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7.5 Die LA Riots von 1992: Angst, telemediale Inszenierungen, soziale Transformationen und Mindermacht

Die Ausschreitungen in Los Angeles im Jahr 1992 übertrafen die vorhergehenden Unruhen (z. B. in Watts/Los Angeles 1965, Detroit 1967, Newark 1967) in ihrer Heftigkeit deutlich. Während der Riots wurden über 50 Menschen getötet, nahezu 2 500 Menschen verletzt, etwa 15 000 verhaftet, ca. 500 Brände gelegt und etwa 4 000 Geschäfte zerstört oder geplündert (Thieme/Laux 1995). Halle/Rafter (2003: 347) verstehen unter einem Riot einen Aufstand, der von einer Gruppe öffentlich und mit wenig oder garkeinen Bemühungen eines Verbergens der Aktivitäten durchgeführt wird, bei dem illegal mindestens eine weitere Gruppe angegriffen wird oder illegal Eigentum anderer angegriffen wird. Die Geschichte der LA Riots von 1992, aber auch jener der Watts Riots von 1965, ist eng an den Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Akkumulationsregime, aber auch an die Geschichte eines alltäglichen Rassismus gekoppelt, der zwar ein landesweites Problem darstellt, im Stadtlandhybriden Los Angeles aber eine besonders intensive Ausprägung erfährt (vgl. Halle/Rafter 2003). So war Los Angeles eine der letzten großen Städte im Westen die Schwarze als Gäste in Restaurants und Hotels akzeptierte (Cannon 1999: 67). Hier wurde auch nach ihrem Verbot durch das Oberste Gericht im Jahre 1948 eine restriktive diskriminierende Wohnungsvergabepraxis verfolgt, die städtische Feuerwehr blieb bis 1955 segregiert, rassistische Gesinnung bei Polizisten war alltäglich, womit die Polizei eine regionale Gesellschaft mit ihren Rassismen repräsentierte (Anderson 1998, Ong/Blumenberg 1998, Cannon 1999). Auf der anderen Seite entzogen sich viele Schwarze dem hegemonialen Normen- und Wertesystem der WASPisch orientierten Gesellschaft, indem deviante Gruppen gegründet wurden, die sich den Durchsetzungsorganen des staatlichen Werte- und Normensystems, der Polizei u. a. mit Schusswaffengebrauch widersetzten, was wiederum die Bildung und Vertiefung rassistischer Stereotype bei der Polizei verstärkte (Cannon 1999; vgl. auch Soja/ Scott 1998).

Die telemediale Inszenierung der LA Riots (oder auch Rodney King-Riots) von 1992 kreiste um Plünderungen, das Wüten der Schwarzen und um die rivalisierenden Gangs der Crips und der Bloods südlich von Downtown. Diese einseitige Inszenierung der LA Riots ließ wesentliche Aspekte der Lebenswelten in den betroffenen Vierteln unberücksichtigt: Weder reflektierten sie die schikanöse Massenverhaftung (Operation Hammer) (Davis 2004: 417; ähnl. Davis 2002b, Cannon 1999) der Polizei[1] von Los Angeles oder die von Stereotypen geleiteten Urteile der Justiz (deren Höhepunkt der Freispruch der Polizisten durch neun Geschworene alles Weiße darstellte, die Rodney King misshandelt hatten, (Waldinger/Bozorgmehr 1996) noch bezogen sie die zunehmende Multiethnizität des Konfliktes auch durch die Expansion des hispanischen Barrios in ehemals weitgehend von Schwarzen bewohnten Gebiete (Grant/Oliver/ James 1996) ein oder rekurrierten auf die geringen Lebenschancen der Bewohner der entsprechenden Stadtteile, die zu der Verbreitung des Gefühls von Demütigung führten (Halle/Rafter 2003)[2].

