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7.4 Angst und das Patchwork der Festungen von Los Angeles

7.4.1 Restrukturierungsbemühungen in Downtown Los Angeles und andere physische Manifestationen des Strebens nach Anerkennung

Downtown Los Angeles, also das Areal, dem eine gewisse Bedeutung als Zentrum des Stadtlandhybriden zugeschrieben wird, wird signifikanterweise in der Regel durch den Verlauf von vier Freeways abgegrenzt (Olessak 1981): den Hollywood Freeway im Norden, den Harbor Freeway im Westen, den Santa Ana Freeway im Osten und den Santa Monica Freeway im Süden, die alle eine mehr zentrifugale als zentripetale Kraft zu haben scheinen (Olessak 1981: 210; Abbildung 53). Seit mehr als fünf Dekaden bemüht sich die Stadtpolitik, diese zentrifugale Tendenz umzukehren oder zumindest abzuschwächen. Somit fi gerade die Restrukturierungsbemühungen von Downtown Los Angeles, der horizontalen Stadt, in der wissenschaftlichen Welt eine sehr große Beachtung (Keil 1993 und 1998, Sobchak 1994)[1]. Dabei reicht die Strategie der Umplanung des devastierten Oberzentrums Downtown Los Angeles zu einem Zentrum zunächst für das nationale, dann für das internationale Kapital (Keil 1993: 148; ähnl. Flusty 2002) in die 1940er und 1950er Jahre zurück und wurde 1961 mit dem flächenhaften Abriss des alten Stadtteils begonnen (Ethington 2001), der etwas möglich machte, was Los Angeles niemals hatte: eine Hochhaus geprägte Innenstadt (Starr 2006: 447)[2]. Diese Entwicklung tangierte die physische Struktur (abgesehen von deren Verfall) der bereits existierenden Innenstadt um die Straßen Main, Spring, Broadway, Hill, Olive, Grand, zwischen Pershing Square und Civic Center nur wenig. Zahlreiche der in den 1920er Jahren im Neo-Renaissance-Stil erbauten Häuser unterlagen mit Ausnahme des Erdgeschosses einer sukzessiven Ausbreitung von Leerständen oder wurden von Gewerben mit geringer flächenspezifischer Wertschöpfung genutzt: Insbesondere eine von Migranten betriebene Textilfertigung breite sich hier in Wohnortnähe insbesondere lateinamerikanischer Migrantinnen und Migranten aus (Starr 2006).

Auch der Wettbewerbsdrang mit New York brachte angetrieben von Finanz-, Immobilien- und Rüstungsbooms (Davis 2004: 44) die Manhattanisierung von Downtown Los Angeles mit sich, ohne jedoch die Bedeutung New Yorks hinsichtlich globaler Finanz- und Kontrollfunktionen zu erreichen (Gladstone/Fainstein 2003). Soja (1994: 23) beschreibt Downtown als heute anerkanntes Symbol von Urbanität, es sei zum visuellen Beweis der erfolgreichen Suche nach einer Stadt durch das umgebende Meer von Vororten geworden. Neben der Bemühung, die Skyline der von New York definierten,

Abbildung 53 Downtown Los Angeles.

normativ-urbanen Ästhetik anzupassen, sollte auch der (Hoch-)Kulturbetrieb nicht nur an das Vorbild New York angepasst werden, sondern sollte es auch überflügeln. Das Ergebnis dieser Bemühungen war die Etablierung einer entschlossenen Einrichtung einer Monumentalkultur (Davis 2004: 44), die sich in der angeeigneten physischen Stadtlandschaft unter anderem in Form des Getty Centers (außerhalb von Downtown

L. A.; Abbildung 54), der Walt Disney Concert Hall, dem Museum of Contemporary Art (MOCA), dem Staples Center und der Kathedrale Our Lady of the Angels äußerte (Abbildung 89).

