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7 Einschreibungen von Macht, Angst und Sehnsucht im Stadtlandhybriden Los Angeles

Im Anschluss an den Überblick über die historische Entwicklung der Region Los Angeles zum postmodernen Stadtlandhybriden werden in diesem Kapitel wesentliche Charakteristika des Entwickelungspfades genauer betrachtet. Wesentliche soziale Bestimmungsgrößen der physischen Inskriptionen sind dabei auf Macht, Angst und Sehnsucht zentriert.

7.1 Der Stadtlandhybrid zwischen Ökologien, Genealogie und Matrix wissenschaftliche Deutungen

Im Folgenden werden drei wissenschaftliche Deutungsmuster der Entwicklung der Region Los Angeles vorgestellt werden, die in den vergangenen Jahrzehnten einen wesentlichen Einfluss auf die (wissenschaftliche) Beschreibung des Stadtlandhybriden und seiner räumlichen Entwicklungen gewonnen haben: Reyner Banhams Los Angeles: The Architecture of Four Ecologies lässt sich als ästhetische Deutung der physischen Strukturen mit einem romantisierend-optimistischen Grundton beschreiben. Dagegen analysiert Mike Davis in City of Quartz Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles den Stadtlandhybriden als nahezu dystopisches Ergebnis der Ungleichverteilung sozialen Kapitals. Edward Soja als einer der führenden Vertreter der Los Angeles School of Urbanism deutet die Entwicklungen in Los Angeles in ähnlich pessimistischem Grundton als Konsequenz unterschiedlicher, ökonomisch bestimmter Restrukturierungsmuster. Diese drei Deutungsstränge werden in den weiteren Betrachtungen der angeeigneten physischen Landschaft des Stadtlandhybriden Los Angeles einen wesentlichen Bezugspunkt darstellen.

7.1.1 Struktur und Planung als Ergebnisse kleinräumiger Machtverteilungen: die vier Ecologies von Reyner Banham

Das Wachstum des Stadtlandhybriden lässt sich im Wesentlichen als eine Laisser-faireEntwicklung beschreiben (Cuff 2000). Die damit verbundenen physischen Manifestationen von Macht im Stadtlandhybriden folgen nicht der Logik eines übergreifenden (modernistischen) Masterplans, sondern kleinräumigen (postmodernistischen) Aushandlungen zwischen unterschiedlichen Konstellationen von Einwohnern, Entwicklern, Bodeneigentümern, Politikern, Verwaltungen, Architekten, Stadtplanern u. a. Diese Nicht-Planung, wie sie Banham (2009, zuerst 1971) charakterisiert, lässt sich nach Rancière (1997) auch als Ausdruck von Post-Demokratie verstehen, in der ein Kompromiss auf Grundlage der Konstruktion von Sachzwängen entwickelt wird (vgl. auch Žižek 2001), und stellt einen Kontrapunkt zur modernistischen Totalplanung dar (vgl. Varnelis 2009a), die den Wunsch verfolgt, ein einheitliches Stadtbild zu gestalten, indem wenige Kernelemente definiert und für alle Bauten festgeschrieben (Löw 2010: 154) werden, um so das homogenisierte Eigene als Aspekt der Bildgestaltung (Löw 2010: 154) entstehen zu lassen. Charles Jencks (1993) bewertet diese klein- und kleinsträumige Planung durchaus positiv, da sich viele unterschiedliche Interessen und Ideen in der physischen Struktur des Stadtlandhybriden einschreiben könnten, um dann in ihrer Interaktion einer Art größeren Dialog (Jencks 1993: 75) führen zu können. Die Verweigerung der Implementierung eines solchen Planungsparadigmas bereitete einer radikalliberalen Planung den Weg, geprägt durch das nahezu omnipräsente Prinzip des anything goes. Durch diese Nicht-Planung entstand im angeeigneten physischen Raum ein postmodernes Landschaftspastiche, das geprägt ist von spezifischen Einschreibungen lokaler Machtverhältnisse, sowohl in den physischen Raum als auch in gesellschaftliche Deutungen (vgl. Dear 1986, Erie 2002). Aufgrund der Kleinteiligkeit der administrativen Gliederung des Stadtlandhybriden Los Angeles haben Lokalpolitiker über einen eng begrenzten Raumausschnitt weit reichende politische Verfügungsmacht, so dass lokale Wirtschaftspolitik stark von der individuellen Verfügbarkeit von sozialem Kapital (sowohl auf Seiten der Politik als auch jener der Wirtschaft) abhängig ist (Gottlieb/ Vallinatos/Freer/Dreier 2005). Damit entstand ein Raum fragmentierter Diskontinuitäten, geprägt durch eine nicht-hierarchische, flexible, ausgedehnte Matrix (Weinstein 1998: 30; vgl. auch Fogelson 1993, zuerst 1967, Dear 1998, Erie 2002), die nur lose durch Freeways (und nicht etwa durch ein elaboriertes System schienengebundenen Öffentlichen Personenverkehrs) miteinander verkoppelt ist (Wachs 1998). Infolge der hohen Flexibilität der physischen Manifeste sozialer Machtverhältnisse, werden diese physischen Manifeste häufig in einer Form entworfen, dass ihre Revision nicht mit dem Verlust an symbolischem Kapital verbunden ist: Wohngebäude wie auch gewerbliche Gebäude werden zumeist preiswert, ohne besonderen gestalterischen Ehrgeiz (Ausnahmen bilden einige Gebäude in der Downtown L. A. sowie einige Edge-Cities) errichtet, wodurch Los Angeles den Eindruck einer provisorischen Stadt (Cuff 2000) evoziert.