Wird der Argumentation von Soja (1995) gefolgt, sind die Watts Riots von 1965 und mehr noch die LA Riots von 1992 mehr als nur Reaktionen auf die Übergriffe von weißen Polizisten auf Schwarze: Sie sind demnach Produkte von sozialen Transformationen. Waren die Riots von Watts somit Produkt und Wendepunkt der exzessiven Modernisierung von Los Angeles, lassen sich die LA Riots als Reaktionen auf den sechsfachen Restrukturierungsprozess von Los Angeles deuten.

Die Riots von 1992 waren auch Ausdruck multiethnischer und ökonomischer Konflikte, jenseits der Trennung von schwarz und weiß: Los Angeles war für drei Dekaden seit dem Zweiten Weltkrieg das Zentrum traditioneller Industrieproduktion, aber zehn der zwölf Produktionsanlagen außerhalb der Luft tindustrie schlossen zwischen 1978 und 1982 aufgrund des internationalen Wettbewerbs und steigender Produktionskosten in Südkalifornien (Cannon 1999: 9; Ruddick 1994, Ong/Blumenberg 1998). Der Zustrom billiger Arbeitskräfte, insbesondere aus Lateinamerika, ließ (und lässt bis heute) die Stundenlöhne von Ungelernten und Geringqualifizierten in den 1970er und 1980er zusätzlich dramatisch absinken, ein Sektor des Arbeitsmarktes, der traditionell stark durch Schwarze geprägt war. Dieser Sektor des Arbeitsmarkes war zudem durch die wirtschaftliche Krise Anfang der 1990er Jahre durch Kürzungen im Verteidigungshaushalt und Ausfälle im Immobilienbau japanischer Investoren besonders betroffen. Die zeitgleiche Kürzung der Kinderbeihilfe und Gesundheitsvorsorge sowie Einschnitte im städtischen Sozialetat verschärfte die Situation für Un- und Geringqualifizierte (die insbesondere der Gefahr ausgesetzt sind, arbeitslos zu werden), insbesondere im so genannten South Central Industrial Belt; Norwalk, Compton, El Segundo, Bell Gardens, Wilmington und Santa Fe Springs (Navarro 1994, Ruddick 1994, Ong/Valenzuela 1996, Wolch 1998, Davis 2002b, Sears 2003, Laux/Thieme 2006, Starr 2006; vgl. auch Abbildung 38). Die Multiethnizität des Konfliktes beschränkte sich nicht allein auf das Spannungsfeld von WASPs, Schwarzen und Latinos, sondern umfasste auch koreanische Einwanderer bzw. die Nachkommen koreanischer Einwanderer, die zumeist in unterschiedlichen ethnisch und rassisch divergierten Enklaven siedelten und von der WASP-Welt der Zitadellen gänzlich geschieden zu sein schienen (Keil 1993 und 1998; vgl. auch Soja 1996, Dear/Flusty 1998). Dabei weist der Konflikt auch eine kulturelle Komponente auf: Koreanische Immigranten sind zumeist höher gebildet und verfügen über eine höhere Ausstattung an ökonomischen Kapital sowie eine größere Bereitschaft zur Assimilation an die WASP-Kultur als Bevölkerungsteile afroamerikanischer und lateinamerikanischer Herkunft (Keil 1993, Thieme/Laux 1995, Waldinger/Bozorgmehr 1996, Schneider-Sliwa 2005; zum Willen zur vertikalen sozialen Mobilität asiatischer Einwanderer siehe Brett/Nee 1973)[3]. Die Multiethnizität des Konfliktes spiegelt sich auch in der ethnischen Zuordnung der 12 000 im Zusammenhang mit den Riots Festgenommenen: 41 Prozent waren Schwarze, 45 Prozent Latinos und 12 Prozent Weiße (Bierling 2006).

