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6.6 Unsicherheit, Unübersichtlichkeit und Fragmentierung im postfordistischen Stadtlandhybriden: Los Angeles im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert

Spätestens mit dem Beginn der 1980er Jahre zeichneten sich Entwicklungen in Los Angeles ab, die die Agglomeration zu einem unübersichtlichen postmodernen Siedlungskonglomerat mit unscharfen Grenzen, hoher innerer Fragmentierung, großer internationaler Verflechtung, schroffen Gegensätzen zwischen Gruppen unterschiedlicher Ausstattungen symbolischen Kapitals und wachsender Unsicherheit werden ließen (vgl. Keil 1993, Olin 1995; Abbildung 37).

In der Periode nach 1970 hat sich die räumliche Ausprägung des Bevölkerungswachstums erneut gewandelt (Abbildung 32): Schwerpunkt des Bevölkerungszuwachses sind auch infolge des knapper werdenden Wirtschaftsgutes Bauland in den Kerngebieten der Agglomeration die vom Zentrum von Los Angeles entfernteren Counties: Während die Einwohnerzahl des Counties Los Angeles zwischen 1970 und 2008 um rund 40 Prozent (2,8 Millionen) wuchs, die Counties Ventura und Orange jeweils 111 Prozent Einwohner hinzugewannen, lagen die Schwerpunkte des Bevölkerungswachstums in dieser Periode in den weiter vom Zentrum von Los Angeles entfernten Counties San Bernadino (195 Prozent) und Riverside (360 Prozent). Der rasante Bevölkerungsanstieg vollzog sich insbesondere durch Zuzug von außen. Somit befinden sich im US-Vergleich unter den 20 Städten mit der höchsten Quote nicht in der Wohnkommune geborenen Einwohner acht Siedlungen aus dem Stadtlandhybriden Los Angeles: El Monte, Garden

Abbildung 37 Die Crystal Cathedral als Ausdruck der kulturellen Dezentrierung in der Agglomeration Los Angeles. Dieser weltweit über Fernsehen regelmäßig verbreitete Fokus christlichen Glaubens befidet sich nicht etwa in Downtown Los Angeles, sondern im davon rund 35 km entfernten Garden Grove, einer der zahlreichen Suburbiumssiedlungen. Das Umfeld der Kathedrale ist den Anforderungen eines hyper-postmodernen Lebensstils im Spannungsfeld von Individualisierung und temporärer spiritueller Vergemeinschaftung entsprechend mit zahlreichen Parkplätzen gestaltet. Die Crystal Cathedral stellt eine postmoderne Reminiszenz an die Ästhetik des Mittelalters dar, zu deren Charakteristika die Wertschätzung des sichtbaren Lichtes als Sinnbild des Göttlichen zählte (Aufnahme: August 2010).

Grove, Glendale, Santa Ana (diese vier sogar unter den Top 10), Anaheim, Los Angeles, Oxnard und Pomona (Lowenthal 2009; vgl. auch Sabagh/Bozorgmehr 1996, Waldinger/ Bozorgmehr 1996, Laux/Thieme 2006).

