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5.4 Ökonomische Suburbanisierung: Shopping Malls, Edge-Cities und Edgeless Cities

5.4.1 Das Primat des ökonomischen Feldes in der Siedlungsentwicklung

Im Vergleich zu Europa sind in den Vereinigten Staaten die Einschreibungsmöglichkeiten des Ökonomischen in den physischen Raum stärker ausgeprägt (vgl. Zukin 1991). Im Vertrauen auf die Autonomie individueller Standortentscheidungen im Zusammenspiel mit dem Markt-Preis-Mechanismus wird (oder wurde zumindest bis zur Immobilien- und Bankenkrise Ende der 2000er Jahre) in längeren Zeiträumen von einer optimalen Allokation der Produktionsfaktoren ausgegangen, die wiederum Grundlage einer Maximierung des Sozialprodukts seien (vgl. Harlander/Schubert 2009; Abbildung 26).

Abbildung 26 Physisch-räumlicher Indikator der Wirtschaftskrise, hier in Las Vegas im August 2010. Das Fontainebleau sollte im Herbst 2009 eröff werden, aufgrund des Rückgangs des Tourismus in Las Vegas im Zuge der Wirtschaftskrise der End-2000er Jahre wurde der Bau gestoppt. Aktuell (Sommer 2011) ist keine Wiederaufnahme des Baus absehbar.

Regionale Disparitäten wiederum werden gemäß einer ökonomisch-liberalen Auffassung als durch kurzfristige Marktanpassungsschwierigkeiten insbesondere infolge von persistenten Raumstrukturen verstanden, die jedoch infolge der Mobilität der Faktoren Arbeit und Kapital ausgeglichen werden. Staatliche Eingriffe (u. a. durch eine staatliche Raumordnung) gelten vielfach als nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, weil sie zu Verzerrungen der Märkte und letztlich zu Wohlfahrtseinschränkungen (Blotevogel o. J.) führten (vgl. Blotevogel o. J., Hackworth 2007, Sites 2007, Kamleithner 2008). Aus einer stark auf das ökonomische Kalkül ausgerichteten räumlichen Regulation von Nutzungsinteressen wird auch der Städtebau als Gegenstand privatwirtschaftlicher Betätigung von Unternehmern und Spekulanten [], nicht von Obrigkeiten (Holzner 1996: 53). Die Dominanz des ökonomischen gegenüber dem politisch-administrativen Kalkül äußert sich in der physischen Struktur eines Raumes: Eine hohe ökonomische Bewertung einer Grundfläche relativiert sich hoher Baukosten zum Trotz durch eine vertikale Organisation der Nutzung, wodurch die nutzbare Fläche, in Form von verfügbarer Geschossfläche, vervielfacht wird (Alonso 1964, Heineberg 1989, Krätke 1995). Neben dem ökonomischen Kalkül (auch der Generierung von Skalenvorteilen) hat Größe (insbesondere Vertikalität) einen symbolischen Bezug, weswegen Städte in den Vereinigten Staaten von großen Projekten unterbrochen sind: Wohnanlagen, Krankenhauskomplexe, Gebäude von Stadtwerken, Hochschulcampi, Bürokomplexen, Shopping Malls (Cuff 2000: 4). Gerade Wolkenkratzer können die technische und ökonomische Leistungsfähigkeit eines Unternehmens, einer Volkswirtschaft oder sogar eines gesellschaftlichen Systems, aber auch Mysteriöses, Dekadenz und Größenwahn symbolisieren (Lynch 1960; Abbildung 27). Darüber hinaus gelten Wolkenkratzer auch als von Menschenhand geschaffene, steinerne Naturwunder, welche in der Lage sind, den Kräften der Natur (Windkräfte, Schwankungen des Bauuntergrundes, Wettergeschehen etc.) zu

Abbildung 27 Die vertikale Dimension von Gebäuden symbolisiert ökonomische Macht und Verbindung mit technischer Beherrschung der Naturgewalten. Besonders deutlich tritt die Vertikale in einem ansonsten durch horizontale Anordnungen strukturierten Umfeld hervor, wie hier in Downtown Los Angeles (Aufnahme: August 2010).

widerstehen (Bischoff 2002: 120) und werden damit in die Nähe des ästhetisch Erhabenen gerückt. Der feldherrenhügelartige Ausblick über die ausgebreitet scheinende Stadt mit ihrem Umland wird als erstrebenswertes Statussymbol mit die Machtverhältnisse anerkennender und damit stabilisierender Wirkung für Büroangestellte konstruiert (Kühne 2008a; vgl. auch Gayk 1995).