Bei den Riots von 1992 wurden zahlreiche kleinere insbesondere von aus Korea stammenden Einwanderern betriebene Läden geplündert. Diese kleineren Ladengeschäfte waren insbesondere in den 1980er Jahren gegründet worden. Damit füllten sie ein Vakuum, das durch die Geschäftsverlagerungen jüdischer Einzelhandelsbetriebe in die Suburbien entstanden war. Wie in anderen Städten (insbesondere New York) kam es immer wieder zu Konflikten zwischen den koreanischstämmigen Ladenbesitzern und den afroamerikanischen Kunden (Chang 1994a, Halle/Rafter 2003). Durch die Übernahme von Ladenlokalen im Besonderen und Immobilien im Allgemeinen von jüdischen durch koreanisch-amerikanische Eigentümer unter Umgehung von ansässigen Afroamerikanern (die die geforderten Preise häufig nicht zahlen konnten) wurden seitens der afroamerikanischen Bevölkerung antisemitische Deutungsmuster auf Koreaner übertragen, eigens das Deutungsmuster der Geldgier und des Transfers des empfangenen Geldes in andere Stadtteile (Chang 1994a, Cannon 1999)[4]. Gängige Stereotype seitens der Korea-Amerikaner lauten gemäß der Studie von Steward (1994), Afroamerikaner seien faul, arbeitsscheu, bevorzugten ein Leben auf Kosten der Allgemeinheit oder Einzelner (worunter insbesondere die Besitzer von Läden gehörten, die häufiger von Afroamerikanern überfallen wurden), seien minderwertig und verdienten eine entsprechende Behandlung und seien eifersüchtig auf die koreanischen Amerikaner und neideten deren Stellung in der amerikanischen Gesellschaft[5] (vgl. auch Chang 1994a, Cannon 1999). Diese gegenseitigen Stereotype als prägnante [] Akzentuierung ausgewählter Elemente der Umwelt in einer einfachen, entscheidungserleichternden Formel (Manz 1968: 2) fungieren einerseits als gemeinsame Bezugspunkte zur Definition des Eigenen und des Fremden (u. a. durch klischeebeladene Musiktexte verfestigt; Chang 1994b) und andererseits als Kontingenzvernichtung, da sie zum einen Wahrnehmung selektieren, zum Anderen eigenes Handeln strukturieren (Berting/Villain-Gandossi 1999). Einen Höhepunkt erreichte der durch gegenseitige negative Stereotype verstärkte (wenn nicht gar ausgelöste) Konflikt zwischen Korea- und Afroamerikanern in Los Angeles infolge der Ermordung des afroamerikanischen 15jährigen Mädchens Latasha Harlins nach einem Streit über eine Flasche Orangensaft im Wert von 1,79 Dollar durch die 49jährige koreanisch-amerikanische Ladenbesitzerin Soon Ja Du (deren Laden in den vergangenen vier Monaten bereits zwei Mal durch Afroamerikaner überfallen worden war) am

16. März 1991 in South Central Los Angeles und deren spätere Verurteilung zu 500 Dollar und Arbeitsauflagen Strafe. Der Konflikt führte zu einer Reihe von Übergriffen auf koreanisch geführte Geschäfte (Chang 1994a, Steward 1994, Cannon 1999, Davis 2004 und 2006, Starr 2006). Hegten weite afro-amerikanische Bevölkerungsteile auch aufgrund rassistischer Übergriffe durch die Ordnungsbehörden bereits vor den L. A. Riots seit geraumer Zeit ein ausgeprägtes Misstrauen gegen staatliche Strukturen und deren Repräsentanten, entwickelte sich bei der rund eine halbe Million Korea-Amerikanern infolge der Riots eine Desillusionierung (als ein Charakteristikum der Postmoderne; vgl. Bauman 2009a) gegenüber staatlichen Stellen, denen vorgeworfen wurde, dass sie und die von ihnen betriebenen Läden nicht vor der Wut der Schwarzen (Davis 2004: 367) geschützt wurden, während Polizei und Nationalgarde schnell zur Stelle waren, um die Einkaufszentren Alexander Haagens, eines reichen Financiers der Lokalpolitik [], zu verteidigen (Davis 2004: 367), so dass die koreanische Gemeinde zu der Überzeugung kam, es