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7.2 Los Angeles und sein Durst nach Wasser die Expansion desökologischen Fußabdrucks im Spannungsfeld von Landschaftsstereotypen, Macht und Angst

In einer teilweise semiariden, teilweise ariden Region wie Südkalifornien ist Wasser eine knappe und damit wertvolle Ressource. Die Diskrepanz zwischen der hohen Bevölkerungszahl und der geringen Wasserverfügbarkeit in Südkalifornien (Hofmeister 1971, Meserve/Ringelberg 2010) wurde und wird von sozialen (ästhetischen) Erwartungs- und Handlungsmustern verstärkt: Die Produktion gesellschaftlicher Landschaftsstereotype durch Immobilienmakler, Buchautoren, Werbung etc. und deren rekursive soziale Verfestigung bezog (und bezieht sich), wie bereits festgestellt, auf grünes Land mit ausgedehnten Plantagen und allen Arten von Pflanzen und Bäumen (Bierling 2006: 94), nicht auf eine von episodisch fließenden Gewässern durchzogene Halbwüste. Die Milderung der Wasserknappheit infolge der massenhaften Besiedlung des Beckens von Los Angeles einerseits und den beschränkten regionalen Wasservorräten andererseits war und ist mit ökologischen Fernwirkungen verbunden, die nicht auf Südkalifornien beschränkt sind, sondern bis nach Nordkalifornien, Nevada, Arizona und Mexiko reichen (Fogelson 1993, zuerst 1967). Befürchtungen vor ökologischen Fernwirkungen äußerten sich bereits im Protest der Bewohner des Owens Valley, die im Zuge des Baus des Los Angeles Aquäduktes (Bauzeit 1908 bis 1913) ein Austrockenen ihres Tales befürchteten (Hoffman 1981, Hundley 2001; Abbildung 40). Der Konflikt zwischen den Wasser-Interessen von Los Angeles und den Siedlern im Owens Valley fand einen politischen Abschluss in der Entscheidung Präsident Theodore Roosevelts zugunsten des Wachstums von Los Angeles. Die Befürchtungen der Bewohner des Owens Valleys erwiesen sich u. a. angesichts des Austrocknens des vor dem Bau den Aquäduktes 290 km2 großen Owens Lake in den 1920er Jahren und dem Absterben der vormals großflächigen Pappelwälder infolge Wassermangels als durchaus berechtigt (Nelson/Clark 1976, Mayo 1997, zuerst 1933, Hundley 2001, Davis 2004, Starr 2007, Lehrman 2009)[1]. Nachdem sich in der ersten Hälfte der 1920er Jahre die Konflikte um das Wasser zugespitzt hatten (Siedler manifestierten ihren Protest in Sprengstoffanschlägen auf den Aquädukt), kaufte Los Angeles ab Mitte der 1920er Jahre das Land im Owens Valley weitestgehend auf und verlängerte daraufhin den Aquädukt in den 1930er Jahren weiter in das nordnordwestlich gelegene Mono-Becken. Mit den großen von ihm kontrollierten Flächen im Owens Valley und

Abbildung 40 Der (heute ausgetrocknete) Owens Lake (im Mittelgrund). Das Owens Valley ist als eine

Wasserkolonie (Hundley 2001) ein in den physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft manifestierter Repräsentant eines unnachhaltigenökologischen Fußabdrucks (Wackernagel/Beyers 2010) des Stadtlandhybriden Los Angeles. Lehrman (2009: 22) nennt den Owens Lakeein stilles Opfer des destruktiven Durstes der Stadt [Los Angeles; Anm. O. K.] (Aufnahme: September 2010).

Mono-Bassin wurde Los Angeles nahezu eine Karikatur seines früheren Selbst eine Megapolis, die mit einem Band aus Stahl und Beton mit ihren hunderte Meilen entfernt liegenden Wasserkolonien verbunden war (Hundley 2001: 166; Lehrman 2009). Die umfangreichen Ausgaben für den Bau des Aquäduktes und insbesondere der umfangreichen Landkäufe hatten zur Folge, dass die Stadt schließlich damit begann, städtisches Eigentum zu veräußern (Hundley 2001: 165).

Ein weiteres 1942 eröffnetes Aquädukt verbindet den durch den Hoover-Damm aufgestauten Lake Mead mit Los Angeles. Bis in die 1980er Jahre griff Los Angeles auf diese Verbindung allerdings nur sporadisch zurück, da das Owens-Mono-Aquädukt eine hinreichende Wassermenge lieferte (Hundley 2001, Bierling 2006). Heute wird der Trinkwasserbedarf etwa zur Hälfte durch das California Aqueduct gedeckt, dessen Bau 1963 begann und 1997 fertig gestellt wurde (Meserve/Ringelberg 2010). Das 444 Meilen (714,5 Kilometer) lange California Aqueduct wird aus dem Wasser des SacramentoSan Joaquin-Delta östlich der Bucht von San Francisco gespeist und endet in San Diego (Miller/Hyslop 2000, Department of Water Resources 2011). Das California Aqueduct leitet gegenwärtig abhängig vom Regenfall in seinem Einzugsgebiet 20 bis 70 Prozent des natürlichen Wasserabflusses des Sacramento-San Joaquin-Delta mit erheblichen ökologischen Auswirkungen ab (Meserve/Ringelberg 2010): Zahlreiche Arme des Deltas sind trocken gefallen, aufgrund des verringerten Gegendruckes drang Salzwasser in den San Joaquin-Fluss ein, was beides erhebliche Auswirkungen auf die Zusammensetzung von Flora und Fauna hatte, die auch zur Bedrohung des örtlichen Fischfangs wurden. Darüber hinaus wird die Qualität des Wassers durch die Abflüsse von stillgelegten Gold- und Zinnober (Cinnabarit-)Minen, Abwassereinleitungen von Siedlungen und aus der landwirtschaftlichen Produktion beeinträchtigt (Hundley 2001, Meserve/ Ringelberg 2010). Bislang fehlen so Meserve/Ringelberg (2010) geeignete Maßnahmen zur Verringerung des Wasserverbrauchs, da dieser (insbesondere für die Farmer im Zentraltal) hoch subventioniert ist und zahlreiche Kosten (z. B. für ökologische Folgen des Projektes) externalisiert sind, so dass ein nicht hinreichender Anreiz zum sparsamen Umgang mit Wasser gegeben ist.