Abbildung 54 Das Getty Center befindet sich auf einer Hügelspitze und bietet eine Panorama-Aussicht über den Stadtlandhybrid Los Angeles, im Distrikt Brentwood. Es ist Sitz des J. Paul Getty Trusts und beherbergt zudem seit 1997 das J. Paul Getty Museum wie auch weitere wissenschaftliche Einrichtungen. Die Architektur des Getty-Centers vermittelt der Eindruckeiner Stadt auf einem Hügel (Huxtable 1997: 19) und ist so der Architekt des Centers Richard Meyer (1997: 33) nach der formalen Organisation eines Universitätscampus gestaltet. Dabei lässt eine rohe Travertinverkleidung Mahle (2004: 70) zufolge die Formen der klassischen Moderne weicher erscheinen und verleiht dem Gebäude eine Aura der Beständigkeit. Kritiker des Centers sehen in dem dieGeometrie von Los Angeles (Meier 1997: 33) überblickenden Komplex ein Monument, das exklusivistisch und elitär wirke (Huxtable 1997). Die Heterotopie des Ortes wird durch die unübliche Anbindung an das Verkehrssystem des Stadtlandhybriden unterstrichen:Um die unbelastete Schönheit des Ortes zu erhalten (Meier 1997: 35) sind Besucher gezwungen, ihre Fahrzeuge in einem Parkhaus am Fuß des Hügels zu parken und mit einer Trambahn zum Center zu fahren (Aufnahmen: März 2011).

Ein solches Streben nach Monumentalkultur mit dem Wunsch verbunden, in Los Angeles Urbanität auf Grundlage von Kapitalbindung zu erzeugen (Berelowitz 1990, Starr 2006, Varnelis 2009b) wiederum war weniger von Rationalität als von Globalität geprägt. Auf eine nennenswerte Förderung regionaler Künstler wurde verzichtet, vielmehr wurden die Werke arrivierter internationaler Künstler eingekauft (Davis 2004), ein Handeln das sich mehr oder minder auf eine[r] beflissene[n] Nachahmung der legitimen Kultur (Illing 2006: 159) beschränkt und aus Angst vor Verlust symbolischen Kapitals nicht auf die Definition eigener ästhetischer Standards ausgerichtet ist und somit die Charakteristika des Agierens des mittleren Geschmacks im Sinne Bourdieus (1987) aufweist.

Symptomatisch für die Dominanz des mittleren Geschmacks in der Restrukturierung von Downtown Los Angeles (hier der Walt Disney Concert Hall und der Loyola Law School, aber auch anderer Teile des Stadtlandhybriden wie der Hollywood Bowl, das California Aerospace Museum südwestlich von Downtown Los Angeles, die Goldwyn Library in Hollywood (Abbildung 55), oder der Santa Monica Place) ist die Architektur Frank Gehrys, die Mike Davis (2004: 230231) als Überschneidungen zwischen älteren, vage radikalen, und gegenwärtigen, im Grunde zynischen Stilen beschreibt, dessen Werk einerseits eine prinzipielle Absage an die Postmoderne und gleichzeitig eine ihrer schlauesten Sublimierungen [darstelle]; eine Beschwörung des revolutionären Konstruktivismus und ein söldnerhaftes Abfeiern des bürgerlich-dekadenten Minimalismus, die sich durch Anleihen bei Pop-Art, der Verwendung bekannter

umgangssprachliche[r] Bauformen (Fröhlich 2003: 44) und Stilfragmente äußert. Ein Baustil, der durch seine geringen Bezüge zum angeeignet-physischen stadtlandschaftlichen Kontext mit Jencks (1998: 47) als Hetero-Architektur bezeichnet werden kann. Aus Sicht von Steele (1997: 79) repräsentiert die Architektur Frank Gehrys, insbesondere seine Vorstellung von Main Street (physisch manifestiert z. B. im Binoculars Building in Venice, das durch eine überdimensionierte Nachbildung eines Fernglases dominiert

