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6.4 Die Industrialisierung und Wachstum von Los Angeles: Das frühe 20. Jahrhundert

Zwischen 1900 und 1930 stieg die Stadt Los Angeles von der sechsunddreißigsteinwohnerstärksten zur fünfteinwohnerstärksten Stadt der Vereinigten Staaten auf. Dabei profitierte die Region von dem Erdbeben von San Francisco im Jahre 1906 bei dem etwa 3 000 Menschen ums Leben kamen und rund 28 000 Gebäude zerstört wurden (Strupp 2003): Immer mehr Kapital und Menschen strömten nach Südkalifornien. Infolge der Annexion Hawaiis und des Siegs im Krieg mit Spanien 1898 sowie der Übernahme der Philippinen wurden die Vereinigten Staaten zu einer pazifischen Macht, von der Südkalifornien stärker profitierte als jeder andere Landesteil. San Pedro, der Hafen von Los Angeles wurde zum wichtigsten Umschlagplatz für den Handel mit asiatischen Staaten. Der Handelsweg in Richtung Osten wurde 1914 durch die Fertigstellung des Panamakanals deutlich verkürzt (und damit verbilligt), wovon insbesondere der Transport von Massengütern profitierte. Zudem wurden in Long Beach und San Pedro (wie auch in San Diego, der Stadt, mit der Los Angeles bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts um die politische, demographische und ökonomische Dominanz in Südkalifornien, der Maßstabsebene des Vergleichs zu jener Zeit, rang; Fogelson 1993, zuerst 1967) die größten Stützpunkte der US-amerikanischen Pazifikküste errichtet. Möglich wurde diese Expansion aufgrund einer neben Eisenbahn und Hafen weiteren technisch-infrastrukturellen Voraussetzung: Dem Bau des ersten großen Aquäduktes (zwei weitere sollten Folgen) in den Jahren 1907 bis 1913 (verbunden mit einem erheblichen Arbeitskräftebedarf), der die im semiariden Klima gelegene Stadt aus dem 400 km nördlich gelegenen Owens Valley (bis heute) mit Frischwasser versorgt (Karrasch 2000, Miller/Hyslop 2000, Hundley 2001, Lehrman 2009, Starr 2009), um die frühzeitig in Südkalifornien auftretende Diskrepanz zwischen Bevölkerungsschwerpunkt und Wasservorrat (Hofmeister 1971: 246) zu mildern.

Im Jahre 1920 hatte Los Angeles eine Einwohnerzahl vom 576 000 erreicht, womit es die kalifornische Rivalin San Francisco, der gegenüber sich Los Angeles seit dem Goldrausch und dem Eisenbahnbau stets benachteiligt sah, mit 70 000 überrundet hatte (Olessak 1981) und sich zunehmend in den (bis heute für die Selbstdefinition kontrastierenden) Wettbewerb mit New York drängte (also die Ebene des Vergleichssystems wechselte; vgl. Löw 2010). Dieses Wachstum war auch ein Erfolg für den Herausgeber der Los Angeles Times, Harry Chandler, der vier Jahrzehnte zuvor in die Stadt der Engel gekommen war, als diese noch ein staubiger, wasserbedürftiger Pueblo von Zehntausend Seelen war. Chandler und seine Mitarbeiter arbeiteten unermüdlich, eine Metropole aufzubauen, schonungslos in der Förderung der jungen Stadt und rücksichtslos in der Sicherung der Unterstützung der Verfügbarmachung von Wasserressourcen (Buntin 2009: x).

Bereits zu dieser Zeit begann eine kulturelle und soziale Differenzierung und Fragmentierung in der Region Los Angeles: Zahlreiche Zuwanderer kamen ohne ihre Familien, was teilweise mit sozialer Desintegration verbunden war, Rückwanderungen auslöste, aber auch neue Formen der sozialen (vielfach wenig intensivierter) Vergemeinschaftung (wie landsmannschaftliche Picknicks oder Parties) mit sich brachte (Fogelson 1993, zuerst 1967). In kulturellen und ethnischen Minderheiten entwickelte sich eine rege Kunstszene, so gab es eine lebendige Musikszene unter mexikanischen Einwanderern, mit eigenen Plattenlabeln (auch angetrieben durch das Importverbot von Platten aus Mexiko) und Musiklokalen, die stabilisierend auf Identitätskonstrukte wirkte (Sánchez 1997). Auch entwickelte sich Los Angeles seit dieser Zeit zu einem Zentrum diverser konkurrierender religiöser Gruppen (Fine 2000)[1], deren Konkurrenzkampf sich in physischen gebäudlichen Manifestationen äußert, die mehr oder minder deutlich auf das ästhetische Muster der Erhabenheit rekurrieren (als Beispiele lassen sich die

