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6 Los Angeles Aspekte der Entwicklung eines Stadtlandhybriden

Gelten die Vereinigten Staaten von Amerika als der Prototyp einer suburbanen Gesellschaft (Müller/Rohr-Zänker 2001: 27; ähnl. Starr 2006), so lässt sich der Stadtlandshybrid von Los Angeles als nahezu Idealtyp dieser Entwicklung verstehen. Die Siedlungsgeschichte von Los Angeles ist zunächst von einer nahezu einhundertjährigen Stagnation und danach einem über einhundertjährigen boomhaften Wachstum geprägt, das lediglich zeitweilig durch die nationale und globale Rezession verlangsamt und von einigen der gewalttätigsten sozialen Ausschreitungen einer Stadt in der Geschichte Amerikas unterbrochen wurde (Soja/Scott 2006: 284). Diese Entwicklung ist eng mit der Entwicklung der Filmindustrie in und um Hollywood verbunden: Der Film vermittelt global die Bilder (und Stereotype) einer Siedlung, die gefeiert, verdammt bzw. als Kulisse des Urbanen oder Suburbanen dient, Filmstars verleihen dem Stadtlandshybriden etwas Glamouröses und zugleich global Bekanntes (Dimendberg 2008, Buntin 2009). Dieses Kapitel soll wesentliche Stationen des Entwicklungspfades des Stadtlandhybriden Los Angeles aufzeigen und spezifische Eigenlogiken in dieser Entwicklung anreißen, die an späterer Stelle ausgiebiger zu diskutieren sein werden.

6.1 Ränder und Grenzen: Die räumliche Unfassbarkeit des Stadtlandhybriden

Die Agglomeration von Los Angeles ist eine der größten der Erde. Aufgrund ihrer Eigenschaften als Stadtlandhybride ist sie nicht eindeutig abzugrenzen, wodurch eine Vielzahl unterschiedlicher Abgrenzungen, bei hohem inneren Fragmentierungsgrad, existiert. Neben der größten Gemeinde, der eigentlichen Stadt Los Angeles umfasst der Los Angeles County 87 weitere selbstständige Städte. Dazu zählen Städte wie Long Beach, Santa Monica und Pasadena ebenso wie Gemeinden wie Norwark und Fullerton sowie Industriegemeinden wie City of Industry und City of Commerce, und 70 uninkorporierte Gebiete unterschiedlicher Größenordnungen, die der Verwaltung des Counties unterstellt sind (Soja 1994, Los Angeles Times 2011). Die Los Angeles-Long Beach Metropolitan Statistical Area ist deckungsgleich mit dem County Los Angeles und weist (2010) auf einer Fläche von 4 060,87 Quadratmeilen (= 10 517,6 Quadratkilometer) etwa 9,8 Millionen Einwohner auf, davon rund 3,8 Millionen in der Stadt Los Angeles auf 469 Quadratmeilen (= 1 214,7 Quadratkilometer; Stand 2006; Keil 1993a, U.S. Census Bureau 2010a). Die Los Angeles Metropolitan Area (oder Los Angeles-Long Beach-Santa Ana Metro-

Abbildung 30 Übersicht südkalifornischer Counties und Siedlungen. Der Kreis bezeichnet den häufi (z. B. Soja 1989) als eine Abgrenzungsoption herangezogenen 30-Meilen-Radius um Los Angeles.

politan Statistical Area) umfasst die Counties Los Angelesund Orange County (3,0 Millionen Einwohner). Die Los Angeles Combined Statistical Area umfasst neben dem Los Angeles County und dem Orange County Städte am westlichen Rand des Inland Empires[1], erstreckt sich bis nach Redlands östlich von San Bernadino) und umfasst darüber hinaus Städte im Ventura County. Eine weitere Abgrenzung ist jene der Greater Los Angeles Area (oder Southland[2]). Diese umfasst gegenwärtig die Counties Los Angeles, Orange, Riverside, San Bernadino und Ventura. In ihrer Nord-Süd-Ausdehnung misst sie rund 100 Kilometer, in West-Ost-Richtung sogar circa 160 Kilometer, auf der rund 17,9 Millionen Menschen in 216 Städten und zahlreichen uninkorporierten Gebieten leben (siehe Abbildung 30)[3]. Die Southern California Association of Governments (SCAG) umfasst zusätzlich den County Imperial (in dieser Abgrenzung befinden sich 233 Städte mit 18,1 Millionen Einwohnern).

Abbildung 31 Inkorporierte und nicht inkorporierte Gebiete im Los Angeles County (nach: L. A. County 2011).

Das Siedlungsmuster der Region ist durch eine mosaikartige Auflösung und Fragmentierung des städtischen Gefüges in eine Vielzahl von Zellen unterschiedlicher Funktion sowie in einzelne Wohnbezirke, die nach demographischen, sozioökonomischen und ethnischen Kriterien meist sehr homogen, voneinander deutlich unterschieden, ja isoliert und nicht selten durch Mauern oder Zäune abgeschottet sind (Thieme/Laux 1996: 82; Rojas 2003, Laux/Thieme 2008; vgl. auch Laslett 1996, George 2002, zuerst 1990). Ein dominantes Zentrum fehlt der Stadtregion. Downtown Los Angeles ist trotz des Versuchs der Funktionsstärkung seit den 1990er Jahren funktional lediglich einer von vielen Standorten, wenn sie auch eine hohe symbolische Bedeutung aufweist. In der Agglomeration von Los Angeles haben sich Santa Monica, Long Beach, Santa Ana, Anaheim, Glendale, Pasadena, Torrance und andere zu eigenständigen Zentren mit eigenen Charakteristika und spezialisierten Funktionen entwickelt. Charles Jencks (1993) sieht in der Diversifizierung und Fragmentierung des Stadtlandhybriden Los Angeles die Triebfeder zu seiner Emergenz (vgl. Dear/Flusty 1998): Los Angeles ist eine Kombination von Enklaven mit einem hohen Maß an Identität und einer Vielzahl an Enklaven mit einer gemischten Identität und als Ganzes genommen ist es die vielleicht heterogenste Stadt der Welt (Jencks 1993: 32). Die Fragmentierung infolge einer Verschiebung der gesellschaftlichen Ausrichtung auf dem Kontinuum individualistischer und kommunitaristischer Orientierungen zum Pol des Individualistischen (siehe Abbildung 17) des Stadtlandhybriden Los Angeles äußert sich ökonomisch, sozialräumlich, städtebaulich, architektonisch wie auch politisch-administrativ (Dear 1998, Scott/Soja 1998).

  • [1] Als Inland Empire werden üblicherweise die Counties Riverside und San Bernadino bezeichnet. Bisweilen wird aber auch die bundesdefi te Metropolregion Riverside-San Bernardino-Ontario als Inland Empire bezeichnet.
  • [2] Wobei Southland auch häufig als Synonym für Südkalifornien allgemein Verwendung findet.
  • [3] Die Inkorporierung bezeichnet die Gründung einer Stadt als eigenständige Gebiets- und Verwaltungskörperschaft die das Recht auf kommunale Selbstverwaltung mit gewählten Repräsentanten hat. Uninkorporierte Gebiete verfügen entsprechend über keine kommunalen gewählten Repräsentanten.
 
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