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7.6.3 Der Verlust grüner Infrastruktur und der Versuch sie wiederzuerlangen ökonomische und politische Aushandlungen vor kulturellem Hintergrund

Eine den ökologischen Anforderungen nicht gerecht werdende Besiedlung unterliegt nicht allein den spezifi chen Verwertungsinteressen des ökonomischen Feldes, sondern wurzelt bisweilen in kulturellen Bezügen der sprachlichen Prägung. Die Problematik sprachlich-kultureller Restriktionen in der gesellschaftlichen Landschaft macht Davis (2004: 20) anhand der Besiedlung Südkaliforniens deutlich: Die Neuankömmlinge wurden von ihrer Sprache und ihrem kulturellen Erbe regelrecht im Stich gelassen. Denn die auf ein feuchtes Klima zugeschnittenen englischen Begriffe erwiesen sich als unbrauchbar für die präzise Erfassung der Dialektik von Wasser und Dürre, die eine mediterrane Landschaft kennzeichnet. Zum Beispiel kann man selbst bei großzügigster Auslegung einen Arroyo nicht als Glen (Schlucht) oder hollow (Talmulde) bezeichnen, denn er ist das Resultat eines völlig anderen hydrologischen Prozesses. Den englischen Einwanderern blieb oft keine andere Wahl als die zutreffenderen spanischen Bezeichnungen zu übernehmen, wobei sie allerdings den weiterreichenden landschaftlichen Kontext außer Acht ließen (vgl. auch Dear/Flusty 1998, McPhee 2002, zuerst 1989, Wolch/Pincetl/Pulido 2002). Der daraus folgenden den klimatischen Bedingungen unangepassten Besiedlung sieht sich die Agglomeration von Los Angeles noch heute konfrontiert: Die Bebauung der Täler bei gleichzeitiger Zurückdrängung grüner Infrastruktur führt aufgrund des raschen Abflusses infolge der klimatypischen Starkniederschläge zu großen Sach- und auch Personenschäden bedingt durch Überschwemmungen. Phänomene, die aus gemäßigten Klimaten West- und Mitteleuropas oder Neuenglands in dieser Form nicht oder nur in großen zeitlichen Abständen bekannt sind. Waldie (2005: 6) konstatiert für diese kritische Mensch-Umwelt-Relation nüchtern: Im Becken von Los Angeles wird die Möglichkeit von Regen so lange ignoriert, bis der Regen fällt (siehe auch Desfor/Keil 2007).

Die im Vergleich zu anderen Städten nicht nur Europas, sondern auch der Vereinigten Staaten (vgl. Gröning 2001) geringe Bedeutung grüner Infrastruktur[1] in Los Angeles basiert auf einer Konvergenz ökonomischer Interessen und dem modernen Paradigma der Beherrschung (und Beherrschbarkeit) natürlicher Phänomene, deren Vertreter ihre Interessen gegen zivilgesellschaftliche Interessensgruppen mit kontingenten Stadtentwicklungsinteressen durchzusetzen vermochten wie auch der Durchsetzung der sozialen Norm des Privatismus. Im März 1930 wurde von einem Bürgerkomitee, gebildet u. a. aus Filmstars, Anwälten und Bankiers, ein von Frederick Law Olmsted jun. und Harlan Bartholomew verfasster Bericht vorgelegt, in demder Erhalt und Ausbau von städtischen Grünanlagen und Stränden mit dem Ziel der Schaffung eines regionalen Verbundes von Stränden, Parkanlagen, Spielplätzen und geschützten Bergregionen gefordert wurde. Grünflächen entlang der Flüsse sollten neben der Erholung dem Transport und dem Hochwasserschutz dienen und somit von Bebauung freigehalten werden. Der Plan lässt sich mit Hise/Devell (2000: 11) als eine

urbane Vision in Rückgriff auf die City-Beautiful-Bewegung bezeichnen, in der eine Verknüpfung von mehr und weniger anthropogen überformter angeeigneter physischer Landschaft hergestellt und mit Hilfe von Panoramablicken inszeniert werden sollte[2].