Abbildung 55 Die Goldwyn Library in Hollywood, ein Gebäude, das weder stilistische Bezüge zu seiner Umgebung herstellt, noch sich ihr gegenüber symbolisch öffnet. Glatte Flächen und Metallgitter kommunizieren eher eine autopoietische Absonderung. Die Goldwyn Library repräsentiert (wie den meisten GehryGebäude) hinsichtlich der Hybridität individualistischer und kommunitaristischer Orientierung eine starke Ausrichtung auf den individualistischen Pol (wie in Goldwyn Library Abbildung 17 dargestellt; Aufnahme: September 2010).

wird, ansonsten sich durch eine Mauer gegen seine Umgebung abschottet), als eine Version des degenerierten amerikanischen Traums und Metapher eines historischen und physischen verlorenen Paradieses.

Der Restrukturierung von Downtown Los Angeles, die einerseits als seine Wiedergeburt sakralisiert, andererseits aber auch als Verlust an Authentizität und Historizität kritisiert (Füller/Marquardt 2010) wurde, lag Davis (2004: 411) zufolge eine räumliche Segregation des neuen Viertels und seiner Immobilienwerte zugrunde, die sich in einem Schutzwall aus gestaffelten Palisaden, Betonpfeilern und Freeways physisch manifestierte. Dadurch entstanden verbotene Räume (Flusty 1997: 48), deren Aufgabe darin besteht, unerwünschte Personen abzufangen, abzuwehren und herauszufiltern. Die verbotenen Räume zeichnen sich so Flusty (1997: 4849) durch Rutschigkeit

Abbildung 56 Physische Manifeste der Angst vor Unsicherheit: Sie produzieren die physischen Grundlagen einer angeeigneten physischen Landschaft der Angst: Überwachungskameras, Verbotsschilder, nahezu Omnipräsenz der Polizei und Verbarrikadierungen (Aufnahmen: August/September 2010 und März/

April 2011).

(Zuwegungen sind weit oder verschlungen), Stacheligkeit (potenzielle Möglichkeiten zum Setzen bzw. Anlehnen sind für diesen Zweck ungeeignet gestaltet) oder Nervosität (Überwachung als Element der angstbestimmten angeeigneten physischen Stadtlandschaft ist omnipräsent; Abbildung 56) aus. Dabei beschränken sich die Maßnahmen zur Durchsetzung von Verboten nicht allein auf private oder halbprivate Räume, sondern werden auf öffentliche Räume ausgedehnt: Die Parkanlage an der Fifth/Ecke Hill Street wurde um seine Eignung als Nachtquartier bzw. als Ort für Drogendealer und Prostitution herabzusetzen mit einer komplizierten Sprinkleranlage versehen, die zu wechselnden Zeiten ansprang (Davis 2004). Um Obdachlose aus dem Straßenbild von Bunker Hill zu entfernen, wurde darüber hinaus die Zahl der öffentlichen Toiletten herabgesetzt. Durch Zugangsbeschränkungen bei quasi-öffentlichen Toiletten, also Toiletten in Cafés, Restaurants, Bürogebäuden und Kunstgalerien ist es möglich, erwünschten Personen wie Touristen und Angestellten den Zutritt zu gestatten, unerwünschten Personen jedoch zu verweigern (vgl. Wolch/Dear 1993, Dear/Flusty 1998, Flusty 2002, Davis 2004). Die traditionellen Gehwege zwischen Bunker Hill und dem alten Kern von Los Angeles wurden entfernt, stattdessen verlegte man den Fußgängerverkehr auf so genannte

