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7.7 Das Projekt der Reinheit in Los Angeles

Eines der wesentlichen Charakteristika der Moderne ist ihr exklusivistisches Streben nach Reinheit. Mangelnde Reinheit gilt ihr als normwidriger Zustand, den es zu eliminieren gilt. Schließlich ist Schmutz, etwas Unangebrachtes, das draußen bleiben sollte, aus Furcht, es könnte die grundlegende Ordnung der Dinge gefährden (Bauman 2009a: 241). Im städtischen Kontext bedeutet Reinheit das Bemühen um die Eliminierung von Objekten, die als schmutzig gelten. Die Eliminierung von Schmutz ist dabei ein ständiger Prozess, da der stadtlebige menschliche Organismus zur Aufrechterhaltung seiner Körperfunktionen zwangsläufig eine schmutzerzeugende Existenz (Hasse 2000: 38; Hervorh. i. O.; Engler 1997) führt und Schmutz als Symbol Angst erzeugender Krankheit gilt (Tuan 1979), das das Gegenteil moderner Ordnung wie religiöser Reinheit (als Bestandteil einer großen Erzählung) repräsentiert (Engler 1997).

Neben unbelebten Objekten gilt die Zuschreibung des Schmutzes auch belebten Objekten. Der den Reinheitsdrang des mittleren Geschmacks provozierende schmutzige Mensch, der in Gestalt des so genannten Penners im Stadtbild präsent ist, wird immer wieder zum Gegenstand logistischer Aktionen (Hasse 2000: 38; Abbildung 63), schließlich ist allein der Anblick der Bedürftigkeit für das an der Innenperspektive orientierte Selbst der von protestantischen Werten dominierten Mittelschicht eine Zumutung (Sennett 1991: 68): In Los Angeles ist gerade der Obdachlosevon der ausgeklügelten Verdrängungsmechanismen in den verbotenen Räumen (Flusty 1997) betroffen und wird aus Sperrzonen des so entöffentlichten Raumes in der Hoffnung verdrängt, ihre Existenz ignorieren und aus dem Bereich der bewussten Auseinandersetzung verbannen zu können (vgl. Moïsi 2009). Das Ignorieren von Armut (gleich ob in den Entwicklungsländern selbst oder ihren Dependancen im Stadtlandhybriden Los Angeles) ist ein zunehmend bewusster Entschluss (schließlich sind Dulden und Unterlassen nach Max Weber ebenfalls Formen des Handelns), dessen Folgen (wie hoffnungslosigkeitsinduzierte Kriminalität) auf eigenes Risiko auf sich genommen werden müssen (Moïsi 2009). Die begriffliche Manifestation der Abwertung öffentlicher Räume zeige sich Davis (2004: 221)

Abbildung 63 Eine physische Manifestation des Willens zum Verbergen der persönlichen Risiken der kapitalistischen Ökonomie. Eine Sitzgelegenheit (hier in Santa Monika, an der StationPacific Coast Highway der Metro), deren Gestaltung eine liegende Positionierung bis zur Unmöglichkeit erschwert, um sie so Obdachlosen weniger attraktiv zu machen (Aufnahme: März 2011).


zufolge auch in der Beschimpfung von Obdachlosen als street person. Vor dem Hintergrund der exzessiven Motorisierung von Los Angeles die Nooteboom (2001, zuerst 1973) zufolge eine Ortsveränderung innerhalb des Stadtlandhybriden zu Fuß infolge dessen Ausdehnung zu einem sinnlosen Unterfangen zu werden lassen scheint handelt es sich um Personen, deren Abnormität darin besteht, dass sie einerseits erzwungenermaßen ohne mobiles (Schutz)Gehäuse am Verkehr teilnehmen, andererseits mit physischen Strukturen konfrontiert sind, die auf die automobilzentrierte Mobilität ausgerichtet sind, in denen wenige ungewidmete Restflächen des fließenden wie ruhenden Straßenverkehrs als Letztrefugien fungieren.

Die visuelle Eliminierung von Schmutz aus dem Bild der Stadt symbolisiert dabei in anthropologischer Sicht eine konkrete Form der Distanzierung des menschlichen Lebens von seinen natürlichen und physisch-stofflichen Daseinsvoraussetzungen und -bedingungen (Hasse 2000: 38). Dabei bringt die vom Schmutz gereinigte saubere Stadt nicht nur die eigene körperliche Natur auf Distanz, sondern auch die äußere Natur (Hasse 2000: 39; Engler 1997). Die saubere Stadt versinnbildlicht damit einerseits den Wunsch der Überlegenheit der (modernen) Kultur gegenüber der Natur, der Ratio gegenüber den biotischen Gebundenheiten der menschlichen Existenz. Andererseits ist sie auch ein Symbol modernistisch geordneter Verhältnisse: Die Stadt als Sinnbild für Kultur soll nicht von ungeordneter Natur verunreinigt werden, Natur wird vor die Grenzen der Stadt verbannt. Natur wird nur in geordneter (d. h. beherrschter) Weise in Form von Gärten, Grünanlagen und Parks oder in zyklischer romantischer Überhöhung in Form vorweihnachtlicher Tannenbaummöblierungen (deren Endlichkeit nicht allein kalendarisch, sondern auch biotisch durch Nadelabwurf determiniert ist) zugelassen (vgl. Köstlin 2001, Fitz Simmons/Gottlieb 1998). Der modernistische Versuch der Eliminierung und Invisibilisierung der natürlichen Bedingtheit des menschlichen Daseins bedeutet einen Verlust an Bezügen zu diesen Bedingtheiten und ist eine voraussetzende Komponente zur postmodernen Virtualisierung von Welt in Simulacra.

