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6.5 Der fordistische Boom und seine Massenkultur: die Mitte des 20. Jahrhunderts

Auch die Nachkriegsjahrzehnte waren durch ein rasches Wachstum der Region gekennzeichnet: Zwischen 1940 und 1970 verdreifachte sich die Zahl der Bevölkerung auf rund 10 Millionen (Abbildung 35). Dabei verschob sich die räumliche Struktur des Wachstums: Zwar wuchs die Bevölkerung von Los Angeles County von 2,8 auf 7,0 Millionen um das Zweieinhalbfache, doch wurde diese Wachstumsrate im selben Zeitraum von Orange County deutlich übertroffen: So wuchs die Einwohnerzahl hier von 131 Tausend im Jahre 1940 auf über 1,4 Millionen, was nahezu eine Verelffachung der Einwohnerzahl bedeutete. Soja (2000: 131) apostrophiert den Wachstumsschub von Orange County der 1940er bis 1970er Jahre mit die große Orange explodiert (vgl. auch Scott 1986). Soja/ Scott (2006: 291) fassen diese Entwicklung prägnant wie folgt zusammen: Was in der Metropolregion von Los Angeles passierte, war eine breit angelegte Suburbanisierung, wie sie uns in einem solchen Maße vorher noch nie begegnet war. Die Anlage der Siedlungsentwicklung folgte dabei auch in lokalem Maßstab keinem Muster der Expansion von einem Siedlungskern aus, sondern es entstanden in der Logik des American-GridSystems schachbrettartige Siedlungsflächen, die durch Orangenplantagen voneinander getrennt waren, bis die Erschließung von Bauland einen höheren Ertrag versprach als der Anbau von Orangen, so dass die Organgenpflanzungen sukzessive auch aus Orange County verschwanden (Clark 1983, Calthrope/Fulton 2001). Dieses Expansionsmodell verweist so Richard Sennett (1991: 89) auf eine historische-kulturelle Prägung hin:

Bei der Schaffung ihrer Gitterstädte gingen die neuen Amerikaner genauso vor wie bei ihrer Begegnung mit den eingeborenen Amerikanern: sie kolonisierten das fremdartige Andere nicht, sie löschten es aus. Statt den Raum mit Sinngehalt auszustatten, wurde Herrschaft durch Neutralisierung des Raumes wirksam. Die wirtschaftliche Grundlage dieser Suburbanisierungswelle beruhte Davis (2004) zufolge auf folgenden Entwicklungen: Die interregionalen Kapitalströme, aus denen der Wohlstand Südkaliforniens gespeist wurde, wurden durch den nationalen Verteidigungshaushalt institutionalisiert. Flugzeugfabriken und Militärstützpunkte wirkten als eine riesige Regionalsubvention (Davis 2004: 129). Die Landumwandlung wurde unter Nutzung von Skalenvorteilen zu einer wahren Massenproduktionsindustrie (Davis 2004: 129). Dabei sorgten vom Bund verbürgte Hypotheken, Veteranenbeihilfen und ein geschützter SparkassenSektor in Verbindung mit den höheren Löhnen in den Flugzeugfabriken für eine stabile Massennachfrage (Davis 2004: 129; Zielinski 2010b). Diese Massennachfrage bezog sich auf standardisierten Wohnraum, wodurch die Vororte des San Fernando Valley und der südöstlichen Küstenebene entstanden. Verstärkt wurde dieser Prozess (im Sinne der Konstruktion von gesellschaftslandschaftlichen Sollzuständen, insbesondere bei der unteren Mittelschicht) durch einen populären Bing-Crosby-Song (geschrieben von Gordon Jenkins), der von der Beheimatung des Singenden im San Fernando-Tal handelte (Starr 2007)[1].