Pedways über den Straßen [], deren Zugang durch die Sicherheitsschleusen der einzelnen Wolkenkratzer kontrolliert wurde (Davis 2004: 411; Abbildung 57). Diese Separierung von Zugangsberechtigten und Nicht-Zugangsberichtigten übersteigert noch die Symbolik des Wolkenkratzers, dem Jürgen Hasse (2000: 41) attestiert, dass es keine andere Dimension geben dürfte, die sich in ihrer physischen Präsenz so eindrucksvoll vom Schmutz abhebt wie die Architektur der Wolkenkratzer. Solche Bürohochhäuser sind zudem nicht allein Symbole der finanziellen Macht, sie verdeutlichen auch die Sakralisierung neuer städtischer Nutzungsformen, mit denen eine (weitere) Marginalisierung weiter Bevölkerungsteile einhergeht (Harvey 1987: 120): Das Wachstum der Informalisierung und das Entstehen unregulierter urbaner Räume, innerhalb derer solche Praktiken toleriert werden ist ein Phänomen, das mit dem neuen Regime flexibler Akkumulation in absoluter Übereinstimmung steht. Die Umwandlung von öffentlichem in privaten Raum im Innenstadtbereich von Los Angeles ist mit einem gefährlich rassistischen Beigeschmack versehen und vollzog sich ohne nennenswerte öffentliche Diskussion (Davis 2004: 411). Gleiches gilt für die weitgehende Videoüberwachung in Downtown, die eine virtuelle Überwachungslandschaft (Davis 2004: 413; Hervorh. im Orig.; vgl. auch Wernheim 2002, Gold/Revill 2003; Abbildung 56) geschaffen hat, einen sichtgeschützten Raum, der zunehmend definiert, wo sich Büroangestellte und Touristen aus der Mittelschicht in der Innenstadt sicher führen können (Davis 2004: 413).

Die Restrukturierung von Downtown Los Angeles, affirmativ gedeutet als Renaissance der Stadt, vollzieht sich ausgelöst von der Kommerzialisierung von Bunker Hill (Füller/Marquardt 2010; vgl. auch Flusty 2002) seit rund zehn Jahren in über 150 Bauprojekten zur Wohnnutzung im hochpreisigen Segment durch Neubau oder Umnutzung. Bemerkenswert ist diese Umstrukturierung, weil sie sich einerseits in einer Agglomeration vollzieht, die als Archetypus einer exzessiven Sub-/Desurbanisierung quasi

Abbildung 57 Pedways verbinden Gebäude oberhalb oder unterhalb des öffentlichen Raumes der Straßen miteinander. Privat betrieben, entsteht so ein halböffentlicher Raum (Aufnahme: August 2010).

paradigmatisch geworden ist, andererseits weil nach einer Vielzahl gescheiterter Restrukturierungsbemühungen [] ein positiver Bezug auf die Innenstadt in der Wahrnehmung erst neu verankert werden [muss] (Füller/Marquardt 2010: 21). Die jüngste Restrukturierungsphase beendete auch eine bis in die 1990er Jahre reichende Phase der innerstädtischen Entwicklung in der die historische Downtown von Los Angeles [] mit Attributen wie Leerstand, Verfall und Unsicherheit belegt war (Füller/Marquardt 2008: 122). Durch das Patchwork unterschiedlicher Entwicklungspfade und unterschiedlicher Restrukturierungsbemühungen mit verschiedenen Akteurskonstellationen ist im engeren Umkreis von Bunker Hill ein stadtlandschaftliches Pastiche entstanden, das

