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5.3 Grundzüge der Entwicklung zum Stadtlandhybriden in den Vereinigten Staaten

5.3.1 Grundzüge der Suburbanisierung

Ein wesentliches Charakteristikum der amerikanischen angeeigneten physischen StadtLandschaftshybriden liegt in einer geringen Abgrenzbarkeit zwischen Stadt und Land (zur Diskussion um die Bedeutung der Suburbanisierung im internationalen Kontext siehe Basten 2005; zu deren Geschichte in den Vereinigten Staaten z. B. Hayden 2004a, 2004b, 2009). Der Übergang zwischen dem, was gemeinhin als Stadt, und dem, was gemeinhin als Land bezeichnet wird, entspricht eher einem mehr oder minder weitläufigen Rand. Dabei hat die Suburbanisierung in den Vereinigten Staaten die Kultur, die soziale und wirtschaftliche Struktur des Landes sowie die Lebensweise seiner Bürger und ihre Vorstellungen von einem guten Leben durchgreifender geprägt als in anderen Ländern (Müller/Rohr-Zänker 2001: 27; vgl. auch Graham/Marvin 1996, Ellin 2000, Muller 2010). Durch die Suburbanisierung hat sich das Muster von monozentrischen Verdichtungsräumen in den Vereinigten Staaten zu vielen Zentren ohne klare Hierarchie oder Abhängigkeit gewandelt, in dem heute mehr Menschen wohnen als in Innenstädten und ländlichen Gebieten gemeinsam (Hayden 2004a). Dieses Charakteristikum lässt sich so Holzner (1996) mit der Suburbanisierung als Ergebnis der Massenmobilisierung beschreiben, sie lässt sich bereits bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen und erfuhr durch den Bau von Eisenbahnlinien eine Beschleunigung: Insbesondere Personen mit einer gehobenen Ausstattung an symbolischen Kapital verlegten ihren Wohnort aus den schmutzigen, überfüllten und Seuchen behafteten amerikanischen Städten (Karson 2007: xv; vgl. auch Spirn 1984, Hayden 2004a), denen auch ein grundsätzlicher Mangel an Ordnung zugeschrieben wurde (und wird; Chaney 1997) an den Rand der Städte. Damit wurde das historische (bereits durch Jefferson formulierte) Ideal des ländlichen Lebens (scheinbar) für immer größere Teile der USamerikanischen Bevölkerung greifbar (Hardinghaus 2004). Somit lässt sich Suburbanisierung Bourne (1996) zufolge auch als Fluchtbewegung deuten, die letztlich in der Angst um die eigene Gesundheit (und die der eigenen Kinder), Umweltbelastungen, Verkehrsbelastungen, Kriminalität u. a. begründet ist. Andererseits stellt Suburbanisierung auch ein Nacheifern durch mittleren Geschmack in Bezug auf die Standards des legitimen Geschmacks dar (vgl. Hugill 1995), wenngleich weder distinktiv wirkende Feinheiten von Architektur noch Lebensart, die durch die Landwohnsitze der herrschenden Klasse repräsentiert wurden, zu erreichen waren (vgl. Hayden 2004a). Suburbane Erschließung erfolgt seit Beginn der eisenbahn- und straßenbahnbasierten Massenmobilisierung in den Vereinigten Staaten ab den 1870er Jahren durch die Einteilung eines größeren Landstückes und in der Regel durch eine systematische Erschließung der Grundstücke bzw. bis zum Bau fertiger Häuser durch Entwickler (Hayden 2004a)[1]. Dabei spiegelt so Hayden (2009: 21) die Geschichte der Suburbanisierung in den Vereinigten Staaten einen fundamentalen sozial-ökonomischen Interessenkonflikt wider: auf der einen Seite der Wunsch der Bewohner, hier glücklich zu sein, auf der anderen Seite der Wunsch der Investoren, davon zu profitieren.