Dabei entwickelten sich Siedlungen, die mit den klassischen Begriffen von Stadt, Dorf und Landschaft, aber auch suburbaner Raum nicht mehr fassbar waren, so entwickelte sich das post-suburbane Orange County [] zu einer Protometropole eigenen Zuschnitts; es stellt das bei weitem größte metropolitane Gebiet ohne Kernstadt mit mehr als 350 000 Einwohnern dar (Soja/Scott 2006: 294; siehe auch Scott 1986, Sabagh/Bozorgmehr 1996, Dear/Flusty 2002b) und weist heute mehr Bürofläche auf als jede andere Region in Kalifornien mit Ausnahme von Los Angeles und San Francisco (Lowenthal 2009: 71; vgl. auch Kling/Olin/Poster 1995, Laux/Th 2008). Suburbanisierung lässt sich in dieser Phase der Entwicklung nicht mehr als Suburbanisierung eines städtischen Zentrums verstehen, die Entwicklung kann vielmehr als breit angelegte Suburbanisierung der gesamten Region (Soja/Scott 2006: 291) beschrieben werden, die durch die Fusion suburbaner, exurbaner sowie zentralstädtischer Charakteristika geprägt ist (Dear 2005b, Knox 2008), einem Stadtlandhybriden. Zur Beschreibung dieses Prozesses wurde der Begriff des leap frogging geprägt, er verdeutlicht den Exurbanisierungsprozess anschaulich, d. h. die Suburbanisierung ging über in die Exurbanisierung. Unabhängig von einer zentralen Stadtplanung errichteten Investmentgesellschaften Wohnsiedlungen, Gewerbeparks und Einkaufszentren (Hahn 2002: 309). Die Mehrzahl der zwischen 1970 und 1991 inkorporierten 35 Kommunen befindet sich weit vom urbanen Zentrum der Region entfernt, teilweise in Wüstenregionen (wie Palm Desert oder Twentynine Palms). Eine urbane Ausnahme stellt die Milieukommune der Homosexuellengemeinschaft in West Hollywood dar (inkorporiert 1984; Keil 1998, Soja 2000). Als ein weiterer Indikator für das wachsende Selbstbewusstsein der suburbanen Peripherie kann der im Jahr 2002 unternommene Versuch Hollywoods und des San Fernando Valleys gelten, sich von Los Angeles mit der Motivation abzuspalten, Steuergelder im eigenen lokalen Umfeld zu halten (so hatte eine Kommission des Los Angeles Counties festgestellt, dass das San Fernando Valley Anfang der 2000er Jahre jährlich rund 130 Millionen Dollar mehr an Steuern an die Stadt Los Angeles zahlte als es durch städtische Leistungen empfing). Auch wenn in einer stadtweiten Abstimmung der Sezession nicht zugestimmt wurde (als wesentliches Argument gegen die Sezession wurde der Verlust an Skalenvorteilen bei der Bereitstellung städtischer Dienste angeführt, wodurch bei allen Beteiligten die Steuerlast steigen würde; Barber 2007), deuten die (bis heute insbesondere im San Fernando Valley andauernden) Sezessionsbemühungen auf einen hohen Grad örtlicher Egoismen und die Auffassung hin, die Gemeinschaft der Gleichen sei für die Regelung lokaler Angelegenheiten zuständig, nicht eine Kommune mit überlokalen Kompetenzen zum Finanzausgleich. Die Architektur dieser suburbanen Siedlungen beschreibt Molotch (1998: 248) als zu der Art passend wie Kalifornier eben die meisten Dinge täten: mit wenig Bindungen zur Orthodoxie, ausgerichtet an Launen, unter Nachahmung jeglicher architektonischer Gestaltung oder Periode (French Regency, English Tudor, Spanish colonial etc.) oder Kombinationen davon. Diese Art der Gestaltung trägt zu einer eklektizistisch-postmodernen Erscheinung von Siedlungen, Siedlungsteilen und einzelner Siedlungen bei.

Die ökonomische Basis der Region hat sich in dieser Zeit erheblich verschoben: Parallel zur Restrukturierung der Ökonomie der Vereinigten Staaten (bzw. global der so genannten Ersten Welt) wurde Los Angeles deindustrialisiert. Die vergleichsweise kleinen Fabriken aus der Ära des Fordismus, wie beispielsweise die Produktion von Autos, Reifen, Glas, Stahl und langlebigen Konsumgütern (Soja/Scott 2006: 295; Scott 1996, DeFilippis/Martin/Bernhardt/McGrath 2009) als physische Einschreibungen der fordistischen Ökonomie sind nahezu verschwunden (siehe auch Meyer 2010), die Ölförderung brach ein und erreicht gegenwärtig rund ein Fünftel der Spitzenförderung von 1969 (133 Millionen Barrel); ein Ende der Förderung bis zum Jahr 2040 ist wahrscheinlich (Ruchala 2009). Ersetzt wurden diese fordistisch geprägten Industrien durch postfordistische Produktionsstrukturen, charakterisiert durch einen hohen Grad an Flexibilität und Fragmentierung, aber auch häufig durch ökonomische und damit soziale Unsicherheit (Farwick 1994, DeFilippis/Martin/Bernhardt/McGrath 2009)[1]. Eine Entwicklung, die sich nicht auf Los Angeles beschränkt sondern u. a. auch die Edge-Cities des Postsuburbiums des Raumpastiches erreicht hat (Olin 1995). Die starke Ausrichtung einer arbeitsintensiven Hinterhofökonomie auf Textil- und Möbelherstellung fi neben der Verfügbarkeit billiger Arbeitskraft seine Wurzeln in der starken Ausprägung dieser Branchen seit den 1920er Jahren: Fertigkeiten in Herstellung und Vertrieb dieser Produkte sind regional hinreichend vorhanden, die Zentrierung der billigen Arbeitskräfte in der Nähe von Downtown Los Angeles in Verbindung mit ihrer beschränkten räumlichen Mobilität bedeutet auch ein Zentrierung der Standorte in diesem Teil der Agglomeration. Charakteristisch für die Phase des Stadtlandhybriden ist die große räumliche Nähe sozialer Distanz: Die Standorte von Hightech-Industrien und höchstwertigen Dienstleistungen finden sich in unmittelbarer Nähe zu informellen, quasi-legalen und illegalen ökonomischen Aktivitäten (Keil 1993, Soja 1995, Laux/Thieme 2008, Lebuhn 2008; vgl. im weltweiten Maßstab Davis 2007). Die physischen Repräsentanzen Angst erzeugender Ungewissheit sind im Stadtlandhybriden Los Angeles allgegenwärtig: Leerstehende Gebäude und Parkplätze, Brachflächen, Bauruinen u. a. bilden auch in kleinräumigem Maßstab ein landschaftliches Pastiche, das symbolisch auf Instabilität, Unsicherheit und Geworfensein verweist (vgl. Weinstein 1998, Trigg 2009).