eine verwirrende Ansammlung von sehenswürdigen Orten (Soja 1994: 24) hinterlassen hat: vietnamesische Läden und Hongkong-Wohnungen einer wiederauflebenden Chinatown, die vom großen Tokyo finanzierte Modernisierung noch vorhandener Überreste des Little Tokyo, das künstliche Pseudo-SoHo der Künstlerlofts und Galerien [], die geschützten Ruinen des alten Pueblo an der kalmexifizierten Olivera Street als physische Manifestation der Imaginierung von Mediterranität (vgl. Fine 2000) und auf der erneuerten Old Plaza, die merkwürdig anachronistischen Großhandelsmärkte für landwirtschaftliche Erzeugnisse, Blumen und Schmuck, die sich ausdehnen, während ihre Pendants in anderen Downtows verdrängt werden (Soja 1994: 24), aber auch der boomende Bekleidungsdistrikt, der Broadway als Zentrum lateinamerikanischen Lebens in Los Angeles, die sich entindustrialisierende, nahezu einwohnerlose Großhandelskommune Vernon (Marchand/Scott 1991, Soja 1994, Davis 2002a; Abbildung 58), das von Yuppies bewohnte Sanierungsgebiet South Park, das alte Barrio Ost-Los Angeles, die riesige neue Koreatown, die im Westen und Süden gegen die Grenzen des Black Los Angeles drückt (Soja 1994: 25) und der im Gentrifizierungsprozess befindliche Skid Row (Soja 1994, Arias 2010, Füller/Marquardt 2008 und 2010).

Die machtvermittelnde Revision physischer Strukturen steht also mit der gezielten Uminterpretation gesellschaftlicher Stadtlandschaft in rekursivem Verhältnis. Diese Uminterpretation (im Sinne eine revidierten Bedeutungszuschreibung) bedient sich der Creative Cities-These (infolge der Argumentation der Creative Class von Florida 2002), Urbanität als Mittel der Wirtschaftsförderung einzusetzen (Füller/Marquardt

Abbildung 58 Der Broadway repräsentiert den raschen Wechsel von Denotationen und Konnotationen physischer Strukturen: Gebaut als Vergnügungsmeile ist er heute mit zumeist devastierter Bausubstanz Zentrum lateinamerikanischen Lebens in Los Angeles (und wird von Weißen weitgehend gemieden) und soll im Zuge derRevitalisierung von Downtown gentrifi t werden. Hierbei erfolgt eine Umkonnotierung von Downtown als Slum und Downtown als Lebensraum für Personen mit gehobener Ausstattung an symbolischem Kapital (Aufnahme: August 2010).

2010: 47; Abbildung 59). Eine zentrale Bedeutung bei der wohnbevölkerungsspezifi schen Restrukturierung der Innenstadt von Los Angeles nimmt die Einbeziehung des so genannten Skid Row ein[3]. Ein wesentliches Symbol einer gewandelten Bedeutungszuschreibung (im Sinne der gesellschaftlichen Landschaft) ist die Benennung des Stadtteils in Central City East. Seit Jahrzenten lebten im Skid Row zahlreiche Obdachlose, es konzentrieren sich hier Betreuungseinrichtungen der städtischen Verwaltung und sozialen Trägern, wie auch Unterkünfte, die ihre Zimmer monatsweise vermieten; in den Medien war das Skid Row in den 1990er Jahren als Umschlagplatz von Drogen (Füller/ Marquardt 2010: 115; Wolch 1998)gesundheitlichen Missständen, also der Angst vor Krankheit (Tuan 1979) und gemäß nahezu allgemeiner (WASP-gesetzter) ästhetischer Standards auch hässlichen Zuständen (Molotch 1998), sowie devianter sexueller Praktiken präsent (Füller/Marquardt 2010). In den 2000er wurden mit Hilfe von Business Improvement Districts in diesem Stadtteil hochpreisige Apartment-Wohnungen mit durchschnittlichen Kaufpreisen von über 500 000 Dollar (für eine 23-Zimmer-Wohnung) errichtet (Füller/Marquardt 2008 und 2010). Infolge des nur gering ausgeprägten urbanen Habitus (vgl. Dirksmeier 2009) potenzieller Käufer und Mieter innenstädtischen Wohnraums in Downtown Los Angeles (schließlich dominiert nicht nur bei den in der Region Ansässigen eine generationenlange Habitualisierung suburbaner Lebensweisen und -stile) werden Loftwohnungen häufig in Form von Soft Lofts geplant, die sich anders als Hard Lofts durch das Vorhandensein fester oder variabler Wände auszeichnen, zugleich intendieren Planer und Entwickler die Erzeugung von Nachbarschaften (Füller/Marquardt 2010), die sich über suburbane lebensweltliche Erfahrungen an Romantisierungen des Vormodernen anschließen lassen. Dabei werden auch die Muster der physischen Manifestierung suburbaner WASPischer Sicherheitskonzepte auf die Innenstadt übertragen: Sie sind faktisch gated (Füller/Marquardt 2010: 222) und repräsentieren in ihrer Sicherheitsfixierung das in sich widersprüchliche Konzept des Urbanen. Angesichts dieser Entwicklungsstrategien zur Erzeugung von Urbanität in Downtown Los Angeles lässt sich auch von einer suburban geprägten Urbanisierung sprechen, der Produktion einer postmodernen (auch ästhetischen) Uneindeutigkeit. Darüber hinaus weisen sie ein hohes Distinktionspotenzial auf, indem im Zuge des Strukturwandels zu altindustriellen Objekten gewordene Gebäude, die aus modernistischer Sicht infolge ihres Denotationsverlustes abzureißen gewesen wären, neu konnotiert und unter ironisierender Anbindung an das Historische einer neuen Denotation zugeführt werden, letztlich rezykliert werden, wodurch sich ein Potenzial ergibt, sich vom mittleren Geschmack des suburbanen Lebens abzusetzen.