gäbe für sie in Los Angeles keine Gerechtigkeit (Cannon 1999: 367). Während im alten Geschäftsviertel von Los Angeles Schaufensterscheiben zerstört wurden und Läden geplündert wurden, blieb auch Bunker Hill infolge seiner technischen Sicherheitsvorkehrungen von den Unruhen weitestgehend untangiert, was wiederum die Nachfrage nach neuen und noch umfangreicheren Schutzvorrichtungen weiter angeheizt hat (Davis 2004: 412). Die mediale Repräsentation der LA Riots stand mit diesen in einem rekursiven Verhältnis: Einerseits eröffnete sie den Plünderern (die Plünderungen lassen sich im Sinne Paretos als Residuen der Klasse III: Bedürfnis nach Gefühlsausdruck durch äußere Handlungen deuten) die Derivation, es handele sich nicht um Diebstahl, sondern um die Teilnahme an einer riesigen Gameshow, andererseits bot die (vielfach helikopterbasierte) Life-Berichterstattung eine Orientierungshilfe zur Ermittlung aktuell verfügbarer Beschaffungspotenziale, indem sich Menschen an den im Fernsehen gezeigten Straßenkarten orientierten. In South Central Los Angeles blieben die Nachwirkungen der Riots über Jahre, teilweise bis heute physisch manifest: Geplünderte Geschäfte wurden nicht wieder eröffnet, zerstörte soziale Einrichtungen nicht wieder aufgebaut, die selektive Migration verstärkt, was wiederum die residuale Segregation verstärkte. Andererseits verweigerten sich viele Bewohner von South Central der nach den Watts Riots weit verbreiteten Praxis, sich mit den Randalierern zu solidarisieren, indem sie die LAPD bei der Aufklärung von Plünderungen unterstützten (Cannon 1999). Während der Riots wurden neben Geschäften insbesondere Autos zerstört. Bereits 1978 stellte Paul Virilio zum allgemeinen Gebaren von Aufständen fest: Die Zerstörung von Autos, Straßenschildern und Verkehrszeichen beruht nicht allein auf deren Verwundbarkeit. Sie enthüllt auch einen dumpfen Widerstand gegen Polizeikontrollen, gegen unsinnige Beschränkung der Bewegungsfreiheit (wie etwa Ketten am Straßenrand) (Virilio 1978: 66). Insbesondere im Stadtlandhybriden von Los Angeles symbolisieren Autos eine WASPisch definierte Normalität, der sich andere Bevölkerungsteile unterzuordnen haben, da die räumliche Organisation des Sozialen auf ständige Mobilität ausgerichtet ist und fokussierte (insbesondere erzwungene) Lokalität mit (erzwungen) eingeschränkter Mobilität als deviant klischeetiert ist.

Aus machttypologischer Perspektive lässt sich der Ausbruch der Aktionsmacht auf das Scheitern der Anwendung der Machttypen der instrumentellen, der autoritativen und der Daten setzenden Macht interpretieren: Der herrschenden Klasse ist es nicht gelungen, das System der Chancenungleichheit insbesondere zwischen WASPs und Schwarzen als von diesen hinzunehmend durch die ideologischen Staatsapparate (aber auch die Medien als Repräsentanten autoritativer Macht) zur Inkorporation zu bringen. Auch ist es nicht gelungen, auf Basis technischer Überwachungsmaßnahmen (insbesondere bei den Riots 1992; als Ausdruck Daten setzender Macht) ein hinreichendes Konformitätsverhalten zu erzwingen. Auch konnte die instrumentelle Macht einer großen Zahl von Ordnungskräften einen Ausbruch purer Gewalt nicht verhindern[6], wodurch in den physischen Auseinandersetzungen auf die diversen Ausprägungen von Aktionsmacht zurückgegriffen wurde. Dabei fragmentiert sich die Bruchlinie zwischen Mächtigen und Mindermächtigen immer stärker: Aus einem Konflikt zwischen WASPs und Farbigen ist ein inter- und innerethischer Konflikt in einem Kontext von differenzierter Armut und radikalisierten Identitätskonstrukten geworden (Johnson/Farrel 1996, Cannon 1999, Dubey 2003).