Kleinere Hochtechnologieunternehmen wie die Produktion virtueller Realität als anderes Extrem des industriellen Postfordismus hingegen sind insbesondere außerhalb des vormaligen Kerns der Agglomeration in den neuen industriellen Zentren zu finden, da diese so Scott (1988b) nicht in der Tradition fordistischer Beschäftigungsverhältnisse stehen, und somit ein flexiblerer Umgang mit den Arbeitskräften vereinfacht wird. In diesem Zusammenhang sind auch die Verschiebungen in der Automobilbranche zu sehen: Nimmt die Bedeutung von industriellen Fertigungen immer mehr ab, ist der Stadtlandhybride zum Standort von Design-Centern für Automobile nahezu sämtlicher namhafter Automobilkonzerne geworden (Molotch 1998). Downtown Los Angeles hat sich (teilweise) zu einem Zentrum unter vielen der gehobenen Dienstleistungsökonomie entwickelt (Nelson/Clark 1976, Christopherson/Storper 1986, Scott 1988a, Soja/Scott 2006, Laux/Thieme 2008), die sich allerdings mit dem ständigen Wettbewerb mit den aufstrebenden Edge Cities im Orange County, im San Fernando Valley und im Ventura County konfrontiert sehen. Bedrängt werden diese wiederum durch Edgeless Cities, die Lang/Sanchez/Oner (2009: 744) zufolge mittlerweile 46 Prozent der Bürofläche in der Metropolregion Los Angeles auf sich vereinen (Stand der Daten 2005). Die Restrukturierung von Downtown Los Angeles vollzieht sich seit Anfang der 1980er Jahre unter massivem Zustrom japanischen Kapitals, der Davis (2004: 142) zufolge einerseits in dem Handelsdefizit von Südkalifornien mit Japan, andererseits in dem verhaltenen Siedlungsausbau in Japan begründet ist. Infolge der Weigerung der japanischen Regierung, die enormen japanischen Handelsüberschüsse in höhere Löhne und eine keynesianische Wohnungsreflation umzusetzen [], fließt des Überschusskapital aus dem Außenhandel stattdessen in Aktien- und Immobilienspekulationen (Davis 2004: 143). Die Attraktivität von Los Angeles für internationale Investoren lässt sich im Wesentlichen in zwei Motivkomplexen zusammenfassen: Los Angeles gilt den internationalen Konzernen als Brückenkopf wie auch als Markt für sich (Keil 1993: 106; Lowenthal 2009).