Abbildung 59 Das Skid Row: Fokussierte physische Repräsentanzen der Fragmentierung des Stadtlandhybriden im Umkreis weniger Blocks. Luxuriöse Lofts in ehemaligen Fabrikgebäuden neben Speditionsunternehmen, Luxusautos neben betrunkenen Obdachlosen (Aufnahmen: März 2011).

Die (in den engen Grenzen der WASP-Kultur) erweiterte Freiheit (insbesondere in Bezug auf die Darstellung des eigenen Status) in Downtown Los Angeles ging also mit einer massiven Beschneidung von Freiheit von Nicht-WASPs bis hin zu deren Unterdrückung einher. Unfreiheit geht, so Bauman (2000a: 117) dann in Unterdrückung über,

wenn handelnde dazu gezwungen werden, gegen ihren Willen zu handeln, und darunter leiden, sich nicht ihren Wünschen gemäß zu verhalten, sondern etwas tun, was sie freiwillig nicht tun würden[4]. Die rassistischen Implikationen der Restrukturierung von Downtown L. A. lassen sich als Ausdruck des Wiederaufleben[s] von Ethnizität (Bauman 1991: 48) deuten: Eine Rückbesinnung auf rassische und kulturelle Zugehörigkeiten, als Reaktion auf die zentrifugalen Kräfte westlicher Modernisierung (Eickelpasch/Rademacher 2004: 76), die ehemals sinnstiftende Traditionen durch rationale Hinterfragung entzaubert hat und im Zuge kultureller Globalisierungsprozesse beliebig gemacht hat.

Der Diskursgemeinschaft derjenigen, die das Deutungsmuster der Angstpräventionsästhetik verfolgten, oblag die Defi tionshoheit über offi te Diskurse (im Sinne von Bourdieu 1976)[5], während kontingente Deutungsmuster (insbesondere der Auszuschließenden) aus den offizialisierten Diskursen ausgeschlossen wurden. Dies vollzieht sich in einem rekursiven Prozess der Erzeugung von Sicherheitsbedürfnissen durch die Erzeugung von Unsicherheit und Angst, die wiederum durch Überwachung und die Sichtbarkeit von Überwachung befriedigt werden, wodurch erneut ein gesteigertes angstbezogenes Bedürfnis nach Sicherheit auch an anderen Orten erzeugt wird. Dies wird wiederum zum Anlass genommen, die Sicherheitsvorkehrungen (auch andernorts wie in den Suburbien) weiter auszubauen und Sicherheitsdiskurse selbst in die Siedlungsplanung zu integrieren (wie beispielsweise die Vermeidung der Errichtung von Gassen bei Siedlungserweiterungen), was wiederum zur Normalisierung von Anlagen der Erhaltung und Erweiterung physischer Sicherheit beiträgt (vgl. Wernheim 2002, Coaffee 2003, Gold/Revill 2003, Bauman 2008). Stark normativ wirken dabei die Residuen des Instinkts der Kombinationen in Verbindung mit jenen der Persistenz der Beziehungen eines Menschen mit anderen und mit Orten sowie der Soziabilität, indem Orte geschaffen werden sollen, die aufgrund nicht-rationaler Zusammengehörigkeitsmuster gestaltet sind und das eigene Soziale gegen das Andersartige verteidigt werden (vgl. auch Eisel 2009).