Crystal Cathedral in Garden Grove, Orange County, die katholische Cathedral of Our Lady of the Angles in Downtown Los Angeles, der Los Angeles California Temple der Mormonen im Bezirk Westwood von Los Angeles, das Hauptquartier von Scientology in Hollywood nennen). Im Zuge dieser religiösen Selbstvergewisserung und -abgrenzung entwickelte sich Los Angeles in der 1920er Jahren zu der aggressivsten protestantischen Stadt [der Vereinigten Staaten; Anm. O. K.], ein Ort, an dem Mitglieder des Ku Klux Klan Stellen besetzten wie die des Chefs des Los Angeles Police Departments (LAPD), des Sheriffs des Los Angeles Counties, und des US-Generalstaatsanwaltes für Südkalifornien (Buntin 2009: 18). Zugleich entwickelte sich Downtown Los Angeles zu einem Zentrum der Prostitution: Mitte der 1920er Jahre sollen in Los Angeles 615 Bordelle bestanden haben, die meisten davon in Downtown, Straßenmädchen boten sich selbst auf der Main Street an, in der blühenden, aber zwielichtigen Nachbarschaft von Taxi-Tanzlokalen (so genannt weil Tanzpartner wie ein Taxi für eine kurze Zeit gemietet werden konnten), Burlesque-Shows, und bind pigs (wo Whisky für zehn Cent pro Schluck verkauft wurde) (Buntin 2009: 13; vgl. auch Silver/Ursini 2005). Los Angeles wurde während der Prohibition (19191933) zum Zentrum illegalen Alkoholkonsums: Konservativen Schätzungen zufolge wurden in dieser Zeit jährlich 3,7 Millionen Gallonen (= 16,8 Millionen Liter) Alkoholika in die Stadt geschmuggelt, allein der Verkaufspreis des geschmuggelten Scotchs summierte sich auf jährlich fünf Millionen Dollar (was 50 Millionen Dollar nach heutigen Preisen entspricht; Buntin 2009).

In dieser Phase der Entwicklung der Agglomeration von Los Angeles ließen bedeutende Migrationsströme aus Süd- und Zentraleuropa, Japan und besonders Mexiko [] eine in höchstem Maße diversifizierte industrielle Arbeiterschaft entstehen (Soja/ Scott 2006: 287; Fogelson 1993, zuerst 1967). Dabei ging die ethnische Diversifizierung der Siedlung mit einer scharfen ethnischen Segregation einher, die Siedlungsstruktur wurde weiter fragmentiert. Zwischen 1900 und 1920 wurden vierzig Kommunen gegründet, darunter Fullerton (1904), Vernon (1905), Newport Beach und Huntington Park (beide 1906), San Fernando und San Gabriel (beide 1911) sowie Beverly Hills (1914) und Culver City (1917; Soja 2000). Diesen 40 gegründeten Kommunen war ihre weitgehende funktionale Spezialisierung gemein: Einige basierten auf der Ölförderung, der Automobiloder Luftfahrtindustrie, der Filmproduktion, waren Strandoder Berggemeinden, basierten auf der Zuwanderung von Immigranten oder waren auf die Bedürfnisse von Touristen ausgerichtet. Diese gesellschaftlichen differenzierten und exklusivistisch inkorporierten Ansprüche an physischen Raum schrieben sich in die angeeignete physische Landschaft als ein fragmentierter Stadtraum vieler lokaler Eigentümlichkeiten ein, der insbesondere von einwandernden Intellektuellen vielfach als ästhetisch kriminell bzw. anarchistische Landschaft (Fine 2000: 18) beschrieben wurde (Fogelson 1993, zuerst 1967, Keil 1993, Dear 1998, Dear/Flusty 1998, Jencks 1998, Soja 2000, Nicolaides 2001, Ruchala 2009). Die ästhetische Dekonstruktion von Los Angeles und insbesondere seiner (arkadischen) Mystifizierung schlug sich seit den 1920er Jahren in Romanen und Novellen mit satirischer bis zynischer Grundausrichtung nieder: der sonnige Mythos war vollständig verfinstert (Fine 2000: 82), es wurden vergebliche Hoffnungen von Migranten beschrieben, Kriminalität und Gewalt unter einer gnadenlosen Sonne; auch die Küste wurde dekonstruiert: das Ende des amerikanischen Highways wurde so auch zum Ende des Traumes (Fine 2000: 84; vgl. auch Rayner 2010)[2] und als Noir-Literatur zur Grundlage des Film Noir (zusammengefasst als L. A. Noir, Fine 2000; hierzu mehr in Abschnitt 9.1 Die mediale Inszenierung des Stadtlandhybriden Los Angeles)[3].

Charakteristisch für diese Ära des Siedlungswachstums war die Entwicklung von suburbanen Siedlungen für die Arbeiterklasse. Diese unterschieden sich deutlich bei gleichen Zielen von den Suburbien der Mittel- und Oberschicht, die von der Suche nach einem geselligen Familienleben in gepflegter Wohnumgebung, geprägt von religiösen Werten, schöner Natur und Abgeschiedenheit von den harten Seiten des industriellen Urbanismus (Nicolaides 2001: 57) geprägt war: Die Strategie war weniger ästhetisch und stärker ökonomisch (Nicolaides 2001: 57). In der Periode vor dem Zweiten Weltkrieg ermöglichten Kommunen wie South Gate oder Bell Gardens Arbeitern mit Hilfe von geringen Bodenpreisen und Steuervergünstigungen Eigenheime in Eigenarbeit preiswert zu errichten, während sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der Bauweitgehend standardisierter Eigenheime in Massenproduktion, wie in Westchester und Lakewood durchsetzte (Nadeau 1997, zuerst 1961, Nicolaides 2001). Das Ergebnis dieser expansiven Entwicklung von Eigenheimbebauungen war bereits in den 1930er Jahren ein Anteil von 93 Prozent Einfamilienhäusern am Wohngebäudebestand von Los Angeles nahezu doppelt so viel wie in Chicago (Kotkin 2006). Im Gegensatz zu den Quartieren der Mittel- und Oberschicht waren die Quartiere der Arbeiterklasse jener Zeit durch die Repräsentanzen der Selbstversorgung (Ziegen- und Hühnerhaltung war weit verbreitet), durch einen informellen Immobilienmarkt, kleine Grundstücksparzellen und durch ein vielfach ungepflegtes Erscheinungsbild geprägt (Nicolaides 2001; siehe auch Cuff 2001).

Bereits in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts begann die Agglomeration ihre für heute charakteristische Form anzunehmen (Soja/Scott 2006: 288):

Nach Norden hin breitete sich in das Gebiet des San Fernando Valley aus, wurde durch einen angeschlossenen Landstrich südlich vom Hafen San Pedro erweitert und nahm auf ihrem Weg nach Westen hin zum Pazifik die meisten Gemeinden in sich auf . Der Eingemeindung in die Stadt Los Angeles widersetzten sich einige kleinere ökonomisch potente Gemeinden wie Culver City und Beverly Hills unter dem Einfluss lokaler Film-

Abbildung 32 Kartogramm der Straßenstruktur von Beverly Hills aus dem Jahre 1928 (nach: Pregill/ Volkman 1999: 603).

mogule und Immobilienhändler und gliederten wiederum einige umliegende Gemeinden ein (Scott/Soja 2006), mit der Folge, dass das Territorium der Stadt Los Angeles heute aussieht, als ob es aus Puzzelteilen zusammengesetzt wäre (Creason 2010: 64).

Ein wesentlicher Aspekt der Entwicklung von Los Angeles war der erste SunbeltBoom in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, von dem neben Kalifornien insbesondere Florida profitierte (vgl. Watkins/Perry 1977). Eine der berühmtesten Siedlungen dieser Zeit war das 1909 durch den Landschaftsarchitekten Wilbur D. Cook geplante Beverly Hills. In Abweichung zu der üblichen am Quadratmuster ausgerichteten Straßenerschließung wurden hier die Straßen in sanften, die Orographie der Vorgebirge aufgreifenden Schwünge entworfen, Straßen mit Bäumen versehen und ein Wassergarten sowie kleinere Parkanlagen projektiert (Pregill/Volkman 1999; Abbildung 32). Park und Gebäude repräsentieren so Richard Sennett (1991: 81) die Gespaltenheit des modernen Städtebaus: beim Bauen tut man, als lebte man im leeren Raum; um sich dann der gebauten Welt zu erwehren, tut man, als lebte man gar nicht in der Stadt. Beverly Hills stellt damit einen wenig planerisch-elitären, wohl aber den gehobenen Laienge-

Abbildung 33 Beverly Hills eine eigenständige Stadt im County Los Angeles beheimatet bis heute Träger eines höheren symbolischen Kapitals mit einer gewissen Affi zu urban inszenierten Strukturen (Foto oben: Rodeo Drive), bei zugleich physischen Manifesten der Sehnsucht nach einem (distinguierten) Leben auf dem Land (Foto Mitte: Wohnhaus) und dem Leben unter Palmen (Foto unten, hier als Straßenbegleitgrün; Aufnahmen: August 2010).

schmack treffenden Entwurf mit dem Wunsch der Überbrückung dieser Spaltung dar (Abbildung 33).

Die Entwicklung der ökonomischen Desurbanisierung in der Agglomeration von Los Angeles begann bereits in den 1920er Jahren: Noch 1920 war die Region auf das Gebiet von Downtown Los Angeles ausgerichtet, hier waren noch über drei Viertel der Unternehmen von Greater Los Angeles angesiedelt. Hierher pendelten täglich mehr als 1,2 Millionen Menschen aus dem übrigen Stadtgebiet, den Vororten und dem Umland zur Arbeit bzw. zum Einkaufen, mehr Menschen also, als die Kernstadt an Einwohnern aufwies. Zehn Jahre später hatten mehr als die Hälfte der Unternehmen innerhalb der


Abbildung 34 Das 1928 fertig gestellte Rathaus lässt sich in seiner Erscheinung als Symbol desErhabenen Staates (Sloterdijk 2007: 42) verstehen, des Staates als Verwalter der Ernstfälle (Sloterdijk 2007: 42). Da derErhabene lokale Staat im Zuge von Globalisierung, Ökonomisierung der Öffentlichkeit und sozialen Individualisierungstendenzen wesentliche Handlungsoptionen eingebüßt hat, wirkt die monumentale Architektur als Repräsentanz des nicht-mehr-erhabenen, sondern vielmehrneusachliche[n] oder diskrete[n] Staates deplatziert oder gemessen am physisch manifestierten modernistischen Anspruch des Gebäudes kitschig (Sloterdijk 2007 spricht in diesem Zusammenhang auch von der Transformation des populärerhabenen Staates zum kitschigen Staat; Aufnahme: August 2010).

Agglomeration bereits ihren Sitz außerhalb der Kernstadt (Fogelson 1993, zuerst 1967)[4]. Das vertikale Wachstum, Charakteristikum anderer großer urbaner Zentren in den Vereinigten Staaten, begann erst verzögert, da zwischen 1906 und 1958 unter dem Eindruck der Erdbebenzerstörungen von San Francisco (infolge des Bebens des Jahres 1906) eine Beschränkung der Bauhöhe mit einer Obergrenze von 150 Fuß (45,7 Meter) galt. Nur eine Ausnahme wurde zugelassen: bei dem Bau der 1928 fertiggestellten City Hall (dem Rathaus; Abbildung 34) mit einer Höhe 450 Fuß (137,2 Metern; Karrasch 2000), was einen weiteren Impuls zur Entwicklung von Sekundärzentren gab, da das Wachstum der Geschossfläche in Downtown stark begrenzt war[5]. Die Entwicklung der 1930er und

Abbildung 35 Die Entwicklung der Einwohnerzahlen in den fünf Counties Los Angeles, Orange, San Bernadino, Riverside und Ventura von 1870 bis 2010 (Datengrundlage: Soja/Scott 2006, U.S. Census Bureau 2010a).

1940er vollzog sich dabei stärker durch das Wachstum bestehender Siedlungen als durch Inkorporierung neuer Kommunen: In diesem Zeitraum wurden lediglich 20 Kommunen gegründet, darunter Torrance (1921), Laguna Beach (1927) und Palm Springs (1938; Soja 2000).

Die 1920er Jahre brachten der Region Los Angeles in den 1930ern durch den PushFaktor der Dust-Bowl-Entwicklung fortgesetzt[6] ein rasantes Bevölkerungswachstum (Abbildung 35; Marchand/Scott1991, Schäfer 1998, Davis 2004, Hanich 2007, Rayner 2010). Der Hollywood-Film brachte Südkalifornien dabei eine zusätzliche Bekanntheit, die Stars der sich rasant entwickelnden Filmindustrie verliehen Los Angeles den Nimbus des Glamourösen, an dem viele Zuzugswillige partizipieren wollten (Andersen 2008). Noch war die ethnische Zusammensetzung in Südkalifornien von Weißen dominiert: Neun Zehntel der Bevölkerung von Los Angeles waren im Jahre 1926 europäischer Herkunft. Dennoch wuchs die nicht-europäischstämmige Bevölkerung in Los Angeles hinsichtlich Zahl und Anteil an der Gesamtbevölkerung in den 1920er Jahren: Um das Gebiet östlich des historischen Marktplatzes hatte sich Chinatown entwickelt (Buntin 2009)[7], zwischen 1920 und 1930 verdreifachte sich die Zahl der mexikanischstämmigen Amerikaner von 33 644 auf 97 116, wodurch Los Angeles San Antonio, Texas, als Stadt mit der größten mexikanischstämmigen Bevölkerung in den USA ablöste. Getragen wurde dieses Wachstum insbesondere durch die hohe Geburtenrate der mexikanischstämmigen Bevölkerung; nahezu die Hälfte der mexikanisch-amerikanischen Familien hatten mehr als fünf Kinder. Arbeit fanden die Mexiko-Amerikaner insbesondere in so genannten blue-collar-Jobs in der fleischverarbeitenden Industrie, der Auto- und Reifenindustrie und brachten es infolge der sich ausbreitenden fordistischen Regulationslogik zu (bescheidenem) Wohlstand. Die afroamerikanische Bevölkerung jener Zeit war demgegenüber zahlenmäßig klein (etwa 5 000), aber vergleichsweise wohlhabend (was sich auch in ihrer Neigung ausdrückte, Republikaner zu wählen), und war in und um Watts angesiedelt, einem Stadtbezirk im Süden von Los Angeles, der 1926 von Los Angeles eingemeindet wurde (Laslett 1996, Starr 2007).

Mit dem Bevölkerungswachstum ging auch ein deutliches Wirtschaftswachstum einher, zudem traf die anhaltende Große Depression infolge des Börsenzusammenbruchs von 1929 Los Angeles wie auch ganz Kalifornien weniger stark als die anderen Metropolen der Vereinigten Staaten (Hanich 2007), weil die ökonomische Struktur eine starke Diversifizierung in Landwirtschaft, Industrie, Unterhaltung, Tourismus und anderen Dienstleistungen aufwies (Starr 2007). Neben dem anhaltenden Bauboom trugen die Erschließung neuer Ölfelder und der Bau neuer Raffinerien im Süden des Los Angeles County zu diesemAufschwung bei. Mit dem Kalkül, Frachtkosten zu sparen, wurde die Agglomeration Los Angeles bis in die 1920er Jahren unterdurchschnittlich von Industriebetrieben durchsetzt in den 1930er Jahren einer umfassenden Industrialisierung unterzogen, so dass Ford auch hier ein Zweigwerk errichtete (Fogelson 1993, zuerst 1967, Ruchala 2009). Die Filmindustrie erhielt durch das Ende der Stummfilmära neue Impulse und beschäftigte in jener Zeit 30 000 bis 40 000 Menschen. Sie war nach wie vor in Hollywood zentriert, dehnte ihre Standorte aber von Nordhollywood bis nach Culver City aus. Die Filmproduktion wurde nach fordistischem Kalkül organisiert: Die Studios waren wie Fließbänder organisiert, der Produktionsprozess völlig standardisiert (Keil 1993: 75). Dabei waren sie stark vertikal strukturiert: Außer der Herstellung von technischer Ausrüstung und Rohfilm kontrollierten die Studios jeden Schritt des Filmprozesses von der Produktion über die Distribution bis zu den Theatern (Monaco 2007: 246). Die Flugzeugindustrie wuchs ebenfalls in den 1920er und 1930er Jahren, aber sie bedurfte noch des Anstoßes durch den Zweiten Weltkrieg, bevor ihre national führende Rolle nicht mehr in Frage gestellt wurde (Soja/Scott 2006: 289). Die Flugzeugindustrie stellte die Basis für den Aufschwung der industriellen Hochtechnologie der metropolitanen Region in den späteren Jahren dar (Kling/Olin/Poster 1995, Scott 1998, Soja/Scott 2006, vgl. auch Watkins/Perry 1977, Soja 2000, Davis 2004, Starr 2009). Das rasante Wachstum von Los Angeles seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ließ die Stadt im nationalen Maßstab zu einer der führenden Wirtschaftsregionen werden (Laslett 1996, Soja/Scott 1998): Im Jahr 1935 war Los Angeles die fünftgrößte Industrieagglomeration der Vereinigten Staaten, war hinsichtlich der Filmproduktion, der Ölraffinierung, des Flugzeugbaus und der Autozulieferung national führend. Darüber hinaus nahm Los Angeles in der Reifenherstellung den zweiten, im Vergleich der Möbelindustrie wie auch der Bekleidungsindustrie den vierten Rang ein. Trotz einer solchen ökonomischen Entwicklung von Film, Automobilindustrie, Erdölwirtschaft und anderen stellt Davis (2004: 126) fest mangelte es der Agglomeration dieser Ära an genügend Reichtum und Handel, um den verschwenderischen Überbau von Konsum, Dienstleistungsarbeit und Geriatrie zu finanzieren. Ein wichtiger Standortfaktor jener Zeit sowohl für Dienstleistungs- und Industriebetriebe, aber auch für die Wohnbevölkerung war der hohe Grad an Versorgungssicherheit mit elektrischem Strom, der durch Verwendung von Wasserkraft am Boulder Damm am Colorado-Fluss erzeugt wurde (Starr 2009). Die Agglomeration profitierte vielmehr von einem massiven Kapitalimport infolge des Zustroms von reichen Migranten und Rentnern aus dem amerikanischen Kernland (Davis 2004: 126). Der Exzeptionalismus von dem Los Angeles jener Zeit basierte jedoch auf seiner Repräsentation als Hollywood, einem bizarren Babylon am Meer, einer einzigartigen und nicht imitierbaren Stadt der Träume (Soja/ Scott 1998: 8). Damit in Zusammenhang stehend, wurden in Südkalifornien ehemals distinktiv wirkende Lebensstilfragmente des legitimen Geschmacks in Form vormals elitärer Freizeitbeschäftigungen (wie Skifahren, Golf, Tennis und Polo) dem mittleren Geschmack verfügbar gemacht und symbolisch über Mode exportiert, indem der den sportlichen Aktivitäten zugeordnete Freizeitlook wie Poloshirts oder sportliche Hosen für Frauen, überhaupt die lässige Mode bald im ganzen Land reißenden Absatz

(Bierling 2006: 105) fand[8].

Die 1920er bis 1940er Jahre brachten neben dem verstärkten Aufbau von Forschungs- und Bildungseinrichtungen auch eine intellektuelle Internationalisierung in Los Angeles. Im Jahr 1919 wurde in Los Angeles der zweite Campus der University of California an der Vermont Avenue gegründet. Seit 1927 ist dieser in Westwood Village zwischen Bel Air und Beverly Hills lokalisiert. Die intellektuelle Internationalisierung von Los Angeles wurde insbesondere durch europäische Emigranten in der Nazizeit vorangetrieben: Thomas Mann, Arnold Schoenberg, Bertold Brecht, Igor Stravinsky, Man Ray, Otto Preminger, Franz Werfel, Hedy Lamarr, Aldous Huxley, Christopher Isherwood und andere lebten und arbeiteten in oder im Umland von Los Angeles und leisteten einen Beitrag zum goldenen Zeitalter der Hollywood-Studios (Starr 2009: 261).

  • [1] Wilson (2002, zuerst 1958) beschreibt diese religiös aufgeheizte Stimmung in den 1920er und 1930er Jahren eindrucksvoll anhand des antijüdischen und antikatholischen Reverend Shuler.
  • [2] So beschreibt Cain (2002, zuerst 1933) in seinem Artikel Paradise die Diskrepanz zwischen den Idealisierungen und Romantisierungen in der gesellschaft hen Landschaft im Kontrast zu den physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft. Letztere bliebe hinter ersteren in extremer Weise zurück, Hügel seien nicht grün, sondern verdorrt, der Stil der Häuser sei das Ergebnis der Mischung des spanischen Stils mit allen bekannten Stilrichtungen der Erde (Cain 2002: 109, zuerst 1933). Insgesamt gäbe es keinen Spielraum für ästhetische Wahrnehmung, da es keine wahrnehmbaren Differenzen gäbe.
  • [3] Mittlerweile hat eine Adaption des Handlungsplots auch im interaktiven Kontext stattgefunden: Mit dem Videospiel L. A. Noire (Erstveröffentlichung Mai 2011) werden Handlungsmuster, -inhalte und Locations der Noir-Literatur und -Filme aufgegriffen.
  • [4] Mitte der 1990er Jahre waren nur noch 8 Prozent der Arbeitsplätze der Metropolregion in Downtown Los Angeles konzentriert, weniger als viele der inzwischen neu entstandenen Außenstadtzentren (Holzner 1996: 93).
  • [5] Die physische Struktur Los Angeles lässt sich aus raumordnerischer Perspektive auch als das Ergebnis des Versuchs verstehen, das Dichteproblem der modernen Metropole (z. B. Steigerung der Infrastrukturkosten durch Verlagerung von Infrastruktur insbesondere verkehrlicher Art wie beim Bau von Untergrundbahnen unter die Erdoberfläche) durch Entdichtung durch Desurbanisierung zu lösen. Die geringere Dichte spart (im Vergleich zu höherer Dichte wie in New York) zwar Baukosten und relativ auch Infrastrukturkosten, doch steigen die Kosten der Nutzung der Infrastruktur aufgrund der langen Wege (sowie der zahlreichen Staus auf den Freeways) deutlich an. Eine solche stadtstrukturelle Ausrichtung mag unter den Bedingungen billiger Energie ökonomisch rational erscheinen, im Zuge steigender Energiepreise und unter ökologischen Gesichtspunkten ist diese Entwicklung als der Nachhaltigkeit konträr gepolt zu beschreiben.
  • [6] Die Dust-Bowl-Migration ist Folge einer mehrere Jahre andauernden Trockenheit zwischen 1933 und 1939 im Mittelwesten der USA. Von der Trockenheit waren 50 Mio. Acres (1 Acre = 0,405 ha) Farmland betroffen. In deren Folge verließen rund 60 Prozent der ansässigen Bevölkerung Farmen und Dörfer (vgl. Schneider-Sliwa 2005). In Kalifornien wurden diese Zuwanderer aus dem Mittelwesten noch bis in die 1940er Jahre hinein als Okies desavouiert (vgl. Campbell 2000).
  • [7] Es stellte auch das Zentrum der Kriminalität jener Zeit dar (Buntin 2009).
  • [8] Ein weiteres Beispiel des Exports stereotypisierter kalifornischer Lebensstilfragmente ist die Gated Community Palm Springs in Hong Kong, die die gleichnamige Stadt in Südkalifornien Ende des 20. Jahrhunderts nicht nur architektonisch, sondern auch olfaktorisch und geräuschspezifisch zu imitieren und imaginieren trachtet (Ruggeri 2007).
 
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