Symbolisiert Rodney King für einen großen Teil der afro-amerikanischen Bevölkerung den Rassismus der Ordnungsbehörden, wurde Reginald Denny für das weiße Kleinbürgertum zum Symbol willkürlich ausbrechender schwarzer Gewalt. Der weiße Lastwagenfahrer wurde am 29. April 1992 an der Ecke Florence/Normandie Street von Schwarzen aus dem Führerhaus gezogen und misshandelt (Cannon 1999, Davis 2004). Beiden Fällen gemein ist, dass sie ihre Wirkung im Wesentlichen deswegen entfalten konnten, weil sie filmisch dokumentiert wurden und unabhängig von der individuellen Grausamkeit durch ständige massenmediale Inszenierung zu Simulacren der stereotypen Anschuldigung des jeweilig Anderen wurden (Cannon 1999: xix): Weil King schwarz ist und die Polizisten weiß sind und weil Denny weiß ist und seine Angreifer schwarz, wurden diese beiden Videofilme eine wirkmächtige Botschaft von Rassismus und Brutalität. Die wirkmächtige televisionale Inszenierung der Riots und ihrer personalisierten Symbole stellen eine Facette der ästhetisierten gesellschaftlichen Stadtlandschaft von Los Angeles dar[7]. Die Heterotopie[8] (Foucault 1990) South Central Los Angeles wurde zum ästhetischen Symbol der Angst vor dem Anderen (hier: dem Schwarzen, der Innenstadt, der Unordnung), der, durch die Semipermeabilität des heimischen Fernsehers gesteuert, zur rekursiven Verfestigung ethnischer, sozialer und räumlicher bzw. stadtlandschaftlicher Stereotypen beitrug (vgl. Hayden 1997, Müller 2008). Die mediale Darstellung von ethnischer Gewalt greift dabei auf die Ästhetik einer sozialen dynamischen Erhabenheit zurück, unmittelbare Angst wird gebändigt durch Distanz und den Schutz des telemedialen Auges zur Welt (das mit Ausnahme des Hörsinns die übrigen Sinne nicht bedient, und somit ein Erleben physischer Kopräsenz einschränkt). Die Riots von 1992 haben dem postmodernen Imagepatchwork von Los Angeles eine Aktualisierung der Zuschreibungen von Rassismus, Brutalität und Aufständigkeit gebracht und so mehr oder minder lokalisierte Elemente der Landschaft der Angst definiert[9].

Im Gefolge der Vorgänge in South Central wurden im Wesentlichen zwei politische Handlungsmuster aktualisiert: Ein konservatives, das auf Grundlage eines Verachtens, des Fürchtens und des Unterbinden-Wollens des Mobs (Flam 2002)[10] auf eine Null-Toleranz-Politik setzt, und ein linksliberales, das die gesellschaftlichen Ursachen von Bandenkriegen und Riots zu ändern sucht (Thieme/Laux 1995, Cannon 1999). Die infolge der Gewalt (nicht nur der Riots, sondern auch der Bandenkriege) verfolgte Strategie der harten Strafverfolgung in Verbindung mit extremen Haftstrafen bedeutete weniger eine Steigerung der Sicherheit in Los Angeles als vielmehr die Erzeugung sozialer Katastrophen, wie Mike Davis (2004: 23) feststellt: Zentausende junge Menschen in unglaublich brutalen, von institutionalisierten Rassenkriegen geprägten Gefängnissen, ohne jeden Anflug von Erziehung, Rehabilitierung oder Hoffnung. Mike Davis (2004: 23) zufolge, sei die wirkliche Funktion des Knastsystems [] nicht, die Gemeinschaft zu schützen, sondern den Hass bis zu dem Tag einzulagern, an dem er auf die Straße zurückkehrt. Die sich damit vollziehende in systemtheoretischer Terminologie positive Rückkopplung von Gewalt und Verzweiflung innerhalb und außerhalb von Gefängnissen reproduziert täglich die Ästhetik der Angst vor dem Anderen seitens der WASP-Kultur, die das Andere von der Kompensationsstadtlandschaft der Suburbien repräsentiert.

