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5 Was passiert in der Schulstunde? – Zur Analyse ausgewählter Aspekte des Transkripts

Das Transkript der Schulstunde bezieht sich auf die Nachbesprechung von Szenen des Films „Swing Kids“ aus einer vorangegangenen Schulstunde. Die Protagonisten des Films und ihre Handlungen sind Thema der Wiederholung. Darüber hinaus enthält das Transkript das Wortprotokoll der in dieser Unterrichtsstunde gezeigten Filmsequenzen (2). Wie schon ausgeführt, greift eine Analyse der Stunde zu kurz, wenn man sich nur auf das Wortprotokoll des Films bezieht, wie es das Transkript der Stunde enthält. Gerade weil dieser Hollywood-Film auf das Herstellen von Emotionen und das Erleben setzt und dazu mit filmischen Mitteln (Bildern, Musik) arbeitet, ist es ratsam, vor der Analyse des Transkripts den Film selbst anzusehen und sich mit der von ihm induzierten Möglichkeiten des Erlebens auseinanderzusetzen, weil allein auf der Grundlage des Wortprotokolls kein Verständnis der möglichen Filmwirkungen auf die Schüler entwickelt werden kann.

Grundlage meiner Analyse ist das Transkript einer Schulstunde im Fach Geschichte und Sozialkunde (GSK) in einem Bundesrealgymnasium in Graz (Österreich), die im November 2008 in der 5. Stunde einer vierten Klasse (8. Schuljahr) mit ausschließlich männlichen Schülern stattfand. Die Stunde wurde mit drei Videokameras und zwei digitalen Audioaufnahmegeräten aufgezeichnet. Sie wurde durch Marion Pollmanns transkribiert. Mir liegen die Transkription der Stunde und die Folie vor, die zu Beginn des Unterrichts eingesetzt wurde.

Um das Transkript zu analysieren, ist es zunächst notwendig, es mehrmals zu lesen (globales Lesen), um herauszufinden, worum es geht. Dabei kommt der Ablauf des Unterrichts insgesamt in den Blick. Dann werden – durch Untergliederung und Zerlegung – beim sequenzierten Lesen einzelne Prozessschritte herausgearbeitet. Hierbei geht es um das Herausdestillieren von Strukturen des Unterrichts durch Schritte des Untergliederns und Zerlegens (vgl. auch Ziebell und Schmidjell 2012,

S. 19f). Ich unterteile das Transkript in folgende Schritte (vgl. Tabelle 1: Einteilung des Transkripts in Abschnitte).

Tab. 1 Einteilung des Transkripts der ‚Schulstunde' in Sequenzen (mit kursiv gefassten Ausführungen, die sich auf Lehrund Lernprozesse im ‚Unterricht' beziehen) Inhalt

Tr anskript

1-12 Schüler inszenieren sich vor der Kamera

10-18 Lehrerin betritt die Klasse, bietet einem Schüler ihren Arm an und geht

gemeinsam mit ihm in die Klasse

Zeilen im

Inhalt

Tr anskript

20-28 Geburtstagslied für die Lehrerin

29-47 Lehrerin reagiert auf die veränderte Sitzordnung im Raum und stellt fest,

welche Schüler fehlen

48/49 Schüler setzen sich

49-60 Versuch, eine Verbindung zur Arbeit in der letzten Unterrichtsstunde

herzustellen;

Verweis auf eine Folie, die Kategorien über Ismen enthielt und ausgefüllt wurde

61-73 Bemalte Ärmel

74-75 Aufforderung, die Folie als Inhaltsangabe zu nutzen und sich daran wis-

sentlich emporzuarbeiten

75-87 Lob über das Verhalten der Klasse in einer der vorherigen Stunden unter

Bezugnahme auf Informationen durch eine andere Lehrperson

88-114 Claus versucht, sich einer der schon eingeteilten Arbeitsgruppen anzu-

schließen

114-128 Information über eine veränderte Zeitplanung; für das Erstellen der Refe-

rate und deren Präsentation wird mehr Zeit zur Verfügung gestellt

129-132 Ankündigung, dass es demnächst Arbeitsblätter geben wird

132-138 Angaben zur heutigen Unterrichtsstunde. Es soll ein großer Teil des Films

„Swing Kids“ betrachtet werden. Die Schüler/innen sollen den Film unter

zwei Schwerpunkten anschauen und sich dazu Notizen machen

139-164 Aufbau des Fernsehers im Raum; Umarrangieren der Kameras, die die

Unterrichtsstunde aufnehmen

165-175 Arbeitsauftrag der Lehrerin (Nationalsozialistische Strömungen;

Veränderungen gegenüber den Juden; Entwicklung der Freundschaft unter

Den Jugendlichen)

176-177 Organisation

178-203 Wiederholung: Was ist denn bis jetzt im Film passiert?