Im Vergleich zwischen den Charakteristika der europäischen und der amerikanischen Stadtentwicklung zeigen sich neben der größeren Bedeutung der Sub- und Desurbanisierung weitere wesentliche Unterschiede (z. B. Hofmeister 1971, Angel 1977, Keating 1991, Holzner 1996, Häußermann 2001, Kaelble 2001, Marcuse 2004, Bruegman 2005): Die amerikanische Stadtentwicklung ist stärker durch das freie Spiel der Kräfte von Angebot und Nachfrage hinsichtlich des subjektiven Bodenwertes geprägt. Damit setzte sich infolge des Primats der Ökonomie eine deutlich konzentrischere Raumstruktur (vgl. die klassischen Theorien von der Chicagoer Schule, z. B. Burgess 1925) durch als in Europa, wo die Wertschätzung die Stadtentwicklung stärker durch Urbanität, nicht allein ökonomisch, sondern durch kulturelle und politische Zentrierung, durch öffentlichen Leistungen und soziale Absicherungen geprägt ist[2]. Ein Ausdruck der größeren Bedeutung des ökonomischen Kalküls ist der Einzelhandel, der sich in den USA

fast ausschließlich nach privaten Kriterien[entwickelt], denn raumplanerische Vorgaben gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nur in Ausnahmefällen (Hahn 2007: 297). Das Streben nach Privatheit und großer räumlicher Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort sowie die konstitutive soziale Homophilie in der Gemeinde der Gleichgesinnten ließ (bis auf wenige Ausnahmen an der Ostküste, wo sich über Jahrhunderte ein intellektuelles urbanes Milieu entwickelte) in den Vereinigten Staaten kaum Raum für eine zentrierte integrierte politische, kulturelle, sozialgemeinschaftliche und ökonomische urbane Entwicklung (Holzner 1996, Hunter 1999). Die traditionell hohe Bedeutung des Staates in der europäischen Raumentwicklung, welche die Entwicklung eines ökonomisch dominierten Raumgefüges einschränkt, impliziert eine Einschränkung des baulichen Wandels durch starke denkmalpflegerische Bezüge. Die im Vergleich zur europäischen Stadtentwicklung große Bedeutung von Segregation und Polarisierung lässt sich als eine Folge der weniger auf Konsens ausgerichteten Politik beschreiben, was auch die stärkere Tendenz zur Entwicklung primärer Wohnviertel im Vergleich zur Entwicklung in Europa einschließt (vgl. Keating 1991, Clark 1996, Farwick 1996, Leitner/ Sheppard 2005). Die unterschiedliche kulturelle Bedeutung von städtischen Siedlungen pointiert Häußermann (1998: 80) folgendermaßen: Während in Nordamerika die Freiheit des individuellen Eigentums auf dem freien Land den höchsten Wert des American Way of Life darstellt, sind in Europa die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft und Formen individueller Selbstbestimmung eng mit der städtischen Zivilisation verknüpft. In den Vereinigten Staaten lässt sich zudem ein latenter, in der veröffentlichten Meinung vielfach auch manifest werdender Antiurbanismus feststellen (White/White 1962, Didion 1979, Lewis 1976 und 2003b, Sennett 1991, Holzner 1994,

Mills 1998, Weinstein 1998, Kazig/Müller/Wiegandt 2003; vgl. auch Pincetl 1999, Basten 2005, Wallach 2010). Die Stadt gilt unter dem definitorischen Einfluss von Dichtern, Philosophen und Staatsmännern (Lewis 2003b) vielfach als Hort der Unfreiheit, von Lärm, Rauch, Krankheiten und Laster beherrscht und wo das Individuum sich nicht entfalten kann, sondern in der namenlosen Masse auch die politischen demokratischen Tugenden seiner Selbständigkeit und Verantwortung verliert (Holzner 1996: 21; Lewis 2003b). Die Zuschreibungen von Anonymität, entfremdeter Größe und Kälte gegenüber der Stadt fußt so Richard Sennett (1991: 68) auf zentralen Wörtern im protestantischen Umwelt-Vokabular; in ihnen bekundet sich der Wunsch, das Außen als nichtig und wertlos anzusehen.

Die Massenmobilisierung erleichterte eine räumliche Manifestation des Bedürfnisses nach Nähe zur Stadt als ökonomischem Zentrum bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Ländlichkeit und Gemeinschaft der Gelichgesinnten freilich auf Grundlage von Normen und Werten gesellschaftlich-landschaftlicher Soll-Vorstellungen, die historisch bereits durch puritanische Streusiedlungen (Meinig 1979, Wood 1992, Bourne 1996, Hardinghaus 2004, Hanich 2007) und das Übernehmen des Gestaltungsvorbildes englischer Suburbien (und auch damit verbunden der englischen Landschaftsgärten) des