  • [1] Eine tragische Ironie erhält die im LAPD (Los Angeles Police Department) weite Verbreitung rassistischer Gesinnungselemente durch die Historie der Polizei von Los Angeles, wurde sie doch auch im Gefolge der Lynchmorde gegen Chinesen 1871 gegründet, um ähnliche auch rassistisch motivierte Übergriffe zu verhindern (Cannon 1999).
  • [2] Moïsi (2009: 88) sieht Demütigung mit dem Gefühl verbunden, dass einem gegenwärtig und, mehr noch, zukünft e Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten geraubt werden.
  • [3] Trotz weitgehend gleich geringer Einkommen (ökonomisches Kapital) der schwarzen und lateinamerikanischen Bevölkerung bestehen auch hier Unterschiede: Sind Lateinamerikaner zumeist erst spät eingewandert, können zumeist auf stabiles soziales Kapital in Form von Familienstrukturen in Los Angeles und ihren Herkunft ndern zurückgreifen, und sind kulturell in den Traditionen der katholischen Kirche verankert, sind die Familienstrukturen der schwarzen Bevölkerung weniger stabil (induziert beispielsweise über den größeren Anteil alleinerziehender Teenagerinnen) und kirchliche Bindungen weniger intensiv (Cannon 1999; vgl. auch Rocco 1998). Insbesondere der Vergleich zu dem höheren Bestand symbolischen Kapitals bei lateinamerikanischen Einwanderern (selbst der jüngsten Generation), steigert vielfach den Eindruck der Hoffnungslosigkeit bei der schwarzen Bevölkerung.
  • [4] Eine vergleichende Studie von Ella Steward (1994) zu den Konflikten zwischen Korea- und Afroamerikanern vor und nach den LA Riots zeigte eine deutliche Verschlechterung der gegenseitigen Bewertung von Korea-Amerikanern und Afroamerikaner nach den Riots, wobei insbesondere Respektlosigkeit durch Korea-Amerikaner gegenüber Afro-Amerikanern problematisiert wurde.
  • [5] Antiasiatische Agitationen und Ausschreitungen begleiten die Geschichte der Agglomeration von Los Angeles seit mehr als 140 Jahren: Bereits 1871 geriet Los Angeles in die nationalen Schlagzeilen, als bei einem Massaker 20 (von rund 200) Chinesen von einem wütenden Mob (aus einer weißen Bürgerwehr und einigen Mexikanern) getötet wurden, der den unbeabsichtigten Tod eines Weißen rächen wollte[] (Soja/Scott 2006: 285; vgl. auch Fine 2000, Li 2005). Die antiasiatische Agitation einte große Teile der kalifornischen Gesellschaft Demokraten, Progressive, Konservative, Sozialisten, aber auch die Gewerkschaften: So befürchteten diese, mit der Einwanderungswelle von Japanern Anfang des 20. Jahrhunderts wäre eine ähnliche Verringerung des Lohnniveaus verbunden wie bei der Einwanderung von Chinesen in den 1860er Jahren. Später neideten die kalifornischen Farmer den japanischen Einwandern ihren Erfolg in der Landwirtschaft Der breite politische Konsens gegen die Einwanderung von Japanern mündete in zahlreichen Gesetzesinitiativen. Eine dieser anti-asiatischen Vorstöße war die Alien Land Measure, die allen Fremden, die die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht erwerben konnte, den Besitz von Land verbot. Tatsächlich versagte der Bund nur Asiaten die Einwanderung (Bierling 2006: 79). Ein weiteres Element einer xenophob-antiasiatischen Politik in Kalifornien ist mit dem Namen Friend Richardson und seinem Sieg bei den Gouverneurswahlen 