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5.3.2 Die soziale Bedeutung des Eigentums über Grundstück und Haus: von Fluchtburgen zu Segregationen

Die wenig kapitalintensive Konstruktion der Wohngebäude aus einem Balkenrahmen mit Wänden aus dachziegelartig übereinander genagelten Brettern (Hofmeister 1971: 52) des überwiegenden Teils der suburbanen und ländlichen Architektur in den Vereinigten Staaten (vgl. Hunter 1999) macht es prinzipiell auch Bevölkerungsteilen mit einer vergleichsweise geringen Ausstattung an ökonomischem Kapital möglich, ein eigenes Haus zu bauen, zu besitzen und sich so ein Exklusivrecht auf die Herrschaft über ein Stück Raum (Harvey 1991: 166) zu sichern, sofern das nötige Grundstück finanzierbar ist. Die im Vergleich zu weitgehend aus Stein gemauerten Gebäuden verringerte Haltbarkeit dieser Holzgebäude erzwingt bzw. ermöglicht einen beschleunigten Neubauzyklus. Dieser beschleunigte Neubauzyklus wiederum ermöglicht mehr Menschen,

in einen leeren Raumeinzuziehen, der geschichtslos [ist] und den die Einziehenden als erste beseelen [können] (Müller 2008: 48). Ein Motiv, das meso- und makroskalig im Mythos der Frontier ausgeprägt ist, findet hier seine mikroskalige Entsprechung.

Das (eigene) Haus als verbarrikadierte Fluchtburg (Bahrdt 1998, zuerst 1961: 140141), welche geschmückt [wird] wie ein heiliger Ort (Hayden 2009: 21), bietet eine Ersatzheimat für die Familie, die Bauman (2000a: 61; Hervorh. i. O.) als kollektive Lösung für die Pein der individuellen Sterblichkeit bezeichnet, und bedeutet einen

Hort der Emotionalität und Intimität (Häußermann/Siebel 2004: 72), aber auch eine räumliche Verortung der stereotypen Verteilung der Geschlechterrollen (Hayden 2009: 21). Der Innenraum des (eigenen) Hauses wird in diesem Zusammenhang idealtypisch zum Ort der Stabilität, an dem alles an seinem Platz ist, auch die Erinnerungsstücke, die man von den Reisen durch die Außenwelt mitgebracht hat, Statuen, Photographien, Zeichnungen, Postkarten, Muscheln, Schneckenhäuser usw. (Müller 2008: 48; vgl. auch Lippard 1999, Löfgren 2002). Die eigene Wohnung und mehr noch das mit einem Glacis der umgebenden Freifläche versehene freistehende Einfamilienhaus bedeutet Entlastung vom Weltzwang (Akosmismus) (Müller 2008: 49; vgl. auch Hayden 2004a). Symbolisch wird die Straßenkleidung (insbesondere der Mantel, der gegen die komplexen Widrigkeiten der Außenwelt zu schützen scheint) abgelegt, und der Mensch zieht sich in einen kontingenzunterbrechenden Raum des Vertrauten zurück. Die Funktion der Schleusen in den Außenraum (wie Türen, Fenster) ist innenraumdeterminiert, sie sind so konzipiert, dass bei sachgerechter Anwendung eine sich im Innenraum befindliche Person über Öffnung und Schließung entscheiden kann (eine Ausnahme stellen hierbei bestimmte Briefkastenkonstruktionen dar, bei denen Schriftstücke und andere kleinere Gegenstände unmittelbar in das Haus geschoben werden können). Eine besondere Bedeutung für das Leben der Menschen der Gegenwart hat in diesem Zusammenhang die semipermeable Einrichtung des Fernsehers, der unidirektional geographisch eine immer gleich bleibende Nähe simuliert (Anders 1980, Virilio 2008, zuerst 1990). Er ermöglicht es, zuhause (im Innenraum), vieles, was außen (im Außenraum) vor sich geht, vom Fernsehsessel aus zu verfolgen, ohne Gefahr zu laufen, von den im Außenbereich vor sich gehenden Geschehnissen handgreiflich berührt zu werden (Müller 2008: 54). Dabei empfangen die Zuschauer nicht allein die gelieferten Informationen sie sind produktiv, machen ihren eigenen Sinn aus den Repräsentationen der Welt (Fiske 2003: 147).

