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5.5 Politik und Entwicklung zum Stadtlandhybriden

5.5.1 Der politische Einfluss auf die Suburbanisierung: Räumliche Planung und Förderung

Im Vergleich zu europäischen Staaten ist der Einfluss räumlicher Planung auf die Raumnutzung in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr beschränkt. Die Entwicklung von Städten und Regionen wird überwiegend unter der Profitmaxime betrieben (Schneider-Sliwa 2005: 18). Diese räumliche Manifestation der starken Dominanz des wirtschaftlichen Feldes gegenüber dem politischen basiert auf der Vorrangeinräumung des Privaten gegenüber dem Staatlichen, gemäß derer der Einzelne in seinem Streben nach Glück möglichst wenig durch staatliche Zwänge reglementiert werden soll (vgl. Schneider-Sliwa 2005, Mitchell 2009, Wyckoff 2010). Somit existiert in den USA kein nationales Planungssystem im Sinne eines gemeinsamen Rahmens mit einem klar definierten Set von physischen, sozialen und ökonomischen Gegenständen (Pacione 2009: 178). Planungshoheit und Entscheidungsbefugnisse sind grundsätzlich der unteren Ebene des föderativen Systems (Wolf/Hagedorn 2002: 17) zugeordnet, eine koordinierende Regionalpolitik existiert nicht (Wolf/Hagedorn 2002). Da eine staatliche räumliche Planung keine Voraussetzung für die Nutzung von Raum ist, zahlreiche Techniken zur Kontrolle des städtischen Wachstums besehen und die Struktur der lokalen Verwaltung äußerst fragmentiert ist (zur Bundesverwaltung treten 50 Staaten, rund 8 000 Kreise (Counties), 18 000 Gemeinden (Municipalities) und 17 000 Städte (Townships)), variiert die öffentliche räumliche Planung von Ort zu Ort in sehr großem Maße.

Die am weitesten verbreitete Form der räumlichen Planung ist das Zoning (Pacione 2009; vgl. auch Wolf/Hagedorn 2002). Dabei wird ein Gebiet in mehrere Zonen mit bestimmten differenzierten Nutzungsarten aufgeteilt. Pacione (2009) nennt fünf grundlegende Formen des Zonings in den Vereinigten Staaten:

1. Cluster Zoning und Planned Unit Development. Das Cluster Zoning regelt die Aufteilung eines Geländes, insbesondere für unbebaute Flächen, Erholungsflächen und geschützte Flächen. Das Planned Unit Development stellt eine Sonderform des Cluster Zonings dar. Hier wird Projektentwicklern die Möglichkeit gegeben, das betreffende Gelände gemäß den Anforderungen des Marktes nach bestimmten Kriterien (beispielsweise die Umweltbelastung oder die Verkehrsbelastung betreffend) zu beplanen.

2. Spatial District Zoning. Hierbei handelt es sich um eine Planung zur Erhaltung bestimmter Nutzungen in einem Gebiet, um beispielsweise die Umwandlung eines Industriein ein Wohngebiet zu verhindern.

3. Downzoning. Darunter ist eine Planung zu verstehen, deren Ziel darin besteht, die Intensität der Nutzung eines Gebietes zu verringern. Diese Form der Planung wird insbesondere auf Druck von Einwohnern eines Gebietes vorgenommen, um eindringende alternative Nutzungen zu verhindern.

4. Large Lot Zoning. Diese Form der Planung hat das Ziel, die öffentliche Wohlfahrt zu sichern. Sie stellt beispielsweise den ungehinderten Zugang von Rettungsfahrzeugen, die Erhaltung von Grünflächen und die Weitläufigkeit von Straßen sicher. Large lot zoning wird häufig dazu eingesetzt, den Zuzug von Personen aus unerwünschten sozialen Milieus zu verhindern, um so die Exklusivität einer Nachbarschaft zu sichern.

5. Incentive zoning. Diese Art der Planung dient dem Anreiz an den privaten Sektor, bestimmte öffentliche Einrichtungen (insbesondere Infrastruktur) zu finanzieren, und im Gegenzug bestimmte Planungsvorteile zu erhalten.

