besitzsteuerausfälle führen zu einer Verringerung des kommunalen Steueraufkommens, aus dem insbesondere das örtliche Schulwesen finanziert wird.

t Niedrige Häuserpreise dämpfen die Binnenkonjunktur, da die Absicherung von Krediten für Konsumgüter infolge des Rückgangs der Immobilienpreise durch Beleihung von Wohneigentum nur noch eingeschränkt möglich ist.

Infolge der Immobilienkrise hat der internationale Zuzug nach Kalifornien (wie auch in andere Staaten des Sunbelts) nachgelassen: Einerseits ist es für Wanderungswillige schwerer geworden, an Hypothekenkredite zu gelangen (Harlander 2009), andererseits sind Immobilien auch andernorts schwerer verkäuflich geworden, so dass die USamerikanische Gesellschaft ein wenig immobiler geworden [ist] (Harlander 2009: 181). Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Einwohnerzahl des Counties Los Angeles aus: Zwischen 2008 und 2010 war ein Verlust von rund 43 Tausend Einwohnern zu verzeichnen, während (mit Ausnahme von Orange, das ebenfalls einen Saldo von minus eintausend Einwohnern aufwies) die übrigen Counties des Stadtlandhybriden weiterhin hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl (wenngleich verhaltener) wuchsen (Abbildung 32). Im Stadtlandhybriden Los Angeles führte die Immobilien- und Hypothekenkrise zu einem drastischen Einbruch der Immobilienpreise: Lag der durchschnittliche Immobilienwert in der Stadt Los Angeles am 1. Mai 2006 noch bei 602 Tausend Dollar, war er zum 1. Juni 2011 auf 376 Tausend Dollar gefallen (−37,5 Prozent)[2]. Besonders betroffen von dem Verlust der Immobilienwerte sind die von Personen mit geringer symbolischer Kapitalausstattung bewohnten Viertel wie Boyle Hights, wo zwar der Preisverfall etwa ein Jahr später einsetzte, sich dann aber deutlich überdurchschnittlich gestaltete: Zwischen dem 1. Juni 2007 und dem 1. Juni 2011sank der durchschnittliche Immobilienwert in Boyle Hights von 427 auf 184 Tausend Dollar (−56,9 Prozent). Ähnliches gilt für Southeast Los Angeles mit einem Rückgang von 423 auf 179 Tausend Dollar im selben Zeitraum (−57,7 Prozent). Deutlich geringer fielen die Immobilienwerte in den von Personen mit hohem symbolischen Kapitalbestand lebenden Vierteln: In Bel Air fielen die durchschnittlichen Immobilienwerte zwischen dem 1. Juni 2008 und dem 1. Juni 2011 von 2,33 auf 1,75 Millionen Dollar (−24,9 Prozent), in den Pacific Palisades sogar nur um −21,7 Prozent (Zillow 2011)[3]. Von der Immobilien- und Hypothekenkrise sind in Los Angeles also insbesondere Personen betroffen, deren Ausstattung an ökonomischen Kapital gering ist und die nicht hinreichend in der Lage sind, Rücklagen zu mobilisieren oder kurzfristig soziales und kulturelles Kapitel in ökonomisches Kapital umzuwandeln. Die Immobilien- und Hypothekenkrise hat die Fragilität des WASPischen Lebensstils verdeutlicht und die modernistisch-ästhetisierten Demarkationslinien zwischen dem als rein konzipierten und dem als unrein konstruierten, zwischen vormals klar definierten Funktionen in mehrfacher Weise derangiert: Vormals sich in der gesicherten Mittelschicht Wähnende fallen der Obdachlosigkeit anheim, Obdachlose dringen in die suburbanen Wohnquartiere vor, indem sie leer stehende Häuser besetzen, Fahrzeuge werden zum Wohnraum, der vormals als ineffizient stigmatisierte Staat zur Hoffnung

für Wirtschaft und Privatmenschen.

  • [1] Als Sunbelt werden die Staaten südlich des 37. Breitengrades genannt. Seit den 1970er Jahren fand die Bezeichnung weite Verbreitung, als sich im Zuge der Steigerung der Erdölförderung in Texas, des Tech nologiebooms in Kalifornien sowie des Aufschwungs des Tourismus in Florida, Nevada, Arizona und Kalifornien die demographische und wirtschaftliche Entwicklung immer stärker in den Süden der USA verlagerte (Harlander 2009).
  • [2] Die Berechnungen beziehen sich immer auf den Höchststand der Preise und den aktuellsten verfügbaren Datenstand (1. Juni 2011).
  • [3] Vergleichbare Entwicklungen zeigen auch die Immobilienwerte in den übrigen Counties des Stadtlandhybriden.
 
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