18. Jahrhunderts äußern (Jackson 1987, Herget 2001, Walker/Simo 2002, Karson 2007), denn schließlich wurde Nordamerika als spiegelbildliches Gegenüber vom Britannien konzipiert (Olwig 2002: xxiv), in der das Landhaus als Idealbild menschlicher Behausung fungierte (Cosgrove 1988a, Pregill/Volkman 1999) und die Farm zum Symbol amerikanischer Kultur wurde (Barnes 2005), Ausdrücke eines pragmatischen Zugangs zu Ästhetik. Thorns (1972) arbeitete in diesem Zusammenhang sieben für die Neue Welt Beispiel gebende zentrale Werte des suburbanen Lebens in Großbritannien heraus:

1. Die Ausprägung der Einstellung, den Erhalt des eigenen Hauses im Do-it-YourselfVerfahren zu gestalten,

2. familienzentrierte, insbesondere kinderzentrierte Partnerschaften,

3. Mittelschicht-Werte,

4. hohe Bedeutung von Statussymbolen,

5. großes gesellschaftliches Engagement,

6. Konformismus hinsichtlich ethischer Urteile und Verhaltens,

7. politischer Konservatismus.

Die Bevorzugung eines suburbanen Lebensstils vollzog sich allerdings jenseits weil später der politisch-rechtlichen, sozialen undökonomischen Trennung zwischen Stadt und Land(schaft) des europäischen Mittelalters und deren physisch-räumlichen Manifestationen (kompakte Stadt mit Ummauerung; Holzner 1996, Bruegman 2005). Dabei wird die Verbundenheit zu Natur in suburbanen Lebensformen gestalterisch auf den Garten übertragen und moralisch überprägt: Es gilt nicht mehr Nutzen (z. B. durch Landwirtschaft) und Geschmack (z. B. durch Imitation englischer Landschaften) zu synthetisieren, indem die schöne und das heißt, die gestaltete Natur die Menschen zum Guten formt (Herget 2001: 39), sondern gemäß sozialer Normen mangelnde Gestaltung oder mangelnde Erhaltung von Gestaltung als Indikator für charakterliche Defizite interpretiert wird (Herget 2001). Aus dieser Moralisierung von (öffentlich sichtbarem) Grün leiten sich informelle und formelle Pflegenormen ab, die durch öffentlich sichtbare Sanktionsmechanismen (z. B. das Aufstellen von Hinweisschildern, die zum Schnitt des Rasens im Vorgarten mahnen) abgesichert werden (Herget 2001). Der (Vor)Garten ist zudem als Bindeglied zwischen Familie und Kommune konzipiert und stellt somit eine Übergangszone im öffentlich-privaten Spannungsfeld dar (Herget 2001). Die Bevorzugung ländlich anmutender Häuser und Wohnumfelder kulminierte mit fordistischen Skalenkalkülen: Die Stadt im Fordismus war die bauliche Umwelt eines durchtaylorisierten gesellschaftlichen Gefüges, dessen Bewegungszyklus von der Produktion von Gütern bis auf die Autobahnen und mechanisierten Eigenheime weitergetrieben werden konnte (Keil 1993: 64; vgl. auch Schäfer 1998). Nach fordistischem Kalkül errichtete Eigenheimkolonien[3] waren durchsetzt mit Fast-food-Restaurants, deren Produktherstellung und -zubereitung ebenfalls nach fordistischen Kalkül effizienzoptimiert ausgerichtet war (vgl. Hayden 1997).

  • [1] Die Vermarktung suburbaner Wohngebiete war zunächst auf die zweite Generation von Einwanderern ausgerichtet, also Personen, die als Kinder von Einwanderern in den zentrumsnahen Quartieren der Städte aufgewachsen waren (Hayden 2004a).
  • [2] Klohn (1998) verweist in diesem Kontext darauf, dass auch US-amerikanische Städte dem Einfluss unterschiedlicher historischer Entwicklungen unterlegen sind, die Ostküstenstädte unterliegen dabei einem stärkeren Einfluss der Idee der europäischen Stadt (mit teilweise fehlendem Schachbrettgrundriss), im Südwesten finden sich physische Persistenzen spanisch-mexikanischer Gründungen, entlang des Mississippi solche französischer Herkunft Helbrecht (1996) verweist darauf, dass auch zwischen Kanada und den USA Unterschiede hinsichtlich der Stadtstrukturen bestehen, die sich insbesondere infolge eine größeren Bedeutung von Öffentlichkeit in Kanada in den physischen Raum eingeschrieben hätten.
  • [3] In Europa manifestierte sich das fordistische Kalkül weniger in der Produktion skalenvorteilsoptimierter Eigenheimsiedlungen, sondern vielmehr in der Produktion von Geschosswohnungsbau, insbesondere in den sozialistischen Staaten (vgl. Kühne 2003).
 
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