Möglich waren diese Bauten zur Wasserversorgung durch die Gründung mächtiger Organisationen wie des Los Angeles Water Department (heute Department of Water and Power; Abbildung 41) im Jahre 1902 und dem gemeinde- und countyübergreifen-

Abbildung 41 Das (funktionalistische) Gebäude desDepartment of Water and Power am Nordrand von Bunker Hill in Downtown Los Angeles gelegen. Die es umgebenden weitläufi Wasserfl und Wasserspiele symbolisieren vor dem Hintergrund der klimatischen Situation das modernistische Streben nach Beherrschung und Emanzipation von der Natur (Aufnahme: März 2011).

den Metropolitan Water District of Southern California im Jahre 1928 (gegründet für den Transport von Wasser aus dem Colorado River) und dem 1956 gegründeten Department of Water Resources des Staates Kalifornien, das das California Aqueduct betreibt. Durch die industrielle Belastung autochthoner Grundwasservorkommen (und damit der eingeschränkten Substituierbarkeit allochthonen Wassers) erhielten die Wassergesellschaften einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung Südkaliforniens (Fitz Simmons/Gottlieb 1998, Hundley 2001).

Im südkalifornischen Denken hat sich bis heute so Davis (2004: 18) die Ansicht verwurzelt, Los Angeles wäre längst ein Tal des Todes, gäbe es nicht die großen drei Aquädukte, die das aus der Sierra Nevada und den Rocky Mountains entwendete Schmelzwasser in die Gärten und Swimmingpools befördern. Aus dieser Betrachtungsweise resultiert einerseits eine Sakralisierung der Leistung von Ingenieuren (wie William Mulholland), so fragt Varnelis (2009a: 9; siehe auch Hundley 2001) rhetorisch:

Welche andere Stadt würde ihre romantischste Straße sonst nach einem einen Wasserbauingenieur [nämlich William Mulholland; Anm. O. K.] benennen?[2]. Andererseits resultiert daraus auch die Vorstellung, dass hinter der künstlichen Landschaft etwas Finsteres und Ödes lauert, ohne menschlichen Eingriff auch nur einen winzigen Bruchteil der gegenwärtigen Menschenmassen am Leben zu erhalten (Davis 2004: 18; vgl. auch Varnelis 2009a), eine Einschätzung, die medial durch Filme wie Roman Polańskis Chinatown (USA 1974) rekursiv verstärkt wird.

Die große Abhängigkeit von Los Angeles von Wasser produzierte und produziert in dreifacher Weise eine Verbindung von Macht und Ästhetik, mit erheblichen Auswirkungen auf die Südkalifornien zugeschriebenen Landschaftsästhetiken: Erstens unterminierte die städtische Wasserpolitik die Konstruktion spezifischer Unterscheidungen räumlicher Einheiten, indem die Unterscheidung zwischen Stadt, Großraum, Landkreis und Südkalifornien [verschwand]. Wie ein norditalienischer Stadtstaat in der Renaissance dominierte Los Angeles ein weit über die Stadtgrenzen hinaus reichendes Gebiet (Bierling 2006: 97), beherrscht von dem Department of Water and Power als einflussreichste städtische Behörde in den gesamten USA (Bierling 2006: 97) und schuf damit eine weitere sich räumlich nicht an einzelne politische Territorien bindende Ebene im Raumpastiche Südkaliforniens (und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Konstitution des Stadtlandhybriden). Zweitens verbirgt sich hinter der objekthaft vermittelten Ästhetik des mediterranen Arkadiens (und der damit verbundenen sozialen und sozial vermittelten individuellen Sehnsüchte) somit stets die Angst vor ökologischer Verwundbarkeit und des Verlustes dieses Arkadiens (vgl. Davis 2004, Ronen 2009), sollte das Wasser ausbleiben. Drittens unterminierte die exzessive Beschaffung von Wasser aus Südkalifornien, Nordkalifornien und Nevada (mit der Folge der Verringerung der Verfügbarkeit über Wasser in Arizona und Mexiko) die physischen Grundlagen dieses Arkadiens, weil die Verfügbarkeit von Wasser auch nach dem Willen von Mulholland das Wachstum von Siedlungsflächen auf Kosten von landwirtschaftlichen Flächen förderte (Lehrman 2009).

  • [1] Die Verlusterfahrungen der Bewohner des Owens Valleys beschreibt Belfrage (2002, zuerst 1938) sehr intensiv.
  • [2] Der Mulholland Drive führt durch die Santa Monica Mountains und bietet Ausblicke über große Teile der angeeigneten physischen Landschaft des Stadtlandhybriden Los Angeles.
 
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