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5.4.2 Kompartimente einer ökonomische-kulturellen Suburbanisierung: Shopping Malls

Der Suburbanisierung der Bevölkerung folgte in den Vereinigten Staaten bald die Suburbanisierung von Arbeitsplätzen und Einzelhandelsgeschäften. Eine besondere Bedeutung bei der Suburbanisierung hat die Entwicklung von überdachten und somit vom Wetter weitgehend unabhängigen Shopping Malls[1]. Umgeben von großen Parkplätzen lassen sich aufgrund der Mischung unterschiedlicher Nutzungen, ihrer Vielfalt an Einzelhandelsgeschäften und Geschäften des spezialisierten Bedarfs, mit ihrer inneren Fußgängerorientierung, Flächen für allgemeine Nutzungen (Spiele, künstlerische Darbietungen u. a.) und große Schaufensterflächen als eine Verkörperung von

Mini-Downtowns (Schneider-Sliwa 2005: 175; siehe auch Mathieu 1993, Conzen 2001b, Hayden 2004a, Helten 2007, Wehrheim 2007) deuten und erfüllen eine soziale Funktion (community function), nämlich für eine Bevölkerung zu sein, die keine intakte Innenstadt mehr kennt (Schneider-Sliwa 2005: 175)[2]. Shopping Malls stellen physische Manifeste der Konsumorientierung dem Versprechen auf die Universalität des Glücks (Bauman 1995: 261) der auf Konsum reduzierten Freiheit, der postmodernen Gesellschaft dar. Infolge beschränkter Zutrittsrechte bieten sie mehr Exklusivität und mehr Selbstinszenierungs- und Distinktionspotenzial als klassische Einkaufsstraßen, schließlich lässt sich der eigene (sozial präformierte) Lebensstil in wohltemperierten Innenräumen einfacher kleidungsbezogen darstellen, als in windigen, verschneiten oder heißen Straßenschluchten. Sie prägen damit eine neue Form der consumption-orientated landscapes (Dear 2000: 159; vgl. auch Davis 1991), die auch in entscheidender Weise Einfluss auf die symbolische Aneignung derjenigen Stadträume [haben], in denen Erlebniswelten entstehen (Wood 2003a: 62). Dabei sind Shopping Malls auch konzentrierte Arenen von Machtkämpfen: Wenn Geld im Kapitalismus Macht bedeutet, dann ist Einkaufen, speziell wenn es ein freiwilliger Akt ist, ein ermächtigendes Moment für diejenigen, die das ökonomische System ansonsten unterdrückt. Und jeder einzelne Akt des Einkaufens beinhaltet notwendigerweise viele Akte der Ablehnung viele andere Waren werden für jede einzelne ausgewählte zurückgewiesen, und die Zurückweisung der Angebote des Systems stellt die Begründung einer kontrollierenden Beziehung zu ihm dar (Fiske 2003: 36; aus ökonomischer Perspektive ließe sich formulieren: Opportunitätskosten und Konsumentensouveränität stehen in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis; vgl. auch Goss 1993, Bareis 2007). Da Waren nicht allein als Objekte des ökonomischen Austauschs zu verstehen sind, sie vielmehr in unterschiedlicher Weise von unterschiedlichen Milieus symbolisch aufgeladen sind, stellt die Shopping Mall auch

eine riesige kulturelle Ressourcen-Bank (Fiske 2003: 45) dar. Diese Datenbank wird über ein EDV-gesteuertes Warenversorgungssystem just in time von peripher gelegenen Warenlagern über vor dem Konsumenten (vorgeblich mit Sicherheitsargumenten) verborgene Warenanlieferungsrampen bestückt (Richmond 2009), ein wesentlicher Aspekt der Invisibilisierung (hier von Warenströmen und -lagern).

Dabei wird in den Shopping Malls so Roost (2000) Urbanität (konzentriert) simuliert, hier werden Motive, die von der Unterhaltungsindustrie erzeugt und massenhaft kommuniziert wurden, aufgegriffen und in Themensektionen inszeniert (vgl. auch Sorkin 1992, Goss 1993). Infolge dieser rekursiven Simulationen werden die Stadtregionen zu Landschaften der Simulation, die geprägt sind von der Verbreitung der Hyperrealität in den Alltag (Roost 2000: 33), indem sie alltägliche Aspekte des Einkaufs mit touristischen Aspekten des Besonderen verbinden (Bareis 2007). Insbesondere in ihrer Ausprägung als Urban Entertainment Center (mit erlebnisorientiertem Einzelhandel und großem Freizeitangebot), Lifestyle Center (mit hochwertigem Einzelhandel) und Town Centern (mit Einzelhandel und Freizeitangeboten in häufiger Kombination mit Wohnfunktionen) entwickeln sich Shopping Malls in Richtung integrierter Simulationen früherer Stadtzentren (Hahn 2001 und 2007). Die Entwicklung von Shopping Malls stellt einen wesentlichen Beitrag der systematischen Invertierung der amerikanischen Stadt dar: Das vormals nach außen Gekehrte der städtischen Geschäftsstraßen wird nach innen gekehrt, während die Fronten zumeist nur wenig zum Verweilen einladen. Die Funktion des Transports von Kunden wird autozentriert gestaltet und durch Videoübertragungen und private Sicherheitsdienste aus Angst vor deviantem Verhalten überwacht (Maitland 1985, Davis 2004; vgl. hierzu auch Ellin 1999, Wernheim 2002,

Gold/Revill 2003, Helten 2007).

  • [1] Erste Shopping Malls entstanden in den 1950er Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika, dabei waren sie als Versorgungseinrichtungen für bestimmte suburbane Siedlungen mit einem spezifischen Einkaufsbedarf ausgerichtet. In den 1960er und 1970er Jahren vergrößerte sich zwar die Dimension der Malls mit der Dimension der zu versorgenden Wohnsiedlungen, das Prinzip der Versorgung einer lokalen Bevölkerung blieb jedoch gleich. In den 1980er Jahren wurden erste große Malls zur Versorgung einer überlokalen, teilweise überregionalen Bevölkerung errichtet. Infolge einer zunehmend restriktiven Genehmigungspolitik seitens der Stadtverwaltungen ist seit den 1990er Jahren in Nordamerika eine Stagnation hinsichtlich der Errichtung von Shopping Malls zu verzeichnen (Quack/Wachowiak 1999, vgl. Sloane 2003).
  • [2] Dabei unterlässt Schneider-Sliwa (2005) eine genauere Bestimmung, was sie unter einer intakten Innenstadt versteht, wobei sie implizit auf eine lange Intaktheitsdeutungstradition eines essentialistischen Verständnisses von Stadt (alternativ Landschaft) anknüpft.
 
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