Die Idee der Suburbanisierung jener Periode, getragen von auswärtigen Eliten, die Wohn- und insbesondere Produktionsstandorte abseits von Downtown Los Angeles entwickelten, wurde von der Bevölkerung ebenso getragen wie von den Stadtplanern (Fogelson 1993, zuerst 1967) und war mit einer intensivierten Gründung neuer unabhängiger Städte und Gemeinden verbunden. Zwischen 1940 und 1960 erfolgte die Gründung von 60 unabhängigen Städten und Gemeinden. Exemplarischer Fall war Lakewood gegründet 1954 und von Soja/Scott (1998: 8) als das Levittown von Los Angeles (zu Levittown siehe Fußnote 215) bezeichnet , einer 17 500 Häuser zählenden, zumeist von weißen Arbeitern besiedelten Vorstadt mit etwa 80 000 Einwohnern, deren Bau durch Nutzung von Skalenvorteilen hinsichtlich der ökonomischen Rationalität optimiert worden war (vgl. auch Hayden 1997). Möglich wurde die Gründung von eigenständigen Kommunen durch die Möglichkeit, Verwaltungsdienstleistungen beim County einzukaufen, ohne einen eigenen Verwaltungsapparat aufbauen zu müssen. Dabei handelte es sich um einen Präzedenzfall infolge dessen die funktionale Spezialisierung der Kommunen noch verstärkt wurde, schließlich mussten sie keine eigenen Verwaltungsstrukturen mehr aufbauen und unterhalten. Es entstanden Städte und Gemeinden unterschiedlicher Größe und Einwohnerzahl, zumeist aber mit einem hohen Grad an Spezialisierung (Soja/Scott 2006: 291): Die City of Industrie (gegründet 1957), die City of Commerce (1960), eine Stadt die für Pferdeliebhaber ausgewiesen war (Bradbury, gegründet 1957) und andere, die eingezäunt, ummauert und von bewaffneten Posten bewacht waren (wie Rolling Hills und Rolling Hills Estates 1957). Die spezialisierten suburbanen Siedlungen implizierten eine differenzierte und exklusivistische Besiedlung, differenziert nach der Verfügbarkeit symbolischen Kapitals und der Ethnie (Soja/Scott 2006, Soja 2000)[2]. Keil (1993: 85) zufolge entsprach die politische Fragmentierung der Agglomeration der geordneten Segmentierung der Funktionen von Arbeiten und Wohnen, die der Fordismus in die Geschichte der Verstädterung einbrachte[3]. Die Suburbanisierung schwarzer Bevölkerungsteile in dieser Zeit brachte keine grundsätzliche Verringerung der ethnischen Segregation mit sich und schuf so einen GhettoKorridor (Rabinovitz/Siembieda 1977: 29; vgl. auch Nelson/Clark 1976) zwischen Downtown L. A. nach Süden in Richtung Long Beach. Ende der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre begann Los Angeles, Chicago den Rang der am stärksten segregierten aller amerikanischen Städte streitig zu machen (Soja/Scott 1998: 10). Die Fragmentierung und ethnische Disjunktheit des Stadtlandhybriden Los Angeles verdeutlicht Fine (2000: 144) am Beispiel von Watts, einem Bezirk in South Central: Für Weiße, die die Machtelite der Stadt repräsentieren Politiker, Gewerkschaftsspitzen, Regierungsvertreter ist Watts eine Terra Incognita, eine abgesonderte Stadt, eine schwarze Stadt in einer weißen Stadt, unbekannt und unverständlich für sie, eine Auffassung, die medial (sowohl durch Nachrichten, Fernsehberichte, aber auch durch Spielfilme und fiktionale Literatur) rekursiv verstärkt wird (vgl. Fine 2000) und dazu führt, dass South Central als

Hyperghetto[,] zum Un-Ort [konstruiert wird], indem seine Bewohner als Parasiten und Raubtiere stilisiert werden (Amos 2007: 250; Abbildung 36).

Neben der Immobilienbranche sicherte in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren eine Serie von Kriegen im pazifischen Raum der Agglomeration von Los Angeles seine wirtschaftliche Prosperität als Basis für das Wachstum der Bevölkerung. Aber auch andere Wirtschaftssektoren wuchsen: Begleitet von einem ausgedehnten Netzwerk von Einzelteilherstellern, Dienstleistungsbetrieben, Forschungszentren und einer wachsenden Elektroindustrie (Soja/Scott 2006: 291; vgl. auch Scott 1996, Keil 1998) entwickelte sich die Raumfahrtindustrie zu einer neuen Leitbranche regionaler Ökonomie. Auch die Ölindustrie erreicht in dieser Zeit den Höhepunkt ihrer Bedeutung: 1969 wurden 133 Millionen Barrel Öl im Bassin von Los Angeles gefördert, mehr als je zuvor oder danach (Ruchala 2009). Auch die Filmstudiobranche profitierte vom Zweiten Weltkrieg: Erstens wuchs die Nachfrage nach patriotischen Filmen; zweitens verzögerte er die Einführung des kommerziellen Fernsehens; drittens erlebte die europäische Filmproduktion infolge des Krieges massive Einbußen. Die Ausbreitung des Fernsehens zu Beginn der 1950er Jahre wirkte sich auf die Filmstudios aufgrund ihrer mangelnden Bereitschaft, Filme nicht nur für das Kino, sondern auch für das Fernsehen zu produzieren, verheerend aus: Zerschlagungen, Konkurse, Fusionen und Übernahmen (auch durch Branchenexterne) prägten das Bild von Hollywoods Filmstudios bis in die 1990er Jahre (Monaco 2007). Dabei wurde die Eigentümerstruktur der Studios internationalisiert: 1990 waren nicht weniger als sechs der acht Unternehmen, die sich mit Fug und Recht Hollywood-Studios nennen konnten, in ausländischer Hand (Monaco 2007: 253).