Ein weiteres wesentliches Element der Ökonomie von Los Angeles ist der Tourismus geworden: Hinsichtlich der Erwerbstätigenzahlen belegt die Tourismusbranche den dritten Rang. Infolge der dispersen Siedlungsstruktur entfallen lediglich rund fünf Prozent der Übernachtungen in der Metropolregion auf Downtown Los Angeles, ca. 15 Prozent auf Beverly Hills und 25 Prozentauf Hollywood (Kaplan/Wheeler/Holloway 2009). Auch die Filmwirtschaft hat sich von einer fordistischen, studiozentrierten, tayloristisch organisierten und vertikal integrierten Massenindustrie zu einer flexibel spezialisierten, internationalisierten, vertikal desintegrierten Branche (Keil 1993: 109) entwickelt. Spezialisierte Arbeiten, wie das Verfassen von Drehbüchern, Animationen, Spezialeffekte, Musikkompositionen etc. sind an zumeist in der Agglomeration ansässige Personen und Unternehmen insbesondere mit Sitz in Hollywood, West Los Angeles, Burbank und Glendale ausgelagert, während andere Arbeitsgänge in Billiglohnländer ausgegliedert werden (Keil 1993, Starr 2006, Monaco 2007). Die Headquarter-Funktionen sind in dem Stadtlandhybriden Los Angeles verblieben: Disney, Sony Pictures, Metro Goldwyn-Mayer (MGM), Paramount Pictures, Dreamwork SKG, Twentieth Century Fox, Warner Bros. und Universal Studies sind hier ansässig (Lowenthal 2009). Die Hauptaufgabe der Studios hat sich seit den 1990er Jahren auf den Verkauf der Filme und deren Finanzierung verschoben. Die Arbeit der Filmproduktion hingegen wird gegenwärtig von einer ganzen Anzahl unabhängiger Produzenten vollbracht, von denen viele auch gleichzeitig Regisseure oder Stars sind was im Hollywood-Jargon hyphenate (etwa Bindestrich-Person) heißt (Monaco 2007: 258) und als ein wesentlicher Aspekt der Postmodernisierung Hollywoods (hier in Form einer Hybridisierung) interpretierbar ist. Die Bedeutung des Medienstandortes wird durch die Hauptsitze von Fox, Warner-UPN und Univision sowie wichtiger Standorte ABC, NBC und CBS ergänzt (Lowenthal 2009). Los Angeles wird damit zum bedeutendsten Standort der Medienindustrie der Vereinigten Staaten, die eine zentrale Bedeutung für den Außenhandel der US-Ökonomie einnimmt (Lowenthal 2009: 3).

Die Filmwirtschaft wirkt auch stimulierend auf die demographische Entwicklung des Stadtlandhybriden: Die Hoffnung auf eine Karriere in der Filmwirtschaft ist ein bedeutender Pull-Faktor für die Zuwanderung nach Los Angeles. Doch sichern große Teile dieser Eingewanderten ihren Lebensunterhalt nicht oder nicht allein durch Tätigkeiten in der Filmwirtschaft (für die sie häufig tageweise verpflichtet werden). Zudem bilden sie hochgradig instabile Milieus aus: Sie ziehen in eine andere Stadt, in einen anderen Sektor, in eine andere Karriere (Molotch 1998: 237). Im Gegensatz zu einer anderen Leitbranche der Wirtschaft entwicklung in Südkalifornien der Luft tindustrie wuchsen die finanziellen Ergebnisse der Entertainmentbranche Ende der 1990er Jahre deutlich, mit dem Ergebnis, dass Los Angeles County im Jahre 1999 die höchste Wachstumsrate der Privatwirtschaft in den Vereinigten Staaten aufwies (Starr 2006) und Anfang der 1990er Jahre die kreative Klasse von Los Angeles zahlenmäßig jene von New York einholte (Molotch 1998). Der großen Wirtschaftskraft und seiner globalen symbolischen Bedeutung der Postmetropole zum Trotz, weist die Agglomeration von Los Angeles keine herausgehobene Steuerungsfunktion (wie etwa New York) auf: Keines der Mitte der Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts 25 umsatzstärksten Unternehmen hatte hier seinen Hauptsitz (Richardson/Gordon 2005, Kaplan/Wheeler/ Holloway 2009).