1922 verbunden. Dieser Sieg markierte den Höhepunkt der Restauration der alten Republikanischen Garde, die wieder stärker auf Großindustrie, Isolationismus, Nationalismus und Agitation gegen die japanischen Einwanderer setzte (Bierling 2006: 84). Bereits im Jahr 1924 triumphierten die Xenophoben Kaliforniens, als der USKongress in einem Gesetz den völligen Ausschluss von Immigranten billigte, die keine amerikanische Staatsbürgerschaft erwerben konnten, also primär Japaner (Bierling 2006: 84). Zwar blieben die Folgen des Gesetzes gering, da viele eingewanderte Japaner (Issei) ihren Besitz ihren in den USA geborenen Kindern (Nisei) überschrieben, die ja automatisch Amerikaner waren (Bierling 2006: 80; Griffiths 2001, Smith 2008). Eine weitere Station in der Historie des Antiasiatismus in Kalifornien stellte die Gefangennahme und Inhaftierung von mehr als 30 000 Amerikanern japanischer Herkunft in Los Angeles nach Maßgabe der Executive Order 9066 von 1942 dar (Soja 2000, Soja/Scott 2006), während deutschstämmige Einwohner Kaliforniens in weit geringerem Maße (insbesondere im Vergleich zur Zeit des Ersten Weltkriegs) Restriktionen unterlagen (Griffiths 2001). Cainkar (2009) sieht in der Diskriminierung von muslimischen Bevölkerungsteilen mit Herkunft aus dem Mittleren Osten eine Aktualisierung und Übertragung von Deutungs- und Handlungsmustern des Antiasiatismus (siehe auch Stearns 2006).
  • [6] Der Mechanismus der Transformation autoritativer Macht insbesondere in der Schule, in der den Kindern der beherrschten Klassen der Respekt vor der herrschenden Kultur [beigebracht wird], ohne ihnen den Zugang dazu zu ermöglichen (Fuchs-Heinritz/König 2005: 42) indem die Kultur der unteren Klassen entwertet wird, sobald ihre Vertreter dort ihre Sprache anbieten (Bourdieu 1982a: 49; vgl. auch Cannon 1999, Pred 2005, zuerst 1990) wurde kurzfristig hinsichtlich seiner Grenzen offenbar.
  • [7] Die Riots verursachten (medial vermittelt) vielfach wohliges Schaudern der durchschnittlichen Exotisierung des Alltags (Enzensberger 1991: 264). Ein Eindruck hiervon vermitteln die Kommentare zu dem Film Rodney King tape on national news.flv auf YouTube (o. J.), in denen angeregt und zumeist distanziert über die das Thema diskutiert wird.
  • [8] Als Heterotopien werden von Foucault (2005: 1920) Räume genannt, die eine Illusion schaffen, welche die gesamte übrige Realität als Illusion entlarvt oder indem sie ganz real einen anderen realen Raum schaffen, der im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweist.
  • [9] Genaueres hierzu siehe Kapitel 9 (Der virtuelle Raum und rekursive Produktion der Stadtlandhybriden von Los Angeles).
  • [10] Thaux (1995) weisen auf drei Argumentationsstränge der konservativen Deutung hin: Erstens sei durch staatliche Fürsorgeprogramme die Eigeninitiative der Bevölkerung verkümmert und es sei eine Kultur der Armut entstanden; zweitens seien die Riots die Folge organisierter Kriminalität gewesen; drittens. seien die Konflikte durch Rassengegensätze bedingt, was den Wunsch erkennen lässt, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wurzeln des Konfliktes als sekundär erscheinen zu lassen (Thieme/Laux 1995: 318).
 
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