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5.6 Der 11. September: Angst, Inszenierung, Macht und Stadtlandhybride

Die Terroranschläge auf New York und Washington vom 11. September 2001 haben die nationale wie internationale Öffentlichkeit, die Politik und Ökonomie, aber auch individuelle wie gesellschaftliche Erinnerungskulturen verändert und (wie auch die Terroranschläge von London, Madrid und Tokyo) die gestiegene Verwundbarkeit von Städten durch globale Entwicklungen, auch der amerikanischen Städte, verdeutlicht (Füller/ Marquardt 2010: 56; vgl. Coaffee 2003, Pries 2005, Stearns 2006, Kagelmann/Rösch 2007, Moïsi 2009): Die Erinnerung an den 11. September hat redundante Rechenschaftsmuster synchronischer Erfahrungs-Abstimmung hervorgebracht (Deupmann 2008: 19), die dazu dienen, einen Abgleich zwischen subjektiver Zeit und objektiver Chronologie

miteinander abzugleichen und damit den Schock in ein Moment der gemeinsamen kontinuierlichen Erfahrung zu konvertieren (Deupmann 2008: 19). Insbesondere der Angriff auf das World Trade Center (und weniger auf das Pentagon; Reuber/Wolkersdorfer 2003) fand und findet bis heute eine große mediale Resonanz. Diese mediale Resonanz lässt sich als Ergebnis der hohen Anschlussfähigheit der Ereignisse von 9/11 an die mediale Eigenlogikder Nachrichtenfaktoren (Faulstich 2002) deuten: Die Nachrichten entsprachen den (impliziten) Kriterien des Negativismus (ein Ereignis wird desto eher zur Nachricht, je negativer es ist, Faulstich 2002: 252), der Personalisierung (das Leiden ließ sich an konkret darstellbare Personen und Biographien binden und stellte nicht nur eine abstrakte Größe dar), der Frequenz (die Ereignisse entsprachen der Erscheinungsweise des dominanten Mediums Fernsehen), der Überraschung (die Ereignisse waren nicht (exakt) vorhersagbar) und der Bedeutsamkeit (die Nachricht war kultur-, schichten- und milieuübergreifend auch lebensweltlich anschlussfähig; Faulstich 2002, Deupmann 2008).

Diese Resonanz weist eine zentrale ästhetische Dimension auf (Irsigler/Jürgensen 2008a: 9): In kaum vergleichbarem Maß wurde die öffentliche Wahrnehmung des im Kern symbolhaften Angriffs auf die Twin Towers von den Fernsehbildern gesteuert, von dem Loop der immer wieder einstürzenden und auferstehenden Türme. Dabei wurden infolge der durch Katastrophenfilme allgemein verfügbaren Ästhetik von vielen Zuschauern die ersten Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers für Filmausschnitte gehalten (Schneider 2008). Die ständige mediale Präsenz des symbolhaften Angriffs auf die Vereinigten Staaten in ihren zentralen Institutionen, symbolisiert durch ein Gebäude, das der Stadt enthoben zu sein schien (de Certeau 1988, vgl. Reuber/Wolkersdorfer 2003, Werlen 2003, Petersen 2008), aufbereitet unter dem Modus der Erhabenheit, ließ das eigentliche Ereignis in den Hintergrund treten (Baudrillard 2002: 2930): Das Bild konsumiert das Ereignis, das heißt, es absorbiert es und bietet es dann zum Konsum dar. Gewiss, es verschafft ihm auf diese Weise einen noch nie dagewesenen Einfluss, doch nur mehr als Bildereignis. Dabei machten sich die Attentäter des 11. Septembers die Eigenlogik der medialen Berichterstattung zunutze: Sie pflanzten den Terror direkt in die bestehende TV-Landschaft und beuteten gezielt deren Jagd nach Sensationen und Echtzeitübertragungen aus (Petersen 2008: 203), wodurch sie die Verwundbarkeit der verbliebenen Weltmacht global darstellten. Die Bilder der Flugzeugeinschläge wie auch das Einstürzen der Türme und der Rauchschwaden über Manhattan erinnerten an Szenarien, wie sie im amerikanischen Actionfilm regelmäßig zu sehen waren (Irsigler/Jürgensen 2008b: 251; wie in Independance Day von Roland Emmerich, USA 1996, Armageddon von Michael Bays, USA 1998, Die Hard von John McTiernan, USA 1988). Dabei greift das Bild der Zerstörung des Doppelturms des World Trade Centers als Symbol der Form- und Ordnungsstörung (Kolter 2008: 348) auf ein großes Repertoire symbolischer abendländisch allgemein verfügbarer Deutungsmuster zurück: die Zerstörung des Turms zu Babel, die Dekonstruktion der Doppelform des World Trade Centers als wehrhaftes Herrschaftszeichen nicht nur im Kirchenbau,

