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6.2 Die Frühzeit: von der Gründung bis zum Anschluss an das Eisenbahnnetz

Die Besiedlung Kaliforniens[1] durch Europäer war durch eine zunächst geringe Geschwindigkeit geprägt. Zwar hatten die Spanier bereits 1519 erste Siedlungen an der Pazifikküste in Zentralamerika errichtet, die Entdeckung Kaliforniens erfolgte jedoch erst 20 Jahre später unter der Leitung von Kapitän Juan Cabrillo auf der Suche nach der mythischen Nordwestpassage, der mythischen Insel aus Montalvos Erzählung, Gold und Gewürzen (Bierling 2006, Starr 2007). Zwar gelangte infolge der freibeuterischen Reiseaktivitäten von Sir Francis Drake (insbesondere infolge seiner Kaliforniern-Reise 1579) die strategische Bedeutung dieses Teils der Welt in das (auch britische) politische Bewusstsein, doch blieben die folgenden 230 Jahre durch sporadische Landungen von Europäern geprägt. Die transpazifi chen Eroberungen verliefen Abseits von Kalifornien, die Bodenschätze Kaliforniens waren noch unbekannt, das Land schien unfruchtbar und damit besaß Spanien [] weder Interesse noch Menschen, um das scheinbar unprofitable Land zu besiedeln (Bierling 2006: 23; Starr 2007). Eine dauerhaftere und nachdrücklichere Einführung in die europäisch-kolonialen soziale Raumkonstruktion erfuhr die Region um das spätere Los Angeles im Jahre 1769 durch eine von Mexiko ausgehendespanische Expedition. Diese Expedition wurde mit dem Ziel durchgeführt, Standorte für eine Besiedlung durch Franziskanerklöster zu finden. Ein Standort wurde später zum Stadtlandhybriden Los Angeles, auch wenn in der Frühzeit der Siedlung noch wenig darauf hindeutete (vgl. Starr 2007).

Gegründet wurde die Siedlung El Pueblo de Nuestra Señora de la Reina de Los Angeles (Stadt unserer Herrin der Königin der Engel) im Jahr 1781 von dem spanischen Gouverneur von Kalifornien Felipe de Neve (Dear 2000). Die Lage der Siedlung wurde insbesondere durch die Entfernungsvorgabe von der Mission San Gabriel (10 Meilen) bestimmt: Die dortigen Priester insistierten auf diese Separation, weil sie Auswirkungen der säkularen Stadt auf ihre nativ-amerikanischen Konvertiten fürchteten (Waldie 2005: 69). Von den 24 von Neve aus dem neuspanischen Kerngebiet angeforderten erfahrenen Bauernfamilien machten sich lediglich zwölf auf den Weg, die meisten von ihnen Mestizen und Mulatten (Bierling 2006: 26; vgl. auch Dear 1998, Starr 2007).

Bis zum Anschluss an das Eisenbahnnetz 1876 war die Entwicklung durch Abgeschiedenheit und Stagnation geprägt: Im Jahr 1800 erreichte die Bevölkerung eine Zahl von 315 Einwohnern. Bis zur mexikanischen Unabhängigkeit 1821 blieb Kalifornien (sowohl Altaals auch Baja-Kalifornien) die Grenzprovinz eines bröckelnden Imperiums (Bierling 2006: 26), eines Imperiums dessen Landnutzungspolitik restriktiv war: Siedlern wurden lediglich eingeschränkte Nutzungsrechte verliehen, so dass ein stärkeres Wachstum der Region aus dem Kalkül der spanischen Kolonialherren, das Territorium von den Expansionswünschen der Vereinigten Staaten zu isolieren und seine Nutzung weitgehend auf militärische und missionarische Interessen zu beschränken, unterblieb (Wagner 1935). Zwar änderte sich mit der mexikanischen Unabhängigkeit die Vergabepraxis der Nutzungsrechte (es wurden großflächige Ranches angelegt), doch blieb die Bewirtschaftung extensiv, so dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadt lediglich 1 600 Einwohner aufwies und weder über befestigte Straßen noch über eine nächtliche Straßenbeleuchtung verfügte (Wagner 1935, Olessak 1981, Fröhlich 2003, Davis 2004). Los Angeles mag hier als pars pro toto für das gesamte Kalifornien gelten: Mexiko blieb hinsichtlich des Vorantreibens ziviler Besiedlung in Kalifornien ohne Erfolg (Starr 2007: 47). Die Ökonomie der Region war stark auf extensive Landbewirtschaftung ausgerichtet: Ende der 1840er Jahre wurde das Weideland um die Missionen San Gabriel und San Fernando [] zu einer Überseekolonie Bostons (Davis 2004: 116), indem Rinderfelle von den Ranches an die Schuhfabriken in Neuengland geliefert wurden, im Gegenzug die Händler aus den Neuenglandstaaten die ferne Küste Südkaliforniens mit Ansätzen viktorianischer Zivilisation (Davis 2004: 116) versorgten, derer zum Trotz die Behandlung nativ-amerikanischen Ranch-Arbeiter an Barbarei grenzte (Starr 2007).

