Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Stadt – Landschaft – Hybridität

< Zurück   INHALT   Weiter >

7.6.2 Soziale Komponenten der Bedrohungen und Katastrophen in Los Angeles

Bei Hochwasser, Erosion, Akkumulation und Erdrutschen, Dürren und Buschbränden handelt es sich nicht wie von den in west- und mitteleuropäischen sowie neuenglischen physischen Räumen sozialisierten Zuwanderern gedeutet um zufällig auftretende Störungen, sondern um ein höchst kompliziertes System von Rückkopplungen, das starke Impulse klimatischer oder tektonischer Energie (Katastrophen) in umweltverändernde Arbeit umsetzt (Davis 2004: 28; Spirn 1984, Keil 1998). Die Nichtlinearität zwischen Ursachen und Wirkungen vielfach verbunden mit Rückkopplungen erschwert Prognosen und erzeugt damit Unsicherheit und eine vielfach latente, bisweilen manifeste Angst vor einer feindlichen Natur, der nur durch großartige Ingenieursleistungen (siehe Aquädukte) begegnet werden könnte, eine aus Angst geborene Utopie, die vielfach mit einer weiteren Destabilisierung des Verhältnisses von Gesellschaft und Umwelt verbunden ist (vgl. Fitz Simmons/Gottlieb 1998, Donnelly 2002). Die (mediale) Inszenierung und sakralisierende Ästhetisierung von ingenieursleitungsbasierten physischen Manifesten der scheinbaren Naturbeherrschung stellt einen wesentlichen Aspekt in der Fragilisierung dieses Verhältnisses dar. Eine solche Inszenierung und Ästhetisierung des Technischen und das damit implizierte Vertrauen auf die Naturbeherrschbarkeit durch technische Lösungen birgt das Risiko einer Verdrängung der durch technische Lösungen entstehenden Gefährdung bei schwer vorhersagbaren und heftigen naturbasierten Einwirkungen auf die Gesellschaft und ihre Artefakte. So sind infolge des fordistischen Kalküls der Skalenvorteile durch Massenproduktion aus Betonfertigteilen gefertigte große Gebäude (wie Shopping Malls und Parkhäuser, viele Schulgebäude, Lagerhäuser, Fabriken und Bürogebäude) bei Beben besonders einsturzgefährdet, was insbesondere für Gebäude gilt, die in vormaligen Überschwemmungszonen und ehemaligen Feuchtgebieten des Küstenbereichs hochgezogen wurden, wo es bei jedem größeren Beben unweigerlich zu einer Verflüssigung der tieferen Bodenschichten kommt (Davis 2004: 58). Ein frühes Symbol der mit der auf menschliche Ansprüche ausgerichteten Zurichtung des physischen Raumes ist der Bruch des von Mulholland entworfenen Dammes von St. Francis am 12. März 1928 in der Nähe der Stadt Saugus im County Los Angeles. Die dem Dammbruch folgende Flut tötete rund 450 Menschen und verwüstete alles, was sich ihr auf dem Weg zum Meer entgegenstellte (Starr 2007: 184; Rayner 2010) und beendete die Karriere von Mulholland. Er hatte die geologische Situation im Dammbereich falsch eingeschätzt, was in Verbund mit seiner Weigerung, seine Pläne durch unabhängige Experten überprüfen zu lassen, zu der Katastrophe führte (Hundley 2001). Darüber hinaus führte sein beschränkter technischer Sachverstand über Zement und Geologie dazu, dass die Stadt Kosten in mehreren Millionen Dollar Höhe zu tragen hatte, um Teile des Owens Aquäduktes zu überarbeiten (Hundley 2001: 169).

Gerade Erdbeben stellen eine nicht-linerarisierbare Bedrohung des Stadtlandhybriden dar: Nach den Erdbeben von Long Beach 1933 und San Fernando 1971 gaben im Oktober 1989 das Erbeben von Loma Prieta im Südosten San Franciscos und im Januar 1994 das Erdbeben von Northridge bei Los Angeles mit 72 Toten und 42 Milliarden Dollar Sachschäden einen Vorgeschmack, welche Folgen ein Erdbeben unter heutigen Siedlungsbedingungen mit einer verdichteten innenstädtischen Bebauung und den hochempfindlichen Versorgungs- und Verkehrseinrichtungen in Kalifornien haben können (Strupp 2003: 27). Dieser nicht-linearen Bedrohung stehen so Stupp (2003), kritische Positionen referierend unzureichende Anpassungen durch die Gesellschaft gegenüber: Eine nicht hinreichende Ausrüstung von Feuerwehr und Rettungskräften, eine unzureichende Berücksichtigung von Erdbebenfolgen in der Siedlungsentwicklung

sowie laxe oder nicht kontrollierte Bauvorschriften (Stupp 2003: 27).