Die weite Verbreitung von Hauseigentum in den Vereinigten Staaten wurde (und wird) staatlich unterstützt. Dabei verlangsamte die Steuerfreiheit für Blockhäuser den Übergang zu anderen Bauweisen und ist mitverantwortlich für die weite Verbreitung der Holzbauweise (Hofmeister 1971: 52). Der Erwerb eines eigenen Hauses lässt sich als ein wesentlicher Bestandteil der weitgehenden politisch geförderten Verbürgerlichung somit auch in der US-amerikanischen Gesellschaft interpretieren, schließlich hat die Bildung von Wohneigentum dabei disziplinierende und gesellschaftssystemkonformierende Wirkung (vgl. Bourdieu 2002): Zum einen wird durch den Erwerb von Wohneigentum das Prinzip des Privateigentums als Teil der kapitalistischen Grundordnung bejaht, zum anderen schränkt der Zwang zur Rückzahlung von Krediten die Arbeitskampffähigkeit erheblich ein. Das Eigentum eines Hauses suggeriert (insbesondere in der fordistischen Ökonomie) eine gesicherte Stellung in der Gesellschaft, was wiederum die Bereitschaft, Gesellschaft kontingent zu denken, herabsetzt. So wird der Arbeiter, der um seine gesicherte Position weiß, [] selbst bei großer Armut weniger anfällig für eine Revolte sein als ein Arbeiter, der nicht weiß, welche Stellung er in der Gesellschaft einnimmt (Sennett 2007: 23). In der Tradition von Norbert Elias (1992) lässt sich dieser Prozess der Bewusstmachung der eigenen (gesicherten) gesellschaftlichen Stellung und des Erwerbs eines Eigenheims als Umwandlung eines Außenzwangs zur Einhaltung von Werten und Normen (z. B. durch Androhung von physischer Gewalt) in einen Innenzwang durch Internalisierung der Werte, Normen und Herrschaftsstrukturen in der modernen Gesellschaft interpretieren. Diese Umwandlung stellt damit einen Prozess der Zivilisation dar. Dabei ist der Arbeiter oder einfache Angestellte, der scheinbar der Nutznießer des Verbürgerlichungsprozesses ist, durch den Kredit an das Haus gefesselt, das oft unverkäuflich geworden ist (Bourdieu 2002: 41; ähnl. Cosgrove 1988a, Nicolaides 2001, Bourne 1996, Davis 2004), wie die aktuelle Finanzkrise überdeutlich zeigt.

Der Wert eines Gebäudes mit Grundstück wird dabei insbesondere durch den Marktwert des Grundstücks determiniert. Dabei werden Haus und Grundstück weniger als Behausung und Heim gesehen als vielmehr als Kapitalanlage für die Alterssicherung (das amerikanische Wort real estate für Immobilie als wörtlich übersetzt wirklicher Wert deutet auf die auch symbolisch zentrale Bedeutung des Immobilieneigentums hin). Darüber hinaus weist das Heimwesentliche symbolische Funktionen auf: Seine Lage weist auf die Ausstattung des Eigentümers mit symbolischem Kapital hin, da es

Auskunft über die Besitzer gibt, über ihren Geschmack und ihre Stellung im sozialen Raum. [] Das eigene Haus meint immer auch eine Hausgemeinschaft, eine Familie, die sich darin ein Versprechen auf eine beständige, gemeinsame Zukunft gibt (FuchsHeinritz/König 2005: 77; vgl. auch Hayden 2004a, Sherman 2009). Das eigene Haus ist dabei auch physischer Ausdruck der Sehnsucht nach Sicherheit und Dauerhaftigkeit im Privaten, das als heimatlicher Gegenpol zur Komplexität und Unsicherheit der Welt konstruiert und emotionalisiert wird.