Die Umstrukturierung der regionalen Wirtschaft von Los Angeles ist mit einer dramatischen demographischen Transformation einhergegangen: Einwanderung sorgt (wie auch in früheren Perioden) für eine ausreichende Versorgung der regionalen Ökonomie mit billigen Arbeitskräften, mit der Folge der Expansion der Wirtschaft einerseits, der Haltung der Löhne auf niedrigem Niveau andererseits. Diese Entwicklung sorgt für eine große Klasse der Working Poor, jener Menschen also, die selbst gering qualifiziert zwar einer bezahlten Arbeit nachgehen, ohne jedoch von den Erlösen die Konsumversprechen einlösen zu können (wie Näherinnen, Autowäscher, Zimmermädchen, Verkäufer, Tagelöhner, Paketausfahrer, Putzmänner u. a.; Ong/Valenzuela 1996, Shipler 2005). Die bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts angelegte regionale Differenzierung der Bevölkerung gemäß der ethnischen Herkunft und Verfügbarkeit von symbolischem Kapital äußerte sich in den 1970er und 1980er Jahren in der Verschiebung der ethnischen Struktur von Los Angeles County infolge aktiver (jener mit einer höheren Ausstattung an symbolischem Kapital, insbesondere Weißer) und passiver Segregationsprozesse (dem Zurückbleiben jener mit einer geringen Ausstattung an symbolischem Kapital, insbesondere Farbiger): Waren 1970 noch ca. 70 Prozent der Einwohner des Counties nicht-hispanische Weiße, waren 1990 rund 60 Prozent nicht nicht-hispanisch weiß[2]. Heute (2008) hat sich das Verhältnis auf 50 Prozent zu 50 Prozent verschoben (Soja/Scott 2006, U.S. Census Bureau 2010a), wodurch Los Angeles heute die zweitgrößte mexikanische und zweitgrößte koreanische Stadt der Welt ist, in der etwa die Hälfte der Schüler öffentlicher Schulen zuhause Spanisch sprechen und die katholische Kirche die einflussreichste religiöse Institution ist (Lopez 1996, Cannon 1999, Starr 2009). Auch wenn sich so Clark (1996) seit Mitte der 1970er Jahre das Maß ethnischkultureller Segregation insbesondere durch die geringe Einwohnerstabilität in Greater Los Angeles insgesamt verringert hat, betrifft dies nicht oder nur in Einzelfällen die weißen Bevölkerungsteile, die sich Durchmischungstendenzen entziehen[3]. Dieser alswhite flight (Sugrue 1996, Hardinghaus 2004, Laux/Thieme 2008) bezeichnete Vorgang wurde durch die FHA, deren Förderprogramme insbesondere an Weiße mit einer (sehr geringen) Mindestausstattung an symbolischem Kapital vergeben wurden, staatlich gefördert (Pietila 2010; mit fatalen Folgen für die Finanzmärkte, wie die Wirtschafts- und Finanzkrise Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts zeigen sollte). Ein räumliches Symbol dieser Flucht der Weißen aus Los Angeles ist Simi Valley. Die 1969 mit rund 10 000 Einwohnern inkorporierte und rund 60 km von Downtown Los Angeles entfernt gelegene Kommune (bekannt insbesondere durch einen Kernreaktorunfall vom

26. Juli 1957 und ihre exponierte Lage bei Buschbränden), wuchs bis zum Jahre 2010 auf 124 237 an, wovon 75,3 Prozent als Weiße, 1,4 Prozent als Afroamerikaner und 9,3 Prozent als Asiaten klassifiziert sind; Simi Valley gilt gemäß Morgan Quitno (2010) als die 17. sicherste Stadt der Vereinigten Staaten (Soja 1998, Simi Valley 2011).

Die Zuwanderung hispanischer Bevölkerung nach Los Angeles lässt sich als eine Revision der Verdrängung bzw. Marginalisierung der hispanischen Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interpretieren. Diese Entwicklungsdynamik der

Re-Hispanisierung von Los Angeles lässt sich als ein nahendes Ende der historischen Phase des US-amerikanischen, weißen Los Angeles (Fröhlich 2003: 65) deuten. Die Immigration insbesondere hispanischer Bevölkerungsteile mobilisiert Residuen der Klassen II (Persistenz der Beziehungen eines Menschen mit anderen und mit Orten) und V (Unverletztheit (intégrité) des Einzelnen und der Seinen) in Verbindung mit jenen der Klasse I (Instinkt der Kombinationen): Orte und (städtische) Landschaft werden normativ ebenso als stabil konstruiert wie soziale Gefüge (vgl. Kühne 2006a, Kühne/Spellerberg 2010), so dass eine Veränderung von sozialen Strukturen durch Fremde (sogar anderer sozialer Position, Kultur, Hautfarbe) sowie ihrer physischen Repräsentationen (bis hin zu olfaktorischen Repräsentanten infolge der Zubereitung fremd erscheinender Gerichte) als abweichend und damit unerwünscht beschrieben wird. Diese Residuen der Klassen I, II und V erhalten derivative Deutungen durch Wissenschaftler wie David Rieff mit seinem 1991 erschienen Buch Los Angeles: Capital of the Third World in dem ein Blade-Runner-Szenario (siehe Abschnitt 9.2.4 Das postmoderne Endzeitdrama: Blade Runner) hinsichtlich der Zukunft von Südkalifornien gezeichnet wird oder Leon Bouviers Veröffentlichung Fifty Million Californians? aus dem Jahre 1991 die zu einer migrationsfeindlichen Diskussion der ökologische Auswirkungen des hohen Bevölkerungswachstums in Kalifornien Anlass gab (ein jüngeres Dokument dieser Diskussion ist Hanson Mexifornia. A State of Becoming aus dem Jahre 2007; vgl. hierzu auch Starr 2006).

