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7.1.2 Die Genealogie der Macht die akteurszentrierte Sicht von Mike Davis

Im Jahre 1990 erschien erstmals das Buch City of Quartz Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles von Mike Davis. Kevin Starr (2006) bezeichnet dieses Buch als das neben Reyner Banhams Los Angeles: The Architecture of Four Ecologies und einem Raymond Chandler-Roman[1] einflussreichste Buch für Los Angeles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Davis widmet sich in einemzentralen Kapitel seines Werkes, das Los Angeles als oligarchische Konspiration evoziert (Starr 2006: 125), der Genealogie der Macht in Los Angeles. Darin stellt er zunächst fest, es gäbe in der Öffentlichkeit ein seltsam widersprüchliches Bild von der Macht in Los Angeles (Davis 2004: 112). So herrsche einerseits die Auffassung vor, Los Angeles werde von einem allmächtigem

Downtown-Establishment unter Führung der Times und einiger großer Banken, Ölgesellschaften und Kaufhäuser (Davis 2004: 112; Hervorh. i. O.) regiert, andererseits gäbe es die Auffassung, die Macht in Südkalifornien sei zersplittert, verstreut und ohne hegemoniales Zentrum (Davis 2004: 112; vgl. auch Starr 2006). Ohne einer der beiden Deutungen eindeutig zu folgen, zeichnet Davis die Außergewöhnlichkeit der Machentwicklung und -strukturen anhand von fünf Charakteristika:

1. Die Elitenbildung in Los Angeles sei unberechenbar, bei der plötzliche Veränderungen der wirtschaftlichen Basis der Stadt zu grundsätzlichen Neuzusammensetzungen der Machtblöcke (Davis 2004: 113) führten, wobei die Elitenkultur in Los Angeles weniger zur Geschlossenheit neige wie die von New York, Chicago, Philadelphia oder San Francisco.

2. Die Genealogie der Eliten von Los Angeles sei im Vergleich zu anderen amerikanischen Städten umgekehrt. Im Gegensatz zu anderen amerikanischen Städten gebe es keine Abfolge der Ablösung der WASP-Herrschaft durch katholische und jüdische Eliten, sondern nach einer Frühzeit, in der nichtprotestantische Eliten den Ton angaben (Davis 2004: 113), folgte eine lange Zeit reiner WASP-Herrschaft. Das vormals kosmopolitische Los Angeles wurde kulturell und demographisch zur nativistischsten und fundamentalistischsten aller großen Städte (Davis 2004: 113). Eine Entwicklung, die sich u. a. in der Herauslösung der jüdischen Elite aus den politischen und sozialen Strukturen der Stadt äußerte.

3. Auf die in den 1920er Jahren beginnende (und die allgemeine Entwicklung US-amerikanischer Städte ab den 1960er Jahren vorwegnehmende) Desurbanisierung wurde seitens der Elite von Downtown Los Angeles mit Bemühungen begegnet, den Abfluss von Macht nach außen zu verhindern und die regionale Zentralität des alten Geschäftszentrums zu zementieren (Davis 2004: 113). Diese Strategie führte zu einer Strategie der Abgrenzung gegen das Establishment von Downtown Los Angeles, einerseits durch die neuen Edge Cities von Century City bis Orange County, andererseits auch durch Inkorporierungsbemühungen von unabhängigen Kommunen im Los Angeles County selbst. Das dabei stark auf Konkurrenz ausgerichtete Handeln der Kommunen nimmt der Elite den Anreiz, sich umfassend auf regionaler Ebene zu organisieren (Davis 2004: 113).

4. Infolge der Internationalisierung der Bevölkerungsstruktur habe sich Davis zufolge die Elitenzusammensetzung von Los Angeles in den vergangenen 50 Jahren fundamental gewandelt. War die Elite von Los Angeles im Jahre 1960 noch durch die Vorherrschaft der WASPs geprägt, hat der Einfluss von Zuwanderern (auch aus der Mittelschicht) einerseits und der Zufluss von ausländischem Kapital (insbesondere japanischem) andererseits, die Elitenbildung ethnisch deutlich komplexer gemacht.

5. Infolge der schwachen Ausprägung von Massenpolitik sei es Davis (2004: 19; Hervorh. i. O.) zufolge den Eliten von Los Angeles stets gelungen ihre Interessen mit minimalen Patronagekosten oder tickle-down an Wähler in der Inner City oder an die Arbeiterbewegung hinter den Kulissen [zu] regeln. Die Stabilisierung der Machtstrukturen sei in diesem Zusammenhang dadurch zu erklären, dass einerseits Wahlbezirke so zugeschnitten seien, dass der Einfluss von Wählern mit lateinamerikanischer Herkunft begrenzt würde, und dass andererseits zahlreiche Bewohner von Los Angeles zwar hier lebten und arbeiteten, aber ohne gültige Papiere keine Wahlberechtigung hätten. Dadurch bilden sich die fundamentalen demographischen Wandlungsprozesse in Los Angeles (siehe Abschnitt 6.4) nicht in den Veränderungen der Machtstrukturen ab.

  • [1] Raymond Chandler (18881959) schrieb neben Kriminalromanen auch Kurzgeschichten und Drehbücher. Er gilt als eine zentrale Bezugsperson des Film Noir.
 
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