sondern zum Beispiel auch als Element von Stadttoren (Kolter 2008: 354). Die Reaktion der US-Politik auf die Terroranschläge, die die amerikanische Angst, nicht mehr Gefahren beherrschen zu können (Stearns 2006, Moïsi 2009) vertieften, rekurriert auf eine andere Symbolik: den Mythos der Frontier. Schneider-Sliwa (2005) zufolge lässt sich der internationale Terrorismus als letzte Frontier interpretieren, in der eine klare dichotome (und somit modernistisch konzipierte) Grenze zwischen wir = innen = gut und ihnen = außen = schlecht kategorisiert wurde (vgl. Moïsi 2009)[1].

Die televisionelle Aufzeichnung, Verarbeitung, Speicherung und Übertragung bedeutet maximale Annäherung (Evidenz) und Distanzierung zugleich (Deupmann 2008: 17). Das Ereignis wurde global zwar medial verfügbar, jedoch bleiben die Zentren des Geschehens ohne öffentlichen Zugriff. Ein Umstand, der im Nachgang eine medial-fiktionale ästhetische Inszenierung und Konstruktion in Form von literarischen Werken, Musik, Dokumentar- und insbesondere Spielfilmen auslöste, die Simulacrenhaftigkeit des Ereignisses jedoch wiederum steigerte. Die mediale reflexive Verarbeitung (beispielsweise in Pop-Songs, aber auch in Film und Literatur; vgl. z. B. Deupmann 2008, Irsigler/Jürgensen 2008b, Seiler 2008, Versluys 2009) dokumentiert neben Trauer um die Opfer und Entsetzen auch eine Dichotomisierung der Gesellschaft in Befürwor-

Abbildung 28 Die physische Manifestation einer alltäglichen Inszenierung des residualen Patriotismus (auch in Form der Solidarisierung) als Sehnsucht nach residualer Gleichförmigkeit der US-amerikanischen Gesellschaft: Autokennzeichen mit 9/11-Bezug in Anaheim (Aufnahme: April 2006).

ter der post-9/11-Kriegsaktivitäten der Vereinigten Staaten und deren Gegnern. Insbesondere in der weißen, konservativen und religiösen Country-Szene (Seiler 2008: 170) wurden patriotische bis chauvinistische und gewaltverherrlichende Songs populär (Seiler 2008). Songs, die die argumentativen Polaritäten der Periode des Kalten Krieges aktualisierende Position der Bush-Administration mit ihrer modernistischen dichotomischen Weltdeutung in Gegensatzpaaren wie gut/böse, Täter/Opfer, Freund/Feind, Christ/Muslim, innen/außen rekursiv stärkten (vgl. Butler 2004, Gilbert 2005, Brenkman 2007, Cainkar 2009; Abbildung 28). Die Thematisierung des 11. Septembers in der Popmusik begann jedoch indirekt bereits vor Veröffentlichung von Songs mit explizitem Bezug zum Thema, nämlich mit der viel kritisierten Zensur zahlreicher, oft harmloser Popsongs durch die amerikanische Rundfunkkette Clear Channel, die einen Großteil der amerikanischen Mainstream-Radiostationen kontrolliert, und von der eine nie offiziell bestätigte schwarze Liste kursierte, welche Songs im Hinblick auf die Attentate und den bevorstehenden Krieg gegen Afghanistan nicht mehr gespielt werden dürfen (Seiler 2008: 176). Zugleich zogen die Filmstudios in Hollywood mehrere fertige oder in Arbeit befindliche Katastrophenfilme zurück zu sehr ähnelten die Plots dem, was nun plötzlich Wirklichkeit geworden war (Giesenfeld 2007: 34). Einen weiteren Baustein der intensiven rekursiven Verknüpfung von medialer Inszenierung und physischem wie sozialem Ereignis 9/11 liefert der Besuch von Geheimdienstagenten in den Hollywoodstudios mit dem Ziel, alte und neue Drehbücher darauf durchzusuchen, welche Anregungen für die Szenarios neuer Anschläge richtige Terroristen sich dort vielleicht holen könnten (Giesenfeld 2007: 34). Die Filme, die wiederum die Ereignisse des 11. Septembers thematisierten (wie World Trade Center von Oliver Stone, USA 2006, oder United 93 von Paul Greengrass, USA 2006) nutzen die stereotypen Rollen- und Handlungsmuster des Katastrophenfilmgenres (Schneider 2008).