Ein wesentliches Charakteristikum der postmodernen Agglomeration von Los Angeles ist in der komplexen Mischung aus Altem und Neuem, Einzigartigem und Paradigmatischem (Soja/Scott 2006: 299), aus extremer Armut und extremem Reichtum, aus Lokalem und Globalem, aber auch der Agglomeration als soziales und physisches Objekt und sozial definierter Hyperrealität zu suchen. Die Agglomeration von Los Angeles ist zu einem Patchwork geworden, dessen Strukturen zumeist durch administrative, soziale und ökonomische Grenzen getrennt sind, die verbindende Elemente (wie beispielsweise durch einen gemeinsamen Öffentlichen Personennahverkehr oder ein gemeinsames Bildungsangebot oder interkulturelle Musikveranstaltungen; Peterson 2003) an der differenzierten Eigenlogik scheitern lassen (Abbildung 38): Die Akkumulation kulturellen Kapitals und damit auch sozialen und ökonomischen Kapitals (Aufstieg durch Bildung) ist in der administrativ-territorial zersplitterten Agglomeration massiv unterminiert. Das Schulwesen wird im Wesentlichen durch lokal erhobene Steuermittel fi nziert, wobei die Grundvermögenssteuer (property tax) die wichtigste Einnahmequelle ist (Schneider-Sliwa 2005: 233). Aufgrund fehlender Mechanismen des Finanzausgleichs zwischen Kommunen variieren schulische Ausstattung und sogar Lehrergehälter mit dem Steuereinkommen im Schulbezirk (Schneider-Sliwa 2005: 233, DeVerteuil/Sommer/Wolch/Takahashi 2003, Halle 2003b, Sears 2003, Wrigley 2003), wodurch Lebenschancen der nachwachsenden Generation vom Wohnort abhängig werden. Diese Situation weist in Los Angeles aufgrund der kleinteiligen politischen Struktur eine besondere Intensität im Vergleich zu anderen Agglomerationen in den Vereinigten Staaten auf (Wrigley 2003). Dies betrifft auch die Patchworkhaftigkeit kommunaler Sicherheit im Stadtlandhybriden: Gemäß den Erhebungen von Morgan Quitno (2010) über 371 Städte mit mehr als 75 000 Einwohnern (Bezugsjahr 2006) befinden sich (in Bezug auf Kriminalität) hier fünf der 25 sichersten Städte (Mission Viejo auf Platz 3; Irvine auf Platz 7; Thousand Oaks auf Platz 11; Lake Forest auf Platz 15; Simi Valley auf Platz 17) und zwei der 25 unsichersten Kommunen (Compton als viertunsicherste und San Bernardino als 24. unsicherste Stadt). Infolge der Post-9/11-Ära wurde die Situation in Bezug auf die Ungleichverteilung von Lebenschancen weiter verschärft, es wurden lokale Einheiten gezwungen, Ressourcen für neue Aufgaben wie Heimatschutz zur Verfügung zu stellen (DeVerteuil/Sommer/Wolch/Takahashi 2003: 287), dies betrifft in Los Angeles insbesondere den Schutz des Hafens San Pedro (Halle 2003b). Diese Frag-

Abbildung 38 Die Rückkopplungszyklen von geringem und hohem symbolischem Kapital im Patchwork administrativ inkorporierter räumlich fi ter Gemeinwesen (nach: Johnston 1982).

mentierung der administrativ-territorialen Struktur Lustig (2010: 8) bezeichnet sie als

Balkanisierung bedeutet, dass ein für einige unsichtbarer institutioneller Rassismus überlebt (Lustig 2010: 10) habe.

Die Fragmentierung ist auch rückgekoppelt mit der ungleichen politischen Repräsentanz unterschiedlicher Ethnien in der Wahlbevölkerung: Werden 43 Prozent der Bevölkerung als weiß eingestuft, stellten sie 2006 67 Prozent der Wähler, während Latinos, 26 Prozent der Bevölkerung, aber (aufgrund mangelnder Registrierung und Wahlbeteiligung) lediglich 17 Prozent der Wähler stellen, wodurch ihre Interessen (insbesondere im überlokalen Kontext) unterrepräsentiert bleiben (Schmidt 2010; Schwarze sind mit sechs Prozent sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Wählern repräsentiert). Darüber hinaus sind mit der geringen Wahlneigung von Latinos und der hohen von Weißen (und älteren Bevölkerungskohorten) einhergehend die politischen Entscheidungsträger überdurchschnittlich häufig alt, weiß und ökonomisch wohlhabend (Schmidt 2010: 125), was eine Konzentration spezifischer lebensweltlicher Perspektiven, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster nach sich zieht. Ergebnis dieser mangelnden Repräsentation von Nicht-WASPs ist auch die Ablehnung zahlreicher auf Integration von Zuwanderern und Stärkung ihrer Rechte abzielender Propositionen[4] durch kalifornische Wähler, wie Proposition 14 von 1964, die rassistische und ethnisch diskriminierende Praktiken bei Vermietungen und Verkäufen von Immobilien unterbinden sollte, oder Proposition 38 aus dem Jahre 1984, die im Widerspruch zum Bundesrecht die Verwendung von Minderheitensprachen in amtlichen Angelegenheiten einschränkte, oder auch Proposition 227 von 1998, die die meisten bilingualen Programme in öffentlichen Schulen eliminierte (Bierling 2006, Schmidt 2010).