Die räumliche Planung (hier eigens das Zoning) steht in den Vereinigten Staaten (aber auch in anderen Staaten) in der Kritik[1]. Diese Kritik weist sechs Dimensionen auf (Gottdiener 1977, Neutze 1988, Bruegman 2005, Knox 2005, Pacione 2009):

1. Räumliche Planung sei unnötig, weil die Marktkräfte in der Lage seien, eine sinnvolle Anordnung von Landnutzung sicherzustellen.

2. Räumliche Planung sei offen für Korruption, insbesondere die unterschiedlichen zulässigen Landnutzungsintensitäten betreffend.

3. Räumliche Planung könne die Anpassung der Raumnutzung an aktuelle und künftige Erfordernisse erschweren, weil überkommene Strukturen (insbesondere durch das Downzoning) konserviert würden.

4. Räumliche Planung erzeuge Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, weil sie die Möglichkeit gäbe, Gewinne zu internalisieren, Kosten jedoch zu externalisieren (so könne beispielsweise in einem neu errichteten Industriegebiet Gewinne erwirtschaftet werden, von der Verkehrs- und Luftbelastung wären jedoch auch Anwohner in Wohngebieten betroffen).

5. Räumliche Planung unterstütze die Segregation der Bevölkerung, da durch den Einsatz von Planungsinstrumenten speziell in suburbanen Räumen die exklusivistische Erhaltung der Gemeinschaft der Gleichen gefördert würde, indem beispielsweise der Zuzug von Bevölkerungsteilen mit einer geringeren Ausstattung an symbolischem Kapital durch die planerische Sicherstellung hoher Boden- und Immobilienpreise verhindert werde.

6. Planung habe ihren sozialidealistischen Anspruch verloren und sei zu einem Managementplan im Dienste der ökonomischen Landverwertung verkommen.

Wie in vielen anderen Staaten der so genannten Ersten Welt gibt es in den Vereinigten Staaten einige Programme zur Unterstützung des Wohnungsbaus- und zum Bau von Fernstraßen. Vier nationale Programme förderten bzw. fördern die Erschließung von Neuland für Gewerbe und den Bau von Wohnungen (Klohn 1998, Hayden 2004a und 2004b, Kaplan/Wheeler/Holloway 2009, Culver 2010, Jakle 2010, Pietila 2010, Zelinsky 2010b):

t Die Federal Housing Administration (FHA), eine nachgeordnete Behörde des U.S. Department of Housing and Urban Development, stellt Gelder für den Bau bzw. Erwerb von Häusern, insbesondere in Form von Zinsverbilligungen oder Zuschüssen, zur Verfügung (1934 bis heute)[2],

t Die FHA versichert zudem Hypotheken für Hauskäufer (1934 bis heute),

t Verringerung der Bundessteuern für Hypothekenzinsen und Vermögenssteuern (1920 bis heute),

t Beschleunigte Abschreibung für Greenfi ewerbegebiete für Bundessteuern (1954 bis 1986),

t Ein Bundesfonds zur Finanzierung von Highways (1916 bis heute), wobei der Highway Act von 1921 eine Anbindung aller Städte mit einer Einwohnerzahl von über 50 000 vorsah, was eine Länge von 200 000 Meilen Highways bedeutete. Eine zusätzliche Beschleunigung erfuhr der Ausbau der Highways durch den so genannte

Interstate Highway Act von 1956.

In Kombination mit staatlichen und lokalen Subventionen sowie zumeist geringeren lokalen Steuern in den Suburbiumskommunen haben diese Bundesprogramme eine Nation von Groß- und Kleinstädten in eine Nation metropolregionenenartigen Sprawls verwandelt (Hayden 2004b: 11; vgl. auch Goodman 1973, Klohn 1998, Pietila 2010, Zelinsky 2010b), indem die Wohneigentumsquote in den Vereinigten Staaten von rund 40 Prozent im Jahr 1940 auf knapp 66,9 Prozent im zweiten Quartal 2010 stieg (Harlander/Schubert 2009; U.S. Census Bureau 2010b).

  • [1] Mit Keil (1993a) lassen sich diese Programme als Beitrag zu einer fordistischen Raumaneignung interpretieren.
  • [2] Die FHA wurde im Zuge des New Deals 1934 gegründet, um einkommensschwächeren Bevölkerungsteilen den Erwerb eines Eigenheimes zu ermöglichen.
 
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