Mike Davis (2004: 224) beurteilt die Restrukturierung von Downtown Los Angeles als bewusste sozialräumliche Strategie, die auf eine doppelte Repression abziele: Alle Erinnerungen an die Vergangenheit Downtowns sollen ausgelöscht und jedes Aufscheinen der Nicht-Anglo-Urbanität ihrer Zukunft verhindert werden. Der damit produzierte sekundäre angeeignet-physische Stadtlandhybrid sklerotisiert sich in einer durch den Wechsel vertikaler Ausdehnung manifestierten Grenze in Form einer brutalen architektonischen Kante oder eines Glacis (Davis 2004: 224). Diese Abgrenzung wird nicht nur im mesoskaligen Bereich vollzogen, sie setzt sich auch mikroskalig fort: Am Fuß der California Plaza wurde Hill Street zu einer Art Berliner Mauer, die den öffentlich subventionierten Luxus von Bunker Hill vom bunten Leben auf dem Broadway trennt, den die Latinos jetzt wieder zu ihrer wichtigsten Einkaufs- und Vergnügungsstraße gemacht haben (Davis 2004: 225; Davis 2000; Abbildung 58). Diese Revitalisierung des Broadways deutet Davis (2000) als einen Bedeutungsgewinn einer durch lateinamerikanische Einwanderer getragenen spezifischen Ausprägung von Öffentlichkeit, die durch Alltagsleben auf der Straße und eine Kultur des Öffentlichen geprägt ist. Mit den Gentrifizierungsaktivitäten im Skid Row sowie der Kommerzialisierung von Bunker Hill verknüpft ist das Bemühen der Bringing Back Broadway-Initiative, eine Privat-Public-Partnership um den Stadtrat José Huizar, den Broadway als Ausgehadresse der Gentrifizierer zu entwickeln, indem an seine Tradition als Zentrum von Theatern und Kinopalästen angeknüpft wird (Füller/Marquardt 2010: 137; vgl. auch Nelson/Clark 1976, Keil 1998, Starr 2006), mit der Konsequenz der Verdrängung der aktuellen Nutzer aus den Gebäudebeständen, die vielfach aus den 1920er und 1930er Jahren stammen. Infolge dieses (relativ hohen) Alters sind die Gebäudebestände um den Broadway Objekte der physischen Manifestation der postmodernen Wertschätzung des Historischen.

Die Gentrifizierung von bislang durch eine Einwohnerschaft mit einer geringen Ausstattung an symbolischem Kapital geprägter Stadtteile lässt sich als eine stärker individuell aufgelöste postmoderne Frontier lesen, die sich von ihrer flächensanierenden modernistischen Variante der 1950er und 1960er Jahre durch eine stärkere Punktualität unterscheidet. In beiden Fällen wird anstelle von natürlicher Wildnis der ursprünglichen fronier-Ära urbane Wildnis geregelt, die von den urbanen Stämmen (Watters 2003) gemeinschaftlich zu kultivieren ist, wodurch das Gefühl der Gemeinschaft vertieft wird (Watters 2003, Bauman 2009b). Somit verwundert das kriegerische Vokabular bei der Beschreibung des noch-nicht-gentrifizierenden Downtown L. A. durch Politiker, Entwickler und Presse nicht. Hier wird in der Tradition des Frontier-Mythos