Die räumliche Segregation wird durch die Strategie der sozialen Kontrolle von Räumen weiter gefestigt, indem Personen, die mehr oder minder deutlich von der als normal definierten Spanne der Verfügbarkeit symbolischen Kapitals oder ethnischer Zugehörigkeit unter Generalverdacht gestellt werden. Dieser Verdacht manifestiert sich in einer symbolischen objekthaft vermittelten Darstellung ihrer Unerwünschtheit. Diese Manifestationen erstrecken sich von Schildern, die auf das Vorhandensein von Vereinen wachsamer Nachbarn (so genannten Neighborhood-Watch-Communities) verweisen und beispielsweise vor vermeintlichen Vergehen wie Herumlungern wie vor unwahrscheinlichen wie Kinderschändung warnen, über häufige Kontrollen von Personen, deren Physis eine begrenzte Devianz zum definierten Normalzustand aufweist (z. B. Schwarze in einem von zumeist Weißen bewohnten Stadtteil), bis hin zur Vertreibung von Personen, deren Abweichung zum definierten Normalzustand erheblich erscheint (wie bei Obdachlosen oder Prostituierten), durch staatlich legitimierte Ordnungskräfte (insbesondere Polizei) oder andere Kräfte (wie Bürgerwehren oder individuelle Übergriffe). Diese Tendenz der Kriminalisierung von sozialem Status bzw. ethnischer Zugehörigkeit bestärkt wiederum Vorurteile (insbesondere von weißen Mittelschichtangehörigen) gegenüber der Gefährlichkeit der stigmatisierten Bevölkerungsteile (vgl. Wolch/Dear 1993, Gayk 1995, Schneider-Sliwa1996, Keil 1998, Davis 2004 und 2006).

Die Fortsetzung einer solchermaßen umrissenen Stadtentwicklung charakterisiert Mike Davis (2004: 37; vgl. auch für die Vereinigten Staaten insgesamt Shipler 2005) in pessimistisch-zynischem Grundton wie folgt: Falls nicht der St.-Andreas-Graben zur Apokalypse erwacht, lässt sich nur allzu leicht vorstellen, dass Los Angeles sich unendlich in die Wüste hinein fortsetzt, mit Hilfe von gestohlenem Wasser, billiger eingewanderter Arbeitskraft, asiatischem Kapital und verzweifelten Hauskäufern, denen ein 500 000 Dollar teures Traumhaus mitten im Tal des Todes ein Leben auf der Autobahn wert ist. Die durchaus weit verbreitete pessimistische Binnenperspektive (siehe auch Abschnitt 9.3 Inszenierung und Selbstinszenierung von Los Angeles im weltweiten Netz: YouTube-Videos) wird von einer stereotypisiert-idealisierten Außenperspektive kontrastiert: Los Angeles ist die zweitpopulärste Stadt in den Vereinigten Staaten die

Big Orange zu New Yorks Big Apple (Starr 2009: 263). Die unterschiedliche Zuneigung zu den Städten, repräsentiert in Texten der populären Songkultur, bleibt deutlich: Während New York und seinen Symbolen ein hoher Grad an Affirmation zukommt, bleiben Lieder über Los Angeles ironisch und distanziert (Molotch 1998).