Wesentliches Ziel der Protagonisten der Pro-Park-Bewegung im Kontext der progressiven Reformbewegung, war die Erhaltung öffentlicher Bereiche mit ansprechender Gestaltung, um so für große Teile der Bevölkerung Erholungsorte zu schaffen (Hise/Devell 2000, Culver 2010). Die wesentliche Kritik an diesem Plan setzte einerseits basierend auf dem Misstrauen der WASP-Kultur gegen staatliche Einflussnahme an der Kommunalisierung privaten Landes an, andererseits wurde aus wasserbaulicher Sicht argumentiert, Hochwasser sei möglichst rasch aus dem Stadtgebiet abzuleiten, anstatt Flächen innerhalb des Siedlungsgefüges zur Retention zu nutzen. Die aus der Weltwirtschaft ise resultierende Finanzknappheit der Stadt Los Angeles lieferte eine weitere Begründung, den Kritikern des Olmsted/Bartholomew-Planes zu folgen. Somit wurden Flussbetten im Zuge von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des New Deals zu schmalen Rinnen vertieft und armiert, um so Hochwasser rasch abzuleiten[3]. Die ehemaligen Überflutungsbereiche der Flüsse wurden für die Bebauung freigegeben, was wiederum die Hochwassergefahr durch Versiegelung steigerte. Damit wurde der Los Angeles River, der seit dem 19. Jahrhundert das Bild der Stadt bestimmt hatte [], einem Notprogramm zur Arbeitsbeschaffung, dem Erhalt von Industriefl hen und einer zeitweiligen Linderung des Hochwasserproblems geopfert (Davis 2004: 88; vgl. auch Nelson/Clark 1976, Davis 1998, Hise/Devell 2000, Fletscher

Abbildung 62 Manifestation des modernistischen Strebens nach Beherrschung von Natur, hier in Form des Los Angeles River, der semantisch zumLos Angeles Flood Control Channel degradiert und physisch in einem Betonbett fi t wurde (Aufnahme: August 2010).

2009). Vor der Kanalisierung hatte der Los Angeles River regelmäßig weite Teile des Los Angeles Bassins überflutet und durch häufige Laufveränderungen, der damit verbundenen Bildung von Altarmen und ihren Versumpfungen eine systematische (insbesondere ökonomische, aber auch infrastrukturelle) Erschließung durch den Menschen erschwert (Fletscher 2009). Höhepunkt der symbolischen Degradation des Los Angeles Rivers war sein völliges Verschwinden aus Karten oder wenn er auftauchte seine Bezeichnung als

Los Angeles Flood Control Channel in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Creason 2010; Abbildung 62).

Aus landschaftsästhetischer Perspektive war die Abkehr von einem Konglomerat aus teilweise arkadischer Stadtlandschaft, teilweise erhabenen naturlandschaftlichen Versatzstücken und die Zuwendung zur modernistischen Verwertungslogik und zu Naturbeherrschbarkeitsillusionen wie auch ihren physisch-räumlichen Manifestationen ein Schritt zur simulacren Stadtlandschaft von Los Angeles: Das in der gesellschaftlichen Landschaft vorherrschende Bild des mediterranen und kleinstädtischen Los Angeles fand in der physischen Landschaft immer weniger Anhaltspunkte (Kotkin 2006). Die physische Struktur von Los Angeles entsprach immer weniger ihrem gesellschaftlich-landschaftlichen Image. Die sich verstärkende Suburbanisierung in der Agglomeration von Los Angeles lässt sich damit auch als Suche nach Passung der Stereotype einer mediterranen Landschaft interpretieren, deren objekthafte Manifestationen die Stadt Los Angeles im physischen Raum nicht mehr zu bieten vermochte. Die Errichtung suburbaner Siedlungen wird damit zum physischen Ausdruck der Angst um den Verlust eines Stereotyps. Die vergleichsweise geringe Zahl von Parkanlagen wie auch anderen öffentlichen Anlagen zur Freizeitgestaltung im Vergleich zu anderen Städten Nordamerikas lässt sich auch als physische Manifestation des Privatismus interpretieren: Freizeit und Erholung werden (auch) im Stadtlandhybriden Los Angeles von Personen mit einer größeren Ausstattung an symbolischem Kapital als private Angelegenheit betrachtet, weniger als öffentliche (als ein Symbol hierfür mag der private Pool gelten, der nahezu zur Standardausstattung von Einfamilienhäusern des Mittelschicht zählt; Priego/Breuste/Rojas 2008, Culver 2010). Wolch/Wilson/Fahrenbach (2005) weisen darüber hinaus auf eine gemäß diesen Zusammenhängen invers zum Bedarf gelagerten räumliche Ungleichverteilung von Parkanlagen hin, die insbesondere gehäuft dort anzutreffen seien, wo Personen mit einer höheren Ausstattung ökonomischen Kapitals ihren Wohnsitz haben. Darüber hinaus wurden die Pflege und Erhaltung von Parks und öffentlichen Anlagen zur Freizeitgestaltung infolge der Annahme von Proposition 13 eingeschränkt (24 Anlagen von 178 wurden geschlossen, andere hinsichtlich ihrer Nutzung eingeschränkt; Wolch/Wilson/Fahrenbach 2005).