Die vertikale Mobilität bedingt damit auch eine geographische: Verändert sich die Ausstattung mit symbolischem Kapital, wird dies durch einen Umzug sozial kommuniziert, wodurch sich ein wesentlicher Aspekt der geographischen Mobilität der US-amerikanischen Gesellschaft ergibt (Adams 1984, Holzner 1993, Mills 1998, Morrow-Jones/ Wenning 2005). Das systemimmanente Streben nach (mehr) physischem Besitz und sozialer Distinktion wiederum impliziert hinsichtlich der Behausung ein Streben nach mehr Größe in besserer Lage wobei insbesondere dem neuen Gebäude ein hoher symbolischer Wert zugeschrieben wird, denn mit neu ist zugleich Fortschritt konnotiert. Häufige Umzüge werden durch die weite Verbreitung fest installierter Aufbewahrungsmöglichkeiten in den Häusern (Einbauschränke) erleichtert, so dass der (materialbelastende und anstrengende) Ab- und Wiederaufbau von Möbeln weitgehend minimiert ist (vgl. Holzner 1996). Dieses Beispiel verdeutlicht das rekursive Verhältnis zwischen sozial kommunizierten individuellen Ansprüchen (insbesondere bei Trägern des populären Geschmacks) und anthropogenen physischen Strukturen: Die sozial erwünschte Mobilität wird durch den Ausbau geeigneter physischer Strukturen (Einbauschränke) von Architekten aufgegriffen, und diese Strukturen dienen als Zeichen der Möglichkeit, dem sozialen Handlungsmuster der geographischen und sozialen Mobilität zu entsprechen. Wobei die Marktkommunikation der Bevorzugung von Gebäuden, die über keine die Mobilität einschränkende Möbelausstattung (sowohl auf physischer Ebene des Auf- und Abbau sowie des Transportes, als auch als Bindung von ökonomischem Kapital) verfügen, bei nur geringem finanziellem Mehraufwand zur Integration von Einbaumöbeln einen deutliche höheren Marktpreis von Häusern verspricht, was wiederum einerseits einen Anreiz zur Errichtung von Häusern mit Einbaumöbeln bietet, andererseits Häuser mit Einbaumöbeln als sozial erwünschter Normalzustand definiert.

Das Streben nach einer bislang unbewohnten und größeren Behausung bedingt ein ständiges Wachstum der Städte als neue, sekundäre Frontier der Zivilisation (Rapoport 1969, Jackson 1985, Hunter 1999). Somit lässt sich auf Grundlage der marktwirtschaftlichen ökonomischen Logik Suburbanisierung als das Ergebnis von Konsumentenpräferenzen und der Konsumentenfreiheit interpretieren, indem die Konsumenten mehr persönlichen Raum, neu errichtete Häuser, soziale Homogenität und Exklusivität für sich in Anspruch nehmen (Bourne 1996), alles Ansprüche letztlich, die sozial vorgegeben und rekursiv hergestellt werden (worauf noch mehrfach einzugehen sein wird). Eine besondere Distinktionsfunktion weist eine gute Aussicht auf. Häuser (aber auch Wohnungen) mit Fernsicht werden in vergleichbarer Größe und Ausstattung zu deutlichhöheren Preisen gehandelt als Immobilien mit einer weniger guten Aussicht, womit Landschaft Warencharakter erhält (Vöckler 1998; Abbildung 24). Die physische (vermarktete) Landschaft steht in einem engen positiven Rückkopplungsverhältnis mit ihrer massenmedialen und werbestrategischen Inszenierung. Solche Landschaftsinszenierungen, die als Wahrnehmungsstimuli den Alltag bestimmen, werden verinnerlicht und strukturieren als Vorstellungsbilder wiederum die Wahrnehmung von Landschaft (Vöckler 1998: 279; Kühne 2006a). Die Angst um die Erhaltung des Distinktionsfaktors (und damit verknüpft des ökonomischen Mehrwertes) drückt sich dabei im (ästhetischen) Kriterium der Unverbaubarkeit aus.

Die hohe symbolische Bedeutung des eigenen Hauses und des eigenen Grundstücks impliziert dabei einerseits eine distinktive Abwertung jener, die in den Städten in Mietwohnungen leben (und entweder als ökonomisch minderbemittelt[1], fremd oder ethnisch von der WASP-Kultur abweichend gelten), andererseits ein Streben nach Erhaltung des Grundstückswertes, das vielfach in einer exklusivistischen Kontingenzvernichtung durch Erhaltung der Gemeinschaft der Gleichgesinnten (und Gleichethnischen, Gleichreligiösen u. a.) in Form von Diskriminierung Anderer mündet (Tuan 1979, Sennett 1991, Holzner 1996, Whitaker 1996, Hayden 1997, Abrams 2004, Bruegman 2005; vgl.

Kaplan/Kaplan 1982, Halle 2003b, Stearns 2006). Nach Richard Sennett (1991: 68) ist der Hang zur Exklusion in den religiösen Wurzeln der WASP-Kultur zu suchen: In der protestantischen Vorstellung vom Raum [] kommt der Wunsch nach Macht zum Ausdruck, vor allem einer egoistischen Macht. Wer in seinem Inneren zwanghaft mit sich

Abbildung 24 Ein Ergebnis des Strebens nachguter Aussicht und die Nähe zu Stadtnatur: Gebäude in den Hollywood Hills mit Blick über das Bassin von Los Angeles. Baukosten (durch einseitige Aufständerung und sichere Gründung) sind hoch, gleiches gilt für die Immobilienwerte (Aufnahme: August 2010).

selber kämpft, mag eine tiefe Feindseligkeit gegenüber den Ansprüchen anderer Menschen entwickeln, ein Unbehagen, dass sie überhaupt da sind. Das Streben nach der Gemeinschaft der Gleichartigkeit wird als eine Art Versicherungspolice gegen die Risiken, mit denen das tägliche Leben in einer vielstimmigen Welt behaftet ist (Bauman 2008: 131) konstruiert, auch wenn dieses Eintauchen in die Gleichartigkeit [] die Risiken, denen man dadurch aus dem Weg gehen will, nicht verringern oder gar abwehren [kann] (Bauman 2008: 131). Dabei nehmen sich die Bewohner derart entkomplexisierter Räume die Entwicklungsmöglichkeiten: Sie haben nichts, was sie den Narben vergangener Erfahrungen, den Stereotypen, die sich im Gedächtnis eingegraben haben, gegenüberstellen könnten. Wiedererkennungsszenen, wie sie sich an Grenzen abspielen könnten, bieten die einzige Chance, dass Menschen stereotype Bilder, die sich im Laufe der Zeit verfestigt haben, auflösen können (Sennett 1991: 256).

Damit führt die Suburbanisierung zu einer sozialen Segregation, die als aktive Segregation durch eine freiwillige Wohnstandortwahl erfolgt, während sich die passive Segregation dann ergibt, wenn sich Haushalte aus einem Mangel an ökonomischen Ressourcen und aus sozialer Diskriminierung [] in ähnlich marginalisierter Lage in benachteiligten Quartieren konzentrieren (Häußermann/Siebel 2004: 159; vgl. auch Rabinovitz/Siembieda 1977, Clark 1996, Sugrue 1996, Mekdjian 2008, Pietila 2010). Durch das Verlassen von ökonomisch besser Gestellten verbleiben Bevölkerungsteile im Quartier, die ökonomisch, sozial und ethnisch nicht in die Lage versetzt sind, die jeweilige Wohngegend zu verlassen. Gerade in kernstädtischen Räumen sind die Zuziehenden (vielfach auch Einwanderer) häufi weniger sozial integriert und ökonomisch leistungsfähig als die Fortziehenden. Durch einen solchen kollektiven Abstieg, im Zusammenhang mit selektiver Mobilität der mit einem höheren symbolischen Kapital Ausgestatteten, entstehen Milieus der Armut und Ausgrenzung, deren Existenz sich in der angeeigneten physischen Stadtlandschaft in Form der verfallenen Bausubstanz der Slums und deren medialer Inszenierung manifestiert (Duncan/Duncan 1955, Perry/Watkins 1977, Rose 1981, Farwick 1994, Häußermann/Kapphan 2000, Steinbrink/ Pott 2010). Neben den Unterschieden hinsichtlich der Ausstattung an symbolischem Kapital sind physische Räume und insbesondere angeeignete physische Stadtlandschaften in den Vereinigten Staaten Manifeste dominierender Normen und Werte hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit (Schein 2003: 204; vgl. auch Rabinovitz/Siembieda 1977, Knox/Pinch 2010). Auch nach Abschaffung der rechtlichen Diskriminierung werden bis heute insbesondere Afro-Amerikaner (aber auch andere nicht-WASP-Kulturen) einer alltäglichen Diskriminierung (z. B. hinsichtlich der Wohnungsvergabe, der Kreditvergabe) ausgesetzt, die sich physisch-räumlich manifestiert (Schein 2003). Schließlich haben sich für die Angelenos Rasse und Raum durch physische und soziale Distanz (das Nahe und das Ferne) ausgeprägt und diese mit der Anordnung von Distrikten, assoziiert mit Menschen und Aktivitäten, verknüpft (Hise 2007: 47). Allgemein weist das rekursiv mit der Bildung differenzierter Wohnviertel verknüpfte Segregationshandeln drei Dimensionen auf (Holzner 1996, vgl. auch Rabinovitz/Siembieda 1977, Johnston 1982, Clark 1996, Jencks 1998, Bruegman 2005, Buendía/Ares 2006, Morrow-Jones/