Im Jahre 1846 begann die kriegerische Eroberung Kaliforniens durch US-amerikanische Truppen. Mit der Eroberung des Pueblo von Los Angeles, der größten Siedlung in Alta Kalifornien, am 13. August 1846 schien diese abgeschlossen zu sein. Doch mit dem brutalen Vorgehen des mit der Stadtverwaltung beauftragten Marineleutnants Archibald Gillespie in Los Angeles wuchs in Südkalifornien die Sympathie für eine staatliche Zugehörigkeit zu Mexiko, insbesondere im Süden Kaliforniens, die in der Vertreibung Gillespies aus Los Angeles ihren Höhepunkt fand (Starr 2007). Am 2. Februar 1848 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Mexiko den Vertrag von Guadalupe Hidalgo, in denen Mexiko den Vereinigten Staaten gegen die Zahlung von 15 Millionen Dollar an den mexikanischen Staat und 3,25 Millionen Dollar Entschädigung für verlorenen Landbesitz an mexikanische Staatsbürger die Gebiete nördlich des Río Grande abtrat (Starr 2007)[2].

Nur wenige Tage nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Guadalupe begann mit der Entdeckung von Gold in John Sutters Mühlfluss der Goldrausch, der so Olessak (1981: 37) die größte Menschenwanderung seit den Kreuzzügen hervorrief und innerhalb von zwei Jahren die Einwohnerzahl von Kalifornien von 12 000 auf nahezu 100 000 ansteigen ließ. Ein Teil der Einwanderer kamen auf dem Seeweg, allein

im Februar 1849 verließen über 50 Schiffe den Hafen von New York, um die beschwerliche Seefahrt von 20 000 Kilometern (Olessak 1981: 37), zwischen 110 Tagen und neun Monaten dauernd, anzutreten. Die Mehrzahl kam zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Planwagen aus dem Osten. Neben den Menschen aus dem Süden und Osten der Vereinigten Staaten kamen viele Europäer. Die Zuwanderung per Schiff erfolgte zumeist über San Francisco, das rasch anwuchs: 1847 hatte es lediglich 300 Einwohner, drei Jahre später bereits 40 000 (Olessak 1981, Miller/Hyslop 2000, Starr 2007, Lowenthal 2009). Die Auswirkungen des Goldrausches für Südkalifornien waren indirekter: Insbesondere der Anstieg der Rinderpreise in der Phase des Goldrausches 1849 ließ die RanchWirtschaft um Los Angeles sehr lukrativ werden, wobei die Dürregefahr stets hohe Verlustrisiken barg und mit der Einführung der Rinderzucht mit verbesserten Züchtungen im südlichen Teil des San Joaquin Valleys in den 1850er Jahren eine neue lokale Konkurrenz entstand (Davis 2004, Starr 2007). Visionäre träumten bereits Mitte des

19. Jahrhunderts so Davis (2004: 117) davon, die Wirtschaft Südkaliforniens mit riesigen Bewässerungsprojekten wieder in Schwung zu bringen, doch der Goldrausch hatte auch eine andere Fernwirkung auf Los Angeles: Infolge von Abwanderungen in die Gebiete der Goldfunde verlor die Stadt etwa 4 400 seiner rund 6 000 Einwohner (Bierling 2006): Als Kalifornien 1850 den Vereinigten Staaten beitrat, war Los Angeles einfach ein unbeschriebenes ländliches Dorf mit 1 610 Einwohnern, keinem Eisenbahnanschluss und wenigen Straßen oder anderen öffentlichen Einrichtungen (Fogelson 1993: 1, zuerst 1967; Baur 1997, zuerst 1959). In der Vor-Eisenbahn-Ära von Los Angeles, einer Zeit, in der San Francisco zweifellos das dominierende Zentrum an der Westküste war, war es besiedelt von Mexikanern, Indianern (die in einer Art Schwebezustand nach dem Verlust der spanischen Missionen lebten), Anglos (sowohl Bergleute als auch opportunistische Nordstaatler, die in prominente Rancho-Familien eingeheiratet hatten) und Chinesen (von denen einige aus den Bergwerken hierher verschlagen worden waren) (Fine 2000: 5). Zugleich wurde Los Angeles Schauplatz virulenter Kriminalität: 1853 gab es mehr Morde in Kalifornien als im Rest der USA und mehr in L. A. als im Rest Kaliforniens (Bierling 2006: 43; Starr 2007), Raub, Überfälle und Schlägereien waren an der Tagesordnung (Pitt 1997, zuerst 1966). Die mangelnde Durchsetzung von Sicherheit in jener Zeit war auch dem konfliktreichenZusammentreffen von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und heterogener Ausstattung an symbolischem Kapital, einem unzureichend institutionalisiertem Sicherheitsapparat sowie dem Verhältnis gleichzeitig verfolgter unterschiedlicher Umgangs-, Rechts- und Gerechtigkeitsstandards geschuldet: dem der Goldminen, jenem der vergangenen spanisch-mexikanischen Ära und jenem der neuen amerikanischen Ära (Pitt 1997, zuerst 1966). Durch die hohe Kriminalität wurde auch ein Deutungsmuster vom kriminellen Los Angeles angelegt, das bis heute persistiert und immer wieder (insbesondre medial) aktualisiert wird. Die Folgen des Goldrausches für Kalifornien und die gesamten Vereinigten Staaten charakterisiert Bierling (2006: 41) als dramatisch: Ohne Gold hätte es keine Massenbesiedlung, ohne Massenbesiedlung keine Aufnahme in die Union als Staat, ohne Aufnahme Kaliforniens keine Verschärfung des Streits zwischen Nord und Süd über die Sklaverei, keine Sezession und wahrscheinlich keinen Bürgerkrieg gegeben. Ohne kalifornisches Gold wäre der Union wohl auch kein Sieg über die Konföderation gelungen, wäre die Eisenbahn nicht so schnell gebaut und die Nation nicht so rasch industrialisiert worden[3]. Die Eisenbahnen wiederum leitete zwar nicht die Industrialisierung der vereinigten Staaten ein, [gab]ihr aber enorme Wachstumsimpulse, da sie Handel und Verkehr von der Abhängigkeit von den Jahreszeiten befreite[n]und zu einer wichtigen Grundlage für die Eisen- und Stahlindustrie sowie ausländische Direktinvestitionen in die USA wurde[n] (Schneider-Sliwa 2005: 84).