Downtown als wildes und unbekanntes Land imaginiert, das von urbanen Pionieren oder sogar urban warriors erobert und bezwungen werden muss (Füller/Marquardt 2010: 178), um im Sinne der modernistischen Ästhetik Schönheit durch Ordnung zu schaffen. Die dabei demonstrierte Selbstverständlichkeit (repräsentiert auch durch den geringen öffentlichen Widerstand von Bewohnern) lässt Analogien zu den von der Chicagoer Schule charakterisierten sozialökologischen Verdrängungsprozessen bilden, letztlich also moderne (bzw. sogar vormoderne) Residuen (wodurch die in der postmodernen Stadttheorie als überholt geltenden Weltbeschreibungen der Chicagoer Schule, siehe Wood 2003b, quasi durch die Hintertür in die Interpretation der postmodernen Agglomerationen zurückkehren).

Im Sinne von Helbrecht/Dirksmeier (2009) lässt sich hinsichtlich der Entwicklungen in und um die Downtown von Los Angeles auch von der Emergenz einer New Downtown sprechen, die geprägt ist durch die strategische und funktionsdurchmischte Planung, die Repräsentation des Architektur- und Planungsstiles einer Dekade, den Bezug auf die Weltgesellschaft durch globale Vernetzung bei gleichzeitiger semiotischer Simulation lokaler Traditionen, die Funktion eines Identifi tionsraums im globalen Städtesystem (Elitenidentität und Elitendiskurs) und postmoderne öffentliche Räume. Dadurch nimmt die Downtown im Netz der Edge-Cities eine besondere symbolischkommunikative und eine spezialisierte ökonomische Funktion ein (Greene 2008).

  • [1] So geht Jameson (1984) davon aus, bei Bunker Hill handele es sich um eine konkrete Totalisierung der Postmoderne.
  • [2] Von Seiten der etablierten Eliten aber auch der breiten Bevölkerung wurde der Zufluss japanischen Kapitals häufig als Bedrohung wahrgenommen (Chang 1994a). Dabei entwickelte sich eine Nippophobie, die sich in rassistischen Untertönen artikulierte und zu einer nationalistisch motivierten Reaktion zahlreicher Kommunen gegen ausländische (in diesem Falle japanische) Investoren führte (Keil 1993).
  • [3] Der Begriff Skid Row ist aller Wahrscheinlichkeit nach in Seattle entstanden und hatte ursprünglich eine allgemeinere Bedeutung von besonders verarmten und von Wohnungslosigkeit gekennzeichneten Bezirken in verschiedenen Städten (Füller/Marquardt 2010: 190). In Los Angeles wurde der Begriff zum Eigennamen des so bezeichneten Teils der Innenstadt (Füller/Marquardt 2010: 190) zwischen Th d (im Norden) und Seventh (im Süden) sowie Alameda (im Osten) und Main Street (im Westen).
  • [4] Die Erhaltung der Möglichkeit der gesicherten Darstellung der Hierarchiestufe der Anerkennung (Status, Selbstachtung, Respekt, Prestige) im Sinne Maslows (1954) geht mit der Verweigerung bzw. Erschwerung der Erhaltung der Basishierarchiestufe für die früheren (Ko-)Bewohner des Raumes in Form der Sicherung der physiologischen Grundbedürfnisse (Nahrung, Unterkunft, Gesundheit) durch physische Exklusion einher.
  • [5] Unter Offi lisierungsstrategie lässt sich eine Strategie verstehen, ,egoistische, private, individuelle Beweggründe und Interessen [] in uneigennützige, kollektive, öffentlich vertretbare, kurzum legitime Beweggründe und Interessen zu verwandeln (Bourdieu 1976: 90).
 
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