Wenning 2005, Mekdjian 2008, Knox/Pinch 2010, Pietila 2010):

1. Mit höherem symbolischem Kapital ausgestattete Haushalte unterschiedlicher Größe und Ethnie verlassen die veraltete Bausubstanz der Kern- und Zentralstädte, um sich in den neuen und verwaltungsmäßig selbständigen Vororten anzusiedeln.

2. Allgemein erfolgt eine sich physisch-räumlich manifestierende soziale Auslese der unterschiedlichen Milieus, sowohl in den Vororten als auch in den Kernstädten. Infolge der Veränderungsprozesse der Verfügbarkeit symbolischen Kapitals vollzieht sich dieser Segregationsprozess kontinuierlich.

3. Es erfolgte eine kohortenspezifische Segregation, gemäß den (vielfach stereotypen) Bedürfnissen bestimmter biographischer Lebensphasen mit der Aggregierung von jungen Einpersonenhaushalten, jungen Paaren mit oder ohne Kinder, älteren Paaren.

Aufgrund der Überlagerung dieser Prozesse aggregieren sich in bestimmten Wohngebieten beispielsweise junge schwarze Familien mit einer mittleren Ausstattung an symbolischem Kapital. Dabei stellen Thieme/Laux (2005) fest, dass die ethnische Segregation weitaus stärker ausgeprägt ist als die sozioökonomische.

Die segregative Ausschließung schwarzer Bevölkerungsteile ist ein Teilaspekt der modernistischen binären Kodierung von Weiß und Schwarz, die den Innenraum des Rassismus (Hall 2000: 13; vgl. auch Sugrue 1996, Hübner 2001, Pietila 2010) bildet (Abbildung 25). Diese binäre Kodierung dient als stereotypes Weltdeutungsschema und wird im privaten und öffentlichen Diskurs ständig (z. B. durch Witze, Fernsehberichterstattung, Internethomepages) aktualisiert. Dabei spiegelt sich die Einseitigkeit der Bezeichnungsmacht in der rassistischen Unterscheidungs- und Klassifikationspraxis als

das Machtgefälle zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten (Eickelpasch/Rademacher 2004: 86) wider, eine Praxis, die so Gunnar Myrdal bereits 1944 in eklatantem Widerspruch zu den Grundrechten wie den Ideen des Christentums und der Aufklärung steht und einen traumatischen Widerspruch in den Herzen eines jeden liberalen Amerikaners darstelle. Durch die rassistische Praxis entsteht so Myrdal (1994) ein zentraler Widerspruch im Gebaren der Vereinigten Staaten als Weltmacht, in welcher Rolle sie universale Rechte und Ideale propagiert, die sich einem erheblichen Teil ihrer Bevölkerung verweigerten.

Insbesondere bei Migranten erfüllt die Betonung kultureller Differenz und authentischer kultureller Identität ähnliche Funktionen wie biologischer Rassismus (Eickelpasch/Rademacher 2004: 89; vgl. auch Haraway 1996). Auch der Begriff der Ethnizität wird zur Ab- und Ausgrenzung herangezogen und dient so der Entkomplexisierung bei der sozialen und individuellen Konstruktion von Welt (Kühne/Spellerberg 2010; vgl. auch Kaplan/Kaplan 1982, Peil 2007). Die Ethnisierung der Ab- und Ausgrenzung des Anderen fügte den rassistischen Diskriminierungen (wie genetischer Mangel) kulturalistische Deutungen wie primitive Gesellschaft und Kulturdefizit hinzu (vgl. Steiner-

Abbildung 25 Die binäre rassistische und ethnisierende Spaltung der Weltbevölkerung (nach: Eickelpasch/Rademacher 2004).

Weiß Schwarz

rational emotional

kultiviert primitiv

zivilisiert wild

triebbeherrschend triebhaft

vernunftorientiert körperbezogen

selbständig unselbständig

vernunftgeleitet instinktgeleitet

melodiebezogen rhythmusbezogen

Khamsi 1992). Die Konstruktion von Ethnizität bedeutet in diesem Kontext eine Fremdzuschreibung kultureller Identität und Besonderheit (Eickelpasch/Rademacher 2004: 90; Hervorh. i. O.), die sich von der für sich selbst beanspruchten WASPischen rassischen und kulturellen Normalität abhebt (Haraway 1996, Eickelpasch/Rademacher 2004, Stearns 2006). Dabei wird nach Möglichkeit der nach der eigenen Landnahme nachfolgende, neuerliche Sukzessionsprozess von außen im eigenen Lande [] als falsche Entwicklung auf Gleichmacherei und/oder niedere Eigenart zu abgewehrt (Eisel 2009: 267).

Hinsichtlich der migrationsspezifischen Internationalisierung bzw. sogar Globalisierung lassen sich Häußermann/Siebel (2002) zufolge zwischen europäischen und amerikanischen Städten unterschiedliche Integrationsbzw. Segregationsmuster feststellen: In Europa bildet bis in die jüngste Vergangenheit eine ethnisch homogene Nationalgesellschaft das Zentrum der Gesellschaft (Häußermann/Siebel 2002: 61). Zuwanderer stammten in der Regel aus dem eigenen Kulturraum, wobei der vorherrschende Integrationsmodus jener der individuellen Anpassung ist. Die Differenzen zwischen Einheimischen und Fremden sind dabei im Wesentlichen auf die kulturellen Eigenheiten beschränkt (vgl. auch Stichweh 2010, Diner 1998). Das Netz des Sozialstaates im Sinne Zygmunt Baumans (2008) als Schutzmechanismus einer kollektiven Absicherung gegen individuelles Unglück und nicht als Umverteilungsmechanismus von reich zu arm zu verstehen sichert in Europa auch (legale) Zuwanderer ab. In den Vereinigten Staaten existierte dagegen auch vor dem 20. Jahrhundert keine kulturelle und ethnische Homogenität, vielmehr entsteht die amerikanische Gesellschaft aus Zuwanderung (Häußermann/Siebel 2002: 61). Die Existenzsicherung ist aufgrund des Fehlens eines Sozialstaates auf substaatlicher Ebene angesiedelt. Daher bilden Zuwanderer in amerikanischen Städten lokale Gemeinschaften, ethnische Kolonien, die auf der Basis der Kultur des Herkunftslandes für die Individuen eine solidarische Basis für weitere Integrationsschritte bieten (Häußermann/Siebel 2002: 61; vgl. auch Murphy 1974). Knox/ Pinch (2010) identifizieren vier prinzipielle Funktionen für die Segregation von Minderheiten (vgl. auch Li 2005):

1. die Funktion der Abwehr gegenüber Übergriffen,

2. die Funktion der gegenseitigen Untersetzung,

3. die Funktion der Bewahrung der eigenen Kultur,

4. die Funktion der Basis für eine spätere Generierung von Macht in einem größeren sozialen Kontext (z. B. den Aufbau von Netzwerken, die zu einem späteren Zeitpunkt politisch aktiviert werden können, um so beispielsweise für eine gesamte Stadt den Bürgermeister stellen zu können).