Mit dem Anschluss Kaliforniens 1850 als Bundesstaat der Vereinigten Staaten endete auch die Zeit der Verwaltung durch das US-Militär. Zugleich begann die systematische Amerikanisierung der Region durch Gesetze, Politik, Gründung von Städten, Aufbau von Institutionen, Landwirtschaft und den Bau der transkontinentalen Eisenbahn (Starr 2007: 103). Dabei wurde auf die auf rationalistischem Kalkül beruhenden organisatorischen Zugriffe auf die Region durch staatliche Institutionen zurückgegriffen: Eine Kartierung der Region lieferte die Basis der Landzuteilung an Neuankömmlinge und lieferte durch die Verleihung und Sicherstellung von individuellen Eigentumsrechten die Frontier-definierte Markierung zwischen Natur und Kultur (vgl. Dear 2000). Die Amerikanisierung der Region insbesondere durch jene, die sich nach Abklingen des Goldrausches als Farmer, Landarbeiter, Handwerker etc. sesshaft machten bedeutete eine Zurückdrängung der hispanischen Kultur, verstärkt durch eine Dürre zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges, deren Auswirkungen die traditionelle mexikanische Landbewirtschaftung besonders trafen (Davis 2004). Der Goldrausch produzierte eine spezifisch kalifornische Spielart des Gründungsmythos: Nicht mehr nur durch beständige Arbeit und Sparsamkeit wie die Puritaner, sondern durch Kühnheit und Glück zu Wohlstand zu gelangen. [] Sich von Fehlschlägen nicht unterkriegen zu lassen, sondern in einem neuen Anlauf Erfolg zu suchen (Bierling 2006: 47; ähnl. Starr 2007). Durch die rasche Besiedlung mit Menschen unterschiedlichster sozialer, ethnischer und kultureller Herkunft unterscheidet sich Kalifornien von allen andern Frontier-Gebieten, die von Farmern mit ähnlichen sozialen und kulturellen Hintergrund besiedelt wurden (Bierling 2006: 47). Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde somit eine Vielfalt angelegt, die heute charakteristisch für Kalifornien und insbesondere Los Angeles ist.

  • [1] Bereits der Beginn der Geschichte Kaliforniens begann mit einem Mythos, der den Beginn einer Mythologisierungskette Kaliforniens (als kalifornienspezifi cher Deutungsinhalt gesellschaftlicher Landschaft darstellt (Starr 2007): Im Jahre 1510 veröffentlichte der spanische Schrift eller Garcia Ordóñez Montalvo in Sevilla die Geschichte des Entdeckers Esplandián, in der eine Insel beschrieben wurde, die von einer Art schwarzer Amazonen unter der Herrschaft der Königin Califia bewohnt wurde: Californien. Dieses Kalifornien explizit beschrieben als ein irdisches Paradies (ein Motiv, das im Zusammenhang mit Kalifornien immer wieder auftaucht und auch als Referenzpunkt dient; Hise 2007) repräsentiert mit der Gold- und Edelsteinlastigkeit von Architektur und Kriegsgegenständen, der Schönheit der Bewohnerinnen, ihrer promikuren Lebensweise u. a. die männliche Phantasiewelt (jener Zeit), auch wenn die Bewohner am Ende der Geschichte zum christlichen Glauben übertreten und Califia selbst einen Leutnant Esplandiáns heiratet, nachdem man gemeinsam gegen die Türken gezogen ist (Starr 2007).
  • [2] Während der Vertrag von Guadalupe Hidalgo in den Vereinigten Staaten als nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Weltmacht mit geringem Erinnerungswert belegt ist, wird ihm in Mexiko eine deutlich größere Bedeutung für die kollektive Identifi tion und Handlungsbegründung bis in die Gegenwartzugeschrieben. Dear/Burridge (2005: 313, Hervorh. i. O.) interpretieren die mexikanische Einwanderung der Gegenwart als eine Wiederinbesitznahme der Territorien, die seinerzeit zu Mexiko gehört haben eine friedliche Reconquista.
  • [3] Die Beeinflussung Kaliforniens durch den Bürgerkrieg blieb begrenzt: Es gab keine Mobilmachung, so dass eine größere Zahl junger Männer nach Westen zog[en], um dem Konflikt zu entgehen (Starr 2007: 114). Davon abgesehen, beschleunigte der Bürgerkrieg die Bildung einer politischen Identifikation mit den Vereinigten Staaten (insbesondere der Union; Starr 2007).
 
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