Die Anschläge auf das World Trade Center brachten eine symbolische Dekonstruktion der vertikalen Stadt New York. Diese symbolische Dekonstruktion hat auch eine wirtschaftliche Dimension, so erholt sich die Stadtwirtschaft [] deutlich langsamer als die nationale Ökonomie (Pries 2005: 12), schließlich sahen sich zahlreiche Dienstleistungsunternehmen gezwungen, neue Standorte zu suchen. Dabei wird das Konzept des Central Business Districts (CBD) in Frage gestellt, da Unternehmen in die Peripherie abwandern (Marcuse 2002, Pries 2005). Werden das New York der vor 9/11-Ära und Los Angeles als idealtypische Konzepte, hier die vertikale Stadt mit traditionellem CBD, dort die horizontale, fragmentierte Agglomeration mit ihren Edge Cities, begriffen (Halle 2003a), bedeuten die städtebaulichen und ökonomischen (Standort-)Reaktionen auf den 11. September eine Los-Angelesisierung New Yorks. Die Zentrierung von Katastrophendiskursen im Gefolge der Ereignisse des 11. Septembers auf New York implizierte eine verringerte mediale Präsenz der Katastrophenkonnotation mit Los Angeles (Erdbeben, Buschbrände, Ozon, Feuer u. a.), die zu einem festen Bestandteil der imaginativen Identität seit Beginn des vorigen Jahrhunderts (Starr 2006: 612) von Los Angeles geworden waren. Auch die Erweiterungsbemühungen des internationalen Flughafens von Los Angeles (LAX) mit Ziel der Stärkungen der Hub-Funktionen lassen sich Starr (2006) zufolge als Aktivitäten zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Rivalin an der Ostküste deuten.

  • [1] Eine solche dichotome Kategorisierung mit dem Ziel und Ergebnis der Entkomplexisierung von Welt lässt die wesentlichen Deutungsmuster der anderen Seite unrefl tiert. Moïsi (2009) entwickelt in diesem Zusammenhang das Konzept der Kultur der Demütigung der islamischen durch die christlich-jüdische Welt. So werde der Aufschwung des Westens ob in seiner christlich-kapitalistischen Form oder seiner späteren marxistisch-atheistischen Spielart (Moïsi 2009: 109) als Zurücksetzung der eigenen Kultur erlebt. Da beide Religionstraditionen einen exklusivistischen Wahrheitsanspruch hätten, ist der Weg zu einer gegenseitigen Toleranz und Anerkennung zumindest erschwert, wodurch ein ständiger Wettstreit entsteht. Diese Entkomplexisierung legt die Konstruktion eines Feindes nahe, der mit kriegerischen Aktivitäten besiegt werden könnte. Jedoch ist so Moïsi (2009: 125) der Terrorismus kein Feind, den man besiegen könnte. Er ist eine Taktik der Gewaltanwendung, die so lange befolgt wird, wie man sie für wirkungsvoll hält. Somit ließe sich Terrorismus nicht ein für alle Mal mit Stumpf und Stiel ausrotten (Moïsi 2009: 125), er ist zu variabel, zu dezentral und zu sehr durch Weltdeutungen geprägt, die durch Gewaltanwendung des Westens noch gestärkt werden.
 
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