Bereits im Jahre 1996 kam eine gewandelte öffentliche Wertschätzung in der Annahme von Proposition K zum Ausdruck, die für 30 Jahre jährlich 25 Millionen Dollar zum Ausgleich von Ungleichheiten hinsichtlich der Verteilung und dem Zugang von Infrastruktureinrichtungen für Kinder und Jugendliche festlegte, die auch Parks und Freizeiteinrichtungen einschlossen (Wolch/Wilson/Fahrenbach 2005). Als Ausdruck der postmodernen Wertschätzung des Historischen lässt sich das 52-miles Los Angeles Greenway Projekt deuten. Es ist mit dem Ziel verbunden, die historische Achse der Siedlungsentwicklung am Fluss wiederaufleben zu lassen und bildlich gesprochen Los Angeles wieder an den Los Angeles River heranzuführen (Waldie 2008, Fletscher 2009). Neben diesem historischen Aspekt gelten auch ökologische Aspekte als handlungsleitend: Die Rückgewinnung von Regenwasser, die Wiederbelebung von Nachbarschaften, die Erweiterung der Freizeitaktivitäten, die Verringerung des oberflächlichen Abflusses durch Erhöhung der Versicherung wie auch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Hierzu sollen Grünflächen geschaffen, die Zugänglichkeit zum Fluss erhöht, Entsiegelungen vorgenommen und Freizeitanlagen geschaffen werden. Diese Maßnahmen sind in dem 2007 vom Stadtrat verabschiedeten Los Angeles River Revitalization Masterplan enthalten, nachdem im Jahre 2005 die Wähler Proposition 0 angenommen und damit für die Sicherstellung der Finanzierung des Projektes gesorgt hatten (Fletscher 2009, LA River Revitalization Cooperation 2011). Auch in symbolisch-kartographischer Darstellung ist er nun wieder als Los Angeles River präsent (Creason 2010).

  • [1] Benedict/McMahon (2006: 3) charakterisieren grüne Infrastruktur als ein verbindendes Netzwerk grüner Räume (einschließlich natürlicher Flächen und Objekte, öffentlich oder privat geschütztes Land, schützenswertes kultiviertes Land und andere geschützten Freiflächen), das aufgrund seiner Bedeutung als natürliche Ressource und für seine positive Bedeutung für den Menschen geschützt und erhalten wird.
  • [2] Der Park lässt sich als sekundäre angeeignete physische Landschaft, gestaltet mit künstlerischer Intention, in der Kombination seiner Zeichen als Dokument landschaftlicher Gebrauchskunst charakterisieren. Als Gebrauchskunst ermöglicht [er] ästhetische Erfahrung im Modus der Beschwörung einer Artikulation von Bedürfnissen, die befriedigt erscheinen (Schweppenhäuser 2007: 54). Er ist dominiert von einer traditionellen und alltagskultürlich dechiffrierbaren Zeichensprache des Englischen Landschaftsgartens, also charakteristisch für Objekte der Gebrauchskunst ohne ästhetische Innovation (Schweppenhäuser 2007: 54) gestaltet.
  • [3] Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Beispiel unter vielen Maßnahmen der modernistischen Zurichtung physischer Strukturen im Bereich des Wasserbaus: Es wurden zahlreiche Flussbegradigungen, Dammbauten (wie auch der Hoover Damm und der Grand Coulee Damm), Aquäduktanlagen etc. vorgenommen. Der New Deal ersteckte sich aber auch auf andere Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge, so wurde auch vergleichsweise umfangreich in den öffentlichen Wohnungsbau investiert (Venn 2001, Zelinsky 2010b).
 
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