Die Dominanz des ökonomischen Feldes in den Vereinigten Staaten gegenüber dem politischen, dem administrativen, aber auch dem sozial-gemeinschaftlichen oder kulturellen produziert eine spezifische physisch-räumliche Struktur: Der Fordismus produzierte infolge seines Strebens nach Skalenvorteilen große industrielle Einheiten, die wiederum infolge ihrer Nachfrage nach großen und gleichförmigen Mengen an Produktionsfaktoren bei gleichförmigen, der Maschinenlogik unterliegenden Rhythmen großräumig gleichförmige Raumstrukturen produzierten (Johnston 1982, Waldie 2005, Hornsey 2010). Ein Beispiel für den rekursiven Zusammenhang zwischen fordistischer industrieller Produktion und Siedlungsentwicklung ist die Produktion von fordistischen Suburbiumssiedlungen[1], die mit fordistischem Kalkül in Fertighausbauweise (kostenminimiert) produziert wurden und den sozial vermittelt weitgehend standardisierten Bedürfnissen fordistischer Arbeitnehmerschaften nach billigen Massenprodukten entsprachen (vgl. Waldie 2005, Krisch 2009). Dabei wurden millionenfach die immer gleichen Häuser von der Stange in den typischen Sitcom Suburbs produziert, deren weiße Bewohner aus der Mittelschicht und der Arbeiterschaft ganz den beliebten Sitcoms der Vorabendserien der 1950er und 1960er Jahre glichen (Harlander 2009: 182; Hervorh.

i. O.; Hayden 2009). Sie repräsentieren das physische Produkt des massenhaft medial verstärkten bzw. erzeugten und des massenhaft erreichbaren amerikanischen Traums des Ausbruchs von Arbeitern und kleinen Angestellten aus der Proletarität (siehe Hayden 2004a und 2009, Waldie 2005). Doch nicht allein in Bezug auf die Formierung von Soll-Vorstellungen hinsichtlich der Form des Wohnen ist das Fernsehen mit der Suburbanisierung in den Vereinigten Staaten verknüpft, auch stellt der Fernseher eine Alternative zur Nutzung traditioneller (vielfach in Innenstädten lokalisierten) Freizeiteinrichtungen dar, so dass Verlusterlebnis infolge der räumlichen Distanzierung vom Stadtzentrum durch bei Bedarf aktualisierbar televisionäre Nähe zu unterschiedlichsten Orten (teilweise) substituiert wurde. Das ökonomisch-zweckrationalistische Kalkül ließ auch die verkleinerte Übernahme des American Grid zur Gliederung innerstädtischer Räume angemessen erscheinen. Neben einer einfachen (d. h. kostengünstigen) Vermessung gestaltet sich die Bodenverwertung rationell, schließlich bringt die Nutzung des Rasters eine sparsame Aufteilung eines Terrains in Bauparzellen hervor, da sich der Boden ohne Zwickel und Reststücke aufteilen lässt (Fehl 2004: 61). Dem Käufer erleichtert diese Aufteilung zudem den Vergleich im Angebot, indem es in einer Situation scharfer Konkurrenz auf dem Bodenmarkt die konkurrierenden Angebote auf nur wenige Unterschiede reduziert (Fehl 2004: 61).

  • [1] William Levitt, der Entwickler von Levittown im Suburbium von New York, gilt als Pionier des seriellen Hausbau auf Grundlage von vorgefertigten Elementen bei gleichzeitig effi t organisiertem Einsatz von Arbeitern, die nur für einen eng begrenzten Tätigkeitsbereich zuständig waren (z. B. für Malerarbeiten in einer bestimmten Farbe), und wird somit als Henry Ford des Wohnungsbaus bezeichnet (Hayden 2004a , Krisch 2009).
 
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