Eine weitere Dimension der Diskussion um das Prinzip der Reinheit im Stadtlandhybriden lässt sich in der (mangelnden) sozialen Akzeptanz des Mietwohnungsbaus seitens der um Reinheit bemühten WASP-Kultur mit dem Ziel des Verbergens unintendierter Nebenfolgen der kapitalistischen Ökonomie nachweisen. Dabei lässt sich eine Verschneidung mit der Immigrantenfrage vornehmen, schließlich wird die Konstruktion des Wohnungsproblems als öffentlicher Diskurs zentral an die Frage der Einwanderung gebunden (Keil 1993: 135). Ähnlich dem Straßenverkauf (insbesondere von Nahrungemitteln) werden Mietwohnungen als ästhetische Repräsentanten von Unterentwicklung angesehen, die nicht mit dem vielfach exklusivistisch konstruierten Selbstbild der globalen Metropole in Übereinstimmung zu bringen sind. Das Vorgehen von Verwaltung (gegen Mietwohnungsbau und Straßenverkauf) und Polizei (insbesondere gegen Straßenverkauf) verweist auf die Durchsetzungsbemühungen eines modernistischen ästhetischen Verständnisses gegenüber der postmodernen Ästhetik der Toleranz, Hybridität und Vielfalt.

Allgemein bedeutet der Bau von Siedlungen stets eine intensive Veränderung der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft. Dabei werden ökosystemische Veränderungen vorgenommen, die den ökosystemischen Zustand weg vom

natürlich hin zum kultürlich konstruierten Pol verschiebt (siehe auch Wolch 1996, Dear/Flusty 1998). Die Suburbanisierung der Agglomeration schuf mit ihrem Vorrücken in Gebiete über vormals landwirtschaftlich genutzte Gebiete hinaus einen Rand der Verzahnung zwischen Kultur und Wildnis und einen mehr oder minder breiten Rand von rund 1000 Kilometern Länge. Diese Verränderung umfasst sowohl ein patchworkhaftes Ineinandergreifen, wie bei Chaparral und Rasen, wie auch dem fließenden Übergang zwischen Wildtieren und domestizierten Tieren (vgl. auch Wolch 1996). Eines der Hauptmerkmale dieses Randökosystems ist die bizarre Umbildung der Nahrungskette sowie der Beziehungen zwischen Beutetier und natürlichem Feind. So äsen Hirsche überaus gefräßig Rasenflächen ab, während Kojoten junkfood-abhängig werden, weil sie Mülltonnen leeren (Davis 2004: 238; siehe auch Spirn 1984, Wolch/Pincetl/Pulido 2002). Diese Anpassung wilder Tiere an ihre städtische Umgebung ist aber nur eine Richtung der Bildung eines Mischökosystems. Haustiere wie Hunde und Papageien verwildern ebenso wie Pflanzen aus Gärten (wie das hochresistente Arunso-Schilf, das die

heimische Flora zunehmend bedrängt). Diese mit der Suburbanierung einhergehenden Verränderungen wirken auf die nach der Eindeutigkeit Arkadiens strebende Einwohnerschaft suburbaner Siedlungen aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit und ästhetischen Polyvalenz so verstörend, dass spezielle zumeist privat organisierte Ordnungsdienste hier (von begrenzter Dauer) Abhilfe schaffen. Die durch eine solche Grenzverunsicherung entstehende Unsicherheit ist der geeignete Nährboden für die Wiederentdeckung mystischer Mischwesen der Wer-Tiere (wie Werpumas, Werbären und Werseelöwen) aus der Sagenwelt der indigenen Bevölkerungen oder der lateinamerikanischen Einwanderer (wie der Chupacabra, ein ziegenmelkender Vampir aus der Sagenwelt Puerto Ricos), denen nicht allein durch Bevölkerungsteile mit niedriger Bildung die Tötung von Haustieren zugeschrieben wird (Davis 2004). Die breite Resonanz, die eine Aktualisierung von Vorlagen romantischer halbmenschliche[r] und vormenschliche[r] Zauberwesen (Illing 2006: 55; DAngelo 2007) findet, lässt sich als postmoderne Ästhetik der Erhabenheit interpretieren, in der sich Fiktionales mit (scheinbar) Realem, Triviales mit Mystischem, Kultürliches mit Natürlichem zu einer wohlig-schaurigen Melange emergiert.

 
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