Der Stadtlandhybrid von Los Angeles wird von Reyner Banham (2009, zuerst 1971) in vier Ecologies gegliedert, die sich als Ausdruck des rekursiven Verhältnisses von physischem Raum, dessen sozialer Aneignung und Bewertung sowie dessen sozialer Überformung verstehen lassen (Banham 2009, zuerst 1971, Fröhlich 2003):

1. Surfurbia auf Grundlage einer mehr als 100 Kilometer langen Küstenlinie als das herausragende naturräumliche Merkmal des Stadtlandhybriden. Die Küste erlangt neben ihrer ökonomischen Bedeutung (u. a. in Form von vorgelagerten Ölvorkommen, aber auch dem Übergang vom Festland zur billigen Transportinfrastruktur Ozean) insbesondere durch die Entstehung der strandbezogenen Freizeitkultur (Strand, Surfer, Piers) und ihrer Bebauung mit strandwärtig ausgerichteten Häusern eine besondere Bedeutung.

2. Die Foothills bilden eine naturräumliche wie soziale Trennlinie zwischen Downtown Los Angeles und dem nördlichen San Fernando Valley. Sie stellen bevorzugte räumliche Konkretisierungen des Distinktionsbedürfnisses der Oberschicht dar (die sich in bevorzugten Wohnlagen wie in Bel Air oder Beverly Hills verortet).

3. Die Plains of Id, also die ebenen Flächen südlich von Downtown bis nach Orange County, die durch endlos scheinende Straßen und sich stets wiederholende Siedlungsmuster gekennzeichnet sind. Diese Ebenen des Unterbewussten (daher der Verweis auf das freudsche Es) werden von Banham als das Charakteristikum des Stadtlandhybriden beschrieben, in denen sich die unbewussten Wünsche der Bewohner physisch manifestieren.

4. Autopia stellt als das Straßennetz (und insbesondere der Freeways) das zentrale Bezugssystem der Bewohner des Stadtlandhybriden Los Angeles dar, auf das selbst die bauliche Gestaltung ausgerichtet ist: Relativ einfache Baukörper werden mittels aufgesetzter Außengestaltung ästhetisch aufgewertet und insgesamt die Lesbarkeit einer Stadtlandschaft für Autofahrer anstatt für Fußgänger errichtet (Fröhlich 2003: 39).

 
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