Infolge der Kalküle der Erhaltung der kommunitaristischen Gemeinschaft der Gleichen (als scheinbares Refugium gegen die zentrifugalen Kräfte der Individualisierung; vgl. Meinig 1979a, Whitaker 1996, Hardinghaus 2004, Castel 2005, Schneider-Sliwa 2005, Müller 2008) und damit verbunden der Erhaltung des ökonomischen Wertes von Gebäuden reagieren die Bewohner suburbaner Siedlungen äußerst sensibel hinsichtlich der Änderung von Landnutzung in bzw. in der Nähe ihrer Siedlungen. Dies betrifft die Errichtung von Apartmenthäusern (insbesondere wenn sie öffentlich finanziert oder finanziell gefördert sind), die Ansiedlung weniger wohlhabender Bevölkerungsteile, aber auch Landnutzungen, die nicht dem Wohnen dienen. Dies betrifft insbesondere Einrichtungen mit gemäß der Ästhetik des mittleren Geschmacks als negativ wahrgenommenen negativen externen Effekten (Geräusche, Gerüche, optische Veränderungen

u. a.). Dieser Widerstand aus Angst vor einer Entwertung der eigenen Siedlung bis hin zum slurb, einer Zusammenziehung der Begriffe slum und suburb (Hofmeister 1971: 99), eine Entwicklung, die infolge steigender Energiepreise und der damit verbundenen schwindenden Bedeutung des Autos künftig wahrscheinlicher werden lässt (Dubner 2009), ist unter dem Akronym NIMBY (Not in My Back Yard) bekannt geworden und lässt sich auch in die Varianten der LULUs (Locally Unwanted Land Uses) und in die Extremform der BANANA (Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anything) gliedern (Bourne 1996, Cuff 2000, Wolch/Wilson/Fahrenbach 2005, Kaplan/Wheeler/ Holloway 2009, Pietila 2010). NIMBY, LULU und BANANA lassen sich als Ausdrücke der Ästhetik der Angst vor Komplexisierung als Veränderung (siehe Riemann 2009, zuerst 1961) des eigenen Umfeldes interpretieren, die sich dem modernistischen Exklusivismus der Reinheit bedient.

Die Bereitschaft (und der Zwang) zu Mobilität und Veränderung manifestiert sich in der angeeigneten physischen Landschaft einerseits in Größe und Zahl der Verkehrsinfrastrukturen (worauf im folgenden Abschnitt einzugehen sein wird; siehe Weller 2008), andererseits auch in der Dominanz des Vorläufigen: Wird das Suchen nach als besser wahrgenommenen Lebensbedingungen und der damit vielfach verbundene Wohnortwechsel zum sozialen Wert, erscheint eine auf Dauer errichtete physische Struktur (einhergehend auch mit einer höheren Bindung symbolischen Kapitals) irrational, eine emotionale Bindung an immobile Objekte als nicht erstrebenswert. Zugleich erscheint die soziale Bereitschaft, hohe Summen Steuergeld in die Errichtung und Erhaltung öffentlicher Gebäude und Einrichtungen zu investieren, in einer mobilitätsorientierten Gesellschaft individuell irrational, da die persönlichen Nutzungsmöglichkeiten durch Umzüge sehr beschränkt bleiben. Zum Symbol des rekursiv mit populärkulturellen Erzeugnissen wie Songs und Filmen verknüpften Willens zur Mobilität einerseits und zum Hauseigentum andererseits, werden mobile Häuser, die ganze suburbane Stadtteile (insbesondere in den wärmeren Regionen) prägen (Hofmeister 1971, Holzner 1996, Hunter 1999; allgemeiner zu Bedürfnissen und Konsum: Bauman 1996).

  • [1] In Los Angeles wohnten Mitte der 2000er Jahre lediglich knapp 20 Prozent der Beschäftigten eines FastFood-Restaurants (jährliches Durchschnittseinkommen etwa 14 000 Dollar) in einem Eigenheim, Lehrer (jährliches Durchschnittseinkommen rund 39 000 Dollar) etwa 23 Prozent, Feuerwehrmänner (mit einem jährlichen Durchschnittseinkommen von ca. 44 500 Dollar zu 36 Prozent und Krankenschwestern (jährliches Durchschnittseinkommen etwa 50 000 Dollar) zu 50 Prozent (Barber 2007).
 
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