Durch die Fragmentierung politischer Einheiten, der Ökonomie, der ethnischen und kulturellen Bezüge hatte sich die Region Los Angeles bereits Ende der 1960er Jahre

Abbildung 36 Die Watts Towers (1765, East 107th Street) lassen sich als Symbole kontingenter Konstruktionen und insbesondere räumlicher Zuschreibungen verstehen. Sie wirken wie Abstraktionen gotischer Kirchtürme (Olessak 1981). Sie wurden durch den italienischen Dachdecker Simon Rodia zwischen 1921 und 1954 aus armdicken Stahlrohren gebaut, die mit Zement verkleidet und mit allerlei Zierrat (insbesondere Scherben und Muscheln) versehen wurden (Olessak 1981) und in Bindung an die Herkunft Rodias italienischer Garten genannt wurde (Ipsen 2006). Die Watts Towers sind ein physisches Manifest der kalifornischen Handlungsanweisungto do something big, auf die sich Rodia auch explizit bezog. Sie lassen sich gemäß Banham (2009, zuerst 1971: 111) als physisches Manifesteiner unschuldigen Phantasie begreifen, die unabhängig von historischen Vorbildern inSelbstabsorption entstanden seien. Morris (2002: 613, zuerst 1976) nennt sieeinen Aufschrei gegen die künftigen Tyranneien durch das elektronische Zeitalter mit seinem Kurzfristigkeitsregime, seiner ständigen Reversibilität und seiner Virtualität. Zur Entstehungszeit waren Rodia und seine Türme unterschiedlichen Anfeindungen ausgesetzt, aus der Nachbarschaft, aber auch aus der Stadtverwaltung, die die Türme für nicht erdbebensicher hielt (Rolle 1997, zuerst 1968). Heute hat sich die Einschätzung der Türme geändert. Ipsen (2006: 101) fokussiert seine Befassung mit den Watts Towers auf ihre soziale und kulturelle Konnotation in ihrem Umfeld:Man verbindet mit [] Watts zwar immer noch Verbrechen und soziale Unruhen, aber eben auch ein Kunstwerk und Symbol für einen transkulturellen Ort, der Los Angeles mit den Regionen verbindet, aus denen man selbst oder die eigenen Eltern zugewandert sind (Aufnahme: April 2011).

weit von einem einheitlichen Image nach innen wie außen entfernt (George 2002, zuerst 1990, Soja 2000). Der Wunsch, nach innen Eindeutigkeit zu produzieren, hatte in regionalem Maßstab das Gegenteil entstehen lassen: Die Region war bereits zu diesem Zeitpunkt weit auf dem Weg zu einem postmodernen Pastiche geprägt von Uneindeutigkeiten und Widersprüchen vorangeschritten. Die ständige Neuerfindung, Inszenierung und Stereotypisierung des Deutungsmusters Los Angeles im Hollywoodfilm trug ebenso zu der imaginativen Kontingenz der gesellschaftlichen Dimension der angeeigneten physischer Stadtlandschaft Los Angeles bei, wie die allgemeine gesellschaftliche Verfügbarkeit der imaginative[n] Proto-Geographie (Soja 2000: 136) des 1955 eröffneten Disneylands. Ein anderes Symbol des Bemühens um Anerkennung als Metropole ist die Übersiedlung des Baseball-Teams der Dodgers von Brooklyn nach Los Angeles im Jahre 1958, wodurch Los Angeles zu einer Big-League-Stadt wurde (Starr 2009).

Mit Keil (1993: 6263) lässt sich diese Phase der Entwicklung von Los Angeles aus regulationstheoretischer Perspektive folgendermaßen charakterisieren: In Städten wie Los Angeles wird nach 1945 die Kriegsmaschinerie der USA mit dem System der fordistischen Massenproduktion und des privatisierten Massenkonsums mit der Welt der Freeways und der Einfamilienhäuser verschweißt.

  • [1] Die Suburbanisierung des San Fernando-Tals bedeutete für den Eigentümer der Los Angeles Times, Harry Chandler, einen großen Gewinn: Vor der Suburbanisierung des Tales hatte er dort für weniger als 3 Millionen Dollar Land gekauft das er, aufgeteilt in kleinere Parzellen, für 120 Millionen Dollar im Zuge der Suburbanisierung verkaufte. Die Suburbanierung wiederum trieb er durch politische Kontakte und seine Medienmacht voran, die er auch zur Forcierung des Baus von Wasserferntransporteinrichtungen nutzte, ohne die eine Besiedlung des San Fernando Tales nicht möglich gewesen wäre (Mayo 1997, zuerst 1933, Cuff 2000, Hundley 2001).
  • [2] Soja/Scott (2006: 291) fomulieren dies pointiert folgendermaßen: Es gab scheinbar einen Ort für jedermann, außer für diejenigen, die im schwarzen Ghetto im Inneren von Los Angeles und im großen mexikanischen Teil leben, welche sich in dem bis heute nicht eingegliederten Teil des County in East Los Angeles befinden
  • [3] Eine ausführliche regulationstheoretische Deutung der Stadtentwicklung liefert Keil (1993) und (1998), so dass diese an dieser Stelle knapp ausfallen kann.
 
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