204-250 Unterbrechung des Unterrichts; Schüler/innen werden durch Mitschüler/

innen zu den Erfahrungen mit dem Schulfotografen und seinen Fotos

befragt

251-254 Vorbereitung des Abspielens des Films

260-383 Inhaltsangabe des Films (im Lehrer-Schüler-Gespräch)

384-403 Aufbau des Fernsehers;

404-494 Abspielen von Filmsequenzen aus dem Film „Swing Kids“

495-543 Klären von Verständnisfragen zur Filmhandlung

545-1206 Abspielen einer weiteren Filmsequenz aus dem Film „Swing Kids“

1207-1208 Aufforderung zur Reflexion einer Szene

1208-1215 Schüler tauschen sich aus

1216-1257 Wiederherstellen der herkömmlichen Sitzordnung im Raum

Von den 1257 Zeilen beziehen sich nur wenige auf Prozesse der kognitiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Unterrichts. Ein großer Teil der Schulstunde wird mit organisatorischen Fragen (Ansagen zur Zeitplanung, Organisation des Aufbaus des Fernsehers und Herstellung der dafür passenden Sitzordnung, Wiederherstellung der ursprünglichen Sitzordnung und Aufräumen des Klassenraums) verbracht. Ein noch weit größerer Teil bezieht sich darauf, eine Folge von Sequenzen aus dem Film „Swing Kids“ zu zeigen (Zeile 404-494; 545-1206).

Ich möchte den Fokus meiner Analyse auf die kognitiven Aktivitäten richten, die im Verlauf des Unterrichts ermöglicht resp. nicht ermöglicht werden. Ich konzentriere mich auf diejenigen Aspekte, die auf die Initiierung von Lernhandlungen der Schüler zielen. Daher gehe ich nicht auf alle Sequenzen dieses Transkripts ein, sondern auf solche, in denen es – in einem ersten Zugriff – um Lehren und Lernen geht. Ich ignoriere in dieser Transkriptanalyse die Interaktionen der Schüler untereinander vor Beginn des Unterrichts und die Interaktion zwischen der Lehrkraft und den Schülern bei der Eröffnung des Unterrichts. Diese Sequenzen, wie die Inszenierung der Schüler/innen in Anwesenheit der Filmerin vor Beginn des Unterrichts (Z 1-12), der Übergang aus einer Situation des Balgens vor der Schulstunde zwischen den Schülern in eine vergleichsweise geordnete Situation im Klassenraum durch Anbieten des Arms der Lehrerin an einen Schüler und gemeinsames Betreten des Klassenraums in der Formation eines Paares (Z 10-18) und das Geburtstagsständchen der Schüler für ihre Lehrerin in den ersten Minuten der Schulstunde (Z 20-28) analysiere ich hier nicht, obwohl sie für Aussagen zur sozialen Beziehung zwischen Lehrerin und Schülern interessant sein könnten. Ich beachte auch nicht den Versuch der Orientierung der Lehrkraft im Klassenzimmer, das Wiedererkennen der Schüler an jeweils neuen Sitzplätzen und die Aufforderung, sich hinzusetzen (Z 29-49). Auch wenn unter dem Gesichtspunkt, was in einer Schulstunde passiert, diese Fragen nicht uninteressant sind, wähle ich hier Schwerpunkte für die Analyse aus, die sich auf mein Unterrichtsverständnis beziehen. Die erste Entscheidung, die ich hier treffe, ist also der Primat des Blicks auf die ‚Vorderbühne' (vgl. Zinnecker 1976) in der Schulstunde, also auf die Vermittlung resp. Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt.

 
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