Die Entwicklung des Stadtlandhybriden Los Angeles lässt sich als ein Pfadbündel seiner räumlichen Kompartimente im Zeitlauf auffassen. Dieser Zeitlauf lässt sich konturieren als Frühphase als Landsiedlung, die Sunbeltentwicklung, die fordistische Industriesiedlungen, die postfordistische Agglomeration, durchwebt von den dezentrierenden Kräften der Verkehrsinfrastruktur und dem Idealbild ländlicher Siedlungen in räumlicher Nähe urbaner Funktionen. Ein wesentlicher spezifischer Einfluss der Besonderung ist die mediale Präsenz von Hollywood-Los Angeles. Eine Entwicklungslinie, die so Weinstein (1998) in vielen (älteren) amerikanischen Städten (insbesondere an der Ostküste) noch präsent ist, wird in Los Angeles nicht verfolgt: jene der Europäischen Stadt. Neben der starken postfordistischen Ausrichtung der Ökonomie, der (noch genauer zu thematisierenden) Zurückhaltung der Stadtplanungspolitik, der räumlichen und sozialen Fragmentierung, der medialen Inszenierung u. a. erhält der Stadtlandhybrid Los Angeles durch seine soziale Transformation räumlicher ästhetischer Zuschreibungsmuster eine herausragende Position in der postmodernen Stadtlandschaftsforschung: Zu den arkadischen Zuschreibungen von Schönheit und Pittoreskheit einer mediterranen Landschaft treten Zuschreibungen des Erhabenen zu Gebirgen, dem Pazifischen Ozean und der Wüste, Zuschreibungen, die in der postmodernen Ästhetik einen Bedeutungsgewinn erfahren (vgl. Weinstein 1998). Verbunden wird das Streben nach als ästhetisch konstruierten Umgebungen mit dem Drang nach Teilhabe an dem mystischen Status von Land (Cuff 2000: 116), dem Eigentum eines Hauses auf einem Stück Land, der seit der forcierten Besiedlung ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von Investoren, Werbefachleuten, Zeitungen, später Funk und Fernsehen erzeugt wurde und in der Illusion eines niemals endenden Immobilienbooms (Cuff 2000: 116) gipfelt.

  • [1] Diese Unsicherheit kulminiert bei alleinerziehenden Müttern, hervorgerufen durch zu geringe Unterstützungsleistungen der Väter, dürftige Verdienstmöglichkeiten und Unzulänglichkeiten in der Struktur des Sozialhilfesystems, das bei geringen Löhnen nur wenig Anreiz zu eigener Erwerbstätigkeit bietet (Farwick 1994: 87). Darüber hinaus ist der hohe Anteil von Armut betroffener alleinerziehender Frauen bei hohem Armutsrisiko aber auch die Folge des erheblichen Anstiegs der Zahl alleinerziehender Frauen insgesamt (Farwick 1994: 87). Mit dem Film Cast Away (USA 2000, Zemeckis) bietet das Hollywoodkino ein Deutungs- und Handlungsmuster für den individuellen Umgang mit derAusbreitung der postfordistischen Ökonomie verbundenen Zunahme von Unsicherheit: Der Einzelne soll sich selbst neu ausrichten, in dem er eine ausgewogenere und fl lere Identität aufbaut, die sich zur Naturseite hin öffnet (Ostermann 2007: 26). Dabei wird auf den (amerikanischen) Mythos rekurriert, der Einzelne sei in der Lage, das eigene Leben selbstbestimmt zu meistern, auf eine Änderung von gesellschaftlichen Strukturen wird hingegen nicht rekurriert (siehe auch Ostermann 2007).
  • [2] Auch politisch wirkte sich diese Entwicklung aus. 1973 bis 1993 war mit dem Demokraten Tom Bradley ein Schwarzer Bürgermeister von Los Angeles (als zweiter in einer amerikanischen Großstadt, nach Carl Stokes in Cleveland/Ohio). Er stützte sich sehr stark auf die Unterstützung schwarzer Wähler (Anderson 1998).
  • [3] Daneben weisen die hispanischen Barrios in der Innenstadt die größten ethnisch-kulturellen Konstanzen auf (Clark 1996, vgl. auch Thieme/Laux 2005).
  • [4] Das politische System von Kalifornien weist eine starke Ausprägung direktdemokratischer Elemente aus: Seit 1911 bis zum Januar 2010 gab es 338 Volksabstimmungen aufgrund von Volksbegehren. Von diesen wurden 112 angenommen, was 46 Verfassungsänderungen zur Folge hatte. Diekalifornische Direktdemokratie weist dabei einen hohen Kommerzialisierungsgrad auf, da Volksbegehren überwiegend mit bezahlten Unterschriftensammlern bestritten werden. In Vorbereitung von Volksabstimmungen werden die Positionen durch professionelle und kostenintensive Werbung mit hohem Emotionalisierungsgrad bestritten (Bierling 2006, Mehr Demokratie 2010).
 
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