Die Fokussierung der sozialen Rekonstruktion der Bedrohung auf die Natur (Mike Davis spricht hier von Paranoia) lässt sich auf die spezifische Wahrnehmung von Umwelt durch die (regionale) Gesellschaft zurückführen: Über Generationen hinweg missachtete eine von den Gesetzen des Marktes diktierte Urbanisierung jegliche umweltpolitische Vernunft. In jahrhundertealten Feuerzonen stampfte man des schönen Ausblicks wegen Vorstädte aus dem Boden, aus Sumpfgebieten wurden Jachthäfen, aus Flussniederungen Industriebezirke und Wohnsiedlungen (Davis 2004: 17). Die Kommunikation in den hier angesprochenen Codes des Ästhetischen, des Ökonomischen und des Politischen ist nicht in der Lage, ökologische Spezifika abzubilden, sondern sie rekonstruiert Welt im Sinne der den Codes eigenen Differenzschemata (im Sinne von Luhmann 1986).

Bereits 1976 erreichte die Ozonbelastung in Los Angeles an 102 Tagen die Alarmgrenze, in den späten 1980er Jahren wurde davon ausgegangen, dass die Luftbelastung im Stadtlandhybriden Gesundheitskosten von mehr als 10 Milliarden Dollar verursachte. Die Ozonbelastung bedeutet eine partielle Dekonstruktion des arkadischen Los Angeles, zu dessen Qualitäten nahezu den gesamten Sommer andauernder (und erwartet nahezu unbegrenzt Außenaktivitäten ermöglichender) Sonnenschein zählte. Das schöne Arkadien der Moderne sieht sich nun mit Angst konfrontiert: Durch den Genuss des Sonnenscheins transzendiert die Angst vor der Schädigung des eigenen Körpers durch den Kulturnaturhybrid Ozon. Eine Angst, die bei körperzentriertem Lebensstil, bei der der Körper bewusst nach sozial bedingten eigenen Wünschen als Simulacrum, nicht mehr als Einschreibung der soziokulturellen Einbettung zugerichtet ist (Miller/ Hyslop 2000, Katschnig-Fasch 2001), dilemmatisch wirkt: Einerseits erfordert die Gestaltung des eigenen Körpers (als Symbol des Sieges von Ration und Willen gegenüber der biotischen Gebundenheiten der menschlichen Existenz) Training, andererseits kann dieses zu Schädigungen des eigenen Körpers führen, wodurch die gesellschaftlich verbreitete Synonymsetzung von Sport und Gesundheit (Richter 2005) unterminiert wird was nicht zuletzt zu Unsicherheit führt. Baudrillard (2004: 52) nennt den Körper in der US-amerikanischen Kultur den einzigen Gegenstand, auf den man sich konzentriert, freilich nicht als Lustquelle, sondern als Objekt rasender Fürsorge, aus Angst vor Ohnmacht oder Versagen, als Zeichen und Vorwegnahme des Todes, dem man keinen anderen Sinn mehr geben kann als den beständiger Vorbeugung.

Diese möglichen Interferenzen im Natur-Kulturhybriden von Los Angeles werden im Modus der Erhabenheit alltäglich verfügbar. Angst vor dem Ungewissen, der möglichen existenziellen Bedrohung in Gewissheit der Inadäquatheit menschlichen Handelns drücken sich in Verdrängung und häufiger medialer Vergegenwärtigung der Verletzbarkeit des Menschen in der Agglomeration und der Illusion aus, aufgrund der Überlegenheit durch das Bewusstsein der Menschheit [], die Konfrontation mit den Naturgewalten auszuhalten (Friesen 1995: 81). Der Modus der Erhabenheit wird in der Bedrohung von

Los Angeles dadurch aktualisiert, das in der Postmoderne der Begriff der Erhabenheit nicht auf Wirkliches, sondern auf Denkbares anspielt (Friesen 1995: 96).

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics